Alltag

Giftiges Gemüse | 15.08.2009 12:00 | Jörn Kabisch

Von Greiskraut und Raukeblättern

Der immer größeren Vielfalt beim Grün steht die wachsende Einfalt des Verbrauchers beim Thema Obst und Gemüse gegenüber

Preisfrage: Trauen Sie sich zu, ein Blatt Rucola von einem Blatt Greiskraut zu unterscheiden? Dann müssen Sie schon Salatbauer oder langjähriger Hobbygärtner sein. Sich in der Unterscheidung zu üben ist zur Zeit ohnedies schwierig, wegen der Kontamination mit Greiskraut haben die meisten Supermärkte in den letzten Tagen die Rucola-Schalen aus dem Sortiment genommen. Greiskraut enthält leberschädigende Pyrrolizidinalkaloide (PA) in hohen Dosen, es ist eine Giftpflanze, schon 140 Gramm sollen ein Pferd umbringen können, heißt es auf Wikipedia.

In Deutschland werde, so sagt die FDP-Bundestagsabgeordnete Christel Happach-Kasan, schon seit einiger Zeit eine doppelte Debatte um Pflanzen geführt, die das Lebergift enthalten. Das gemeine Greiskraut, das jetzt im Rucola gefunden wurde, stand dabei weniger im Fokus, sondern eine andere Korbblütlerpflanze, das Jakobskreuzkraut. Vor allem die Landwirtschaftsämter beobachten seit mehreren Jahren eine Zunahme dieser Pflanze. Seit im Mai ein Neugeborenes in Baden-Württemberg an schweren Leberschäden verstarb, weil seine Mutter in der Schwangerschaft größere Mengen an Gesundheits-Tee getrunken hatte, der Pyrrolizidinalkaloide enthielt, gibt es mehr Kräuterkundler unter Politikern.

Herbizide verboten

Happach-Kasan, selbst Botanikerin, erklärt, das Jakobskreuzkraut sei in Deutschland eine relativ seltene Pflanze, seine Zunahme mache nun vor allem Weidetierhaltern zu schaffen. Vor allem bei Pferden wird ein Anstieg an Vergiftungen gezählt. In Norddeutschland, wo sich das Jakobskreuzkraut am stärksten vermehrt hat, führen Experten das auf die durch die von Brüssel verordnete größere Stilllegung oder Umwidmung von landwirtschaftlichen Flächen zurück. Dort kann sich das Jakobkreuzkraut ungehindert ausbreiten.

Das gemeine Greiskraut, das auch schon vor zwei Jahren in einer Salatmischung aufgetaucht war, sei dagegen für Landwirte ein alter Bekannter, meint Happach-Kasan. Es wachse seit jeher an Wegrändern. Experten gingen davon aus, dass es sich vermehrt habe, weil bestimmte Herbizide, die früher wirksam gegen einige Greiskrautarten eingesetzt wurden, inzwischen verboten seien. Die FDP-Politikerin fordert, dass die Bundesregierung eine Meldepflicht und die Einführung eines Grenzwertes für den PA-Gehalt von Lebensmitteln einführt. "Die Untersuchung der Packung Rucola hat eine Belastung von 2.500 Mikrogramm ergeben. Die von Medizinern empfohlene Tageshöchstdosis sollte 1 Mikrogramm nicht übersteigen."

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Unübersichtliche Rucola-Familie

Dem Rucola sieht das Greiskraut tatsächlich zum Verwechseln ähnlich, bzw. dem, was in Deutschland als Rucola in den Läden zu finden ist, nämlich ausgefranste Blätter wie von einer disteligen Pflanzen. Unter Rucola firmieren die Triebe zweier Pflanzen, Eruca sativa und Diplotaxis tenuifolia, die nicht viel miteinander zu tun haben, außer das ihre Blätter ähnlich schmecken. Diplotaxis tenuifola wird auch Wilde Rauke genannt, für den Massenmarkt mit Rucola, den inzwischen sogar Discounter ganzjährig im Sortiment haben, ist Eruca sativa aber ergiebiger. In landwirtschaftlichen Gendatenbank allerdings sind international hunderte unterschiedlicher Krautarten verzeichnet, die sich auf dem Teller alle als Rauke wiederfinden. Allesamt grüne Blätter mit einem etwas scharfen Geschmack, der von nussig bis senfig reicht. In den USA kommt ein Rucola auf den Tisch, der eher nach jungem Spinat aussieht als nach Löwenzahnblättern, so wie hier bei uns.

Kein Wunder also vielleicht, dass bei so viel unterschiedlichem Grün sich auch mal ein giftiges Blatt in den Salat mischt? Und sich doch die Frage stellt: Müssen wir nach Fleisch und Fisch nun auch darauf achten, ob unser Gemüse gesund ist? Eigentlich ist das doch ein Paradox: Ungesundes Gemüse. Das Vertrauen der Verbraucher in das, was in den Obst- und Gemüseauslagen liegt ist, riesengroß geworden – gerade weil das, was in den Kühltheken der Supermärkte liegt, doch unterbewusst suspekt ist. Und die Märkte haben diese "Risikozonen" inzwischen auch räumlich so weit wie möglich von Obst und Gemüse getrennt. Das liegt meist gleich vorne am Eingang, damit König Kunde sein grünes Gewissen mit einer Gurke oder dem Salat befriedigen kann, um danach herzhaft und ohne Skrupel einkaufen zu können. Fast wie in einem Videoladen, wo am Eingang die Familienfilme liegen und am hinteren Ende versteckt die Pornoabteilung.

Auch die Meldungen der vergangenen Jahre, wenn in Obst und Gemüse zu hohe Pestizid-Rückstände gefunden worden waren, haben nie große Wellen untern Verbrauchern geschlagen. Im Gegenteil: Jüngst bekamen wir sogar wieder erzählt, dass Bio-Gemüse auch nicht nährstoffreicher sei oder mehr Vitamine enthalte als konventionell angebautes. Zu viel Bio? Gerade am Greiskraut-Fund wird mal wieder das Für und Wider von Gifteinsatz in der Landwirtschaft offenbar. Trotz dieser zwei Seiten birgt es aber eine Erkenntnis: Dass auch die Obst-und Gemüseauslagen gesunde Skrupel verdienen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Knippel schrieb am 15.08.2009 um 17:16
Ich habe mal eine Frage zu Beinwell, auch als Comfrey bekannt, die haben wir früher immer gebraten, ganz lecker, nun sagen manche Leute, das Zeugs sei leberschädigend.
Jörn Kabisch schrieb am 16.08.2009 um 09:02
Beinwell enthält ebenfalls PA, aber offenbar nicht in so großen Mengen. Es wird überall davon abgeraten, es übermäßig zu verzehren. Wie der Name sagt, tut es vor allem den Beinen gut, als Wickel.
Columbus schrieb am 19.08.2009 um 16:48
Lieber Jörn Kabisch,

Bei Informationen, die aus den Presseerklärungen Frau Happach-Kasans (FDP), oder von deren Webseite fließen, sollten Sie doppelt vorsichtig sein und gut recherchieren. Das gilt aber selbstverständlich für jede Seite eines Politikers. Allerdings macht dieser Fall auch deutlich, wie schnell mit Hysterie Verbraucher und vor allem Händler verunsichert werden können und man ein kleines Thema nutzen kann, mit dem man politisch durch die Hintertüre für Pflanzenschutzmittel wirbt. - Frau Happach-Kasan ist übrigens eine glühende Anhängerin des Anbaus von Monsantos Mon810-Genmais und der sogenannten grünen Gentechnik überhaupt.

Aber nun zum Fall. Nachdem in einer Lebensmittel-Probe, einer Rauken/Ruccola-Salat Packung, Greiskraut gefunden wurde, die wirklich einen deutlich zu hohen Gehalt an Pyrrolizidalkaloiden enthielt, hat der Lebensmitttelgroßhandel den Ankauf von Raukensalat aus den deutschen, vor allem in Rheinland-Pfalz liegenden Anbaugebieten, vollständig gestoppt. Zur Situation und zu diesem Fall: www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1018172/

Bei der einzigen bisher gefundenen Charge handelte es sich um eine Packung aus einem Betrieb der tatsächlich eine Belastung mit Greiskraut hatte und dann nicht sorgfältig kontrollierte. In anderen Chargen wurde bisher nichts gefunden. Allerdings enthalten Raukensalat-Angebote häufiger deutliche Überschreitungen der Höchstmengen von Pflanzenschutzmitteln und auch häufiger eine Menge Nitrat. Aber da stellt Rucola keine Ausnahme dar. Die höchste durchschnittliche Nitratbelastung hat übrigens Kopfsalat.

( www.bvl.bund.de/nn_746744/DE/01__Lebensmittel/03__UnerwStoffeUndOrganismen/00__Was__Ist__Drin/03__Gemuese__Salat__Pilze/01__gemuese__salat__pilze__artikel/salate.html ,

und neuere Daten 2007: Die Angaben der Gesamtuntersuchungen hinken immer ein, mittlerweile sogar zwei Jahre, hinterher. Sehr auffällig, die geringe Beprobung! Es ist ein reiner Zufall, wenn Bauern die überdüngen, Importeure die Geld machen wollen oder Händler die dubios einkaufen, auffallen.
Deutschland ist zwar ein Land der Sprücheklopper und der Verordner, in der Praxis herrscht auf dem größten Anbietermarkt oftmals jedoch Willkür.

Die strengsten Überwachungen finden vor Ort auf den Wochenmärkten größerer Städte statt. Dort wird lokal eingesammelt und von den Landesämtern geprüft.

( www.bvl.bund.de/nn_491544/DE/01__Lebensmittel/01__Sicherheit__Kontrollen/05__NB__PSM__Rueckstaende/01__nb__psm/nbpsm__2007/nbpsm__Bericht__2007.html )

Bei der Produktion und Vorbereitung der Verpackung für den Handel sind Greiskraut (Stängel)und andere Beipflanzen leicht zu erkennen. Die Pflanzen werden in den Betrieben die für den Massenmarkt produzieren, gewaschen und von den immer vorhandenen Beipflanzen gesäubert. Ein Rauken-Bauer, es ist ein Spezialist, sollte das leicht erkennen. Besser und völlig ungefährlich ist es jedoch, auf einem Wochenmarkt Rucola oder Rauke zu kaufen, am besten natürlich Bioware, die im Schnitt derzeit noch ca. 30%-40% teurer ist als konventionelle Ware.

Bio-Rauken Angebote erwiesen sich bei Unterschungen als frei von Beipflanzen, (fast)frei von Pestiziden und dazu noch mit niedrigem Nitratgehalt. Das verrückte Wirtschaftssystem produziert übrigens die Bio-Ware mittlerweile häufig in anderen Ländern und nicht hier bei uns, obwohl die Böden für den Raukenanbau hierzulande, gerade an Standorten mit etwas schlechteren Böden, ideal wären.

Das Jakobskreuzkraut wandert über Brach- und Stillegungsflächen, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Aber, Panik ist nicht angesagt, denn in die Nahrungskette zum Menschen gelangt die giftige Pflanze nur, wenn die Bauern keine ausreichend frühe Maht auf ihren Futterpflanzenfeldern durchführen. Auf Pferdeweiden, ganz selten auf Kuhweiden kann es hingegen zur Ausbreitung der Pflanze und damit zu Vergiftungen bei den Tieren kommen, wenn die Halter nicht vernünftig eingreifen und die Pflanze nicht vor der Aussaamung abmähen.

Der bisher dokumentierte einzige Todesfall, ein Baby war nach der Geburt verstorben, weil die Mutter in der Schwangerschaft regelmäßig einen „Gesundheitstee“ (getrocknete Pflanzenteile, daher hohe Konzentration!) mit hoher Pyrrolizid-Konzentration getrunken hatte, zeigt aber auch, dass dabei ganz andere Pflanzen eine wesentliche Rolle spielen, die in die Teemischung gelangen konnten oder traditionell in solchen Tees ein Bestandteil sind.

In anderen Ländern, nicht in Europa, sind Greisenkräuter hingegen häufiger gefährlich.
Bei uns allerdings, sterben an einer akuten Vergiftung durch Naturprodukte die meisten Leute nach dem Verzehr selbst gesammelter Pilze! Aber auch hier handelt es sich um extreme Einzelfälle
(Übersicht: www.pilzfreundetreff.de/html/pilzvergiftungen.html ). Weitere Todesfälle treten ein und werden bekannt, weil Kinder zufällig an giftige Pflanzen gelangen und diese essen.

Es gilt, sich nicht bange machen zu lassen. Rauke ist für viele Gerichte nicht nur eine gute Salatbeilage, sondern auch zum Kochen und Braten ein hervorragendes Würzmittel. Sehr empfehlenswert die Saatkörner der Rauke, die am wie Senf verwenden kann.

Grüße
Christoph Leusch
Jörn Kabisch schrieb am 19.08.2009 um 18:23
Lieber Herr Leusch,

ich bedanke mich für diese hervorragende Ergänzung. Nein, das ist das falsche Wort. Ihr Text ist der bessere. Auch wenn ich mir meine These nicht nehmen lasse.
Grüße, JK
Jörn Kabisch schrieb am 19.08.2009 um 18:25
Und zu Happach-Kasan. Ich habe mir Ihr telefoniert. Und hatte keine Panikmacherin am Apparat.
Columbus schrieb am 19.08.2009 um 20:45
ad Jörn Kabisch schrieb am 19.08.2009 um 18:25

Na, ohne Sie hätte ich ja überhaupt nicht an die Rauken gedacht, die so gut schmecken. Mich störte nur die einseitige Empfehlung zu Spritzmitteln, ohne eben die Alterantive zu nennen, nämlich das Mähen. Diese, letztgenannte Methode wird übrigens auch von den meisten Landesämtern empfohlen.

Bei einem Bauern heißt das eigentlich, er hat ein wenig lax auf dem Feld gearbeitet, wenn das Greiskraut hoch kommt, und bei den Viehzüchtern, Pferdeweide-Betreibern und Hirten, wir haben ja gottseidank wieder einige mehr, Augen auf und mutig im Frühjahr an die Sense.

Der weitere Punkt, Sie haben es ja völlig zu Recht erwähnt, es steht nicht gut um Anspruch und Wirklichkeit. Sowohl bei Verbrauchern, die eigentlich nicht viel wissen wollen und so schnell, wie billig zugreifen, als auch bei den (An)Bauern, die immer noch dazu neigen, selbst auf anspruchslose Pflanzen (das sind die Rauken) viel Dünger zu geben. Es ist eben ein stark an der Produktivität orientiertes Geschäft.

Eine sehr gute Quelle, jedenfalls habe ich das schon sehr oft in solchen Fragen festgestellt, auch im Vergleich zu den Landes- und Bundesbehörden bei uns, sind die Seiten des Schweizer Bundesamtes BUWAL und BAFU, bei der Land- und Forstwirtschaft die Uni Wien und des Schweizer Forschungsinstituts für ökologischen Landbau (FIBL).

Liebe Grüße
und machen Sie, gut informiert,
nur weiter so

Christoph Leusch


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