Alltag

Netzgeschichten | 10.12.2009 16:03 | Dominik Bardow

Warum twittern gefährlich ist

New Yorker Straßengangs nutzen Twitter - und die Polizei macht virtuell Jagd auf sie. In Deutschland wird derweil ein CDU-Agrarexperte Internetpolitiker des Jahres

Auch für Twitter gibt es noch gute Nachrichten. Zwar ist den Marktforschern des Medienunternehmens Nielsen zufolge zwischen September und Oktober die Anzahl der Besucher auf twitter.com um über ein Viertel eingebrochen, doch dafür hat der Mikroblogging-Dienst ein neues Klientel für sich gewinnen können: Manhattans Straßengangs nutzen Twitter, um verbal Fehden auszutragen und sich zu Offline-Kämpfen zu verabreden, berichtet die New Yorker Zeitung Daily News. Einem Jugendlichen soll ins Bein geschossen worden sein wegen ­eines Streits, den seine Gang mit einem Tweet begonnen hatte. Die Polizei liest die Kurznachrichten mittlerweile mit. Aber die Gang-Mitglieder sind überzeugt, ihr Slang und ihre Kürzel seien für Außenstehende nicht zu verstehen. Mittlerweile haben Gang-Mitglieder auch Facebook und You Tube als Medium zur Selbstdarstellung entdeckt.

Doch ob man die Gang-Tweets bald nur noch gegen Bezahlung lesen kann? Twitter plant jedenfalls laut japanischen Medien bei seiner asiatischen Tochterfirma Twicko Premium-­Accounts einzuführen, denen man nur gegen Geld folgen darf. Ein Finanzierungsmodell bald auch weltweit? Die Gangs könnten damit ­zumindest die Cops abhängen, falls die Tweet-Abos nicht mehr in das notorisch knappe Polizei-Budget passen.

Ein Fall für einen Premium-Account könnte auch Jochen Borchert werden. Der CDU-Mann hat zwar noch nie getwittert und ist bisher eher als Landwirtschaftsexperte aufgefallen, wurde aber jetzt zum „Internetpolitiker des Jahres 2009“ gewählt. Qualifiziert für diesen Preis hat ihn, dass er als einziger CDU-Abgeordneter öffentlich gegen ­Internetsperren gestimmt hat. Vielleicht hat ihn Tochter Katharina ­Borchert dahingehend beraten. Sie ist Chefredakteurin beim WAZ-Portal Der Westen, im Frühjahr wechselt sie als Geschäftsführerin zu Spiegel Online. ­

ANZEIGE

Allerdings ist die Auszeichnung etwas fragwürdig. Abgestimmt haben die Zuschauer der Live-Internet-Sendung „Die Blogger 2009“, laut Veranstaltern gerade mal 820 Menschen. 50 Prozent stimmten für Borchert, Ursula von der Leyen landete mit elf Prozent auf dem dritten Platz. Das lässt an der Ernsthaftigkeit der Abstimmung etwas zweifeln. Genauso wie die Wahl von Kai Diekmann zum „Newcomer des Jahres“ unter den Bloggern, was den Bild-Chef zu einer launischen Dankesrede per Video inspirierte. Ex-Landwirtschaftsminister Borchert scheint sich seiner neuen Vorreiterfunktion gegen Netzsperren auch noch nicht ganz bewusst zu sein: Auf seiner Webseite ­jochen-borchert.de steht nur: „Zugriff nicht erlaubt - Die angeforderte Seite darf nicht angezeigt werden.“

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG