„Find a Flu Friend“ – das rufen etliche Plakate in Großbritannien ihren Betrachtern entgegen. Die Briten sollen sich einen Grippefreund suchen. Aufgehängt hat die Plakate der National Health Service, die staatliche Krankenkasse der Briten. Wie fürsorglich! Damit keiner allein ist, wenn ihn die Schweinegrippe erwischt? Damit man trotz Krankheit fröhlich beisammen hocken kann, so wie die jungen Menschen, die das Plakat zeigt?
Nicht ganz. Der Flu Friend soll jemand sein, der Medizin holt oder einkauft. Weil der Schweinegrippe-Erkrankte das dann selbst nicht mehr kann – weil er sich von anderen Menschen fern halten soll.
Schon komisch: In Deutschland, dem Land mit nur 13 Schweinegrippe-Toten ist die Grippe ein heiß diskutiertes Thema. Die Menschen schwanken von Panik („Ob denn wirklich genug Impfstoff da ist?“) zur Verweigerung („Das Zeug kommt nicht in meine Adern!“), erzählen sich gruselige Geschichten („Da ist in Köln ein Mensch ins Krankenhaus eingeliefert worden, und erst Tage später ist die Grippe diagnostiziert worden, da hat er schon alle Zimmernachbarn angesteckt!“) und fragen dann doch eilig nach einem Impftermin. Die Briten hingegen, deren Land schon 154 Menschen zählt, die an der Schweinegrippe starben, und die in den vergangenen Wochen eine weiterhin rasante Ausbreitung des Virus vermeldeten – 84.000 Neuansteckungen pro Woche, was ungefähr der zehnfache Menge der Neuansteckungen in Deutschland entspricht – verteilen pragmatische Tipps, wie sie dem Alltag mit der Schweinegrippe bewältigen können.
Noch Fragen?
Der NHS, der National Health Service, beantwortet etwa Fragen wie: Erstens: Wie viele Flu Friends brauche ich? Zweitens: Was mache ich, wenn mein Flu Friend krank wird? Drittens: Stecke ich den Flu Friend denn nicht an? Die Antworten hierzu lauten: Erstens: Am besten gleich fünf Flu Friends aussuchen (wer weiß, wen es als ersten trifft). Zweitens: Tja, wenn der Flu Friend krank wird, kann er eben nicht helfen (daher siehe vorherige Antwort). Und drittens vor Ansteckung schützt: Immer eine Armlänge Abstand zum Flu Friend halten. Ansonsten sollen die Briten der Regel „Catch it – Bin it – Kill it“ folgen. Also, am Beispiel des Niesens: Ins Taschentuch schnupfen, das wegwerfen und so unschädlich machen.
Die Briten bewahren also Haltung. Trotz ihrer schlechten Ausgangslage, den mit Abstand meisten Todesfällen in der EU (gefolgt von Spanien mit 54 und Frankreich mit 44 Toten). Ihr so oft gescholtenes Gesundheitssystem kann nun seine scheinbaren Stärken ausspielen, man ruft zur Eigenverantwortung auf. Das ist man in Großbritannien schließlich gewohnt.
Die Hausärzte der Briten, die GPs, General Practitioner, impfen das Volk nach einer Prioritätenliste ähnlich wie in Deutschland. Allerdings sind die Briten es gewöhnt, nicht gleich dran zu kommen: Wer hier zum Arzt will, sieht erstmal nur eine Krankenschwester, die den Ernst der Lage prüft. Wer am Wochenende glaubt, ein Notfall zu sein, ruft den NHS an, spricht am Telefon mit einer Krankenschwester. Die entscheidet dann, ob ein Arztbesuch notwendig ist. Beispiel einer Touristin mit Blasenentzündung im September: Die Schwester empfahl Cranberrysaft. Gäbe es im Supermarkt, das helfe gegen Blut im Urin. Aua.
Dass der Patient nicht weiter kommt als bis zur Krankenschwester, das ist einigen Engländern auch schon mit Grippesymptomen passiert. Wer da abprallt, für den zählen eben nur noch soziale Kontakte, also Flu Friends.
Kommentare beim Graben
Sich für die Schweinegrippe bereit zu machen, ist ein bisschen so, als ob alle Länder einen Schutzbunker bauen müssten. Deutschland gräbt eifrig, und das Volk steht drum herum und mault, ob das denn generell sinnvoll ist und ob das Ausgraben selbst handwerklich astrein gehandhabt würde. Die Engländer hingegen drücken den Leuten selbst einen Spaten in die Hand und haben sich mit der Notwendigkeit dieser Aktion längst abgefunden.
Das erzieht zum Nachdenken und für sich selbst sorgen. Einerseits. Das macht hilflos, wenn Hilfsbedürftigkeit nicht gleich erkannt wird. Der Patient ist auf das Wohlwollen der NHS-Mitarbeiter angewiesen – und auf sein soziales Netzwerk. Eine wahre Freundschaftsprobe? Oder hat die Gesundheitsbehörde vielleicht Muffensausen, dass im Fall der Fälle die Bettenzahl der Krankenhäuser nicht ausreichen könnte? Und daher die Bettlägrigen daheim gepflegt werden?
Ein bisschen erinnert das an südeuropäische Krankenhäuser, in die die Verwandten kommen, um ihre Angehörigen zu pflegen. So weit ist man in Großbritannien noch nicht. Aber parallel zur „Flu Friend“-Aktion läuft schon die „Self care week“-Kampagne der NHS. Die Briten werden sich wohl daran gewöhnen müssen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen.