Alltag

Alltagslektüre | 22.05.2009 17:15 | Mikael Krogerus

Kaffee, Kinder, Killer

52 Bücher in 52 Wochen: Mikael Krogerus verpasste beim Lesen von John Ajvide Lindqvists "So finster die Nacht" die U-Bahn, Fußball und schöne Frauen - bereut aber nichts

Was habe ich gelesen? John Ajvide Lindqvist, Låt den rätte komma in ("So finster die Nacht")

Seitenzahl: 416

Amazon-Verkaufsrang: 5.940

Warum habe ich es gelesen? Auf Empfehlung einer Freundin (immerhin Doktorandin in Yale).

Worum es geht? Straighter Horrorstoff: Oskar, 12-jähriges Scheidungskind aus einem trostlosen Stockholmer Vorort, wird von sadistischen Klassenkameraden gemobbt. Im Wald macht ein pädophiler Ritualmörder seine Runden und am Fluss ein Penner eine furchtbare Beobachtung. In Oskars Nachbarwohnung ziehen ein ekelhafter alter Mann und ein rätselhaftes Mädchen ein, das nur nachts draußen ist… Nein, keine Sorge, das ist nicht „Bis(s) zum Abendbrot Teil 12“, es ist Schwedens erfolgreichstes Debüt seit den Sjöwall/Wahlöö-Krimis. Und was für ein Debüt!

Alles, was einen guten schwedischer Krimi ausmacht – also Alkoholismus, Pädophilie, dunkler Herbst, geschiedene Ehen, blutrünstige Morde, viel Kaffee – vermengt mit irrem Vampirhorror und zärtlichen Innenansichten eines Jugendlichen. Ich darf das Ende nicht verraten, aber eines kann ich versprechen: Es ist eines dieser Bücher, das Ihnen die wunderbare Welt des Lesens zurückgeben wird. Man verpasst U-Bahnstationen, Champions-League-Spiele, Verabredungen mit schönen Frauen – alles, weil man das Buch nicht aus der Hand legen kann und sich ungefähr ab Seite 398 ärgert, weil es gleich vorbei sein wird. Leser, die glauben, Vampire-Romane seien etwas für Jugendliche mit Identitätsproblemen, sei gesagt: Vergessen Sie mal für zwei Tage Ihre Vorurteile und lesen Sie „Låt den rätte komma in“.

Was bleibt hängen? Nachdem man sich schwitzend durch das Buch gekämpft hat, kommt auf der allerletzten Seite, der Dankessagung, ein irrer Hinweis, der einen fragend zurücklässt, ob nicht die Jugendzeit der eigentliche Horror ist. Schlimmer noch, als alles was man gerade las.

Wie liest es sich? Als ob Henning Mankell ins Horrorgenre gewechselt wäre.

Das beste Zitat: „Tommy war noch nie zuvor so langweilig gewesen. Der Gottesdienst lief erst eine halbe Stunde und er war sich sicher, dass es aufregender wäre, auf einem Stuhl vor einer weißen Wand zu sitzen“.

Wer sollte es lesen? Eltern von Jugendlichen, die das Gefühl haben, den Kontakt zu ihren Sprößlingen verloren zu haben.

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Was lese ich als nächstes? Nobody’s Perfect, Anthony Lane

 
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