Alltag

Coffee-To-Go | 30.01.2009 16:00 | Steffen Kraft/Susanne Lang

Geschichten aus dem Kaffeehaus

Die Coffee-to-Go-Welle ebbt ab: Marktpionier Starbucks schließt 300 Läden, andere werden folgen. Mit ihnen verschwindet ein verrückter Erlebnisraum. Wird er fehlen?

Früher saßen Omas in Cafés. Es gab Spitzendeckchen, draußen nur Kännchen und den Cappucino mit Sahne.

Dann kam Starbucks. Von da an saßen alle in Coffee-Shops. Es gab Plüschsessel, draußen nur Pappbecher und Cappucino mit Schaum, Sirup, laktose- oder fettfreier Milch, tall, grande oder "Venti".

Viele haben die Ausbreitung der Starbucks-Filialen mit einem Virus verglichen, so schnell eröffnete die Firma neue Standorte. Mitbewerber kopierten das Konzept und bald zog durch die meisten Innenstädte ein ähnlicher Espresso-Duft.

Jetzt kündigte Starbucks an, weltweit fast 7.000 Stellen zu streichen und etwa 300 Läden zu schließen. Viele Konkurrenten werden ähnliches vorhaben.

Eines aber wird bleiben: die magischen Momente in diesem Erlebnisraum Coffee-Shop, die so manchen an den Rand des Wahnsinns, so manch anderen in die Nähe des Himmels auf dieser Erde gebracht haben.

Starbucks Sevilla Draußen Wolkenbruch. Drinnen kuschelige Plüschwärme. Die Schlange vor dem Tresenabschnitt, an dem die Latte Grandes con everything bestellt und kassiert werden, ist überschaubar. Noch. Ich bestelle, Starbucks bleibt neben anderer US-amerikanischer Franchiseketten einer der wenigen Orte, an denen ich mich verständigen kann, obwohl ich kein Spanisch spreche. Latte Medium con gar nichts. Stay in. Eine freundliche Spanierin nickt, lächelt höflich und hat eine Nachfrage, auf die ich nicht vorbereitet bin, weil ich nicht Spanisch spreche. Meine Schwester übersetzt: Sie wolle meinen Vornamen wissen. Während ich überlege, welche Rolle mein Vorname bei einem Coffee-Shop-Bestellvorgang so spielen könnte, hat meine Schwester längst für mich geantwortet: Susanna. Während ich daraufhin über die Preisgabe von intimen Dingen in kommerziell-öffentlichen Räumen nachdenke, mich so langsam in die Richtung Datenschutz und seine Aushöhlung vorarbeite, hat mich meine Schwester schon zum Coffee-Ausgabe-Tresen gezerrt. Ein nicht ganz so kleines Grüppchen Menschen stand dort und wartete. Zwischendurch riefen die Ausgabe-Kellner mal ein "Maria", mal ein "Fernando", dann ein "Susanna" in den Raum. Reflexhaft laufe ich los, nehme den Becher mit der Aufschrift meines Namens entgegen und fühle mich plötzlich ganz großartig: sage einer, dass diese Konsumkultur nur die Masse liebt und das Individuum gering schätzt? In diesem Moment nimmt mir eine kleine Wuschelkopf-Engländerin meinen Becher aus der Hand. "Sorry, it's mine". Oh, Susanna.

Starbucks Berlin, Touristenfalle Checkpoint Charlie

Sie: Wo sind denn nun die Kommunisten hin?

Er: Die holen Nachschub.

Sie: Mit oder ohne Sahne?

Er: Die Amis sind schlechter ausgerüstet. Nur so billige Flaggen.

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Sie: Auch einen Muffin? Oder lieber Bagel roasted?

Er: Was macht eigentlich der Chinese da? Waren die auch in Berlin.

Sie: Vietnam. Der kommt aus Vietnam. Wie der Tee.

Er: Tee? Ich nehm Latte. Togo. Schau mal, jetzt ist der fliegende Kommunistenhändler mit seinem Kommunistenramsch wieder da! Wer kauft eigentlich DDR-Flaggen? Und woher die den ganzen Mist wohl haben?

Sie: Made in China.

Welche magischen "To-Go"-Momente haben Sie erlebt? Schreiben Sie uns ihr lustigstes Erlebnis!

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 31.01.2009 um 19:25
Nicht sehr magisch, aber nachhaltig die Unart, die mit Starbucks in die
Berlin schrieb am 06.02.2009 um 11:20
Starbucks New York. Gerade angekommen will ich einen Espresso trinken.
Single Shot or double shot?

Regular! (verdammt, eben einen normalen italienischen Espresso)
And to stay!

Oh, you're very welcome to stay!

Und dann kam der Espresso, Single Shot, in einem Halbliter-Pappbecher. Man sah den Boden.


Ich freu mich, wenn man in New York wieder anständiger Kaffee trinken kann.
mogal schrieb am 08.02.2009 um 11:19
Überhaupt kein Wunder, bei der miesen Musik, die in diesen Läden(...) läuft!
Spiegelfechter schrieb am 08.02.2009 um 12:34
Wahrlich magisch - ein Unternehmen, dass auf Kosten der eigenen Mitarbeiter und der Kaffeelieferanten in den Erzeugerländern lokale Konkurrenzkaffeehäuser verdrängt, die ihre Mitarbeiter ordentlich bezahlen und die u.U. sogar faire Preise für ihre Kaffeeeinkäufe bezahlen. Da reicht es natürlich, den Konsumenten mit dem Vornamen anzusprechen und schon macht sich in der nach Orientierung suchenden Latte-Macciato-Schlüferseele eine gewisse Wohligkeit breit. Da freut es den hippen Pornobrillen-Träger natürlich auch, dass die horrenden Preise weniger hippe Personen draußen halten. Es lebe der Konsum! Wo kämen wir denn auch hin, wenn der mehr oder weniger polyglotte moderne Nomade sich in den Metropolen der Welt an lokale kulturelle Kolorite gewöhnen müsste?
Ist das eine Verneigung an eine Zielgruppe, die laut Eigenbeschreibung des FREITAGS, optimistisch und konsumfreundlich ist? Dann ziehe ich meinen Einwand zurück, da ich dieser Zielgruppe nicht angehöre.
Aglane schrieb am 08.02.2009 um 13:11
Ich bin Schriftstellerin, ich bin Teilzeitegoistin und ich bin eine hoffnungslos hoffnungsfrohe alte Frau. Vielleicht, ja vielleicht gibt es ja wirklich noch eine kleine Chance auf die Wiederkehr jener Kaffeehäuser in denen jemand wie ich bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser eine Stunde in Ruhe arbeiten darf. Von mir aus belächelt, aber trotzdem bekannt und wohlgelitten. Vielleicht wird mir dieser Kaffee sogar wieder bekommen und ich werde mich dank der nicht darin enthaltenen Zusätze und sonderbaren Hilfsstoffe auch nicht kratzen müssen wie ein verflohter Straßenköter. Vielleicht werden in den wiederkehrenden Kaffeehäusern auch die jungen Leute eingestellt, die heute bei Starbucks ein mehr oder weniger gutes Auskommen finden. Vielleicht, ja vielleicht wird es dem Kaffeehausbetreiber ja genügen, von seiner Arbeit vernünftig leben zu können... Vielleicht.
Vielleicht bin ich ja auch nur eine komische Alte Saeckin, die ihre seltsamen Sehnsüchte einfach nicht aufgeben mag.
masusuma schrieb am 08.02.2009 um 18:15
Leute Leute....man darf alles kommentieren aber man sollte es nicht zu "Bildzeitungs" technisch machen. Möchte man etwas kritisches schreiben und das jetzt zum Thema Starbucks, dann sollte man nicht schreiben:

"Wahrlich magisch - ein Unternehmen, dass auf Kosten der eigenen Mitarbeiter und der Kaffeelieferanten in den Erzeugerländern lokale Konkurrenzkaffeehäuser verdrängt, die ihre Mitarbeiter ordentlich bezahlen und die u.U. sogar faire Preise für ihre Kaffeeeinkäufe bezahlen."
.....

oder

"....in denen jemand wie ich bei einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser eine Stunde in Ruhe arbeiten darf."


Also bitte erst informieren und nicht so einfach argumentieren.

Das ist ja emotionale Luftverschmutzung.
JoergH schrieb am 09.02.2009 um 10:13
Starbucks war der Wegbereiter, okay. Wir kriegen jetzt besseren Kaffee als die Plörre, die vor 10 Jahren überall Standart war. Wenn ich mich in meinem Viertel umsehe, sehe ich aber mindestens ein halbes dutzend Alternativen, wo erstens der Kaffee besser ist, zweitens die Angestellten besser behandelt werden, dritten der Kaffee teilweise sogar aus fairem Handel kommt. Vielleicht kriegen wir jetzt als nächsten Schritt eine richtige Café-Kultur wie in Frankreich. Warum also Krokodilstränen vergießen zumal die Unmenge an Starbucks-Filialen, die in den letzten Jahren eröffnet wurde, den Eindruck hinterlässt, dass wir es nur mit dem Platzen einer weiteren Spekulationsblase zu tun haben.
Ach ja, was ich an Starbucks wirklich hasse: Diese ganzen Double-latte-vanilla-decaffeined-chichi-grape-flavored-cinnamon-Nightmares. Kaffee für Leute, die keinen Kaffee mögen.
masusuma schrieb am 09.02.2009 um 11:00
Hi Jörg.


Genau das ist ja das Problem. SBX war von dieser Art und Weise der Wegbereiter und es gibt grad darum viele neue Anternativen. Aber grade weil Starbucks so eine grosse Firma ist und man mal den Versuch mach sich bei den führenden Instituten Informationen besorgt, sieht man das Starbucks wie kein anderer fairen Kaffeehandel betreibt. Bsp. an der Firma CI.
Und man sieht das Starbucks auch die Mitarbeiter gut behandelt, welche Firma in diesem Gastronomiesegment hat Missina Statements, ethische Geschäftslinien.

Wenn du dort gearbeitet hast und natürlich was anderes erlebt hast, dann gerne her damit aber ansonsten schreibe ich auch keine schwerwiegenden Kommentare, die ich mal irgendwo gehört oder gelesen habe.
ehrenlwort schrieb am 09.02.2009 um 23:57
Oh jee, ich hab es geahnt: Drauf steht "Kaffeehaus", drin steckt "gesüßte Röstbohnenzubereitung".
Dass der grüne Heißgetränke-Verkäufer keinen Kaffee im Sortiment führt, sondern einen bunten Becher aus Geschmackszusätzen, wurde hier ja schon mehrfach betont.
Wo der Reiz liegen soll, wenn mir wildfremde Menschen überall auf der Welt mit der gleichen unaufrichtigen Freundlichkeit ein "Eine große Latte für Björn!" über 100 qm Gastraum entgegenbrüllen, entzieht sich auch meiner empathischen Fähigkeiten.
Doch das Kernproblem heißt "Gastraum": Nicht an der Qualität des Kaffees sind die Kaffeeketten (neben Star-Bucks auch Woyton und Balsac Coffee) gescheitert, sondern an ihrem Anspruch ein "third place" zu sein! Sie wollten den Menschen einen Ruheraum im Alltag bieten, eine Begegnungsstätte nach dem heimischen Wohnzimmer und dem Büro.
In den uniform eingerichteten Filialen der Systemgastronomie entsteht alles, aber keine Wohlfühlatmosphäre, nie der Wunsch "hier bleiben zu wollen", keinesfalls das Gefühl, "unter Freunden zu sein".
Die Fluktuation der Gäste ist zu hoch, um Freunde zu finden. Die Illusion einer romantisch verklärte Friends-Welt im CENTRAL Perk haben die Kaffeeketten nie aufbauen können.
Wie soll ein Kaffeeladen ein gleichberechtigter "dritter Ort" neben meiner Wohnung und meiner Arbeitsstelle werden, wenn er einzige Grund, sich dort aufzuhalten, der ist, dass es dort ein WLAN gibt!? Schon mal nachts an so nem Laden vorbeigegangen? Wenn beim Burger-Brater das Partyvolk seine Batterien auffüllt, skypt bei den Koffein-Fillialisten der Austauschstudent mit der Freundin in der fernen Heimat.
So gesehen verbinden die Kaffee-Läden tatsächlich Menschen über den ganzen Globus, aber der Erlebnisraum liegt auf der anderen Seite des Schaufensters. Draußen in der Stadt. Unter Menschen. Deinen Kaffee "Togo" kannste ja mitnehmen!
engl schrieb am 13.02.2009 um 19:54
starbucks ist KEIN kaffeehaus! ;-)


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