Alltag

Rechtsextremismus | 22.10.2009 15:10 | Sebastian Stoll

Zur NPD? Bitte einmal klicken

Google macht mit seinen Online-Anzeigen Werbung für die rechtsextreme NPD – und findet nichts dabei. Betroffen davon sind auch andere Webseiten, wie die von "Welt Online"

Wer in diesen Tagen nach Informationen über die NPD sucht, dem liefert die Suchmaschine Google mitunter einen Treffer der ganz besonderen Art: „NPD-Wochenbrief“ lautet der Name eines prominent platzierten Links, über dem in kleinen Buchstaben das Wort „Anzeige“ platziert ist. In der Trefferbeschreibung heißt es in relativ freiem Umgang mit der deutschen Groß- und Kleinschreibung: „Kostenlos jeden Samstag per Email Objektiv über die NPD informieren.“

Folgt man dem Link, erfährt man unter anderem, dass Brandenburg der NPD zufolge von der Stasi regiert wird, dass die NPD-Wahlniederlage in Brandenburg (2,5 Prozent) überhaupt keine solche war und dass die Partei einen „5-Punkte-Plan zur Ausländerrückführung“ entworfen haben will. Die Anzeige erscheint nicht bei jeder Suche nach dem Begriff „NPD“, aber taucht regelmäßig wieder auf.

Google liefert den direkten Link zur Parteipropaganda aber nicht nur auf seinen eigenen Seiten – das Unternehmen verstreut ihn auch im ganzen Netz: Möglich wird das durch sogenannte AdSense-Anzeigen, Werbeflächen also, die Seitenbetreiber auf ihren Homepages integrieren und von Google automatisch bestücken lassen. Welche Anzeige auf welcher Seite erscheint, ist kontextbezogen und richtet sich nach Schlüsselworten im jeweiligen Text: So ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit recht groß, neben einem Artikel über Sportwagen eine Anzeige für Autoversicherungen zu finden. Da der Begriff „NPD“ aber nicht allein auf rechtsextremistischen Websites verwendet wird, führt dieses Prinzip dazu, dass die Anzeige auch ausgerechnet dort auftaucht, wo man sich kritisch mit der Partei auseinandersetzt. Beispielsweise ist die Webseite der Welt betroffen. Dort findet sich die Anzeige etwa bei einem Text, der das Verhältnis zwischen NPD und DVU beleuchtet.

ANZEIGE

Bei Google sieht man kein Problem

Google selbst betont auf Anfrage des Freitag, dass es sich dabei nicht etwa um ein Versehen oder Schlamperei handelt, sondern um das Resultat der hauseigenen Werberichtlinien. So erklärt Google-Sprecherin Lena Wagner, man dulde etwa keine Anzeigen, die Gewalt fördern. „Weder der Anzeigentext, noch die Website, auf die er führt, verstoßen gegen diese Richtlinie.“ Mit anderen Worten: Die Anzeige wurde geprüft und für unbedenklich befunden. Ohnehin sei Google eine „neutrale Werbeplattform“ und wolle keine Entscheidung darüber treffen, welche Meinung richtig oder falsch sei. „Und wir glauben auch nicht, dass unsere Nutzer das von uns wollen – diese Entscheidung liegt in den Händen der Gesetzgeber.“

Timo Reinfrank, Geschäftsführer der antirassistischen Amadeu Antonio Stiftung, kann diesen Standpunkt nicht nachvollziehen. „Ich finde die Veröffentlichung einer solchen Anzeige unglaublich traurig, gerade weil Google eigentlich durch eine besondere Sensibilität bekannt ist.“ So setze sich der Mutterkonzern in den USA für die Rechte von Schwulen und Lesben ein, zudem habe die Google-Tochter YouTube bereits mit der Amadeu Antonio Stiftung kooperiert – so wurden für den Wettbewerb 361 Grad Toleranz Schüler aufgerufen, Videos gegen Ausgrenzung auf dem Portal einzustellen. „Das führen sie jetzt ad absurdum, indem sie eine NPD-Anzeige veröffentlichen.“

Wie reagieren die betroffenen Unternehmen?

Reinfrank hofft, dass Google die Situation von sich aus entspannt: „Ich gehe davon aus, dass Google diese Anzeige kündigen wird. Sollte das nicht der Fall sein, setze ich darauf, dass andere Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich aus dem Geschäft mit Google zurückziehen.“

Damit würde Google dann auch der in seinem Wahlspruch formulierten Verantwortung gerecht werden. Er lautet schließlich „Don’t be evil“ – sei nicht böse.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
data-meining schrieb am 22.10.2009 um 15:21
Das NPD-Blog hat Adsense aus diesen Gründen gerade von seiner Seite entfernt. Zwar sagt Google, mit Hilfe bestimmter "Nicht-Wörter" könne man unerwünschte Anzeigen ausschließen, schien aber nicht geklappt zu haben.

Zum Screenshot: Ein gewisses Amüsement hat mir die zweite Anzeige direkt unter der NPD-Werbung doch bereitet - "Endlich kein Mundgeruch mehr". Für alle, die unter brauner Mundfäule leiden, oder wie?
Jörn Kabisch schrieb am 22.10.2009 um 16:07
Hier übrigens noch der Link
zum entsprechenden Beitrag auf npd-blog.info - Eine Dokumentation über die NPD und ihre menschenfeindlichen Einstellungen
jgob schrieb am 22.10.2009 um 15:23
Die darauffolgenden Anzeigen finde ich lustig: Mittel gegen Mundgeruch und dann noch ein Verweis auf den Antifa-Shop. Ist doch alles im Gleichgewicht, nicht wahr? :->
Nouveau Cologne schrieb am 22.10.2009 um 15:31
Warum die Aufregung?

Wer Google-Ads schaltet und keine Werbung von der NPD haben will, kann diese jederzeit abschalten, indem er die entsprechende Anzeige auf die Filterliste setzt – so auch die 'Welt' (was diese tun sollte). Abgesehen davon ist NPD-Werbung nicht verboten, solange die NPD selbst das nicht ist.

"Evil" wäre genau umgekehrt: Wenn Google sich von Dritten hineinreden ließe, wessen Anzeigeninhalte sie bringen und welche nicht. Das wäre der Anfang von Willkür (siehe Googles Selbstzensur in China). Das man in diesem Falll politisch auf der richtigen Seite steht, wenn man gegen NPD-Ads ist, sollte nicht dazu führen, das aus dem Blick zu verlieren.

Im Übrigen: NPD my ass!
cms schrieb am 22.10.2009 um 17:28
Jeder, der Werbefläche anbietet, kann entscheiden, was er anbieten will und was nicht. Insofern könnte Google auch sagen, sie wollen keine offensichtlich rechtsradikalen Parteien unterstützen.
Meiner Meinung nach sollten sie sich da nicht von außen reinreden lassen, na gut. Aber sie könnten selbst an sich den ethisch-moralischen Anspruch erheben, so etwas nicht zu veröffentlichen. Wenn sie das nicht tun, finde ich das extrem traurig.
Scharfenorth schrieb am 23.10.2009 um 08:57
Ich würde mich auch über eine freiwillige Selbstbeschränkung von Google freuen. Es ist jedoch eine Illusion anzunehmen, dass sich ein Konzern wie Google in sein Geschäft reinreden lässt - solange die NPD eine von der Verfassung tolerierte Partei ist.
Ulrich Scharfenorth, Ratingen
www.stoerfall-zukunft.de
Jan Pfaff schrieb am 22.10.2009 um 15:34
Die NPD-Werbung taucht auch bei anderen Medienseiten neben oder unter NPD-kritischen Texten auf. Hier ein aktueller Screenshot von "Zeit Online":

Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.10.2009 um 01:12
Wenn ich in meinem Blog (unzensiert.zeitgeist-online.de) Israel kritisiere, bekomme ich von Google prompt Werbung für Israel-Reisen eingespielt; sage ich etwas gegen Finanzhaie, gibt es die neuesten Angebote für Superzinsen; wende ich mich gegen moslemische Auswüchse, bekomme ich Islam-Seiten eingespielt; erwähne ich Christen in ihrer verlogenen Variante, so hagelt es Werbung für die CDU oder irgendwelche erleuchteten Heilsvereine; sage ich etwas über Schwule, so bekomme ich deren Partnerbörsen aufs Tableau.
So läuft das Spiel: Ich weiß nicht, wie lange ich das noch mitmache.
Da die NPD nicht verboten ist, lässt der Google seine Algorithmen ganz normal laufen, und warum sollte er etwas anderes tun?
Die Linke hatte ich übrigens auch schon da, kaum dass ich über sie geschrieben hatte (keineswegs nur wohlwollend); soll ich jetzt darob einen Radau anfangen?
Mit den Grünen, der FDP, egal wem, glatt dasselbe.
Ich wunderte mich nicht einmal, wenn ich nach einem Artikel wider den Einsatz von Uranmunition Werbung für Atomstrom reingedreht bekäme.
Bleibt nur die Kündigung: Der Google zensiert (zumal in seiner deutschen Variante) auf anderen Feldern zudem dann auch noch doch sehr genau weitaus mehr, als mir lieb ist.
"Don't be evil": Das klingt aus diesem Munde etwa wie "Heil Friedensnobelpreisträger Barack Obama".
Muensterlaender schrieb am 25.10.2009 um 17:51
Wie wäre es denn mit diesem Ansatz:

"Wenn nämlich nun etwa findige Antifa-Aktivisten realisieren, dass nämlich JEDER Klick auf diese Anzeigen direkt dem Adwords-Konto der NPD belastet wird, dann ist das fast so gut wie eine Lastschrifteinzugsermächtigung für das NPD Parteikonto. Google dürfte das egal sein – sie werden entweder ihr Geld bekommen, oder das Adwords-Konto des Auftraggebers bei unzureichendem Guthaben einfach sperren."

Text freundlich ausgeliehen von: foolsmoon.de/2009/10/25/dont-be-evil


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