Alltag

52 Filme - 52 Wochen | 14.01.2011 16:00 | Mikael Krogerus

Zu Tode geschützt

"Gimme Shelter" dokumentiert das legendäre Stones-Konzert in Altamount '69: Ein Mann wird von den Hells Angels erstochen und die Hippiebewegung verliert sich selbst

Was habe ich gesehen?
Gimme Shelter (1970), Laufzeit: 93 min.

Warum habe ich es gesehen?
Auf dem Plan stand The Sound of Music – das superkitschige Familienmusical um die Trapp-Familie und den Star unter den Au-Pair-Mädchen: Julie Andrews. Der Videodealer meines Vertrauens schaute mich entsetzt an, als ob ich vorgeschlagen hätte, seine Tochter auszuleihen. Um nicht mein Gesicht zu verlieren, griff ich schnell nach Gimme Shelter und versuchte, mein Fragen nach The Sound of Music als einen superionischen Witz darzustellen.

Worum geht es?
Um das Gratis-Konzert in Altamont 1969, das zum Menetekel der sich immer weiter von sich selbst entfernenden Hippie-Bewegung werden sollte. Intendiert war das „Woodstock des Westens “, 300.000 Hippies strömten am jenen 9. Dezember zur Altamont Rennbahn, 80 Kilometer östlich von San Francisco, um die vielleicht größte Band der damaligen Zeit zu sehen: die Rolling Stones. Es wurde kein zweites Woodstock, es wurde eine Tragödie. Am Ende des Konzerts waren vier Menschen tot und die Stones flohen in einem Helikopter von Altamont wie von einem Tatort.

Was war passiert?
Die Sicherheitsvorkehrungen waren unvorstellbar; auf Anraten der Grateful Dead hatten die Stones die Hells Angels als Security gebucht (angeblich erhielten sie als Lohn Freibier im wert von 500 Dollar). Weil es vor der Bühne keinerlei Absperrungen gab – in der vielleicht besten Szene des Films sehen wir sogar einen Hund an Mick Jagger vorbeilaufen – stellten die Hells Angels ihre Motorräder als eine Art Schutzwall vor der Bühne auf. Die Gang war schon nach kurzer Zeit alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss. Mit abgesägten und durch Bleigewichte verstärkten Billardqueues prügelten sie auf die ebenfalls deutlich unter Drogen stehenden Zuschauer ein, sobald diese sich den Motorrädern näherten. Auch der Sänger von Jefferson Airplane, Marty Balin, wurde niedergeschlagen. Das ganze roch nach Alptraum lange bevor die Stones überhaupt auf der Bühne waren.

ANZEIGE

Nach jedem Song musste der sichtlich verunsicherte Jagger abbrechen, weil es zu Massenschlägereien vor der Bühne kam. Er drohte damit, abzubrechen und spielte doch weiter. Wie das Orchester beim Untergang der Titanic. Die Gewalt mündete schließlich im Tod eines Jugendlichen. Während "Under My Thumb" rannte der mit Amphetamin vollgepumpte 18-jährige Meredith Hunter Richtung Bühne, in der Hand eine Schusswaffe. Sofort wird er vor den Augen der Band (und der Kamera) von einem Mitglied der Hells Angels, Alan Passaro, mit einem Messer niedergestochen und anschließend von anderen Angels zu Tode getreten. Wir sehen Hunters Leichnam, seine Freundin, den Täter (der später freigesprochen wird). Es starben noch drei weitere Menschen: Zwei bei einem Autounfall, ein dritter ertrank in einem Kanal.

Was bleibt:
Das Große an Gimme Shelter ist, dass er uns in wenigen Sekunden in eine andere Zeit versetzt. Die Sprache, die Kleidung, die Autos, die Musik, die Menschen, die Entrücktheit, dann die Gewalt – der Film ist ein ebenso verführerisches wie schockierendes Zeitdokument. Und es ist auch ein verflucht guter Dokumentarfilm. Ohne Erzählstimme, ohne nervige „Enthüllungen“, ohne Interviews, ohne moralisierende Schlüsse. Die Regisseure machen im Film einen kleinen Kunstgriff, indem sie Watts und Jagger dabei filmen wie sie die folgenden Szenen später im Schnittraum betrachten. Wir sehen also die Protagonisten beim Betrachten ihrer eigenen Katastrophe. Die Stones kommen nicht gut weg, die Fans auch nicht und auch die Angels nicht. Wer schuld war? Der Film gibt keine Antworten, er stellt genau genommen auch keine Fragen, er lässt uns einfach gemeinsam mit Watts und Jagger zusehen, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Wie waren die Stones?
Großartig. Sie spielten wie junge Götter und sahen auch ungefähr so aus. Sie waren eine Hommage an die Androgynität, und der Kontrast zwischen ihnen und den Biersaufenden, bulligen Hells Angels ist ein Bild für die Ewigkeit. Genauso wie nichtssagenden, hilflose Kommentare von Jagger am Ende („Oh my God“, „It´s horrible“).

Was sagt meine Frau?
„Ziemliche uninteressante Geschichte, aber als Zeitdokument vielsagend: die Leute sind dreckig, ungewaschen, nicht intim rasiert, rauchen. Ein interessanter Kontrast also zu unserer sterilen Lifestyle-Zeit, in der häufiger nach Gesundheitsartikeln als nach Pornographie gegoogelt wird.“ (That´s my girl!)

Was sehe ich als nächstes?
The Sound of Music, vielleicht aber den wirklich wahren, bis heute verbotenen Stones-Film: Cocksucker Blues.

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.01.2011 um 17:35
Auf dem Plan stand The Sound of Music – das superkitschige Familienmusical um die Trapp-Familie und den Star unter den Au-Pair-Mädchen: Julie Andrews. Der Videodealer meines Vertrauens schaute mich entsetzt an, als ob ich vorgeschlagen hätte, seine Tochter auszuleihen. Um nicht mein Gesicht zu verlieren, griff ich schnell nach Gimme Shelter und versuchte, mein Fragen nach The Sound of Music als einen superionischen Witz darzustellen.

What's wrong, Krogerus. Chicken?
Phineas Freek schrieb am 14.01.2011 um 19:17
Wow!!!
"Cocksucker Blues"!!!
Auf DIE Besprechung würde ich mich freuen.
Anschauen!
ed2murrow schrieb am 14.01.2011 um 22:31
Lieber Krogerus,

als Ergänzung für die Spätergeborenen: Gimme Shelter (der Song, nicht der Film) war für mich der Grund, die Konzertgitarre nebst Noten von Fernando Sor an die Wand zu knallen, mir einen Gibson-SG-Nachbau samt Verstärker zu holen und ab da den Hals so richtig zu würgen.
Warum? Wegen des Feelings, unzureichend im folgenden Clip gezeigt. Gewaschen habe ich mich trotzdem regelmäßig, Mädels haben immer schon die feinere Nase.



Wer sich aber ein Bild davon machen möchte, was Gimme Shelter in den U.S.A. heute bedeutet, der lese sich gerne die Kommentare bei www.youtube.com/watch?v=knFyyAhdTwo durch.

LG, e2m


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

 portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.pngportlet_Phoenix-20.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Ziemlich beste Freunde

Ausgabe 20/2012
16.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Boing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge

Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen

Jezebel
Das US-Frauennetzwerk

maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen

flannel apparel
girlism. großkariert.

nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen

Frau Freitag
Na, wie war's in der Schule

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG