Alltag

Eventkritik | 04.04.2009 12:48 | Christine Käppeler

Kurze Texte, große Gefühle

Auf der Blogger-Messe re:publica wurden Twitter-Beiträge in einer Liveperformance vorgetragen. Ein Märchen kam dabei nicht heraus - aber eine Spontisprüche-Sammlung

Der Abend beginnt mit Pappkarten. "What are you doing" – was machst du gerade? Die alles entscheidende Twitter-Frage wird auf ihnen her­umgereicht. Unter der Frage sind 140 ­schmale Kästchen für 140 Zeichen, eben so viele, wie man auch beim Twittern im Netz für eine Kurznachricht, die dort Tweet heißt, hat. Was wie Lernmaterial für eine Unterrichtsstunde übers Twittern aussieht, ist ein Mitmach-Tool. Offline-Tweet heißt es, am Ende des Abends werden die Karten eingesammelt und für den besten handschriftlichen Text wird es einen Pokal voll Wodka geben.

Auf der Blogger-Messe re:publica in Berlin hat das neue Medium Twitter es auf die Bühne geschafft. Was passiert, wenn man das Gezwitscher aus dem Netz als Liveperformance vorträgt? Kann aus den vielen Textfetzen ein Märchen entstehen? Oder ein Trauerspiel?
Im großen Saal der Kalkscheune, wo sich Netz-Enthusiasten und Twitter-Fans treffen, ist das Publikum überwiegend männlich – kaum einer unter zwanzig, die über Fünfzigjährigen lassen sich dagegen an einer Hand abzählen. Turnschuhe und Kapuzenpullis sind die bevorzugte Kleidung. Am rechten Bühnenrand steht ein Monitor, auf den aus dem Publikum und von außerhalb live gewittert werden kann. Auf dem linken Bühnen-Monitor werden Tweets gezeigt, die Teil der Performance sind.

Es lesen die üblichen Verdächtigen: Sascha Lobo, unübersehbar mit seinem roten Irokesen. Blogger mit Namen wie Bosch oder mspro, über den später ein Tweet vorgelesen wird, in dem steht, man würde ihn immer mit dem anderen Typen verwechseln, der so versoffen aussähe. Damit ist dann vermutlich Björn Grau gemeint, ein Turnschuh-T-Shirt-Typ mit schwarzem Hut.

Er liest später Tweets zum Thema „Berlin gegen den Rest der Welt“ und outet sich dabei als Exil-Schwabe in der Hauptstadt. Die Bloggerinnen Tina Pickhardt und Martha Dear bemühen sich um die internationalen Gäste, indem sie englische Tweets vorlesen.

Das Publikum kennt die Twitter-Sucht

Los geht es aber mit medialer Selbstreflexion: „Wie können wir Twitter verbessern“, gelesen von Bosch und mspro. Wobei es vor allem um das Thema Twitter-Abhängigkeit geht. „Bin in der Klinik und auf Internetsuche+Entzug. Darf eigentlich nicht twittern. Mach es trotzdem und hab das Handy im Blumenbeet vergraben. Hihi.“ Weniger parodistisch schreibt eine andere Twitter-Userin: „Da steigt man verheult in die S-Bahn, liest euren Schwachsinn und muss schon wieder lachen“.

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Das Publikum scheint die Twitter-Sucht zu kennen, beide Texte werden mit lauten „Ooohs“ aufgenommen. Überhaupt kommt Gefühligkeit bei dem eigentlich technikaffinen Turnschuh-Publikum erstaunlich gut an. Klarer Favorit der ersten Lese-Runde ist der Tweet: „Man muss diese versteckten Sterne in der Timeline anklicken und sammeln. Weil dann kleine süße Robbenbabys geboren werden.“

Beliebt sind auch alle Kurz-Texte, die sich an den erklärten Feind, den „Unfollower“ richten, also jenen, der sich kaltherzig nicht mehr für die Texte der anderen Twitterer interessiert, der also einem virtuellen Freund die Gefolgschaft aufkündigt. „Unfollowen, das Erschießungskommando des kleinen Mannes“ bemerkt ein Twitterer. „Unfollower, du mich auch“ textete ein anderer und beschimpft damit in der Twitter-Sprache den Anderen. Bosch und mspro lesen diese Kurzprosa vor und versuchen, Übergänge zu schaffen, verlinken hieße das im Netz.

So wie auf der Bühne bekannte Namen der Online-Szene sitzen, so sind es auch die immer gleichen Namen, die unter den Tweets stehen, die vorgelesen werden: blogwart, tristesse deluxe ­– und die unvermeidliche Kathrin Passig, die selbst das Offline-Publikum kennt, seitdem sie 2006 als Bloggerin den Bachmann-Preis gewann. Dafür, dass Twitter ein Netzwerk mit rund 30.000 Usern in Deutschland ist, wirkt die Szene sehr überschaubar.

Als „Stargast“ groß angekündigt, kommt dann auch noch Stefan Niggemeier auf die Bühne. Seines Zeichens Medienjournalist, Bildzeitungs-Kritiker und Deutschlands bekanntester Blogger.

Niggemeier liest die Texte eines anderen Twitterers vor, er selbst bekennt, an „Twitterphobie“ zu leiden. Empörung auf dem rechten Monitor: „Niggemeier twittert nicht?“ So wurden früher Mitschüler angesprochen, die sich heimlich mit denen aus der Parallelklasse trafen. Ein anderer twittert trotzdem verzückt: „Ist das süß, wie Stefan Niggemeier beim Lesen rot wird“.

Ein Blick in die digitale Kloake

Dann wendet man sich auf dem Podium der digitalen Kloake zu, als müsse man jetzt noch klären, dass man hier nicht beim „Literarischen Quartett“ zu Gast ist. Nach einigen Kotz-Furz-Wichs-Tweets wird es in dieser Kategorie dann aber auch noch ganz amüsant. Ein vorgelesener Text plaudert aus, dass ein „A-Blogger“, einer der Großen der Szene also, sich auf der Toilette die Hände nicht gewaschen hat. Der Gag bekommt eine zweite Pointe bei der Verleihung des Wodkapokals am Ende des Abends. Besagter A-Blogger gewinnt den Pokal mit einer Karte, auf der steht: „Ich habe mir vorhin die Hände gewaschen. Echt jetzt.“

Nur das Publikum saß während der zweistündigen Lesung ohne Pause ziemlich auf dem Trockenen. Über den rechten Monitor twitterten diverse Bierbestellungen. „Hilfe, ich werde nüchtern“ schreibt einer gegen 23 Uhr. „Twitterlesung: Die Spontisprüchesammlung des neuen Jahrtausends“, fasst einer den Abend im Tweet zusammen.

Am Ende gab es in der Kalkscheune kein Märchen, kein Trauerspiel. Nur eine Community feierte sich, ihre Helden und ihr Medium.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
EtienneRheindahlen schrieb am 04.04.2009 um 15:31
Wieso nur festigt sich in mir die Erkenntnis, dass Twitter d a s Communication Tool der Trolls aller Couleurs ist ?

Wieso nur wird Twitter nicht als das schnelle Mittel genutzt, mit dem zu massenhaftem zivilen Ungehorsam und Protest gegen G20, Ausplünderung der Volks(!)wirtschaften und Überwachungsstaatlichkeit aufgerufen wird ?

Wieso muss Twitter so irrelevant und ein reines "Spass(?)-Tool" bleiben ? Wer hat an 30.000fachem "Ich bin hier und mir geht's gut/schlecht/irgendwie" wirklich Interesse ?

Fragen über Fragen, auf die ich im TwitterSpace wohl kaum Antworten finden kann. Es ist Frühling und auf dem Balkon umflötet mich dutzendfaches Gezwitscher. Es klingt...irgendwie - nach relevanter Kommunikation. Tschirp!
bandidorosso schrieb am 05.04.2009 um 12:29
Gerade jüngst in London und gestern noch im Rahmen der Protestmobilisierung gegen den Nato-Gipfel in Straßburg wurde politisch und effektiv getwittert. Übrigens auch vom Freitag-Reporter Julian Heißler: www.freitag.de/politik/0914-nato-gipfel-strassburg-demonstrationen

Twitter ist freilich auch nur eine Kulturtechnik mehr. Die Inhalte macht auch dort immer noch der Mensch und nicht die Technik. So wie ein Buch gut unterhalten, banal langweilen oder eben auch aufklären im gesellschaftspolitischen Sinne kann, so gibt es diese grob drei Seiten auch beim digitalen Zwitschern, wohl gemerkt immer unter der durchaus auch Kreativ herausfordernden Restriktion von nur 140 Zeichen.
bembel schrieb am 05.04.2009 um 17:03
Besonders diese unsägliche Twitter"lesung" hat gezeigt, daß es auf der rp09 vornehmlich um den eigenen Bauchnabel ging und das auch noch meistens langweilig-unlustig vorgetragen (die Lacher aus dem Publikum waren recht spärlich und wohl meist dem Alkohol zu verdanken, denn dem Vortrag), selten habe ich so viele Pointen versemmelt vorgetragen bekommen, abgesehen von dem immer wieder enervierend oberlehrerhaften Vortrag von Lobo - und ja, ich habe auch schon herzhaft auf einer Twitterlesung lachen können.
Die oftmals langweilige Tweet-Auswahl, auf wenige Accounts konzentriert (Ausnahmen bestätigen die Regel), die eigenen natürlich immer wieder berücksichtigt, war ein zuverlässiger Stimmungstöter, was sich übrigens im Live-Chat des Online-Streams der Lesung bestens ablesen ließ. Wer so etwas veranstaltet, darf sich hinterher nicht wundern, wenn die Leute darin nicht mehr als eine weitere selbstreferentielle Egomanenshow sehen, denn eine lustige Unterhaltung und "Werbung" für Mikroblogging, das zudem weit mehr als Twitter bietet.
Aber warum ärgern, die Erde ist eh eine Scheibe...
Magda schrieb am 06.04.2009 um 12:09
Das muss doch unendlich langweilig sein - Kinderspiele digital.
Ich denke, das mit dem Twittern ist ein völliger Blödsinn.
Allerdings kann man es zu Disziplinierungszwecken verwendet. Man kann ja den Erzeugerm großer Wortströme damit drohen, dass man ein abstract in twitterlänge erwartet - Ende aus.

Mir ist gerade eine Glosse eingefallen. Die muss ich jetzt in Langform bringen.

Thema: Twittern als Zwangsstörung. Was sagt die Krankenkasse?
Oh, sind das jetzt 140 Zeichen oder schon zuviel. Nee, ich habe nachgezählt - ist eher zuwenig.
BeateHollerbach schrieb am 18.08.2009 um 18:24
Twitter kann schon auch wirklich sinnvoll eingesetzt werden. Wenn auf Konferenzen wie der Re:Publica die Twitter Wall z.B. als wirklicher Feedbackkanal zu den Referenten genutzt wird, kann das einen Vortrag wirklich bereichen. Wenn allerdings nur Kindergarten dabei heraus kommt, ist das Ziel in der Tat verfehlt!
AndreaBehrend schrieb am 01.09.2009 um 12:59
Ganze ehrlich, ich habe Twitter bis heute nicht wirklich verstanden, bzw den Hype dahinter und den Sinn nicht. Dienste, die es einem ermöglichen, SMS Nachrichten ins Internet zu schicken gibt es schon seit Jahren. Warum erfährt Twitter momentan diesen riesen Zuspruch, als wäre es eine Weltneuheit? Ich bin selbst seit Jahren im Internet unterwegs und habe Interesse an neuen Spielereien, aber der Sinn hinter Twitter mag sich mir nicht erschließen? Ist Twitter jetzt eine Art Micro-Blog und wegen der Einfachheit so populär?
swagner schrieb am 11.09.2009 um 10:40
Da kann ich mich auch nur anschließen. Der tiefere Sinn dahinter ist mir bis heute gänzlich verborgen geblieben.
martina83 schrieb am 12.09.2009 um 22:54
Twitter ist schon eine interessante Sache,nutze dies aber meist nur für "Fun-Themen" und betreibe keine regelmäßige Nutzung.


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