Die britische Anthropologie-Professorin Caroline Humphrey von der Universität Cambridge hat sich auf Gesellschaften in den Randgebieten der ehemaligen Sowjetunion spezialisiert. Obwohl sie sich schon lange mit den Menschen dort beschäftigt, war auch sie überrascht zu erfahren, dass es dort eine pro-polygamistische Lobby gibt.
„Bekannte aus Sibirien berichteten mir, dass Freundinnen von ihnen sich vor dem Parlament für die Legalisierung der Polygamie einsetzten. Ich hatte immer gewusst, dass es Männer gibt, die Gefallen an der Idee der Polygamie finden, aber ich fand es faszinierend, dass sich auch Frauen dafür aussprachen.“ Die Gründe sind ebenso ökonomischer wie sexueller Natur. Schlüsselfaktor ist die Demographie. Die russische Bevölkerung schrumpft um drei Prozent pro Jahr, es gibt neun Millionen weniger Männer als Frauen. Nationalisten wie der exzentrische liberaldemokratische Parteichef Wladimir Schirinowski behaupten angesichts dieser Tatsachen, die Einführung der Polygamie werde „10 Millionen einsamer Frauen“ einen Ehemann bescheren und Mütterchen Russlands Wiegen füllen.
Andernorts, in den islamischen Regionen der ehemaligen Sowjetunion wird von männlicher Seite das Argument vorgebracht, die polygame Ehe entspreche der Tradition, würde Männer in der Übernahme von Verantwortung bestärken – und somit zur Verringerung von Armut und zur „moralischen“ Festigung beitragen.
Beiden Gruppen gilt die Polygamie als Lösung gegenwärtiger, wenn auch verschieden gelagerter sozialer Probleme – eine Vorstellung, die Humphrey zufolge auch in nicht-muslimischen Gebieten Verbreitung findet. In ländlichen Gegenden ist der durch Krieg, Alkoholismus und massenhafte Arbeitsmigration verschärfte „Männermangel“ ein besonders großes Problem. Die Frauen, die sich dort für die Polygamie aussprechen, tun dies allerdings aus ganz anderen Beweggründen als die männlichen nationalistischen Befürworter der Vielehe.
Frauen haben andere Motive als Männer
„Viele Frauen leben auf ehemaligen Kolchosen, die oft tief in den Wäldern und in großer Entfernung zur nächsten Stadt liegen,“ erläutert Humphrey. „Man lebt in enger Verbundenheit mit der Natur, das Leben kann sehr hart sein – geheizt wird mit Holzöfen, es gibt kein fließendes Wasser und nur selten sanitäre Anlagen im Haus. Wenn man das Glück hat, eigenes Vieh zu besitzen, muss man es selbst versorgen und auch schlachten. Muss sie sich dann auch noch um Kinder kümmern, ist das für eine Frau allein beinahe nicht zu schaffen.“
Vor diesem Hintergrund scheint es schon weit weniger überraschend, dass Humphrey bei ihren Nachforschungen auf Frauen traf, die der Ansicht waren, „ein halber guter Mann“ sei besser als gar keiner. „Es gibt wohl noch ein paar Männer dort, die zum Beispiel als Beamte in der Verwaltung beschäftigt sind oder einer gewöhnlichen Tätigkeit als Arbeiter nachgehen, viele sind es aber nicht,“ sagt Humphrey. Die Frauen sagen, die Legalisierung der Polygamie wäre für sie ein Geschenk des Himmels: Sie würde ihnen das Recht auf die finanzielle und tatkräftige Unterstützung des Mannes, Legitimität für ihre Kinder und das Recht auf staatliche Zuwendungen verschaffen.“
Die Legalisierung der Polygamie ist in der Duma schon mehrfach vorgeschlagen und diskutiert, bislang allerdings immer abgelehnt worden. Für die Moskauer und Sankt Petersburger Städter ginge das dann doch einen Schritt zu weit.
Ausbildung statt Pferden
Auch in der Mongolei ist die Legalisierung der Vielehe ein Tabuthema. In der aufstrebenden Hauptstadt Ulan Bator jedoch kombinieren gebildete Frauen die Tradition und die Moderne zu etwas Neuem, das verdächtig nach einer Form der Polygamie aussieht. Bei der Mitgift fängt es an: Immer mehr erfolgreiche mongolische Familien geben ihren Töchtern eine gute Ausbildung statt der traditionellen Geschenke (Pferde, Kissen, Kleidung) mit. Ihre Söhne hingegen müssen oft schon früh die Schule verlassen, um sich um die Viehherden oder das Geschäft der Familie zu kümmern.
„In der mongolischen Kultur ist die Familie der Braut höherrangig. Und Bräute sollen schlau sein. Zudem hat dort 70 Jahre lang der Kommunismus geherrscht, die Vorstellung, dass eine Frau eine gute Ausbildung genießen sollte, ist dort also nichts Neues,“ erläutert Humphrey. „Da die Mongolei, ebenso wie Russland ein Problem mit dem Alkoholismus hat, besteht dort ein unausgewogenes Verhältnis zwischen gebildeten Städterinnen und der Anzahl der Männer, die diese Frauen als geeignetes „Gatten-Material“ erachten würden.“
Die Lösung ist einfach: Die Frauen heiraten einfach nicht. Stattdessen nehmen sie sich einen „heimlichen Liebhaber,“ wie man es hier ausdrückt – für gewöhnlich einen gebildeten Mann, der aber eben mit einer anderen Frau verheiratet ist. Aus dieser Verbindung hervorgehende Kinder werden dann von der Mutter und ihrer Familie aufgezogen.
„Das ist völlig akzeptiert. Diese Frauen gehören der Elite der mongolischen Gesellschaft an, sind vielleicht Parlamentarierinnen oder Direktorin einer Firma und ihnen wird enorme Wertschätzung entgegen gebracht,“ erzählt Humphrey. „Sie wären entsetzt über den Gedanken einer polygamen Ehe, weil sie ihre Unabhängigkeit nicht riskieren wollen.“
Was bedeutet das nun für die ehelichen Beziehungen in Russland und Zentralasien? Humphrey hält es nicht für wahrscheinlich, dass die Vielehe jemals in Russland zugelassen werden wird – vielleicht spielt das aber auch gar keine Rolle: „Männermangel, gebildete Frauen, die sich selbst verwirklichen wollen, Frauen auf dem Land, die sich selbst schützen wollen – all diese Faktoren werden polygamen Arrangements zu einem Aufstieg verhelfen“, so die Forscherin, „Ob diese nun auch so genannt werden oder nicht.“
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Kommt drauf an ob die lieb sind, im Land der Mitternachtssonne leben würd mir nix ausmachen, Kälte aklimatisier ich innerhalb 2 Wochen. Russische Vorfahren wahrscheinlich, ne dicke Lederjacke könt mer da kaufen, denk ich, oder ?
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@ SteinMain, niemals würde ich behaupten, Sie seien doof wie ein Brot. Vor Brot habe ich Respekt. Etliche Ihrer Kommentare sind klebrig, dumm sind sie allemal.
Auf einen guten Freitag-Beitrag wie "Lieber einen halben als gar keinen Mann" reagieren Sie wie einer, der ein gewisses kleines Pillemannproblem zu beklagen hat. Lassen Sie sich die Mitternachtssonne aufs Haupt oder sonst wohin scheinen. Aber schon aus ästhetischen Gründen bitte nicht hier. Verstehen Sie mich? weinsztein |
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Ich verstehe Ihr Problem voll und ganz, aber bitte nicht weinen, komm gib mirn Kuss und sei wieder lieb !
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Sehr interessanter und informativer Beitrag ! Mir Würde gern mehr darüber wissen. Besonders, da manche der geschilderten Probleme auch außerhalb der eisigen Weiten Sibiriens oder der mongolischen Steppe anzutreffen sind.
Was sagen die Feministinnen in der Community dazu ? Mir stellen sich viele Fragen. Zum Beispiel: „Das ist völlig akzeptiert." Auch von den Ehefrauen der "heimlichen Liebhaber" ? „Männermangel, gebildete Frauen, die sich selbst verwirklichen wollen, Frauen auf dem Land, die sich selbst schützen wollen – all diese Faktoren werden polygamen Arrangements zu einem Aufstieg verhelfen“ Was müßten die Voraussetzungen sein, damit zwischen den Frauen in einem solchen Arangement Solidarität und Freundschaft entstehen kann und nicht Konkurrenz, Intrigen, neue soziale Hierarchien (Erstfrau, Zweitfrau ... usw.)? |
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Sehr interessanter Artikel, danke dafür!
Aber auch in Deutschland haben wir - unter der Hand - eine Art von Polygamie: Wenn ich z.B. an all die Paare denke, die sich nicht trennen, weil es zu teuer ist oder das mühsam erwirtschaftete Haus dann flöten geht (laut eines befreundeten Familienanwalts bleiben mehr Paare aus diesen Gründen zusammen, als "wg. der Kinder"); der Mann sich dann aber eine Geliebte "zulegt", mit ausdrücklicher Billigung oder ohne Wissen der Frau. Das ist gar nicht so selten, vor allem in den "upper classes", wo Mann sich zwei Frauen leisten kann. Haus; Hund und Familie mit der einen, teure Kurzurlaube und exclusiv essen gehen mit der anderen. Und ebenso die Männer, die heiraten und eine Karriere aufbauen, und danach noch einmal neu anfangen, mit neuer Lebensgefährtin und neuer Familie, um ev. Verpasstes nachzuholen. Die "alte" Lebensgefährtin bleibt zurück, manchmal mit Kindern, und bekommt Unterhalt. Auch häufig. Ist das nicht auch eine Art von Polygamie? |
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mE werden die begriffe innerhalb unserer gesellschaft zu weit gefasst, denn bei uns geht es doch seltenst noch um fortpflanzung sondern viel mehr nur um sex. der wiederum wird dadurch zum event und ist kein akt der fortpflanzung mehr.
unser denken diesbezüglich muss komplett überarbeitet werden. das hat nur so gar nichts mit den problemen in sibirien zu tun. mfg mh |
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@MH:
Vielen vergeblich nach einem Partner oder einer Partnerin suchenden Singles in unserer Gesellschaft geht es sehr wohl auch um Fortpflanzung. Mir fällt dazu jetzt das Beispiel eines Berliner Vereins ein (Namen habe ich leider vergessen), der Menschen zum Zwecke der Erfüllung ihres Kinderwunsches zusammenbringt. In erster Linie sind das Lesben und Schwule, aber auch Heteros. Ziel ist nicht die Anbahnung von Partnerschaften im Sinne von sexuellen Beziehungen. Entscheidend dafür, ob sich dort zwei zusammenfinden, ist nicht die sexuelle Attraktivität füreinander, sondern Sympathie und gemeinsame Auffassungen von Kindererziehung. |
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@Anna:
Ja, der Vergleich mit den von Dir geschilderten Beziehungsmustern drängt sich natürlich auf. Ich finde aber, eine von vorneherein polygam angelegte Beziehung, in der alle Beteiligten sich auch von Anfang an darüber im klaren sind und das so akzeptieren, ist noch einmal etwas anderes. Es gibt ja viele Gebiete auf der Erde, in denen das Geschlechterverhältnis unausgeglichen ist (z.B. China, Ostdeutschland - dort fehlen wiederum die Frauen). Die sozialen Folgen davon sind nicht zu unterschätzen, weil es dann eben nicht mehr nur Einzelschicksale von Menschen geht, die keine(n) "abgekriegt" haben. Meine Frage wäre auch, wo die romantische Liebe in einer polygamen Beziehung bleibt. Liebe ist vielleicht sogar möglich, aber die romantische Liebe, die ja bei uns das Ideal darstellt, verlangt irgendwie nach Exklusivität. Neulich las ich einen Beitrag über die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, die seit mehr als 30 Jahren mit zwei Männern zusammenlebt. Da hat es anscheinend funktioniert. Ich glaube aber, die meisten Menschen wären damit überfordert. |
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Lieber Nelly;
danke für Deinen Kommentar, der mich zum Nach- und Weiterdenken gebracht hat. Was ich vorweg sagen will: Ich habe gar nichts gegen das Männer-Sharing - wenn alle damit einverstanden sind. "Meine Frage wäre auch, wo die romantische Liebe in einer polygamen Beziehung bleibt. Liebe ist vielleicht sogar möglich, aber die romantische Liebe, die ja bei uns das Ideal darstellt, verlangt irgendwie nach Exklusivität." "Neulich las ich einen Beitrag über die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, die seit mehr als 30 Jahren mit zwei Männern zusammenlebt. Da hat es anscheinend funktioniert." Brigitte Kronauer war in der glücklichen Situation, zwei Männer zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden. Sie musste aber nicht mit einer anderen teilen. Ich glaube, das ist noch mal einer Unterschied. Diese Geschichte gab es ja auch schon in Truffauts Film "Jules und Jim" (de.wikipedia.org/wiki/Jules_und_Jim). Ich war einmal mit drei Männern gleichzeitig zusammen. Drei junge Männer, alle um die 20, und ich war 18. Keiner wusste vom anderen, das war sehr spannend, denn die Stadt, in der wir alle lebten, war nicht gross. Aber richtig geliebt habe ich keinen von den dreien. Da bin ich dann doch absolut monogam und treu. "Ich glaube aber, die meisten Menschen wären damit überfordert." Genau. Denn wer ist schon frei von Eifersucht und hat keine Angst vor dem Vergleich? Herzliche Grüße, Anna |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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Na, wie war's in der Schule