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Kultur : Die Schizophrenie der Zahlschranke

Der Paid Content des Springer-Verlages ist über Google umsonst zu bekommen - und das ist vom Verlag gewollt. Trotzdem könnten bald alle im Netz zahlen.

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Sind wir reif für eine neue Zeitung? Mit diesem Slogan bewirbt der Springer-Verlag seine Schmalspur-Zeitung Welt Kompakt, die seit fünf Jahren mit mäßigem Erfolg auf dem Markt ist. Wirklich neu sind dafür die Bezahlschranken, die Springer in der vergangenen Woche zeitgleich auf den Webseiten von Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt einführte. Für Lokalgeschichten müssen Nicht-Abonnenten in Berlin nun fünf Euro im Monat zahlen, in Hamburg knapp acht Euro.

Doch das System hat große Lücken: Will man eine Bezahlgeschichte gratis lesen, muss man den Titel nur bei Google News eingeben und bekommt einen Link, mit dem man kostenlos auf den gesuchten Text gelangt. Das haben Springers Verlagsmanager nicht etwa übersehen. Es ist Absicht – und gibt einen kleinen Einblick in die momentane Schizophrenie des Nachrichtengewerbes im Netz. Der Verlag will endlich Geld mit seinen Inhalten verdienen, doch damit Leser die Inhalte finden, braucht er Google. Springer steht vor der Wahl: Entweder ein lückenloses Bezahlsystem und kaum Leser oder ein lückenhaftes System, viele Leser und die Hoffnung, dass einige trotzdem noch zahlen.

Das US-amerikanische Wirtschaftsblatt Wall Street Journal hat mit seinen Bezahlinhalten seit Jahren dasselbe Problem. Doch erstmals kommt Google den Verlagen nun entgegen: Der Internet-Riese kündigte an, eine Sperre bei Google News einzubauen, die nur erlaubt, ein bis fünf Bezahlartikel am Tag gratis zu lesen. Ist Google also reif für die neuen Bezahlzeitungen im Netz? Wohl kaum, denn auch diese Sperre lässt sich umgehen: Einfach den Internet-Router aus- und wieder einschalten, Cookies löschen und man kann weitere fünf Artikel lesen, weil Google den Nutzer nicht mehr wiedererkennt. Noch einfacher geht’s, indem man in der Adresszeile statt „www“ einfach „mobile“ eingibt und die Handy-Version des Texts liest, ganz ohne Werbung. Auf die Art verdient ein Verlag wirklich gar nichts mehr.

Ja, zahlt denn überhaupt niemand etwas im Netz? Doch, wahrscheinlich bald alle. Besitzer von internetfähigen Computern und Handys sollen laut Plänen der Ministerpräsidenten künftig 18 Euro im Monat an Gebühren zahlen. Wer nicht zahlen will, soll nachweisen, dass er kein Gerät besitzt, also erst mal auf Verdacht zahlen. Es gibt zwar immer wieder Gerichtsurteile, die Gebühren für Computer und Handys für unzulässig erklären - zuletzt durch das Verwaltungsgericht in Braunschweig - doch ein abschließendes Grundsatzurteil gibt es noch nicht. Kommt es zu einer Entscheidung für die Gebühren, wäre die paradoxe Situation möglich, dass ein Leser online Springers Bezahlinhalte gratis liest und zugleich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterstützt.

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