Alltag

Koch oder Gärtner? | 25.06.2009 18:55 | Jörn Kabisch

Wie schmeckt rohes Fleisch?

Jörn Kabisch beantwortet alle Fragen rund um den Herd. Heute: Geschnitten oder gewolft? Und warum Rinder-Tatar nichts mit den Tataren zu tun hat

Es war ein feines Staccato auf dem Hackbrett. Ich war in ein Restaurant geraten, in dem Tatar frisch zubereitet wurde. Und weil die Küche zum Gastraum hin offen war, konnte ich zusehen und zuhören. Seit ich als Junge vor dem Pizzabäcker stand, der die Hefefladen in die Luft warf, ist es für mich ein erhebendes Gefühl, wenn Köche ihr Können zeigen. Pizzajongleure sind fast ausgestorben. Da ist man doch glücklich, wenn mal ein Stück Rinderfilet im rhythmischen Schwingen des Messers aufgeht.

Doch ich will heute nicht von frühen Formen der Eventgastronomie erzählen, sondern von Tatar, was nicht mehr ist als einfaches Rinderhack und zugleich die Höchststufe, rohes Fleisch zu verzehren. Ich muss feststellen, in den Restaurants, die ich aufsuche, ist Tatar im vorigen Jahr Standard auf den Speisekarten geworden.

Wenn Rindfleisch mit der Hand geschnitten wird und das kurz vor dem Servieren, ist es eine besondere Delikatesse. Das Fleisch behält Spannung und damit mehr Biss, wenn es nur unters Messer kommt. Durch den Fleischwolf gepresst fühlt es sich auf der Zunge breiig an, finde ich. Das A und O ist aber natürlich ein gutes Ausgangsprodukt. Es gibt in Bill Bufords Buch Hitze eine Passage, da bekommt der Autor von einem italienischen Fleischer erklärt, schlechtes Rindfleisch erzeuge ein leicht taubes, pelziges Gefühl oben am Gaumen. Ich wollte das kaum glauben. Aber Tatsache, Rindertatar kann einen ziemlichen Flaum im Mund verursachen.

Der Legende nach soll die Bezeichnung „Tatar“ übrigens auf das alte mongolische Reitervolk zurückgehen. Jules Verne beschreibt in Der Kurier des Zaren, wie die Tataren morgens rohes Fleisch unter die Sättel legten, um es bis zum Abend mürbe zu reiten. Puristen glauben deswegen, echtes Tatar bestehe aus Pferdefleisch.

Alles reine Phantasie, wie der französische Küchenhistoriker Patrick Rambourg herausgefunden hat. Rohes Hacksteak war zur Zeit Jules Vernes eine Neuheit auf Frankreichs Speisekarten, noch hieß es „Steak à l‘Americaine“. Später wurde es mit „Sauce tartare“ serviert, einer Mayonnaise mit hartgekochtem Eigelb. Dass die dem Gericht seinen endgültigen Namen gab, wie Rambourg sagt, finde ich glaubhaft. Schließlich schwingt in der Bezeichnung Wildheit, Ursprünglichkeit und Barbarentum mit, die man sich mit dem Gericht einverleiben will. Zugleich ist diese Begriffsverschiebung äußerst vielsagend, wie sich Anfang der 20. Jahrhunderts die Vorstellungen von Ost und West in den Köpfen des alten Europas vertauscht haben. Ehrlich: Bœuf Stroganoff war doch auch noch nie ihr Fall!

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Heute wird Tatar kaum noch mit Mayonnaise serviert, hat sich aber als eine eigene Zubereitungsart eingebürgert, wenn Getier roh bleibt und klein gehackt wird. Thunfisch, Jakobsmuscheln oder mariniertes Wildschwein, all das habe ich schon als Tatar gegessen und sehr genossen. Natürlich auch Matjes, nach Rind der zweite Tatar-Klassiker.

Matjes gibt es übrigens gerade ganz frisch, Anfang Juni ist die Hauptfangzeit für den Hering, der anschließend nur teilweise ausgenommen in die Salzlake kommt. Ihr Fischhändler sollte gerade neuen haben, sonst wechseln Sie den Laden – am besten sofort. Fein gehackt mit Avocado, Gurke und Dill eine tolle Vorspeise.

Wenn Sie doch lieber beim Original bleiben wollen, vergessen Sie nicht: Die BSE-Krise ist keine zehn Jahre her. 2008 gab es noch zwei Verdachtsfälle in Deutschland, und die Landwirte haben verlangt, das Verbot von Tiermehl im Futter wieder aufzuheben, wegen der hohen Getreidepreise. Ein bisschen Ekel hebt ja den Genuss. Als ob einem eine kleine Dosis Adrenalin in den Gaumen schießt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
h.yuren schrieb am 27.06.2009 um 09:53
wer wissen will, wie rohes fleisch schmeckt, muss die ältesten inuit fragen, die von etzlichen älteren germanen immer noch als eskimos beschimpft werden, denn eskimo war die fremdbezeichnung der inuit durch benachbarte indigene leute und bedeutet "rohfleischesser". so woll(t)en die inuit nicht gern betitelt werden, obwohl sie doch wirklich gewöhnlich rohes fleisch aßen. eine delikatesse der inuit war übrigens seehundauge, für gastierende europäer schon mal etwas sehr delikat.

der letzte abschnitt des artikels könnte beliebig verlängert werden, wenn man die möglichen ingredienzien des rohen fleisches bedenkt nach allen skandalen in der fleischproduzierenden branche der vergangenen jahre. ich hörte gar mal einen zeitgenossen von indioblut im roten steak reden von wegen der umwandlung der tropischen regenwälder in sojamonokulturen für den kraftfutternachschub der stallrinder allhier.

smakelijk eten!
luggi schrieb am 27.06.2009 um 11:29
Es soll Menschen geben, die nicht einmal wissen, dass Fleisch einfach nur Muskelgewebe ist (Gesäßmuskel->Schinken; Rückenmuskel->Steak etc.)
Die Inuit mussten das Fleisch von Robben, Walen, Fischen und Eisbären roh essen, um u. a. den Vitamin-C-Bedarf zu decken. Die Erfahrung lehrte ihnen, dass thermisch bearbeitetes Fleisch wertlos ist.
An sich hat Fleisch keinen Geschmack. Eiweiß ist geschmacklos genau so wie Fett. Der Geschmack kommt vom Primärharn, der als Flüssigkeit die Abfallprodukte des Zellstoffwechsels (Stickstoffverbindungen) zur Niere abführt, wo sie dann zu Harn konzentriert werden. Sozusagen ist der Rohfleischverzehr eine besondere Form einer "Urintherapie" ;-)
h.yuren schrieb am 27.06.2009 um 23:06
luggi, den verzehr von rohproteinen mit der urintherapie in eine schublade zu stecken, finde ich rundum überzeugend. das muss sich herumsprechen.
aber die inuit aßen das fleisch nicht roh, um so den vitaminbedarf zu decken, sie hatten gar keine wahl. ihnen fehlte im sommer das nötige kleinholz, und im winterlichen iglu hätten sie beim bruzzeln der braten ihre hütte in eine kalte pfütze verwandelt.
übrigens aßen die inuit nach dem fang einer robbe zuerst die noch warme blutige leber des tieres, nicht das muskelfleisch.
luggi schrieb am 28.06.2009 um 09:47
@h.yuren
nun sei mal nicht benedictischer als der Benedict. Dass die Inuit das wenige Treibholz zur Tranherstellung benutzten ist mir schon bekannt und ich weiß auch, dass sie über Jahrtausende keine Kausalität ihrer Nahrungsgrundlage mit der Vitamin-C-Versorgung hergestellt haben (Vitamin C wurde ja erst vor rund 70 Jahren entdeckt). Das habe ich auch mit dem kleinen Kürzel "u. a." versucht abzudecken; ist mir wahrscheinlich nicht in Gänze gelungen.
Es gibt auch noch andere Völker in den subarktischen und tundrischen Gebieten, die tierisches Protein roh verzehren (nicht zu 100 Prozent der Gesamtnahrung).
Der Schwerpunkt meines Kommentars lag mehr oder weniger in der Benennung der Substanz, die maßgebend für den Geschmack rohen tierischen Fleisches verantwortlich ist und das ist Harnstoff.
h.yuren schrieb am 28.06.2009 um 11:14
hi luggi, im ewigen eis gabs ja nicht die große supermarktauswahl. wo kaum irgendwas kümmerlich auf dem land wächst, ist fast nur tier im angebot. nicht 100% die nahrungsbasis, aber 99% bestimmt. bevor die europäer die vitamine entdeckten, kauten die inuit manchmal auf etwas tang herum. nicht um wie die leutchen in den anden sich bergtauglich zu machen (ein fall von doping), sondern um ergänzungsstoffe aufzunehmen (natürlich wieder ohne genaue kenntnis der kausalitäten).

ein aspekt der "rohfleischesser" ist, finde ich, noch bemerkenswert: das überlebensexperiment in der arktis war von not gekennzeichnet. der zwang zur jagd verschaffte dem jäger einen privilegierten status. das wussten die edlen hier in europa nicht, die gern auf die jagd gingen (und es den bauern verboten). machiavelli empfahl den fürsten ja die jagd als gute vorübung für den krieg.
dem schema der tiervertilger aus not und luxus gegenüber steht die inzwischen historische praxis der pygmäen im afrikanischen regenwald. sie gingen auch auf die jagd, aber nur ergänzend. und die mbuti lebten nahezu egalitär. spiegelbild der arktischen verhältnisse.
vergleichsweise ist der mitteleuropäische (roh)fleischkonsum arktisch ohne not, fürstlich in wahn und gewalt.
Ludwig Hasselberg schrieb am 29.06.2009 um 13:38
Tatsächlich, Rindfleisch-Tartar wird wieder zum Standard? Kann mich erinnern, dass es (er?) das schon einmal war, zu DDR-Zeiten auf so ziemlich jeder Speisekarte zu finden. Habe es auch damals schon gern gegessen, jedoch kann ich rückblickend natürlich nicht mehr beurteilen, ob da jetzt ein pelziges Gefühl im Mund dabei war oder nicht... Heute stehe ich allerdings vorm Fleischregal auf der Höhe des Schabefleisches und zaudere - soll ich's wirklich machen oder lass ich's lieber sein... Vielleicht sollte ich mir den Schlusssatz zu Herzen nehmen.
Jörn Kabisch schrieb am 29.06.2009 um 17:45
Nur ein kleiner Trost: Schabefleisch, so habe ich auf der Suche nach der Herkunft des Begriffes gelesen, sei tatsächlich einmal das Fleisch gewesen, dass der Metzger nach dem Ausbeinen noch von den Knochen gekratzt hat. Heute ist Schabefleisch von besserer Qualität.
luggi schrieb am 30.06.2009 um 07:14
Nur kurz zur Auffrischung der Erinnerung. In der DDR gab es Tatar nicht mit Majo sondern mit Eigelb. Und damit das ganze genießbar wird wurde auf jeden Fall SPS (Salz, Pfeffer, Senf) und Brot, Toast oder Brötchen gereicht.
Jörn Kabisch schrieb am 30.06.2009 um 08:21
Lieber Luggi,
Das war nicht nur die DDR-interne Rezeptur. Das ist DIE Grund-Rezeptur. Und um dem vorzubeugen, falsch verstanden zu werden: Schabefleisch war immer ein gesamtdeutscher Begriff. Grüße, JK
luggi schrieb am 30.06.2009 um 09:59
Lieber Jörn Kabisch,
ich bin vor einigen Jahren in das südlichste Bayern umgesiedelt. Da haben gesamtdeutsche Begrifflichkeiten für Nahrungsmittel keine Bedeutung. Da kann es passieren, dass man in ausgewiesenen Bäckerfachgeschäft den Brötchenkauf verweigert, weil es hier halt Semmeln, Vinschgauer, Ausgezogene und so noch was zu Kaufen gibt und keine Brötchen. Und das Gespräch möchte ich belauschen, wenn Sie bei einem "Metzger" Schabefleisch ordern. ;-)
Kleiner Hinweis zum Schabefleisch: das übliche Verfahren wird nicht mehr angewandt, weil man diese Reste heutzutage für das Formfleisch benötigt. Dabei wird das Restfleisch nach dem entbeinen zusammen mit der Knochenhaut mittels chemischer Verfahren vom Knochen gelöst und zu dem genannten Formfleisch unter Verwendung "modernster" Inhalte von Zusatzstoffen verarbeitet.
Prost Mahlzeit
Jörn Kabisch schrieb am 30.06.2009 um 10:50
Lieber Luggi,
danke für den Nachtrag. Ihnen ist dann sicherlich auch schon passiert, dass der Verkauf von Hackfleisch verwehrt wurde, weil Sie nicht Faschiertes gesagt haben. Oder passiert einem das nur wie mir in Tirol?
luggi schrieb am 30.06.2009 um 17:41
Lieber Jörn Kabisch,
die Benennung in Tirol kenne ich nicht und auch nicht die bayerische Varianten von Gehacktem, Schabefleisch und sonstigen Schmankerln vom Metzger. Seit 1994 habe ich keinen Metzgerladen mehr betreten und um die Fleischabteilungen in den Supermärkten mache ich einen großen Bogen; die vertrage den Gestank nicht.

Es gehört zwar nicht zum Thema aber vielleicht wäre es mal ein interessanter Artikel, wenn über die Benennung von Nahrungsmitteln mal ein solcher verfasst würde. Ich fahre z.B. 15 km, dann kann ich im Supermarkt Karfiol kaufen, fahre ich 15 km in die entgegengesetzte Richtung, werde ich bestaunt, wenn ich Melanzanie verlange ;-). Oder ordern Sie mal in Hamburg beim Bäcker 2 Strauben (müssen Sie wahrscheinlich googlen).
Es lebe die Vielfalt, Einfalt haben wir in der Politik genug.
mbg, Luggi
h.yuren schrieb am 30.06.2009 um 07:33
zum beigeschmack des rohfleischgenießens ist vielleicht positiv zu vermerken, dass die ökobilanz dieser tischrichtung etwas besser ausfällt als die der brat- und grillgeneigten, was freilich in der gesamtbilanz nicht so sehr ins gewicht fällt. wenn erst einmal der föhliche fortschritt der westeuropäer und us-amerikaner china, brasilien und den rest der armen welt erreicht hat, fangen wir wieder heuschrecken und fliegen in der wüste, um sie zu grillen und unseren proteinbedarf zu decken. vom autogrill werden wir sie nicht mehr schaben können (als schabefleischersatz), weil die rasende fahrt entschleunigt sein wird.
luggi schrieb am 02.07.2009 um 17:25
cool.
Der Thread ist auf Platz 3 bei meist kommentiert.
;-)
jwharding schrieb am 21.07.2009 um 20:28
Die etymologische These halte ich für gewagt. Es gibt durchaus Quellen, die genau andersrum argumentieren, dass nämlich die Sauce Tartare ihren Namen vom Tartar hat, weil sie nämlich (Variante 1) dazu gereicht wurde oder (Variante 2) ebenfalls gehackt.
Columbus schrieb am 22.07.2009 um 12:36
Das Tartar ein typischer Fall vorbewusster Völkerverständigung

Charles Bronson, Urbild des filmtauglichen Tataren, die anderen Nachfahren dieser Stämme verteilten sich über ganz Zentralasien und viele kamen über die Wolga und die Krim nach Europa, sogar nach Polen, Tschechien und Deutschland, spielte häufig in der Schweiz, besonders im französischsprachigen Teil derselben, besonders in Genf am See mit der höchst eigenen "La Fontaine".

Genau dort, in den Hotels für Amerikaner und sonstige wichtige Menschen, wurde selbstverständlich auch das "Tartar" serviert. Bronson spielte seine Killer und Rächer, ein wenig darf ich hier übertreiben, herb-würzig, und die Vermutung liegt nahe, dass die ursprüngliche Bedeutung auf das gehackte und abwürzende Kraut, die letzte Reminiszenz der blühenden Steppe, zurück geht.

Genau damit hat auch das "Tartare" in der besseren Küche ursprünglich zu tun. Die zerhackten Kräuter, gebunden durch Eiweiß, in Essig und Öl, die weisen auf den Ursprung hin. Reiter- und Jägervölker brauchen Geschmack an der Grundnahrung, dem Wild und dem Fleisch der meist kleinwüchsigen Haustiere, um deren eher strenger, heute jedoch oftmals fade tiefgefrorener Geschmacksnote noch etwas beizufügen. Dazu ist das Verfahren mit den Wildkräutern, aus denen die ersten tartarischen kalten Saucen bereitet wurden, bestens geeignet und Salz sparend. Davon gab es auf Wanderschaft immer zu wenig oder es musste teuer gekauft, beziehungsweise geraubt werden.

Liebe Grüße und nur weiter so.

Christoph Leusch


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