Der Freitag: Ihre Partei nennt sich Piratenpartei und fordert das Recht auf freien Datenaustausch. Ist das eine Spaßpartei?
Jens Seipenbusch: Nein, uns wird zwar immer vorgeworfen, dass wir nur freie Downloads für alle fordern würden, aber das ist doch sehr verkürzt. Wir beschäftigen uns neben Datenschutzfragen vor allem mit dem Urheberrecht und wie dieses in der digitalisierten Informationsgesellschaft verändert werden muss. Bei der Namensgebung der Partei haben wir den negativen Kampfbegriff der Verwertungsindustrie aufgenommen. Musik- und Filmindustrie bezeichnen alle als Netzpiraten, die im Internet etwas anderes machen, als bei ihnen einzukaufen. Wir wollen dieser negativen Sicht des Piraten etwas Positives entgegensetzen: Uns geht es vor allem um Freiheit.
Sie wollen eine Änderung des bestehenden Urheberrechts erreichen. Wie soll das aussehen?
Die Piratenpartei Deutschland fordert, dass man zu privaten, nichtkommerziellen Zwecken Inhalte frei downloaden, speichern und nutzen kann. Das ist sehr wichtig für die freie Weitergabe von Wissen. Gerade an Universitäten sind die Begrenzungen des Urheberrechts extrem hinderlich. Die Wissenschaftler erzeugen von der Gemeinschaft über Steuern finanziertes Wissen. Das sollte eigentlich allen gratis zur Verfügung stehen. Die Wissenschaftler treten aber, wenn sie in einer bestimmten Fachzeitschrift publizieren wollen, ihre Rechte an diesem Wissen an Verlage ab – und die Universitäten müssen dieses Wissen dann von den Verlagen wieder zurückkaufen. Das ist doch absurd.
Einverstanden, aber im Netz werden ja nicht nur wissenschaftliche Artikel getauscht. Den Befürwortern des bestehenden Urheberrechts geht es auch darum, die Rechte von Musikern, Autoren, Regisseuren zu schützen.
Das ist doch nur eine vorgeschobene Argumentation. Die Verwertungsindustrie singt immer das Lied vom geistigen Eigentum. Man will uns weismachen, dass ein Buch, das jemand schreibt, völlig der Kreativität des Autors entspringt – also dass er vorher keine anderen Bücher gelesen und benutzt hat, dass die Gemeinschaft keinen Anteil an diesem Buch hat. Und so sind die Urheberrechtsfristen von ursprünglich 15 Jahren immer weiter verlängert worden. Berüchtigt ist die Lex Disney in den USA. Als die Rechte für Mickey Mouse und Co. nach 50 Jahren ablaufen sollten, ist der Disney-Konzern mit seiner ganzen finanziellen Macht zur amerikanischen Regierung gegangen – und die Rechte wurden auf einmal von 50 auf 80 Jahre verlängert. Damit wird verhindert, dass auf Figuren, die mittlerweile in der Allgemeinkultur angekommen sind, aufgebaut wird. Ich kann jetzt keine Mickey-Mouse-Parodie machen, wenn ich keine Lizenzgebühren zahle. Und wenn der Konzern sagt, sie geben mir die Lizenz nicht, darf ich überhaupt keine Parodie mit der Mickey-Mouse-Figur machen.
Das Urheberrecht beschränkt also die Kreativität?
Genau, es gibt ja diese Idee der Remix-Kultur, die der amerikanische Jura-Professor Lawrence Lessig vertritt. Er sagt, dass vor allem im digitalen Bereich die Kreativen aufeinander aufbauen wollen. Lange Urheberfristen stehen diesem Bedürfnis diametral entgegen. All diese Regelungen, die früher in einer analogen Welt gültig waren, passen durch die große Wandlung – die digitale Revolution – einfach nicht mehr richtig.
Aber wie sollen Musiker, Autoren oder Filmemacher dann Geld verdienen?
Die Antwort ist ganz einfach: Genauso wie vorher. Viele Leute denken, wenn etwas im Netz geteilt würde, würde der Konsum geringer. Das stimmt so nicht. Wenn ich einen Song aufnehme, dann wird der bisher ja auch frei im Radio gespielt und jeder kann es hören. Die Musikindustrie schickt die Platten extra an die Radiostationen, damit diese die Musik spielen. Trotzdem gehen viele Menschen hin und kaufen sich anschließend Songs, die ihnen gefallen haben. File-Sharing funktioniert ähnlich. Es gibt zahlreiche Studien, dass die größten File Sharer auch die besten Kunden der Musikindustrie sind. Der Konsum geht deswegen nicht zwingend zurück. Früher dachte man, dass durch Audio-Kassetten, mit denen man Songs aus dem Radio aufnehmen kann, die Musikindustrie zugrunde geht. Die hat aber weiterhin gute Geschäfte gemacht. Es gibt heute nur einen Wandel. Man verkauft nicht mehr so viele CDs, dafür verkauft man beim Apple-I-Store Dateien.
In Schweden hat die Piratenpartei nach dem umstrittenen Pirate-Bay-Urteil großen Zulauf und soll von den Mitgliederzahlen bereits die viertgrößte Partei sein. In Deutschland ist die Piratenpartei mit weniger als 1.000 Mitgliedern noch sehr klein. Wie wollen Sie da Einfluss auf die Gestaltung des Urheberrechts nehmen?
Wir haben seit dem Urteil auch Zulauf, aber natürlich sind wir noch sehr klein. Wir wollen mit unserer Partei erreichen, dass der Übergang zur Informationsgesellschaft nicht nur von Leuten gestaltet wird, die davon überhaupt keine Ahnung haben. In der Piratenpartei sind sehr viele Informatiker und System-Administratoren, die sich mit der Materie und auch mit der Praxis bestens auskennen. Wenn man Politik macht, kann man dabei auch Erfolg haben, ohne mit zehn Prozent ins Parlament einzuziehen. Wir treten jetzt bei der Europawahl das erste Mal landesweit an. Es ist klar, dass wir jetzt noch nicht die Fünf-Prozent-Hürde schaffen werden, aber man kann beobachten, dass der Druck von unserer Seite bei den etablierten Parteien – etwa bei den Grünen und der FDP – dafür sorgt, dass unsere Themen ernster genommen werden.
Jens Seipenbusch, 40, ist stellvertretender Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland. Er ist ausgebildeter Physiker und arbeitet als System-Adminstrator an der Universität Münster.
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Ein interessantes Interview.
Ich denke es ist wichtig, die Kritiker am bestehenden Urheberrecht zu Wort kommen zu lassen. Daher möchte ich auf ein Interview mit Martin Kretschmar verweisen. www.irights.info/index.php?id=717 Auch hier wird deutlich, dass vorallem die Musikindustrie eine Illusion vorgaukelt und dem eigentlichen Urheber finanziell nicht grossartig unter die Arme gegriffen wird. |
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