Wieder einmal nahm der Protest bei Facebook seinen Anfang. Wieder hatten sich Hunderte zu einem Tag des Zorns angekündigt. Wieder wählten die Demonstranten einen symbolträchtigen Platz inmitten der Hauptstadt.
Es ist Samstagmittag, als sich der Platz füllt. Erst sind es nur wenige, die sich um die historische Ampel versammeln, dann rasch zweihundert, dreihundert, vor allem junge Männer, aber auch Alte und Frauen mit Kindern. Beobachtet werden sie von Polizisten, die abseits stehen und Mannschaftswagen postiert haben. Um Punkt halb eins recken die Platzbesetzer Schuhe in die Luft – ein Zeichen der Araber für tiefste Verachtung.
Doch Kairo ist weit. An diesem Tag, an dieser Stelle, geht es nicht etwa gegen einen Tyrannen, der Regimegegner foltern lässt. Hier, am Potsdamer Platz in Berlin, geht es gegen Karl-Theodor zu Guttenberg, gegen den Verteidigungsminister, der für seine Doktorarbeit abgeschrieben hat.
„Schickt den Gutti heim zur Mutti!“, tönt die Menge und setzt sich in Marsch zum Verteidigungsministerium. „Alle Fußnoten hoch!“, appelliert der Megaphon-Träger an der Zugspitze und mehrere hundert Demonstranten recken ihr Schuhwerk in die Luft.
Lustig oder peinlich?
Die meisten müssen grinsen oder lachen, während sie die Schuhe in die Luft halten. So ganz wissen sie wohl nicht, ob sie den Schuh-Flashmob im Zusammenhang mit zu Guttenberg lustig oder auch ein bisschen peinlich finden sollen. Was aber zählt, ist, Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit Erfolg: In den Tagesthemen soll ein größerer Beitrag folgen. Ob das ARD-Team auch bei einer einfachen Demonstration ohne Schuhaktion gekommen wäre?
Eine 39-jährige Kommunikationstrainerin ist mit ihrer Tochter gekommen, die ein Schild hochhält, auf dem „Du alter Lügner“ steht. Wie solle sie ihrer Tochter erklären, dass ein Minister trotz Betrugs und Lüge im Amt bleiben dürfe? Den Protest finde sie gut, die Aktion mit den Schuhen hätte jedoch nicht sein müssen: „Für einige wird die Verknüpfung wohl nicht klar.“
Andere sehen schon eher einen Zusammenhang. „Gaddafi, Guttenberg, wir kriegen euch alle!“, steht auf einem Protestschild, an dessen Ende ein Schuh baumelt. Sowohl in der arabischen Welt als auch hier würden die Bürger gegen Korruption und Seilschaften auf die Straße gehen, sagt ein bebrillter Schuhträger, der nur als Peter Pan zitiert werden will.
Nicht jedem gefällt allerdings die Aneignung der Schuh-Symbolik aus Arabien, um gegen Guttenberg zu demonstrieren. „Während in Arabien die Menschen ihr Leben riskieren, verkommt der Protest bei uns zum Karneval mit billiger, geklauter Bildsymbolik“, schreibt einer auf der Webseite, auf der die Aktion ankündigt wird. „Ihr Berliner Demonstranten aber seid genauso selbstbezogen und abgehoben wie der Lügenbaron, eben echte Wohlstandskinder.“
Erst im Jahr 2008 ist der Schuh als Symbol der Verachtung so richtig im öffentlichen Bewusstsein der westlichen Welt angekommen: Damals warf ein irakischer Journalist auf einer Pressekonferenz seine Schuhe auf den damaligen US-Präsidenten George Bush und wurde so zum Held in der arabischen Welt. Dort gilt es als unhöflich, einem Gesprächspartner selbst die Sohle zu zeigen, wenn man die Beine überschlägt. In der Vergangenheit stiefelten Araber immer wieder über die israelische Flagge, um gegen den Siedlungsbau oder Kampfeinsätze im Gazastreifen zu protestieren. Zuletzt reckten Demonstranten in Ägypten Schuhe in die Luft, nachdem Husni Mubarak in Fernsehauftritten wiederholt seinen Rücktritt abgelehnt hatte.
Seit dem Schuhwurf auf Bush zirkuliert im Internet ein Online-Spiel, bei dem es gilt, möglichst oft das Gesicht des US-Präsidenten mit einem Schuh zu treffen. Der Schuh-Protest gegen zu Guttenberg ist also nicht die erste Stufe der Aneignung des Symbols. Ist es trotzdem nicht vermessen, das Symbol der tiefsten Verachtung für einen Minister zu verwenden, der gegen wissenschaftliche Standards verstoßen hat? Gertrud Burmeister sieht das nicht so, auch sie bedient sich des Mittels. Der Minister habe geistigen Diebstahl begangen und betreibe jetzt ein Schmierentheater, indem er auf die Doppelbelastung als Minister sowie Vater und Ehemann anspiele. „Ich finde das verachtungswürdig“, sagt die 54-jährige Berliner Lehrerin.
„Fahnen anzünden geht nicht“
Der Zug erreicht das Verteidigungsministerium. „Lügenbaron“, skandiert die Menge. „Lügner, dreckiger Lügner“, ruft der Megaphon-Halter und lacht. „Ich würde euch bitten, eure Schuhe nicht zu werfen“, fordert er die Demonstranten auf, angesichts der Polizisten, die sich vor dem Ministerium aufgereiht haben.
Miroslav Honigmann nimmt einen Schuh nach dem anderen und drapiert die Stiefel, Halb-, Leder- und Damenschuhe auf den Zinnen des Eisenzauns. Die Protestler tun es ihm gleich. Der 24-jährige Geschichtsstudent Honigmann ist einer der Veranstalter des Flashmobs. Die Schuhadaption findet er in Ordnung, weil es in Deutschland an Symbolen fehle. „Fahnen abbrennen können wir auch nicht, das wäre noch unangemessener.“
Nach einer guten Stunde ist alles auch schon wieder vorbei. „So, wer kettet sich jetzt an den Zaun, um irgendwie in die Tagesthemen zu kommen?“, scherzt einer. Der Veranstalter mit dem Megaphon ermutigt die Demonstranten noch, das nächste mal zahlreicher zu erscheinen. „Nutzt die neuen Medien, nutzt Twitter!“, ruft er. Eine Folgedemo ist also bereits geplant. Vielleicht verwenden Sie als Symbol ja doch die Sache mit den Flaggen und dem Feuer. In dem Fall schicken womöglich auch RTL und Pro Sieben ein Kamerateam.