Der Freitag: Sie jonglieren mit mehreren Jobs, sind also selber ein Arbeitssammler. Hat sich das so ergeben oder haben Sie sich bewusst dazu entschieden?
Peter Plöger: Ich habe nach der Promotion für ein Jahr an der Uni gearbeitet. Danach hatte ich mehrere Nebenjobs, unter anderem als Kurierfahrer. Als ich vorübergehend Arbeitslosengeld bezog, eröffnete sich die Möglichkeit, eine Ich-AG zu beantragen. Die Überlegung war: Deine vielfältigen Interessen kannst du in der Wissenschaft gar nicht verfolgen, weil du dich immer spezialisieren musst. Beim Schreiben geht das eher. Bis jetzt habe ich es nicht bereut.
Sind Sie, um in Ihrer Terminologie zu bleiben, ein Brotjobber?
Ich habe einen sozialversicherungspflichtigen Job als eine Art Sekretär bei einem Schwerstbehinderten. Da bin ich montags und dienstags. In der übrigen Zeit schreibe ich, und ab und an arbeite ich als Theaterpädagoge. Der Sekretärsjob ist aber mein Brotjob.
Für die vielen freien Irgendwas-mit-Medien-Macher hat sich ja der Begriff „digitale Boheme“ etabliert. Ist das nicht bloß ein cooler Euphemismus für an sich unhaltbare Zustände?
Ich wohne ja nur in Bielefeld. Vielleicht sitzen die Leute tatsächlich zu Hunderten mit ihren Netbooks in den Cafés des Prenzlauer Bergs und schreiben ganz tolle Drehbücher. Mag sein, dass diese Chancen in Zukunft mehr Leuten offenstehen werden. Aber auch die Zahl der Arbeitssammler wird zunehmen, und von den negativen Lebensumständen werden immer mehr Leute betroffen sein. Im Grunde ist das Schlagwort „digitale Boheme“ nur ein schickes Label für das sichtbare obere Siebtel des Eisbergs – bei den anderen sechs Siebtel sieht es zum Teil sehr bitter aus. Das sind Leute, die seit Jahren selbständig sind, hochqualifiziert – und sich dann den Zahnersatz nicht leisten können, weil ihnen schlicht und ergreifend das Geld fehlt.
Es gibt zwar vereinzelt Interessenverbände wie z.B. die „Freischreiber“, aber warum gibt es bislang noch keine Gewerkschaft für Arbeitssammler?
Eine gute Frage. Es gibt außer den Freischreibern ja noch andere Interessengruppen: die Aktion Butterbrot zum Beispiel. Was fehlt, ist tatsächlich eine Gesamtvertretung der Arbeitssammler. Damit die Leute sehen, dass sie gemeinsame Interessen haben. Ich möchte da selbst ein bisschen aktiv werden und den Leuten klarmachen: Mögen Journalisten, Rechtsanwälte und Künstler auch beruflich nichts miteinander zu tun haben – die Probleme sind doch ähnlich.
Sie würden sich bei so einer Gewerkschaft also engagieren?
Mit ein paar Kollegen habe ich kürzlich sogar Kontakt zur SPD aufgenommen. Die Leute merken, die Arbeitswelt ist in einem ziemlichen Wandel begriffen. Und die Arbeitssammler sind geradezu ein Makrosymbol für diesen Wandel. Vor allem sind sie eine wachsende Klientel für die Parteien.
Wie müssten die Bildungsinstitutionen auf die Flexibilisierung der Arbeit reagieren?
An den Hochschulen wächst eine Generation von Arbeitssammlern nach, die jetzt ihre Bachelor-Abschlüsse macht. Die Uni qualifiziert die Leute zu einem Beruf – das hat sie ja versprochen nach der Bologna-Reform. Aber was sie nicht macht, ist die Leute auf die Arbeitsverhältnisse vorzubereiten, die einen als Arbeitssammler erwarten: Multijobbing, häufige Veränderungen, zum Teil auch komplette Neuorientierungen. Die Uni müsste auch Sachen lernen lassen, die mit der primären Qualifikation erst mal gar nichts zu tun haben.
Sie fordern, die sozialen Rechte an die Person zu binden und nicht an den Erwerbsstatus. Was heißt das konkret?
Wir müssen davon wegkommen, dass nur, wer ein Erwerbseinkommen erzielt, sich gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit absichern kann. Praktikabler wäre es, Selbständigen einen grundsätzlichen Anspruch auf zumindest eine Minimalversorgung einzuräumen, wenn sie einen Einbruch in der Auftragslage haben. Nehmen Sie das Beispiel Theater: Da werden die Leute ja saisonal beschäftigt, mit ein paar Monaten Pause dazwischen. Das ist das, was ich in meinem Buch „friktionelle Arbeitslosigkeit“ nenne. Wer tritt für diese drei Monate Verdienstausfall ein?
Was halten Sie von der Idee der Bürgerarbeit, also Arbeit, die weder vom Staat noch vom Markt bereitgestellt wird, sondern die dem Gemeinwohl dient?
Viele Arbeitssammler leisten Bürgerarbeit, ohne dass sie dafür bezahlt werden. Ich denke ohnehin, dass sich die ganze Arbeitswelt noch weiter diversifizieren wird. Das hat ja auch Ulrich Beck schon vorhergesagt. Es wird vielleicht ein dreiteiliges Modell entstehen: Ein Drittel der Zeit macht man bezahlte Erwerbsarbeit, ein Drittel der Zeit Bürgerarbeit – und das verbleibende Drittel füllt man mit freier unbezahlter Arbeit im informellen Sektor, zum Beispiel, indem man Güter tauscht oder Dienstleistungen. Ich finde das eine sehr sympathische Idee, weil es dabei letztendlich natürlich viel mehr Freiheit gibt für selbstbestimmtes Arbeiten.
Sie betonen, dass ein Leben als Arbeitssammler auch große Freiheiten eröffnet. Was machen wir mit denen, die vom Zwang zur Freiheit überfordert sind?
Das ist natürlich ein großes Problem. Wir haben sechseinhalb Millionen ALG-II-Empfänger in der Bundesrepublik. Da sind natürlich auch viele Leute dabei, die von der Flexibilisierung völlig überfordert sind. Die mehr Sicherheit und mehr Beständigkeit brauchen. Von daher wäre es angezeigt, zumindest an einigen Stellen die Flexibilisierung wieder zurückzunehmen. Die Frage ist, ob das geht. Da müsste die Politik ganz andere Rahmenbedingungen setzen als die, die uns die Agenda 2010 beschert hat.
Eine dieser Rahmenbedingungen könnte ja das bedingungslose Grundeinkommen sein.
Ja, weil es diejenigen mitversorgt, die nicht diese Selbstbestimmung haben wollen, aber auch autonomeren Typen den Freiraum lässt, das zu machen, was sie machen wollen und ihre Motivation an der richtigen Stelle einzusetzen. Und diese Motivation ist da. Die allermeisten Menschen, auch Hartz-IV-Empfänger, wollen arbeiten.
Ist Arbeit wirklich ein menschliches Grundbedürfnis oder ist dieses Verhalten kulturell erlernt?
Ich glaube, wenn man es etwas umformuliert, stimmt es: Nicht Arbeit ist ein menschliches Grundbedürfnis, sondern Tätigkeit. Arbeit ist laut Hannah Arendt das, was wir zum Selbsterhalt tun müssen. Darüber hinaus gibt es aber auch noch das Herstellen und das Handeln. Da geht es auch um die Freude am Tun selber, um die intrinsische Motivation, die man dabei hat. Und die hat jeder. Außer vielleicht, er ist pathologisch faul – das gibt’s ja vielleicht auch...
Die glücklichen Arbeitslosen...
...die ja vielleicht auch gar nicht faul sind, sondern sich nur einen Spaß daraus machen, die Gesellschaft zu provozieren. Man müsste das eben skizzierte Modell mit Bürgerarbeit und einem Grundeinkommen vielleicht einfach mal ausprobieren, um mehr von dieser intrinsischen Motivation, von diesem Tun-Wollen abzugraben und produktiv, d.h. selbst-produktiv zu kanalisieren.
Spinnen wir mal ein bisschen: Wie sieht denn Europa in 20 Jahren aus, was die großen Fragen angeht, wie Work-Life-Balance, Zukunft der Arbeit? Was wäre ein positives, was ein negatives Szenario?
Die Arbeitssammler werden tatsächlich ein positives Modell für Arbeit sein – weil wir die große Selbstbestimmtheit, die in ihrer Arbeit liegt, in anderen Tätigkeiten auch haben werden. Es wird mehr Leute geben, die das machen, was sie eigentlich machen wollen und nicht einfach nur irgendwo hingehen und stumpfsinnig ihre acht Stunden Arbeit runterreißen – und zu Hause schon wieder vergessen haben, was sie da eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. In meiner Utopie gäbe es dieses freudlose Vor-Sich-Hin-Arbeiten einfach nicht mehr. Wir werden nicht mehr durch gesetzliche Vorgaben daran gehindert, das zu tun, was wir tun wollen. Ich kann vormittags Tischlern, mittags gehe ich zwei Stunden in den Garten und pflege mein kleines Gemüsebeet, mit dem ich mich zu einem Teil selbst versorge...
Also das gute alte Marx'sche Ideal, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, mittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden“?
Wenn Sie so wollen, ja.
Das war jetzt die positive Utopie – wie sähe die Negativutopie aus?
Ökonomische Sachzwänge, die dazu führen, dass man möglichst kein Geld ausgibt, auch nicht für Personal. Es geht nur noch darum, möglichst effizient zu arbeiten und den Shareholder Value oben zu halten. Was letztlich bedeutet, Leute rauszuschmeißen oder zu „flexibilisieren“. In meiner Dystopie würde sich das dann in allen Branchen breitmachen. Wir haben dann nur noch Kernbelegschaften von deutschlandweit einigen Hunderttausend festangestellten Arbeitnehmern, alle anderen sind lose drangehängt und können jederzeit freigesetzt werden. Und ich fürchte, alles, was die deutsche Politik in den letzten fünfzehn Jahren gemacht hat, geht eher in diese Richtung
Dies ist die Langfassung des Interviews in der aktuellen Ausgabe des Freitag. Wir freuen uns, dass Peter Plöger unser Gespräch prompt zum Anlass genommen hat, einen eigenen Blog auf freitag.de anzulegen!
In seinem Buch Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten: Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt, das Anfang März 2010 im Hanser Verlag erscheint, beschreibt Peter Plöger die Auswirkungen der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts in den letzten fünfzehn Jahren. Für sein Buch hat er viele qualitative Interviews mit Soloselbständigen geführt, die sich oft mit den seltsamsten Jobkombinationen durchschlagen, aber alle eine Erfahrung teilen: Sie sind häufig besser qualifiziert als ihre festangestellten Kollegen, stehen ständig Gewehr bei Fuß, verdienen aber oft so wenig mit ihrer Arbeit, dass sie sich weder Urlaub noch Zahnersatz leisten können. Plöger unterscheidet – korrekt „gegendert“ – die Brotjobberin, den Parallelarbeiter, die Wechslerin, die Rigorose und den Proteus. Letzterer verfügt über breite Basiskompetenzen und arbeitet mal hier mal da. Der Brotjobber zieht aus der Erkenntnis, von seiner „eigentlichen“ Arbeit nicht leben zu können, die Konsequenz, sich eine feste Nebentätigkeit zu suchen, die ihm ein regelmäßiges Grundeinkommen sichert, während die Rigorose keine Kompromisse eingeht und lieber von Nudeln mit Tomatensauce lebt, als Abstriche von ihrem beruflichen Ideal zu machen.
Der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten ist unter freischreiber.de im Netz zu finden. Die Aktion Butterbrot setzt sich für die Verbesserung der Situation von Lehrern in Integrationskursen ein. Sie sind oft unterbezahlte, akademische Hartz IV-Aufstocker
|
|
Endlich mal ein sinnvoller- und vor allem realistischer- Gegenpol zum ach so trendigen Sascha Lobo, den ich nie so ganz ernst nehmen konnte. Digital Bohème- ein Witz! Auch wenn ein Teil der Bohème-Besatzung einst den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen hat. Das macht die Sache auch nicht besser: Der Prenzlauer Berg ist schliesslich nicht der Nabel der Welt!
Vielen Dank auch für dieses Interview- es lohnt sich immer wieder von Neuem, den Freitag online zu lesen ;-) |
|
|
Freut mich, daß tatsächlich noch jemand außerhalb des Prenzlbergs wohnt!
"Wir nennen es Arbeit" habe ich tatsächlich eher als Trendreport gelesen. Friebe und Lobo können nicht ernsthaft der Meinung sein, daß die kleinen Leute von heute - und das sind die mit den Netbooks - alle so arbeiten, wie sie es in ihrem Buch beschreiben. Aber Trends lassen sich eben auch setzen, und dazu muß die ZIA ja schon von Berufs wegen neigen. |
|
|
Sehr schön, mit dem Autor persönlich Kontakt zu haben! Ich wüsste nicht, wo das in der Online Medienlandschaft sonst noch möglich ist!
Natürlich taucht im Zusammenhang mit Sascha Lobo immer wieder auch das Thema der (sozialen) Verantwortlichkeiten auf, weil sich seine Thesen vieleicht für Alleinstehende ohne Anhang eignen- doch für Familienväter- und Mütter, Alleinerziehende oder Scheidungsväter sind die von Sascha Lobo und Holm Friebe seinerzeit aufgestellten Denk- und Arbeitsmodelle schlicht unbrauchbar. Da mein Fachgebiet der Arbeitsmarkt ist, bin ich äusserst gespannt auf Ihre Thesen und Schlussfolgerungen, Herr Plöger. Ihr Buch habe ich bereits vorbestellt. |
|
|
Freut mich auch, mit Lesern in Kontakt zu sein!
|
|
|
Hoch interessant! Die US-Unart, gleich mit mehreren Jobs oder selbständigen Tätigkeiten auskommen zu müssen, hat uns längst eingeholt. Auch ich betreibe diesen Seitanz seit fast 20 Jahren, immer als Gratwanderung, immer mit dem Risiko zu scheitern und abzustürzen.
Was wissen die Saturierten davon, die Gewerkschafts-Funktionäre, die Staatsbeamten in Forschung und Lehre und sonstwo. Ein (Rezensions-) Expemplar des Buches würde ich an Guido Westerwelle schicken, zur tieferen Meditation über die "real existierende Arbeitssituation in der Bundesrepublik Anno Domini 2010" aus der Sicht eines Nicht-Faulen! Ein weiteres Exemplar könnte an den DGB gehen, an die SPD, an die Linke etc. etc. - zur Inspiration! Vielleicht hält Westerwelle bald wieder einen Vortrag in einer Hotelkette ... über das Leistungs-Prinzip ... und über die intellektuell degenerierten Nassauer? Pecunia non olet! Und "honi soit qui mal y pense! Carl Gibson |
|
|
Darf ich neugierig fragen, wie der Seiltanz denn bei Ihnen ausgesehen hat? Was haben Sie denn schon alles durch an Erwerbsbemühungen?
|
|
|
Die Bandbreite reicht vom Unidozenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter über Journalist und Autor bis in den PR- und Marketing-Bereich und zum Ghostrwiter, wo man seine Bildung einsetzt, damit andere glänzen. Ein Trost: Ich durfte nahe an Kunst und Geist (am Buch) überlegen, während andere Geisteswissenschafter manchen niederen Job über sich ergehen lassen mussten. Der allgemeine Niedergang in der Arbeitswelt sezte bereits vor 20 Jahren ein - heute ist alles noch viel schlimmer geworden. Wohl dem, der seinen Zahnersatz schon im Mund hat. Carl Gibson
|
|
|
Diss fertig, wunderbar! Ansonsten "armer Poet", na und? Wichtiges und Unwichtiges zu unterescheiden hat er gelernt, der Rest ist periphaer. Buergerlichkeit in ihrer schoensten Form, die anderen sind nur Friseure.
|
|
|
Ach wissen Sie, wenn es nur um ein paar arme Poeten ginge ...
Es sind einfach zu viele, die "arbeitssammeln", und sie kommen aus Berufen und Herkünften, an die beim Thema Prekarität bislang kaum jemand denkt. Da noch "Bürger" und "Friseure" auseinanderhalten zu wollen, halte ich für schwierig, wenn beide nur 5 Euro verdienen. Vielleicht kriegen Sie das ja hin, lieber Fritz Teich. |
|
|
"Da noch "Bürger" und "Friseure" auseinanderhalten zu wollen, halte ich für schwierig, wenn beide nur 5 Euro verdienen."
Sehr schön gesagt. |
|
|
Ich kann die Diagnosen aus eigener Anschauung (leider) für einen Teilbereich des Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte nur bestätigen. Eigentlich wollte ich an die Uni. Doch feste Stellen muss man mit der Lupe suchen. Ein Einstieg scheint unmöglich. Ich (Geisteswissenschaftler) schlage mich deshalb schon einige Zeit als Freiberufler mit Lehraufträgen und anderen "Jobs" durchs Leben. Inzwischen kenne ich eine Reihe von Leuten, die wie ich gut ausgebildet sind, denen es aber genauso geht.
Das Problem ist die fehlende Organisiertheit. Vor zwei Wochen war ich auf einer Veranstaltung der GEW, die allmählich wahrzunehmen beginnt, dass in manchen Unis 20, 30, manchmal sogar 40% der Lehre mit mies bezahlten Lehraufträgen abgewickelt wird, statt wie früher durch wissenschaftliche Mitarbeiter. Was mich allerdings schockiert hat: die GEW kann eigentlich fast nichts gegen die Austrocknung des universitären Mittelbaues machen. Es fehlt eine Sanktionsmacht. Ich habe auf der Veranstaltung gelernt, dass zwischen 1997 und 2008 bei steigenden Studentenzahlen viele Tausend reguläre Mittelbau-Lehrkräfte (sozialversicherungspflichtig) abgebaut und durch Lehrauftrags-Freelancer ersetzt wurden. |
|
|
Genau diesen Austausch des akademischen Mittelbaus durch locker drangehängte Lehrkräfte kenne ich auch aus meinem nächsten Umfeld. Die Unis verfahren mittlerweile nicht anders als Wirtschaftsunternehmen, die ihre Kernbelegschaften so weit wie möglich reduzieren und die meiste Arbeit durch "Freie" erledigen lassen, die man schnell wieder loswerden kann. Vertragspartnerschaft statt Anstellungsverhältnis - den lehrenden Vertragspartnern nutzt das ebensowenig wie den Studierenden. Und ob die Unis langfristig so viel davon haben, wie sie offenbar denken, bleibt abzuwarten.
Ich würde ja gerne mehr über die GEW-Veranstaltung wissen. Gibt es dazu mehr online? |
|
|
Nein, online gibt es dazu nichts. Die Veranstaltung fand an der Uni Potsdam statt und stellt für Brandenburg ein Novum dar. Der Leidensdruck ist hoch, wie die Besucherzahl (ca. 40) belegt. Es wurde sich viel auf die GEW Berlin und deren AG Lehrbeauftragte bezogen. Die haben gerade einige kleinere Erfolge erzielen können:
www.gew-berlin.de/549.htm Die brandenburgische GEW will jetzt nachziehen. Die Gewerkschaft will mit einer Anfrage im Landtag ersteinmal Material erheben lassen über die genauen Zahlen von prekär Beschäftigten an den Unis des Landes. Parallel beginnen Vernetzungen zwischen Lehrbeauftragten und anderen Prekären. Nun, da ich gerade diesen Post schreibe, erhalte ich eine Mail mit der Nachricht, dass morgen im Tagesspiegel ein offener Brief aus diesem Kontext erscheint: www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,3044403 |
|
|
Nachtrag: heute (1.3.2010) kurz vor drei hat Sabine Volk, die aus dem von mir oben geschilderten Kontext stammt, ein Interview auf D-Radio Kultur gegeben:
wissen.dradio.de/index.59.de.html?drn:news_id=3764&drn:date=1267441200&sid= Anhören kann man es aber offenbar dort nicht... |
|
|
Vielen Dank für die Tips! Vor allem das GEW-Material ist sehr ausführlich.
Ich würde selbst gerne daran mitarbeiten, die Arbeitssammler weiter als bisher zu bündeln, damit nicht jeder kleine Berufsverband alleine vor sich hin köchelt. Mit der GEW Berlin und Potsdam werde ich auf jeden Fall Kontakt aufnehmen. Es lohnt sich auf jeden Fall, weil die Probleme, die die Lehrbeauftragten haben, denen anderer Hochqualifizierter wirklich sehr ähnlich sind. |
|
|
Na denn, dann sehen wir uns vielleicht mal in diesem Kontext. In Freiburg gibt es übrigens eine ähnliche Inititiative wie jene in Potsdam. Da scheint allmählich ins Rollen zu kommen.
PS: Kann man hier im Forum direkt Kontakt miteinander aufnehmen? Möchte meine E-Mail-Adresse nicht hier posten... |
|
|
Das weiß ich leider auch noch nicht. Ich werde einmal in der Redaktion nachfragen.
|
|
|
Liebe(r) E H, lieber Herr Plöger,
Sie können einander über "der Freitag >> Community >> Mein Freitag >> Post" persönliche Nachrichten schicken und auf diese Weise auch E-Mail-Adressen austauschen Schöne Grüße Axel Henrici |
|
|
Lieber E H, ich vermute, Sie müssen mir zuerst eine Nachricht schicken, da Sie beim Freitag keine Seite haben, auf der ich Sie erreichen kann.
|
|
|
Lieber E H,
Sie sind bislang nur als Kommentator bei uns registriert. Wenn Sie in den Einstellungen kurz eine Profilbeschreibung vornehmen und diese abspeichern, wird für Sie ein Profil angelegt, über das andere Nutzer Ihnen Nachrichten schreiben können und Sie Zugang zu einem Postfach haben. Herzliche Grüße Teresa Bücker |
|
|
Ein schöner Beitrag zum Verbreitern einer noch nicht in notwendiger Intensität geführten Diskussion. - Zugleich einer, der zeigt, wie wenig bekannt die schon existierenden Versuche die Interessen von Solo-Selbstständigen zu vertreten sind. Das mag - der Beitrag von Carl Gibson zeigt es - auch mit lieb gewonnenen Vorurteilen zusammenhängen, die ohne Realitätscheck die Jahrzehnte überdauern. Die Gibson-Frage: "Was wissen die Saturierten davon, die Gewerkschafts-Funktionäre, die Staatsbeamten in Forschung und Lehre und sonstwo" ist leicht zu beantworten: In all diesen Gruppen gibt es an den unterschiedlichsten Stellen sehr viel Wissen über die Transformation der Arbeitsmärkte und -formen sowie stellenweise jahrzehntelange Bemühungen, daraus gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen. Zugegeben: Man muss sich, um die Erkenntnisse zu finden, ein wenig Mühe machen, um herauszufinden wer sich schon alles wie mit Solo-Selbstständigen (und anderen angeblich untypischen Arbeitsformen) beschäftigt.
Als Beispiel für eine Gruppe, die das tut, greife ich mal die "saturierten Gewerkschaftsfunktionäre" (Carl Gibson ) heraus, bei denen ich das persönlich noch am besten beurteilen kann. Unter diesen Funktionären ist die individuelle Kenntnis über die verschiedenen Arbeitsformen und -bedingungen sicher so unterschiedlich ausgeprägt, wie es die Schwerpunkte ihrer Arbeitsfelder sind. Aber so wie es prekäre und sehr gut verdienende Selbstständige gibt, gibt es auch sehr stark betrieblich orientierte Funktionäre und solche, die eher mit den neuen (und noch keineswegs überwiegenden) Arbeitsformen vertraut sind. - Genau wegen dieser Aufgaben- und Arbeitsteilung gibt es daher beispielsweise seit der Gründung der Gewerkschaft ver.di in ihr das berufsgruppenübergreifende "Referat für Selbstständige" (in dem auch ich - nach 15 Jahren Selbstständigkeit - mitarbeite). Dieses Referat kümmert sich ausschließlich um die Interessen selbstständiger "Arbeitssammler" von denen übrigens bereits 30.000 Personen Gewerkschaftsmitglied sind. Wohl auch, weil sie neben einer gesellschaftspolitischen Status-Vertretung auch eine konkrete berufliche Unterstützung über das (gewerkschaftliche) www.mediafon.net sowie die Fachgruppen der ver.di erhalten. Damit ist aus meiner Sicht auch schon ein Stück weit die Interview-Frage "Warum gibt es bislang noch keine Gewerkschaft für Arbeitssammler?" beantwortet. - Es ist zwar wenig bekannt aber es gibt sie und das vernünftigerweise nicht als eine weitere (berufsständische) Vertretung von Partikularinteressen. Denn zur Normalität der Arbeitswelt gehört schon länger auch der permanente Statuswechsel zwischen Anstellungen, Selbstständigkeit, Erwerbslosigkeit und der ganzen Palette von Status-Mischformen. Genau deshalb agiert eine Gewerkschaft wie ver.di (und teilweise auch der DGB, der aktuell eine Broschüre "Tipps für Selbstständige" herausgeben hat) gleichzeitig in allen Bereichen, in denen Menschen arbeiten und kann und will so - anders als die im Artikel hervorgehobenen "Freischreiber" und die "Aktion Butterbrot" - auch als Gesamtvertretung aller Arbeitssammler in allen Berufen agieren. Die Vorstellung, dass "jeder kleine Berufsverband alleine vor sich hin köchelt" (Peter Plöger) ist auch für mich eine Schreckensvision. - In diesem Sinne: ich freue mich darauf, in dem Buch Anregungen für die effektivere Vertretung von Arbeitssammlern zu finden! |
|
|
Der Hinweis auf mediafon ist richtig (und war auch Thema in der ungekürzten Rohfassung des Interviews), es bleibt aber die Frage, ob eine Gewerkschaft wie Verdi, die vom Müllmann bis zur Literaturübersetzerin alle möglichen Berufe vertreten muss, wirklich effektiv die sehr spezifischen Interessen der Arbeitssammler vertreten kann. Die Lokführer sind ja ein gutes Beispiel dafür, dass manchmal eine kleine motivierte Einzel-Vereinigung mehr bewirken kann. (Der Vergleich hinkt natürlich insofern, als die Lokführer eine konkrete Berufsgruppe sind, und die Arbeitssammler eine Gruppe, die sich über eine abstrakte Ähnlichkeit der Arbeitsbedingungen definiert, aber worauf ich hinaus will, ist dass Verdi im Zweifel eben eine klassische gewerkschaftliche "Stundenlohn-Politik" vertritt, die den Interessen Selbständiger - Stichwort: Beteiligungen aus Urheberrechten - nicht immer gerecht wird.) Man muss sicher beides tun: die Zersplitterung überwinden und schlagkräftige Organisationen aufbauen, aber auch viele kleine Sprachrohre schaffen, die bestimmte Partikularinteressen überhaupt erst einmal artikulieren.
|
|
|
Lieber Axel Henrici, nur eine Gewerkschaft die alle möglichen Berufe vertreten muss, kann meiner Überzeugung nach auch die Interessen der Arbeitssammler (ebenso wie der Leiharbeiter etc.) wirklich effektiv vertreten. Denn erstens haben die (was von außen tatsächlich nicht leicht zu sehen ist) ihre "eigenen Kreise", da sie in der Großorganisation ver.di einerseits als Berufsgruppe (z.B. Übersetzerverband in ver.di oder JournalistInnenunion in ver.di) selbstständig agieren (also ihre Interessen berufsbezogen vertreten) können, andererseits auch bei Interesse statusbezogen (in den Selbstständigenkommissionen) arbeiten können. - Und das Beispiel mit den Lokführern hinkt vor allem deswegen, weil die ja eine echte Streik- und Verhandlungsmacht haben. Das Problem bei den Solo-Selbstständigen ist ja gerade, dass sie leider in aller Regel keinen Druck entwickeln können. Daher sind sie geradezu darauf angewiesen, dass andere (etwa Müllmänner) ihnen ein wenig Organisationsmacht "leihen". - Und natürlich ist ver.di von Arbeitnehmern dominiert und macht als Gesamtorganisation sicher keine reine Arbeitssammler-Politik. Aber - glaubt es oder nicht - die Selbstständigen in ver.di entwickeln dort ganz autonom ihre eigenen Positionen, die auch auf die der Gesamtorganisation wirken. (Beispiel: freie.verdi.de/aktive_selbststaendige/selbststaendigen_programm )
Keinerlei Einwand habe ich natürlich zu dem Satz: "Man muss sicher beides tun: die Zersplitterung überwinden und schlagkräftige Organisationen aufbauen, aber auch viele kleine Sprachrohre schaffen, die bestimmte Partikularinteressen überhaupt erst einmal artikulieren." Ich wollte nun nicht behaupten, dass ver.di die allein selig machende Organisation ist. Daneben haben viele andere Platz und machen eine gute Arbeit. Aber - und das wird von kleinen und berufsständischen Organisationen gern übersehen: Wenn es um "größere Dinge" wie etwa die soziale Sicherung aller Selbstständigen geht, sind Partikularinteressen eher hinderlich. PS: Das Beispiel Beteiligung aus Urheberrechten verstehe ich an dieser Stelle nicht. Hier hat sich ver.di nun wirklich über viele Jahre als schlagkräftigste Organisation der Republik hervorgetan. - Vielleicht sollten wir das mal außerhalb dieses Blogs klären? |
|
|
Gern, ich wollte da nicht zu sehr ins Detail gehen. Ich beziehe mich da vor allem auf die Auseinandersetzungen innerhalb des Verbands der Literaturübersetzer zur Strategie für die Vergütungsverhandlungen mit den Verlagen, wo die eine (mehr klassisch gewerkschaftlich orientierte) Fraktion letztlich in Richtung "gerechter Stundenlohn" argumentierte, während es der anderen (unternehmerisch orientierten "Selbständigen"-) Fraktion, vereinfacht gesagt, vor allem auf eine faire Beteiligung an den Verlagserlösen ankam.
Ich glaube aber im Übrigen, dass wir - Sie und ich - uns, was das Grundsätzliche angeht, relativ einig sind. Ich bin (aus leidvoller Erfahrung) nur nicht ganz so optimistisch, was die Autonomie der einzelnen Berufsstände innerhalb von Verdi angeht. Es gibt da schon ein gewisses zentralistisches Interesse, Dinge auf eine bestimmte Weise anzugehen - für eine Organisation von der Größe vielleicht ja auch unvermeidlich. Genau deshalb meine ich ja: Wir brauchen beides. |
|
|
sehr interessant, dieses interview und der nachfolgende diskussionsblog. auch wenn ich etwas spät dran bin, die diskussion stammt ja schon von februar/ märz, so möchte ich mich noch einmal einklinken. und zwar weil ich mit diesem thema der soloselbständigen selbst, und zwar auf verschiedenen ebenen sogar, verbandelt bin. das kuriose an meiner berufssituation ist, daß ich in mehrfacher hinsicht sowohl "expertin" als auch betroffene bin, theoretisch wie auch praktisch (auf beiden seiten des schreibtisches) arbeite. dies geht bis dorthin, daß ich, in meinem letzten projekt, sowohl auftragnehmerin der ba war, die beabsichtigte, eine neue maßnahme zu entwickeln für eine zielgruppe, mit der ich jahre zuvor auch in der praxis arbeitete (und wenn man es ganz genau nimmt, so kann ich mich sogar selbst zu dieser zielgruppe zählen). und gleichzeitig war ich aufstocker und also "kunde" der ba, im ergänzenden hartz iv-bezug, für die ich maßnahmen mit vorbereitete. diese schizophrenie gab es in meinem berufsleben der letzten ajhre mehrfach, wenn auch nicht so extrem zugespitzt wie in diesem falle. das war wirklich die absolut genaial verdrehte konstruktion.
dieser konstellation wegen bin ich momentan sogar freiwillig "vollzeit-arbeitslos", also selbst h4-empfänger (wenn auch sicher nicht für immer, irgendein projekt wird sich schon wieder finden oder entwickeln und beantragen lassen) und also grundsätzlich ebenfalls von maßnahmen bedroht, wenn ich nicht aufpasse. (allerdings habe ich vermutlich insofern glück, als daß man mit leuten wie mir in dieser behörde nichts anfangen kann, meine kompetenzen sind groß genug, daß ich gut und gerne auch deren job machen könnte, was ich ja gelegentlich in der tehpretischenzuarbeit sogar tue. insofern traut man sich an mich, so glaube oder besser hoffe ich, nicht so recht ran mit sanktionen) seit einigen monaten bin ich also freiwillig in dieser auszeit und habe selbst begonnen, mich mit dieser situation zu beschäftigen. internet, bücher, sonstige recherche. und bin hierbei auch kürzlich in einem radiobeitrag auf plögers buch gestoßen, dessen internetausschnitte ich bereits gelesen habe. soweit ich das beurteilen kann, stimmen sie mit meinen eigenen erfahrungen + recherchen überein. vor jahren habe ich mich bemüht, mit den gewerkschaften darüber in verbindug zu treten, habe aber nicht einmal eine antwort bekommen. meine damaligen kollegInnen (ich war noch im sozialbereich, an der "front", tätig) beschworen mich, nichts zu unternehmen. ich solle doch froh sein, daß ich überhaupt arbeit habe. dies war ich aber nicht. soziale arbeit ist unter diesen bedingungen auf dauer nicht tragbar, gerade auch für die zielgruppe nicht. und wenn man sich gemeinsam mit der zielgruppe alle halbe jahr gemeinsam wieder auf der straße trifft, wenn man als ebenfalls arbeitslos bzw- -suchend gemeldete im 1-euro-job andere arbeitslose betreut, dann stellt man sich irgendwann schon fragen. und zieht dann auch irgendwann konsequenzen. ich selbst habe "den dienst quittiert", ich arbeite nicht mehr zu den konditionen. denn wer sich dem beugt, muß sich nicht wundern, daß die bedingungen immer noch schlechter werden. denn so lange es leute gibt, die das bereit sind zu tun, werden die bedingungen noch weiter verschlechtert. eine zeitlang habe ich dann selbst, über zeitungs- und internetanzeigen versucht, interessenten zu sammeln für eben eine solche interessenvertretung der prekären hochqualifizierten. und habe feststellen müssen, daß diese gruppe, wie auch schon festegestellt, so heterogen ist, in ihren lebenslagen wie in ihren interessen, daß sie schwer zu organisieren ist. ich halte es aber nicht für unmöglich. denn parallel zu dieser heterogenität entfalten sich ja auch zunehmend die möglichkeiten des internet. und ich denke, dies ist das adäquate organisationsmittel für eine solche "bunte truppe", die es zu bndeln gilt. gewerkschaften des alten formats halte ich für zu schwerfällig. sie vertreten heute eh nur noch die interessen der eher privilegierten arbeitnehmer. (was aber auch nicht verkehrt ist, denn daß die müllmänner ihre komfortablen arbeitsbedingungen verteidigen - hier in berlin - und nicht preiszugeben bereit sind, ist ein segen, denn so kann man immer noch zeigen: seht, es geht doch! das darf nicht preisgegeben werden. denn nicht die untersten standards sollen das ziel sein, sondern die alten gewerkschaftlich erkämpften rechte müssen verteidigt werden. insofern bin ich auch schon noch mit dieser "alten schule" aufgewachsen und ahbe diese verinnerlicht. sie entsprechen nur heute absolut nicht mehr den realen bedingungen, die total flexibilisiert sind. und die gewerkschaften sind einfach zu behäbig, um dem etwas entgegenzusetzen. sie haben noch lange nicht ebgriffen, wo der hase lang läuft. vor allem reagieren sie viel zu spät. ganz zu schweigen vom agieren. ich habe großes interesse an dem gedankenaustausch bzw. der entwicklung von modellen, die in der lage sind, halbwegs erträgliche lebens- und arbeitsbedingungen zu schaffen. denn, darin hat herr plöger (u.a.) sehr recht: bei allen nachteilen, die die extreme unsicherheit mit sich bringt, aber auf meine gewonnene freiheit möchte ich tatsächlich nicht emhr verzichten wollen, lieber auf ein stück wohlstand als meinen gestaltungs- und entscheidungsfreiraum einzuschränken und einer weisungsmacht unterstellt zu sein. dazu wäre ich sicher nicht mehr in der lage. aber die totale flexibilisierung kann es eben auch nicht sein. da muß es lösungsansätze geben, auszugleichen, das eine nicht zu lassen, aber ideen zu entwickeln, wie diese extreme unsicherheit trotzdem abgefedert werden kann und so eine konzentration auf die eigentliche arbeit und eine entwicklung von perspektiven möglich wird. |
|
|
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die mangelnde Gegenwehr prekärer Hochqualifizierter nicht allein der Heterogenität der Betroffenen oder eventueller gewerkschaftlicher Verkrustungen geschuldet ist. Vor einigen Jahren sah ich einen sehr guten Bericht auf ARTE, der so glaube ich, den ungefähren Titel trug "Generation 1000 €" und sich mit der Situation der "Generation precaire" in Frankreich und ich meine auch in Italien beschäftigte. So wie ich das erinnere, war in dieser Dokumentation zwar weniger die Rede von organisierter Gegenwehr, aber es schienen sich zumindest ein anderes Bewusstsein und kulturelle Milieus herauszubilden, in denen ein stärkerer Zusammenhalt unterschiedlicher Betroffener herrschte (z.B. Kneipen, die zwar kostengünstig waren, aber ansonsten eher die milieuspezifischen Merkmale des Akademikertums trugen). In Deutschland wird die Problematik prekärer Akademiker allenfalls und allein als "Generation Praktikum" thematisiert, also als ein Problem des Übergangs vom Studium in den Beruf, und ansonsten überwiegend individualisiert.
Vielleicht ist es an der Zeit, eine Plattform oder ein Forum zu schaffen, in dem zunächst einmal der Austausch der Betroffenen ermöglicht wird. - um der Isolation als selbstverschuldetes Einzelschicksal zu entrinnen (dabei war ich doch immer so leistungsorientiert) - zum Zwecke des Informationsaustausches typischer Themen wie Selbständigkeit und HartzIV (ich schätze beispielsweise das Forum "Tacheles" in bezug auf Hartz IV-Fragen sehr, bei spezifischen Fragen wie "Hartz IV und Freiberuflichkeit" wird es schon mal schwieriger) - um Aspekte von Selbstwirksamkeit unter diesen Bedingungen zu diskutieren (wie Kreativität, Selbstverwirklichung unter prekären Bedingungen) - und vielleicht könnte irgendwann die Entdeckung von Gemeinsamkeiten auch in die Entwicklung von Stragien der Gegenwehr münden... |
|
|
hallo morgenroth, das ist ein interessanter vorschlag, den du machst. ich persönlich habe den versuch dazu schon vor inzwischen ca. 6-7 jahren das erste mal unternommen. und bin heute auch noch dabei.
das interessante ist, was ich in diesem zshg. kennengelernt habe, daß diese idee sehr viele schon hatten. und daß es entsprechend viele ansätze bereits dazu gibt. auch im internet gibt es viele plattformen, einschließlich blogs. es gibt viele energien, die hier schon darauf verwendet werden. mit dem effekt aber, daß es eine vernetzung im sinne der zentralen sammlung an einem punkt nicht mehr gibt. dafür aber ein weit gespanntes netz, im internetz genauso wie im leben. über sinn und zweck solcherart vernetzungen denken auch schon viele nach. denn sie sind eine zentrale erscheinung. die auch damit zusammenhängt, wie heterogen eben diese zielgruppe ist, in ihren eigenen zielen genauso wie in ihren ansprüchen etc. UND, so meine erfahrung, trotz des verbalen ansinnens, sich zu vernetzen, zusammen zu tun etc., grenzt man sich in der realität doch stark voneinander ab. weil man nicht nur das gemeinsame hat, sondern insbesondere in dieser gruppe auch gegnseitig konkurrenz darstellt. und so ist die vernetzung doch eher oberflächlich und brüchig, trägt oft nicht, hält belastungen kaum stand. ich bezeichne das mit dem bild der von blume zu blume fliegenden bienen, der honigsammler. und das bedeutet, daß die vernetzten teilnehmer doch stärker auf ihre eigenen interessen ausgerichtet sind, dies ist das eigentliche interesse zur vernetzung. so weit meine realen beobachtungen. allerdings beobachte ich darin auch veränderungen, die die zunehmenden verunsicherungen mit sich bringen. d.h. dies ist, wie sonst im leben auch, kein fixes verhalten, sondern variabel, wie das eben so ist in umbruchzeiten, in denen neue möglichkeiten gesucht werden, die die alten nicht mehr funktionierenden zu ersetzen in der lage sind. aber wie auch immer, es ist schwierig, die gruppe der prekären hochqualifizierten zu organisierten. mit den herkömmlichen mitteln der gewerkschaften ist das jedenfalls nicht möglich. es gibt allerdings auch ansätze, die schon seit einer ganzen weile existieren (lange VOR meinen eigenen bemühungen z.b.) und der ursprung dieser liegt in münchen. diese gruppe existiert sowohl in der realität als auch im internet. es ist das "netzwerk erwerbsloser akademiker" nea www.nea-ev.de/ allerdings ist auch dort die organisationskraft eher schwach. aber viele informationen bekommt man von dieser seite schon. und sie haben bereits viele jahre erfahrung mit dem thema. allerdings hauptsächlich bezogen auf münchen und bayern. ich persönlich hielte es für sinnvoll, ähnliche "ortsgruppen" wie diese in verschiedenen städten und regionen aufzubauen. in berlin ist es mir bisher allerdings 2005/06 nicht gelungen, dafür waren die protagonisten zu "flatterhaft" und wenig stetig. daher habe ich die bemühungen darum erst mal eingestellt. vielleicht ist der leidensdruck aber inzwischen doch schon etwas größer geworden, so daß man einen neuen versuch starten könnte. |
Ausgabe 35/10
02.09.2010
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.20 €
>> bestellenBoing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge
Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen
Jezebel
Das US-Frauennetzwerk
maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen
flannel apparel
girlism. großkariert.
nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen
Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule