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Kultur : Keine Macht, nur Drogen

Unser Kolumnist sah sich die Miniserie "The Corner" an, den gelobten Vorgänger der gelobten HBO-Serie "The Wire" – und fände die Altersfreigabe ab 36 gerechtfertigt

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Was habe ich gesehen?The Corner (2000), Länge: 376 min (6 x 60).

Warum habe ich es gesehen?

Alle reden von The Wire, der HBO-Serie, die im Drogenmilieu von Baltimore spielt. Sie wird geliebt für ihre „Authentizität“. Ein Wert, der für die meisten Westeuropäer bedeutender ist als die Menschenrechte. The Corner ist die Serie, von der The Wire inspiriert wurde. Die nur sechs Episoden kurze Mini-Serie über das Drogenmilieu in Baltimore lief 2000 auf HBO. Sie gewann alle Awards, wurde aber nicht weitergeführt, weil sie zu hart war. War sie zu authentisch?!

Worum geht es?

Um eine Straßenkreuzung in Baltimore, West Fayette Street und North Monroe Street, offene Drogenszene, Elend. Jede Folge beginnt mit dem Regisseur Charles Dutton, der immer eine andere Ghetto-Figur anspricht und im Stile eines Dokumentarfilms fragt, wie es sich so lebt hier in der übelsten Ecke von Baltimore. Der Fokus des Films liegt auf der Boyd-Familie. Mutter Fran: kokainabhängig. Vater Gary: heroinabhängig, völlig am Ende. Sohn DeAndre: 15, Drogendealer. Halbbruder De'Rodd: 5. Die Familie stolpert von einer seelenlosen Situation in die nächste. Der kleinste Funke Hoffnung zerschlägt sich innerhalb von Minuten.

Die Handlung in einem Satz:

In der ersten Folge bittet der Vater seinen Sohn DeAndre um Geld für den nächsten Schuss, in der letzten Folge ist der 15-Jährige selber Vater – und ebenfalls abhängig.

Warum wurde er ausgezeichnet?

Vielleicht, weil hier das Leben im Drogenelend ohne Ghetto-Kitsch und ohne Pose gezeigt wird. Es gibt nichts, wirklich nichts Schönes in den rund 400 Minuten, weil die Verschränkung von Prekariat, Drogensucht und Rassismus wenig Platz für Freude lässt.

Was bleibt?

Der eigentliche Horror sind nicht explizit schlimme Szenen, sondern dass das Schlimme so beiläufig, so alltäglich erzählt wird. Es gibt eine starke Szene, in der der Vater Gary, frisch aus der Haft entlassen, sich von den Drogen abwenden will und mit seinem Sohn und zwei Freunden in einem Hinterhof Basketball spielt. Es ist eine wunderschön gefilmte, fast zärtliche Aufnahme. Gerade als man sich entspannt auf etwas Ghetto-Kitsch freut, biegt Garys ebenfalls drogensüchtige Freundin um die Ecke und bietet ihm, der fast clean ist, einen Schuss an. Er schaut zu seinem Sohn, schaut zu ihr. Man weiß: Das Zögern spielt er sich nur vor. Er geht mit ihr. The Corner sollte ab 36 Jahre freigegeben sein.

Diese Person wäre ich gern?

Niemand. Ich wollte nach der Serie auf die Knie sinken und Gott danken, dass er mich als Weißen in eine wohlstandsverwahrloste, überprivilegierte Welt gesetzt hat.

Das sagt der Regisseur:

"When we were shooting The Corner, the saddest part was watching the little kids come around, excited about the movie, and you could see them accepting their lot in life. That this was their world, this is what they were born into, this is all that they had, this is all that they could achieve, all that they could aspire to. And that's it. The ceiling is set over their heads."

Was sehe ich als nächstes?Zidane.

Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Manchmal auch eine Mini-Serie. Und manchmal auch den Poker Channel. Vergangene Woche sah er The Poker Ashes.

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