Die Autorin Iris Bahr ist ungefähr 36. Das ist eine Schätzung, sie schreibt nie über ihr Alter, dafür aber umso lieber über Sex. Man muss sich Bahr vorstellen wie eine Kreuzung aus Borat und Charlotte Roche. Laut, schlagfertig, schmerzfrei. Sie macht Stand-Up-Comedy, spielte in mehreren US-Fernsehserien, schrieb ein Theaterstück und zwei Bücher. Das erste Buch hieß Moomlatz – oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren, das zweite: Schlampen im Schlafsack (Piper). Beide handeln vom Reisen, vom Erwachsenwerden. Und vor allem von Sex. Wir treffen Bahr in einem Berliner Hotel für Normalo-Touristen. Die dunkelhaarige Frau sitzt in einem Ohrensessel und mustert ihr Gegenüber eher abwartend. Sie ist klein, wirkt fast ein wenig zerbrechlich und passt nicht so recht zu dem, was man schon gehört, gelesen, gesehen hat. Ist das wirklich die Iris Bahr? Die männerfressende Superneurotikerin? Manche sagen, ihre Art, offen über Sex zu schreiben, sei eine reine Marketingmasche. Wir wollen sie auf das reduzieren, was sie selbst vorgibt zu sein. Der Plan: einfach unverfroren Sexfragen stellen.
Der Freitag
: Frau Bahr, lassen Sie uns über Sex reden.
Iris Bahr:
Okay.
Wir beginnen mit der wichtigsten Frage: Sind Sie in einer festen Beziehung?
Nein.
Verheiratet? Kinder?
Beides: nein.
Gut.
Ja.
Erinnern Sie sich daran, wie Sie als Kind sexuell aufgeklärt wurden?
Das war in Israel in der Schule. Irgendwas mit Fröschen, die sich liebten. Nun ja, das war natürlich nicht sehr hilfreich. Zuhause wurde auch nie über Sex geredet.
Heute reden und schreiben Sie nur über Sex. Was halten Ihre Eltern davon?
Die haben meine Bücher nicht gelesen. Sie dürfen sie nicht lesen! Sie würden es nicht ertragen. Mein Vater ist auf eine sehr vage Art stolz auf mich, ohne zu wissen, was ich eigentlich mache.
In Ihrem ersten Buch haben Sie beschrieben, wie Sie auf einer Backpacker-Reise nach Asien Ihre Unschuld verlieren wollten. Wie kamen Sie darauf, das Buch zu schreiben?
Man schreibt über Themen, in denen man sich auskennt.
Ihr zweites Buch handelt von einer Reise nach Südamerika. Sie sind kritisiert worden, dass es wieder nur um Sex gehe.
Man schreibt über Themen, in denen man sich auskennt. Aber hey, wer sagt, es gehe nur um Sex?! Wo haben Sie das gelesen?
Es war eine positive Kritik, nur im Nebensatz erwähnte der Rezensent …
Meine Bücher handeln von Coming-of-Age, von Erwachsenwerden, von Identität. Und da ist nun mal Sex ein Bestandteil. Außerdem stelle ich Sex so dar, wie er ist: menschlich, peinlich, lustig, oft auch nicht vorhanden. Meine Bücher sind ja nicht pornographisch.
Wie stehen Sie zu Pornographie?
Wir leben in einer porno-isierten Gesellschaft. Mich interessiert das aber eher wenig. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht Frauen dabei zusehen will, wie sie so tun, als ob sie am Sex Spaß hätten. Der einzige Porno, der mir gefiel, war das Privatvideo von Pamela Anderson und Tommy Lee. Das war wenigstens echt.
Was halten Sie von dem Intimrasur-Wahnsinn?
Meinen Sie das Brazilian Waxing? Also diese Technik, bei der man alle Schamhaare entfernt? Ich wusste nicht, dass es das auch in Deutschland gibt. Mir sagt das nicht zu, ich bin mehr ein Fan von einer Intimrasur, die einen ‚Landestreifen‘ zurücklässt.
Gibt es den G-Punkt?
Klar. Wenn Sie ihn nicht gefunden haben, suchen Sie weiter.
Welchen Aspekt des Geschlechtsverkehrs halten Sie für überschätzt?
Lange Ausdauer.
Nun, ich kenne Paare, bei denen die offene Beziehung funktioniert. Toll. Leider kenne ich aber mehr Paare, bei denen die offene Beziehung so funktioniert, dass der eine Teil fremdgeht und der andere Teil leidet.
Was raten Sie Männern im Bett?
Grundsätzlich? Mehr auf das Gegenüber achten. Zuhören, aufmerksam sein, sich verbinden. Genießt das Lustbereiten genauso wie das Empfangen.
Und Frauen?
Frauen sollten sich im Bett nicht wie Models benehmen. Es ist egal, wie du aussiehst beim Sex. Aber eigentlich würde ich den Frauen das gleiche wie den Männern empfehlen. Meiner Meinung nach gibt es beim Sex keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Sie verknüpfen in Ihren Büchern zwei der großen Themen der Jugend: Neben Sex geht es auch immer ums Reisen. Klären Sie uns auf: Warum reisen wir?
Große Frage. Ich denke, wir reisen, weil wir neugierig sind, aber vor allem, weil wir die Erwartung haben, verändert zurückzukehren. Wir glauben an die Chance, auf einer Reise jemand anders sein zu dürfen, als wir bisher waren. Was wir vergessen, ist, dass wir jene Person, die wir am allerwenigsten dabei haben wollen, nicht los werden: uns selbst. Und natürlich reisen wir, um neue Leute zu kennenzulernen.
Charakterisieren Sie bitte für uns einmal die unterschiedlichen Backpacker.
Okay, da ist der Asienreisende und der Südamerikareisende. Der Asienreisende labert von Vollmondparties und Ganzkörpermassagen. Er hat Dreadlocks und rote Augen, will abfeiern, Drogen nehmen und Einheimische vögeln. Der Südamerikareisende – der muchillero – ist viel intelligenter. Er hat abgewetzte, aber teure Outdoorkleidung, er redet von Kletterrouten und regionalen Salsavarianten. Er will Gipfel erklimmen, davon erzählen – und Einheimische vögeln.
Geht es immer nur um Sex?
Zeigen Sie mir einen Backpacker, der keinen Sex hatte, und ich zeige Ihnen eine sehr traurige Person. Die suchen nicht die Erleuchtung, die suchen den Sex.
Gemäß Ihren Recherchen: Gibt es eine Korrelation zwischen den verschiedenen Ethnien und wie sie im Bett sind?
Es gibt immer Ausnahmen, klar, aber ich denke, Vorurteile treffen zu: Bei Schwarzen hast du das Gefühl, du seist die Hauptfigur in einem Musikvideo. Argentinier waren gut. Grundsätzlich gilt: Nationen, die tanzen, sind zu bevorzugen.
Wie steht es um den deutschen Volkstanz?
Ich hatte mal einen deutschen Liebhaber! Das war toll. Aber unbeschnittene Männer? Das ist mir zu kompliziert.
Was ist denn der Unterschied beim Sex mit unbeschnittenen oder beschnittenen Männern?
Ich habe extra eine ganze Folge
Verraten Sie uns etwas, das Sie von Ihrer Mutter über den Umgang mit Männern gelernt haben?
Lassen Sie mich nachdenken … Ich glaube: nichts. Meine Mutter war Old School, verstehen Sie? Die war zuhause, hat gekocht, sich Sorgen gemacht. Das war eine andere Welt. Von ihr habe ich nichts über Männer gelernt. Aber ich habe von ihr meinen Humor bekommen.
Sie repräsentieren im Vergleich zu Ihrer Mutter eine neue Frauengeneration, die offen über Sex, Lüste und Ängste spricht. Die sich nicht als Accessoire an der Seite eines Mannes versteht oder ihr Glück im Kinderkriegen sieht. Stimmen Sie zu?
Ja, das kann schon sein. Aber vielleicht hat es auch mit meiner Herkunft zu tun. Israel wird oft als eine orthodoxe Gesellschaft dargestellt, dabei gibt es sehr liberale, sexuell aufgeschlossene Teile.
Welche traditionellen Geschlechterrollen-Aktivitäten, die Sie nur ungern zugeben, üben Sie aus?
Sie meinen so etwas wie Socken stopfen?
Zum Beispiel.
Ähhhh … Ich koche gern. Ich mag Juwelen. Ich mag es, wenn man mich wie eine Lady behandelt. Ist es notwendig, dass man mir die Tür aufhält? Nein. Gefällt es mir? Ja. Mir gefällt das Gefühl, mich nicht um mich selbst kümmern zu müssen. Ich war in meinem Leben so oft auf mich allein gestellt. Nicht nur, wenn ich allein gereist bin, auch im Alltag. Dieses ständige Durchbeißen, Klarkommen – also mir wäre es recht, wenn man sich um mich kümmert. Das ist meine geheime, geschlechterstereotypische Seite.
Welche Körpermerkmale würden Sie am liebsten an sich ändern?
Ach, ich bin ganz zufrieden. Als Jugendliche hatte ich einen Knackarsch, aber keine Brüste. Wie ich im Buch beschreibe, gab es Situationen, wo ich mit meiner Freundin eine Bar betrat, und alle starrten uns an. Genauer gesagt: Alle starrten auf die Brüste meiner Freundin, die meinem Hintern überlegen waren, denn den konnte ja keiner sehen. Ich dachte damals: Ich hätte rückwärts reinkommen sollen.
Heute sind Sie keine 20 mehr …
… ich rede nicht über mein Alter!
… okay, trotzdem: Sie schreiben in Ihren Büchern über Ereignisse, die, pardon, ungefähr 15 Jahre zurückliegen. Wie hat sich Ihr Körper seither verändert?
Die Falten! Als Schauspielerin steht man ja ständig vor dem Spiegel und wird über sein Äußeres bewertet. Da habe ich es noch gut, dass ich in verschiedene Rollen schlüpfe, Perücke trage und Ähnliches. Aber ich glaube, die größte Veränderung im Leben ist keine körperliche, sondern eine emotionale.
Und zwar?
Du schleppst mehr mit dir rum. Mehr Gepäck, mehr Baggage, wie wir im Englischen sagen. Das Schöne ist, dass mit dem Gepäck manchmal auch mehr Weisheit einhergeht. Das Schlimme ist, dass du jahrelang Dinge mit dir rumschleppen kannst, die dich nicht weiser machen. Aber als Künstlerin ist das fast schon wieder gut.Wer will die Stand-Up-Show einer glücklichen Jüdin sehen?
Ihre Romane als autobiographisch zu bezeichnen, ist eine Untertreibung. Sogar die Notizen aus Ihrer Therapie sind dort einsehbar. Was weiß die Öffentlichkeit noch nicht über Iris Bahr?
Es gibt nicht mehr viel.
Das Gespräch führte Mikael Krogerus
Die Israelin Iris Bahr wuchs in New York City auf und zog im Alter von 12 Jahren mit ihrer Mutter nach Israel. Nach dem Militärdienst ging sie wie fast alle Israelis drei Monate reisen in Asien. Anschließend zum Studium nach New York. Dann auf die Schauspielschule. Dann nach Los Angeles. Sie spielte in Serien wie Friends, Curb Your Enthusiasm oder King of Queens, hat eine Radio-Show und ein Stand-Up-Comedy-Programm. Ihre Bücher und Stücke handeln im Kern von einem klassischen jüdischen Thema: der Suche nach der eigenen Identität. Politik und Religion spielen dabei ständige, wenn auch durchweg ironisierte Nebenrollen (so nennt sie ihren kleinen Garten, den sie hinter ihrem Haus in Los Angeles hat und in dem sie Gemüse anbaut: mein Mini-Kibbuz). Wer der Autorin Harmlosigkeit unterstellt, unterschätzt sie aber. In ihrem gefeierten Theaterstück Dai (hebräisch: genug) spielt sie alle 11 Personen selbst. Es sind die Besucher eines Cafés in Tel Aviv, die heitere bis traurige Anekdoten aus ihren Leben erzählen bis ein Attentäter das Café in die Luft sprengt. Das Stück buhlt nicht um Verständnis für die Israelis. Es handelt davon, dass am Ende alle Verlierer sind.
Auch Bahrs Bücher sind Bestseller. Allein in Deutschland verkaufte sich Moomlatz (hebräisch: empfohlen) über 30.000 Mal. Vermutlich, weil Bahr so unverkrampft und lustig über Sex schreibt. Vielleicht aber ziehen die Bücher ihre Kraft auch aus der Tatsache, dass sie als Ältere dennoch ohne Probleme aus der Sicht einer 20-Jährigen schreibt, aber die Geschichten mit einer feinen Ironie durchzieht. Gnadenlos beschreibt sie die Lächerlichkeiten der Backpacker, Suchenden und Abenteurer. Unweigerlich ist man an seine eigenen unglückseligen Sexversuche auf Rucksackreisen erinnert. Trotz der oft sehr expliziten Beschreibungen (Ich lasse die Bilder in meinem Kopf Revue passieren Talias Möpse, menstruationsblutgetränkte Unterwäsche, Tamirs Schlong in meinem Mund ) wirken ihre Bücher nie vulgär. Eher überdreht. Jüdisch.
Vor allem bemüht Bahr aber keine Plattitüden, sondern findet lustige Wie-Vergleiche, etwa wenn sie ihren Intimbereich als Gazastreifen bezeichnet, der danach lechzt, besetzt zu werden. Oder wenn sie Familien mit Bands vergleicht (Wenn Familien Bands wären, könnte man Talias mit Enya vergleichen. Meine wäre dann Sepultura). MK