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Kultur : Das Bild der Hölle

Sollte einem Schweizer der beste Kriegsfilm aller Zeiten gelungen sein? Wenn, dann ist es die Doku über James Nachtwey, der das Elend der anderen fotografiert hat

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Was habe ich gesehen?
War Photographer, 2001, Regie: Christian Frei, Länge: 96 Minuten.









Warum habe ich ihn gesehen?
Dass ich Komm und sieh „langweilig“ fand, hat mir ziemlich viel Ärger eingebracht. Die Community war noch zurückhaltend, aber privat erhielt ich einige Zuschriften, in denen man mich als „gefühlskalt“ und als „Nazi-Nachkomme“ beschimpfte. Und also stand ich in der Videothek meines Vertrauens und schwankte zwischen Lebanon (zu neu), Paths of Glory (zu alt), Full Metal Jacket (zu bekannt), Kolberg (nicht zugelassen), als mein kriegsfilm-affiner Freund mit War Photographer ankam. Sollte tatsächlich einem Schweizer der beste Kriegsfilm aller Zeiten gelungen sein?!

Worum geht es?

Der Schweizer Dok-Filmer Christian Frei hat in den 1990ern zwei Jahre lang den bedeutenden, ja vielleicht bedeutendsten noch lebenden Kriegsfotografen begleitet, James Nachtwey. Im Kosovo, in Indonesien, in Ramallah. Er hat dabei teilweise mit einer Spezialkamera gedreht, die an Nachtweys Fotoapparat angebracht war; wir sehen also das, was Nachtwey sah, als er fotografierte. Ansonsten sehen wir Leichen, zerschossene Häuser, trauernde Menschen, arme Menschen und jene Menschen, die uns diese Bilder vor Augen führen: Hans-Herman Klade (Stern), die legendäre CNN-Reporterin Christiane Amanpour, die ehemalige GEO-Saison-Chefin und ehemalige Nachtwey-Freundin Christiane Breustedt, dann noch Nachtweys besten Freund und einen furchtlosen Reuters-Kamermann. Sie alle versuchen in kurzen Interviews zu erklären, wie Nachtwey arbeitet (akribisch, besessen). Was ihn antreibt (Ehrgeiz, aber auch echte Empathie). Wie er drauf ist (keine Ahnung). Und dann die eine, entscheidende, große Frage, die der wortkarge, zurückgezogene, von Ehrgeiz zerfressene Nachtwey in einer tollen Interviewsequenz sich selbst stellt: „Ist das Elend der anderen mein Erfolg?“

Was bleibt?

Vieles. Vielleicht am stärksten die Szenen, in der Nachtwey über den Völkermord von Ruanda erzählt, den er vor Ort miterlebte. Als die Hutus schließlich nach Tansania flohen, folgte Nachtwey ihnen in ein Flüchtlingslager, in dem Cholera ausgebrochen war, Zehntausende starben. Er sagt: „ Mir wurde klar, dass die Menschen, die ich hier sterben sah die gleichen waren wie jene, die vor wenigen Wochen die fürchterlichen Massaker begangen hatten, die ich ebenfalls fotografiert hatte. Es war wie einen Fahrstuhl in die Hölle zu nehmen.“

Der Film in einem Satz?
„If your picture isn’t good, you’re not close enough“.

War dies der beste Kriegsfilm?
Vielleicht. Nicht so sehr, weil er mir Angst bereitete, aber weil er zum Nachdenken anregte. Zum Nachdenken darüber, wie wir eigentlich Krieg sehen. Und was wir davon sehen? Wie entstehen die Bilder, die sich später zu Bildern „vom Krieg“ in unseren Köpfen bilden? Und wir, dies nur am Rande, wir sind alle, die so etwas nie erlebt haben, die es nie verstehen werden, wie es wirklich war, ist. Wir können uns nicht vorstellen, wie furchtbar, wie zehrend, wie zerstörend Krieg ist. Und auch nicht: dass es für viele Alltag sein kann. Davon handelt dieser Film.

Erfüllt er die Kriterien des Bechdel-Tests?
Nein. Die einzigen beiden Frauen (Amanpour und Breustedt) sprechen nur über einen Mann.

Was sehe ich als nächstes? Until The Light Takes Us






Unser Kolumnist Mikael Krogerus sieht sich jede Woche einen Film an. Vergangene Woche sah er Komm und sieh.

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