Promoviert mit Zahnlücke

Im Gespräch Viel gelernt und nichts gewonnen? Der Autor Peter Plöger über Arbeits­verhältnisse zwischen Selbstverwirklichung und Prekariat

Der Freitag: Sie jonglieren mit mehreren Jobs, sind also selber ein Arbeitssammler. Hat sich das so ergeben oder haben Sie sich ­bewusst dazu entschieden?

Peter Plöger: Ich habe nach der Promotion für ein Jahr an der Uni gearbeitet. Danach hatte ich mehrere Nebenjobs, unter anderem als Kurierfahrer. Als ich vorübergehend Arbeitslosengeld bezog, eröffnete sich die Möglichkeit, eine Ich-AG zu beantragen. Die Über­legung war: Deine vielfältigen Interessen kannst du in der Wissenschaft gar nicht verfolgen, weil du dich immer spezialisieren musst. Beim Schreiben geht das eher. Bis jetzt habe ich es nicht bereut.

Sind Sie, um in Ihrer Terminologie zu bleiben, ein Brotjobber?

Ich habe einen sozialversicherungspflichtigen Job als eine Art Sekretär bei einem Schwerstbe­hinderten. Da bin ich montags und dienstags. In der übrigen Zeit schreibe ich, und ab und an arbeite ich als Theaterpädagoge. Der Sekretärsjob ist aber mein Brotjob.

Für die vielen freien Irgendwas-mit-Medien-Macher hat sich ja der Begriff „digitale Boheme“ etabliert. Ist das nicht bloß ein cooler Euphemismus für an sich unhaltbare Zustände?

Ich wohne ja nur in Bielefeld. Vielleicht sitzen die Leute tatsächlich zu Hunderten mit ihren Netbooks in den Cafés des Prenzlauer Bergs und schreiben ganz tolle Drehbücher. Mag sein, dass diese Chancen in Zukunft mehr Leuten offenstehen werden. Aber auch die Zahl der Arbeitssammler wird zunehmen, und von den negativen Lebensumständen werden immer mehr Leute betroffen sein. Im Grunde ist das Schlagwort „digitale Boheme“ nur ein schickes Label für das sichtbare obere Siebtel des Eisbergs – bei den anderen sechs Siebtel sieht es zum Teil sehr bitter aus. Das sind Leute, die seit Jahren selbständig sind, hochqualifiziert – und sich dann den Zahnersatz nicht leisten können, weil ihnen schlicht und ergreifend das Geld fehlt.

Es gibt zwar vereinzelt Interessenverbände wie z.B. die „Freischreiber“, aber warum gibt es bislang noch keine Gewerkschaft für Arbeitssammler?

Eine gute Frage. Es gibt außer den Freischreibern ja noch andere Interessengruppen: die Aktion Butterbrot zum Beispiel. Was fehlt, ist tatsächlich eine Gesamtvertretung der Arbeitssammler. Damit die Leute sehen, dass sie gemeinsame Interessen haben. Ich möchte da selbst ein bisschen aktiv werden und den Leuten klarmachen: Mögen Journalisten, Rechtsanwälte und Künstler auch beruflich nichts miteinander zu tun haben – die Probleme sind doch ähnlich.

Sie würden sich bei so einer Gewerkschaft also engagieren?

Mit ein paar Kollegen habe ich kürzlich sogar Kontakt zur SPD aufgenommen. Die Leute merken, die Arbeitswelt ist in einem ziemlichen Wandel begriffen. Und die Arbeitssammler sind geradezu ein Makrosymbol für diesen Wandel. Vor allem sind sie eine wachsende Klientel für die Parteien.

Wie müssten die Bildungsinstitutionen auf die Flexibilisierung der Arbeit reagieren?

An den Hochschulen wächst eine Generation von Arbeitssammlern nach, die jetzt ihre Bachelor-Abschlüsse macht. Die Uni qualifiziert die Leute zu einem Beruf – das hat sie ja versprochen nach der Bologna-Reform. Aber was sie nicht macht, ist die Leute auf die Arbeitsverhältnisse vorzubereiten, die einen als Arbeitssammler erwarten: Multijobbing, häufige Veränderungen, zum Teil auch komplette Neuorientierungen. Die Uni müsste auch Sachen lernen lassen, die mit der primären Qualifikation erst mal gar nichts zu tun haben.

Sie fordern, die sozialen Rechte an die Person zu binden und nicht an den Erwerbsstatus. Was heißt das konkret?

Wir müssen davon wegkommen, dass nur, wer ein Erwerbseinkommen erzielt, sich gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit absichern kann. Praktikabler wäre es, Selbständigen einen grundsätzlichen Anspruch auf zumindest eine Minimalversorgung einzuräumen, wenn sie einen Einbruch in der Auftragslage haben. Nehmen Sie das Beispiel Theater: Da werden die Leute ja saisonal beschäftigt, mit ein paar Monaten Pause dazwischen. Das ist das, was ich in meinem Buch „friktionelle Arbeitslosigkeit“ nenne. Wer tritt für diese drei Monate Verdienstausfall ein?

Was halten Sie von der Idee der Bürgerarbeit, also Arbeit, die weder vom Staat noch vom Markt bereitgestellt wird, sondern die dem Gemeinwohl dient?
Viele Arbeitssammler leisten Bürgerarbeit, ohne dass sie dafür bezahlt werden. Ich denke ohnehin, dass sich die ganze Arbeitswelt noch weiter diversifizieren wird. Das hat ja auch Ulrich Beck schon vorhergesagt. Es wird vielleicht ein dreiteiliges Modell entstehen: Ein Drittel der Zeit macht man bezahlte Erwerbsarbeit, ein Drittel der Zeit Bürgerarbeit – und das verbleibende Drittel füllt man mit freier unbezahlter Arbeit im informellen Sektor, zum Beispiel, indem man Güter tauscht oder Dienstleistungen. Ich finde das eine sehr sympathische Idee, weil es dabei letztendlich natürlich viel mehr Freiheit gibt für selbstbestimmtes Arbeiten.

Sie betonen, dass ein Leben als Arbeitssammler auch große Freiheiten eröffnet. Was machen wir mit denen, die vom Zwang zur Freiheit überfordert sind?

Das ist natürlich ein großes Problem. Wir haben sechseinhalb Millionen ALG-II-Empfänger in der Bundesrepublik. Da sind natürlich auch viele Leute dabei, die von der Flexibilisierung völlig überfordert sind. Die mehr Sicherheit und mehr Beständigkeit brauchen. Von daher wäre es angezeigt, zumindest an einigen Stellen die Flexibilisierung wieder zurückzunehmen. Die Frage ist, ob das geht. Da müsste die Politik ganz andere Rahmenbedingungen setzen als die, die uns die Agenda 2010 beschert hat.

Eine dieser Rahmenbedingungen könnte ja das bedingungslose Grundeinkommen sein.

Ja, weil es diejenigen mitversorgt, die nicht diese Selbstbestimmung haben wollen, aber auch autonomeren Typen den Freiraum lässt, das zu machen, was sie machen wollen und ihre Motivation an der richtigen Stelle einzusetzen. Und diese Motivation ist da. Die allermeisten Menschen, auch Hartz-IV-Empfänger, wollen arbeiten.

Ist Arbeit wirklich ein menschliches Grundbedürfnis oder ist dieses Verhalten kulturell erlernt?

Ich glaube, wenn man es etwas umformuliert, stimmt es: Nicht Arbeit ist ein menschliches Grundbedürfnis, sondern Tätigkeit. Arbeit ist laut Hannah Arendt das, was wir zum Selbsterhalt tun müssen. Darüber hinaus gibt es aber auch noch das Herstellen und das Handeln. Da geht es auch um die Freude am Tun selber, um die intrinsische Motivation, die man dabei hat. Und die hat jeder. Außer vielleicht, er ist pathologisch faul – das gibt’s ja vielleicht auch...

Die glücklichen Arbeitslosen...
...die ja vielleicht auch gar nicht faul sind, sondern sich nur einen Spaß daraus machen, die Gesellschaft zu provozieren. Man müsste das eben skizzierte Modell mit Bürgerarbeit und einem Grundeinkommen vielleicht einfach mal ausprobieren, um mehr von dieser intrinsischen Motivation, von diesem Tun-Wollen abzugraben und produktiv, d.h. selbst-produktiv zu kanalisieren.

Spinnen wir mal ein bisschen: Wie sieht denn Europa in 20 Jahren aus, was die großen Fragen angeht, wie Work-Life-Balance, Zukunft der Arbeit? Was wäre ein positives, was ein negatives Szenario?
Die Arbeitssammler werden tatsächlich ein positives Modell für Arbeit sein – weil wir die große Selbstbestimmtheit, die in ihrer Arbeit liegt, in anderen Tätigkeiten auch haben werden. Es wird mehr Leute geben, die das machen, was sie eigentlich machen wollen und nicht einfach nur irgendwo hingehen und stumpfsinnig ihre acht Stunden Arbeit runterreißen – und zu Hause schon wieder vergessen haben, was sie da eigentlich den ganzen Tag gemacht haben. In meiner Utopie gäbe es dieses freudlose Vor-Sich-Hin-Arbeiten einfach nicht mehr. Wir werden nicht mehr durch gesetzliche Vorgaben daran gehindert, das zu tun, was wir tun wollen. Ich kann vormittags Tischlern, mittags gehe ich zwei Stunden in den Garten und pflege mein kleines Gemüsebeet, mit dem ich mich zu einem Teil selbst versorge...

Also das gute alte Marx'sche Ideal, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, mittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden“?
Wenn Sie so wollen, ja.

Das war jetzt die positive Utopie – wie sähe die Negativutopie aus?
Ökonomische Sachzwänge, die dazu führen, dass man möglichst kein Geld ausgibt, auch nicht für Personal. Es geht nur noch darum, möglichst effizient zu arbeiten und den Shareholder Value oben zu halten. Was letztlich bedeutet, Leute rauszuschmeißen oder zu „flexibilisieren“. In meiner Dystopie würde sich das dann in allen Branchen breitmachen. Wir haben dann nur noch Kernbelegschaften von deutschlandweit einigen Hunderttausend festangestellten Arbeitnehmern, alle anderen sind lose drangehängt und können jederzeit freigesetzt werden. Und ich fürchte, alles, was die deutsche Politik in den letzten fünfzehn Jahren gemacht hat, geht eher in diese Richtung

Dies ist die Langfassung des Interviews in der aktuellen Ausgabe des Freitag. Wir freuen uns, dass Peter Plöger unser Gespräch prompt zum Anlass genommen hat, einen eigenen Blog auf freitag.de anzulegen!

In seinem Buch, das Anfang März 2010 im Hanser Verlag erscheint, beschreibt Peter Plöger die Auswirkungen der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts in den letzten fünfzehn Jahren. Für sein Buch hat er viele qualitative Interviews mit Soloselbständigen geführt, die sich oft mit den seltsamsten Jobkombinationen durchschlagen, aber alle eine Erfahrung teilen: Sie sind häufig besser qualifiziert als ihre festangestellten Kollegen, stehen ständig Gewehr bei Fuß, verdienen aber oft so wenig mit ihrer Arbeit, dass sie sich weder Urlaub noch Zahnersatz leisten können. Plöger unterscheidet korrekt gegendert die Brotjobberin, den Parallelarbeiter, die Wechslerin, die Rigorose und den Proteus. Letzterer verfügt über breite Basiskompetenzen und arbeitet mal hier mal da. Der Brotjobber zieht aus der Erkenntnis, von seiner eigentlichen Arbeit nicht leben zu können, die Konsequenz, sich eine feste Nebentätigkeit zu suchen, die ihm ein regelmäßiges Grundeinkommen sichert, während die Rigorose keine Kompromisse eingeht und lieber von Nudeln mit Tomatensauce lebt, als Abstriche von ihrem beruflichen Ideal zu machen.

Der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten ist unter im Netz zu finden. Die t setzt sich für die Verbesserung der Situation von Lehrern in Integrationskursen ein. Sie sind oft unterbezahlte, akademische Hartz IV-Aufstocker

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Geschrieben von

Axel Henrici

"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll." (Georg Christoph Lichtenberg)
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