Alltag

Tierschutz | 24.06.2009 19:00 | John Vidal, The Guardian

Ende der Unschuld

Die Europäer sind es gewohnt, beim Walfang auf andere zu zeigen. Jetzt wollen sie erstmals seit Jahren mehr Wale töten als Japan - und das Fleisch dorthin verkaufen

Zum ersten Mal seit Jahren planen europäische Länder mehr Wale zu fangen als Japan. Dies führt zu Streit innerhalb der EU und ruft Umweltschützer auf den Plan, welche den Anstieg der Fangquoten mit der Wirtschaftskrise in Verbindung bringen. Statistiken, die der Guardian zum Anlass des Treffens der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) einsehen konnte, zeigen, dass Norwegen, Dänemark und Island 2009 zusammen 1.478 Wale fangen wollen, während Japans anvisierte Menge bei 1.280 liegt. Dies würde im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg der europäischen Fangquote um fast 20 Prozent bedeuten.

„Europa zeigt gerne mit dem Finger auf Japan und beschuldigt es des skrupellosen Walfangs, dabei sind es die Europäer, die in ihren Hoheitsgewässern immer mehr Wale töten. Europa ist zum Walfeind Nummer Eins geworden“, sagt Kate O'Connell, Aktivistin der "Gesellschaft zur Bewahrung von Walen und Delfinen" (Whale and Dolphin Conservation Society, WDCS). Island –  das die Jagdsaison 2009 mit der Tötung von zwei von insgesamt 150 Finnwalen eingeläutet hat – und Norwegen sind die einzigen zwei Länder, die Wale zu kommerziellen Zwecken jagen. Sie verstoßen damit gegen das 23 Jahre alte weltweite Moratorium zum Schutz gefährdeter Walpopulationen.

Island muss um EU-Beitritt bangen

In diesem Jahr möchte Norwegen allein 885 Minkwale töten, Island insgesamt 350. Dänemark wird darum ersuchen, 245 Wale erlegen zu dürfen – weil auf der halbautonomen Insel Grönland Inuit leben. Der Großteil des in Europa gefangenen Walfleischs wird nach Japan verkauft, das seinen kommerziellen Walfang eher schlecht hinter angeblichen Forschungszwecken versteckt.

Großbritannien hat in der vergangenen Woche den diplomatischen Druck auf Island erhöht und drohte damit, dass die Aufgabe des kommerziellen Walfangs eine Bedingung für den erwarteten EU-Beitritt des Landes werden könne. Fischereiminister Huw Irranca-Davies sagte: „Sollte Island der EU beitreten, würde Großbritannien erwarten, dass es sich dazu verpflichtet, seinen Walfang einzustellen. Wir jedenfalls würden auf eine Neuverhandlung drängen.“

Ein Sprecher der isländischen Regierung sagte: „Die Regierung wird die diesjährige Quote einlösen, die Situation aber gegen Ende des Jahres nochmals neu beurteilen. Die Universität von Island führt gerade eine Untersuchung zu dem Thema durch. Der Walfang wird offensichtlich Teil der Gespräche sein, wenn Island über seinen Beitritt zur EU verhandelt.“

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Wirtschaftlich sinnlos

Ein unabhängiger, von den Umweltschutzorganisationen WWF und WDCS in Auftrag gegebener Wirtschaftsbericht, der im Vorfeld des in dieser Woche stattfindenden Treffens der IWC in Madeira veröffentlicht wurde, kommt zu dem Schluss, dass Walfang sich wirtschaftlich nicht mehr länger rechnet. So habe Japan seit 1988 164 Millionen US-Dollar zur Subventionierung seiner Walfang-Industrie ausgegeben und auch die norwegischen Fördermittel beliefen sich auf fast die Hälfte des Wertes des gesamten Walfangs. Die Verkäufe von Walfleisch, -Speck und anderer Walprodukte seien in Japan während der vergangenen 20 Jahre über weite Strecken ein Verlustgeschäft gewesen.

Die Erhöhung der Fangquoten schadet laut dem Bericht lediglich den immer beliebteren Wal-Safaris und dem internationalen Ansehen der Walfangnationen Norwegen und Japan. „Die beiden Länder schaden dem Tourismus, einem potentiellen Wachstumsmarkt, um Millionen Dollar zum Erhalt von Walfleisch auszugeben, mit dessen Verkauf sich kein Gewinn mehr erzielen lässt. Wie lange noch wollen sie das Geld ihrer Steuerzahler verschwenden?“, sagte eine Sprecherin des WWF. In diesem Jahr versprachen bereits 115.000 Leute, Island zu besuchen, sobald die Regierung das Ende des Walfangs verkündet habe.

Die Zahl der Walfanggegner und -befürworter innerhalb der IWC hält sich genau die Waage, wobei beide Seiten so viele Nationen wie möglich für ihre Position zu gewinnen suchen. Japan hat in der Vergangenheit vielen kleineren Ländern Entwicklungshilfe angeboten, wenn sie für sie stimmen sollten, aber auch Großbritannien und andere haben osteuropäische Länder dazu gedrängt, der Kommission beizutreten. Australien und Neuseeland gaben vergangene Woche bekannt, eine Forschungsexpedition in die Antarktis schicken zu wollen, bei der keine Tiere getötet werden sollen, um damit das Forschungsprogramm der Japaner direkt herauszufordern, die immer noch darauf beharren, sie müssten die Wale töten, um sie untersuchen zu können. Die sechswöchige Expedition soll den Beweis erbringen, dass man Wale nicht töten muss, um sie untersuchen zu können, erklärten die Regierungen der beiden Länder in einer gemeinsamen Erklärung.

Übersetzung: Holger Hutt
 
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