Alltag

52 Filme - 52 Wochen | 12.03.2010 15:00 | Mikael Krogerus

Haben Sie mal nach den Kindern gesehen?

Diese Woche schaut sich unser Kolumnist auf Anraten seines Nachbarn den Horror-Klassiker "When A Stranger Calls" an – und erklärt, warum das Slavoj Žižeks Lieblingsfilm ist

Was habe ich gesehen?
When a Stranger Calls - Unbekannter Anrufer, 1979, Laufzeit: 97 min, Regie: Fred Walton

Warum habe ich es gesehen?
Mein Nachbar, bekannt für hervorragenden Buchgeschmack, ist ein Horror-Aficionado. Als Softstart ins Genre empfahl er mir When a Stranger Calls, immerhin ein Lieblingsfilm des lustigen Hauruck-Philosophen Slavoj Žižek.

Wo habe ich ihn gesehen?
Letzte Woche hatte ich mich nicht getraut. Diesmal schaute ich es um 11 Uhr morgens im grellen Kampflicht eines ICE-Großraumwagens auf meinem lächerlich kleinen 13-Zoll-Laptop-Bildschirm.

Worum geht es?
Der Film eröffnet mit der Erzählperspektive der jungen Babysitterin Jill. Die Kinder schlafen tief im ersten Stock, sie brütet über ihre Hausaufgaben. Als ein unbekannter Mann wiederholt anruft und mit Grabesstimme fragt: „Have you checked on the babies?“ („Haben Sie mal nach den Kindern gesehen?“), ruft die verängstigte Frau die Polizei. Ein Beamter fordert sie auf, beim nächsten Anruf den Mann in ein Gespräch zu verwickeln, damit die Polizei den Anruf zurückverfolgen kann. Beim nächsten Klingeln entsteht folgender großartiger Dialog zwischen dem Mädchen und dem Mann:
Mädchen: You really scared me, if that's what you wanted. Is that what you wanted?
Mann: No.
Mädchen: What do you want?
Mann: Your blood all over me.

Das Mädchen legt erschrocken auf. Sekunden später ruft der Polizist an und sagt die unsterblichen Worte: „Jill, this is Sergeant Sacker. Listen to me. We've traced the call... it's coming from inside the house. Get out of that house!“
Huaaaaahhhh.
Das Mädchen springt auf, rast zu Tür, braucht eeewig bis sie die Sicherheitskette der Haustür aufkriegt – und oben im Treppenhaus sieht man die schattenhaften Umrisse des Mannes. Er war die ganze Zeit im Haus. Hatte die beiden Kinder bereits mit seinen baren Händen bestialisch ermordet. (An dieser Stelle blickte ich ruckartig hoch und merkte, dass mein Sitznachbar – Typ Vertreter der Hamburg-Mannheimer – neugierig auf meinen Bildschirm stierte).

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Wie geht’s weiter?
Sieben Jahre später flieht der Mörder Curt Duncan aus einer geschlossenen Anstalt. Und von Altersmilde keine Spur. Der alarmierte Vater der ermordeten Kinder heuert einen Privatdetektiv an, um ihn zu finden und zu rächen. Die Erzählung wechselt jetzt die Perspektive. Wir sind bei dem Mörder und erleben sein trostloses, tierhaftes Leben auf der Flucht. Er schläft in dreckigen Heilsarmee-Einrichtungen, wird geprügelt, bettelt, sucht desperat nach Anschluß. Als ihn der Privatdetektiv schließlich in die Enge treibt und rachsüchtig mit einem Messer zur Strecke bringen will, sind unsere Sympathien längst bei Curt Duncan.

Was gefällt Žižek an dem Film?
Die Kritik hatte für den Perspektivwechsel von Opfer zu Täter wenig übrig. Man feierte die ersten 20 Minuten und belächelte den narrativen Trick. Žižek aber schreibt in dem hervorragenden Was Sie schon immer über Lacan wissen wollten, aber Hitchcock nie zu fragen wagten: „Wenn der ganze Film aus der Sicht der Babysitterin erzählt worden wäre, hätten wir die bekannte Thriller-Geschichte eines Unbekannten, der ein unschuldiges Opfer terrorisiert. Wenn aber umgekehrt wir die ganze Zeit den Blick des Täters gehabt hätten, dann wäre es bloß wieder ein psychologischer Thriller gewesen, der uns in das pathologische Universum eines Mörders transportiert.“ Der subversive Clou, so Žižek, liege darin, dass wir in die Perspektive des Mörders wechseln, nachdem er uns präsentiert worden ist als ein grausames, unbekanntes Objekt, als etwas, mit dem man sich unmöglich identifizieren könne. Und dann plötzlich „subjektiviert sich“ dieses Objekt: Wir sind plötzlich auf der Seite des Bösen, dessen Position wir einnehmen müssen, weil wir seinen Blick einnehmen. Am besten erlebbar in der Szene, in der ihn der Detektiv in die Enge treibt und man sich zwar wünscht, dass das Gute (der Detektiv) gewinne, aber binnen Sekunden realisiert, dass man ja auf Seiten des Bösen steht. Dieser Perspektivwechsel geschieht mehrfach im Laufe des Films. In den furchtbaren letzten vier Minuten sind wir wieder bei der Babysitterin, die inzwischen zweifache Mutter ist und nun von Curt Dunkin ein letztes Mal heimgesucht wird.

Bester Monolog:
Der Mörder Curt Dunkin versteckt sich in einem dunklen Container vor dem Detektiv und spricht mechanisch die immer gleichen Worten wie ein Mantra: „Nobody can see me anymore, nobody can hear me, no one touches me, I'm not here, I don't exist, I was never born…Nobody can see me anymore."

Was sehe ich als nächstes?
Mad Men – Season 3

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Friedland schrieb am 13.03.2010 um 17:38
Ergänzend sei erwähnt, dass das "Remake" von 2006 einfach nur schlechter Teenie-Horror-Schrott ist...
Cassandra schrieb am 14.03.2010 um 00:09
Ich hätte die Kolumne nicht um diese Uhrzeit in einer dunklen, leeren Wohnung lesen sollen.
Ganz recht. Bei mir reichen schon die schwarzen Buchstaben auf weißem Grund, ich muss noch nicht mal das Blut spritzen sehen...

waha.
Mikael Krogerus schrieb am 14.03.2010 um 19:56
Sollten Sie sich den Film dereinst doch anschauen und abends ängstlich im Bett grübeln – wie ich –, warum der Hauptdarsteller so unglaublich krank und mies und todesnah aussah; ja, die Antwort ist: Tony Beckley, der den Mörder spielte, war zur Zeit der Dreharbeiten bereits schwer krank. Er starb wenige Monate nachdem der Film angelaufen war an Krebs.
ich schrieb am 15.03.2010 um 15:20
Schon Slavoj Žižeks »The Pervert's Guide to Cinema« fand ich sehr interessant. Da ich von »When A Stranger Calls« nur den Trailer des Remakes kenne, gibt es wohl keine bessere Empfehlung sich den Film zumindest im Original einmal zu »Gemüte« zu führen.
Mikael Krogerus schrieb am 15.03.2010 um 17:53
…danke für den Tipp!


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