In Kooperation mit Studiocanal

„Es war für uns alle emotional überwältigend“

Hind Rajabs Hilferuf ging um die Welt – als intime Tragödie und politische Anklage. Regisseurin Kaouther Ben Hania erklärt, warum sie aus realen Stimmen und Erinnerungen einen Film formte: nicht um zu erklären, sondern um fühlbar zu erinnern

Foto: Studiocanal

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Die Stimme von Hind Rajab

Die Stimme von Hind Rajab

Kaouther Ben Hania

Drama

Frankreich, Tunesien 2025

98 Minuten

Ab 22. Januar 2026 im Kino!

In Kooperation mit Studiocanal

Die Stimme von Hind Rajab

Hind Rajabs letzter Notruf zählt zu den erschütterndsten und symbolträchtigsten Geschich-ten aus Gaza. Der Moment wurde von Medien wie The Washington Post, Sky News und Forensic Architecture akribisch rekonstruiert. Er fand ein weltweites Echo, sowohl als intime Tragödie als auch als öffentliche Anklage. Wann wussten Sie, dass diese Geschichte ein Film werden musste?

Ich stieß zunächst auf einen kurzen Audioclip, in dem Hind Rajab um Hilfe rief. Ihre zarte Stimme, die sich durch das Chaos kämpfte und nur darum flehte, nicht allein gelassen zu werden. Als ich das hörte, veränderte sich etwas in mir. Ich fühlte eine überwältigende Welle aus Hilflosigkeit und Trauer: nicht intellektuell, sondern körperlich. Als hätte sich die Achse der Welt ein klein wenig verschoben.

Hinds Stimme wurde in diesem Moment zu mehr als dem verzweifelten Ruf eines Kindes. Sie fühlte sich an wie die Stimme Gazas selbst, die ins Leere um Hilfe ruft, beantwortet mit Gleichgültigkeit, beantwortet mit Stille. Eine schmerzlich reale Metapher: ein Hilferuf, den die Welt hören konnte, auf den aber offenbar niemand bereit oder in der Lage war zu reagieren.

Ich wandte mich an den Palästinensischen Roten Halbmond, um die vollständige Aufnahme zu hören. Sie war über siebzig Minuten lang. Das sind siebzig Minuten des Wartens, der Angst, des Versuchs, durchzuhalten. Es war eines der schwersten Dinge, die ich je gehört habe.

Dann begann ich, mit Hinds Mutter zu sprechen und mit den Menschen, die am anderen Ende der Leitung waren und die versuchten, sie allen Widrigkeiten zum Trotz zu retten. Wir sprachen stundenlang. Aus ihren Worten und aus der eindringlichen Präsenz von Hinds Stimme begann ich, eine Geschichte zu entwickeln. Eine Geschichte, die auf der Wahrheit basiert, von Erinnerung getragen wird und von den Stimmen derer geformt ist, die dabei waren.

Warum wollten Sie diese Geschichte ausgerechnet mit den Mitteln des Kinos erzählen?

Es gibt zwar auch ohne Zugang zu Gaza investigative Recherchen, doch ich glaube, dass ein Kinofilm etwas anderes bietet. Er berichtet nicht, er erinnert. Er argumentiert nicht, sondern er lässt fühlen.

Was mich verfolgte, war nicht nur die Gewalt des Geschehenen, sondern die Stille danach. Das ist etwas, das eine Reportage nicht darstellen kann. Das ist etwas, das nur das Kino in seiner Ruhe und seiner Intimität versuchen kann, festzuhalten.

Also wandte ich mich dem einzigen Werkzeug zu, das ich habe: dem Kino. Nicht um zu erklären oder zu analysieren, sondern um eine Stimme zu bewahren. Um dem Vergessen entgegenzuwirken. Um einen Moment zu ehren, den die Welt niemals vergessen sollte. Diese Geschichte handelt auch von unserer gemeinsamen Verantwortung und davon, wie Systeme die Kinder Gazas im Stich lassen und wie das Schweigen der Welt Teil der Gewalt ist.

Die Wurzeln des Films liegen in einem realen und zutiefst erschütternden Verlust: dem Tod eines Kindes, dessen Stimme um die ganze Welt ging. Sie haben davon gesprochen, die vollständige Tonaufnahme gehört und Kontakt zu den direkt Beteiligten aufgenommen zu haben. Doch eine so sensible und persönliche Geschichte wirft zwangsläufig Fragen nach Einverständnis, Vertrauen und Repräsentation auf. Wie reagierte Hind Rajabs Familie – insbesondere ihre Mutter Wessam – auf Ihren Wunsch, diese tragische Geschichte im Kino zu erzählen? Und inwiefern hat ihre Unterstützung den kreativen Prozess geprägt?

Nachdem ich die vollständige Aufnahme vom Palästinensischen Roten Halbmond gehört hatte, wusste ich nicht nur rational sondern wirklich physisch, dass ich diesen Film machen musste. Aber mir war ebenso völlig klar, dass ich das Projekt sofort aufgeben würde, sollte Hinds Mutter Nein sagen. Unser Gespräch war keine Formalität, sondern das Fundament. Ohne ihre Zustimmung würde nichts weitergehen. Rana, vom Roten Halbmond, war es, die mich mit ihr in Kontakt brachte. Rana hatte an jenem Tag stundenlang mit Hind gesprochen. Seitdem hatte sich zwischen ihr und Hinds Mutter eine Verbindung entwickelt. Sie hatten einander versprochen, dass sie gemeinsam Hinds Grab besuchen würden, sobald dieser Albtraum vorbei ist. Diese einfache Geste sagte mir alles über die Fürsorge und das Vertrauen, das Hind bereits umgab.

Hinds Mutter ist eine außergewöhnliche Frau voller Anmut, Klugheit und tiefem Mitgefühl. Vom ersten Gespräch an war ich transparent. Ich sagte zu ihr: „Dieser Film wird nur entstehen, wenn Sie es wollen. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“ Sie erzählte mir alles über Hind: ihre Persönlichkeit, ihre Träume, wie sie lachte. Als sie all das mit mir teilte, hatte ich das Gefühl, dass sie versuchte, ihre Tochter lebendig zu halten und sicherzustellen, dass ihre Erinnerung nicht verblasst oder zu einer weiteren anonymen Nachricht wird. Hinds Mutter sprach mit ihrer Familie über den Film, und sie alle gaben ihre volle Unterstützung und Zustimmung. Ihre von stiller Stärke, grenzenloser Liebe und unvorstellbarem Schmerz geprägte Stimme zieht sich durch jeden Moment der Entstehung dieses Films.

Dies ist nicht nur mein Film. Er trägt das Vertrauen von Hinds Mutter, die Erinnerung an ein Kind, dessen Stimme die Welt nicht ignorieren darf, und den Mut jener, die versucht haben, sie zu erreichen: des Teams des Roten Halbmonds, das bei ihr blieb, des Sanitäters und des Krankenwagenfahrers, die bei dem Versuch getötet wurden. Er bewahrt die Würde jener Menschen, die alles verloren haben und dennoch die Kraft und Großzügigkeit fanden, ihre Herzen zu öffnen, um ihre Trauer, ihre Würde und ihre unerschütterliche Menschlichkeit mit mir zu teilen.

Während Hinds Stimme das emotionale Herz des Films bleibt, entfaltet sich die Erzählung durch die Augen des Teams des Roten Halbmonds, das versucht hat, sie zu retten. Wie haben deren Erinnerungen den Schreibprozess geprägt? Und wie sind Sie mit der kreativen und ethischen Herausforderung umgegangen, ihre gelebten Erfahrungen in die Sprache des Kinos zu übersetzen?

Als ich begann, mit der echten Rana, Omar, Nisreen und Mahdi zu sprechen, wurde mir schnell klar, dass keiner von ihnen jemals die Aufnahmen ihrer eigenen Stimmen von diesem Tag gehört hatte. Ich hatte über den Palästinensischen Roten Halbmond Zugang zu den vollständigen Tonaufnahmen, doch sie selbst hatten sie nie angehört, seit sie archiviert worden waren. Als sie also mit mir sprachen, erzählten sie nicht, was sie gesagt hatten, sondern was sie gefühlt hatten.

Dieser Unterschied war enorm wichtig, sowohl ethisch als auch filmisch. Ihre Erzählungen waren keine nüchternen Protokolle, sondern zutiefst persönliche, subjektive Berichte über Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung und moralischen Druck. Das gab mir eine besondere Ebene, mit der ich arbeiten konnte: Während die Aufnahme das faktische Rückgrat des Films bildet, erlaubten mir ihre Erinnerungen, ihre inneren Erfahrungen ins Zentrum zu rücken.

Der Schreibprozess bestand für mich darin, zwischen den verschiedenen Welten zu navigieren: der archivierten und der emotionalen, der dokumentierten und der gelebten Welt. Das Kino gab mir die Sprache, um beide gleichzeitig zu halten.

Einer der eindrucksvollsten Aspekte des Films ist die rohe, ungefilterte Präsenz der Schauspieler:innen. In ihren Reaktionen liegt eine spürbare Authentizität. Lag das daran, dass sie während des Drehs Hinds echte Stimme gehört haben? Und wie hat das ihre Darstellung beeinflusst?

Ja, was man hier spürt, ist echt. Die Schauspieler:innen haben nicht einfach Textzeilen gesprochen. Sie haben einen gelebten Moment erneut durchlebt. Während der Dreharbeiten wiederholte jeder von ihnen fast wortwörtlich das, was ihr bzw. sein realer Gegenpart Hind einst gesagt hatte. Gleichzeitig hörten sie über ihre Ohrstöpsel Hinds tatsächliche Stimme aus der originalen Notrufaufnahme. Alle Schauspieler:innen sind Palästinenser:innen (wie auch der Großteil der Kompars:innen), und dieser Film hatte für sie eine große persönliche Bedeutung. Sie interpretierten nicht einfach eine Geschichte; sie trugen etwas, das sie persönlich, historisch und politisch betraf. Es war nichts Abstraktes. Es war real, nah, unmittelbar.

Es war aber nicht nur für die Schauspieler:innen emotional überwältigend, sondern für das gesamte Team. Auf dem Set herrschte eine Art kollektive Stille, eine Form von Ehrfurcht. Die üblichen Grenzen zwischen Spielen und Zeuge-Werden, schienen sich aufzulösen.

Ihre Arbeit bewegt sich seit Langem entlang der durchlässigen Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion: eine Spannung, die in „Olfas Töchter“ eine bemerkenswerte Zuspitzung fand. Mit Die Stimme von Hind Rajab kehren Sie in diesen Zwischenraum zurück, jedoch in noch radikalerer und intimerer Form. Wie würden Sie diesen Film im Hinblick auf das Genre beschreiben? Handelt es sich um eine faktenbasierte Dramatisierung oder um einen dokumentarischen Film in narrativer Form?

Diese Frage berührt den Kern meiner künstlerischen Praxis. Ich habe mich nie wirklich wohlgefühlt mit festen Genre­definitionen, besonders nicht bei Geschichten, die eine so große emotionale und politische Schwere tragen. Ja, Die Stimme von Hind Rajab ist ein dramatisierter Film. Er ist geschrieben, konstruiert und gespielt. Aber er ist zugleich verankert in einer unbestreitbaren, schmerzhaften Wahrheit. Mehr noch ist er konstruiert rund um eine reale Stimme – Hinds echte Stimme – aufgezeichnet in den letzten Momenten ihres Lebens.

Für Die Stimme von Hind Rajab musste ich eine filmische Form finden, in der das Erzählen nicht Erfindung bedeutet, sondern eine Weitergabe von Erinnerung, von Trauer, von Versagen. In diesem Sinne hatte ich nie das Gefühl, etwas zu erfinden. Ich hatte das Gefühl, etwas Dringliches und Heiliges zu empfangen. Meine Aufgabe war es dabei, einen filmischen Raum zu gestalten, der dieser Stimme mit Würde gerecht wird.

Deshalb würde ich nicht sagen, dass der Film die Grenzen zwischen den Genres „verwische“. Ich würde sagen: Er intensiviert sie. Er dehnt aus, was Dramatisierung tragen, und was Dokumentarisches bewahren kann.

All das waren Wege, sich gängigen narrativen Konventionen zu widersetzen, um einer anderen Art von Wahrheit näher zu kommen: nicht nur was geschehen ist, sondern wie es sich anfühlte und was es bedeutete.

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