Alltag

Musik-Kolumne | 16.05.2011 14:15 | Verena Reygers

Gesteigerte Hechelfrequenz

Unsere Kolumnistin Verena Reygers mag Eiscreme. Aber nicht, wenn sie so sexistisch schmeckt wie in dem neuen Video von „Battles“

Bei manchen Songs sollte man lieber die Augen schließen. Vor allem dann, wenn das dazugehörige Videos so ein sexistischer Mist ist wie bei Battles’ neuem Clip „Ice Cream“.
 


Battles Ice Cream Featuring Matias Aguayo von le-pere-de-colombe 

Schon „geil“, wie das Mädchen nackt in der Badewanne sitzt und das Hörnchen beschleckt. Nicht? Immer schön Zunge raus und schleck, schleck, schleck, während das verzerrte Stöhnen von Gastsänger Matias Aguayo seine Hechelfrequenz steigert.

Leck mich möchte man sagen. Und zwar am Arsch!

Laut stereogum steckt hinter dem Video das Regieteam von CANADA, einer in Barcelona beheimateten Werbe- und Kreativagentur.  Das Regie-Trio drehte nicht nur eines der letzten Videos der New Yorker Neo-Diskohüpfer Scissor Sisters  sondern linste auch für dieses Video zwischen weibliche Schenkel:

„Bombay“ ist, genauso wie „Ice Cream“ auf youtube erst ab 18 frei gegeben, was natürlich angesichts ein paar blitzender Brüste auch albern ist, aber dass Videoclips aus dem Hause CANADA des Öfteren mit dem Label NSFW (not safe for work) getaggt werden, spricht durchaus für sich und weniger für die emanzipierte Zurechnungsfähigkeit der spanischen Clip-Regisseure. Ihre Videos zeigen so richtig, wo es im Leben für Frauen und Männer lang gehen sollte:

Die Jungs als coole Macher, die Mädels als Deko, am besten topless.

Für „Ice Cream“ mögen der Eishörnchen-Nymphe vielleicht noch die langen Haare über die Brustwarzen drapiert worden sein, aber weniger in-your-face wirkt ihre Nacktheit trotzdem nicht. Das „Bombay“ Video erinnerte einen Amy&Pink Blogger gar an die Soft-Pornos auf TM 3, zu denen er sich immer mit seinen Kumpels zum Wettwichsen traf. Ach Jungs!

Ihr könnt wohl nur mit soften Girls, denn den Frauentyp, den CANADA in ihren Videos generieren, ist genau der, den ätzende Hipster-Blogs wie Amy&Pink oder VICE bejubeln.
Dieser als Ästhetik getarnte American-Apparel Sexismus, wo junge langhaarig verträumte Mädchen mit Kulleraugen und knospigen Brustwarzen eine Schmollschnute ziehen. Erst vor einigen Tagen fragte mich ein Kumpel, was dieser duselige Trend in den Medien solle, dass Mädchen und Frauen dieses Entengesicht machen würden. Wohlgemerkt Frauen, an deren Intelligenz zu zweifeln, er bisher keinen Grund gehabt hätte.

Nicht mal bei dem – sonst sehr schönen – Song von Marlango gelingt es den Clipmachern, die Sängerin jenseits von Fragilität und Zähmbarkeit zu inszenieren. Hauptsache, das Shirt wird ausgezogen. 

Und man beachte mal den Frauentyp an sich. Beth Ditto hätte wohl kaum eine Chance bei der hippen Elektro-Zappelei ihren Körper in Szene zu setzen. Bitte nur 0815-Frauen, schmal an Hüften- und Brustumfang und die bitte nur zur sexuellen Verfügbarkeit, nicht aber zur sexuellen Bedrohung taugen. Deshalb winkt in „Bombay“ vielleicht auch nur der als Penis angedeutete Finger durch den Hosenstall, statt eines echten männlichen Glieds.

Echte Kerle, echte Schwänze, das wünsche ich mir.

Dann geht das vielleicht auch mit dem Blick in den weiblichen Schritt in Ordnung.

Sein genitales Potential zu zeigen, dagegen habe ich ja gar nichts. Das macht Amanda Palmer zum Beispiel auch, wenn sie über „Map of Tasmania“ singt.

Wie man Körper, Bewegung und Sound visuell umsetzen kann, zeigt das Video zu Ovals Song „Ah!“, das bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen vergangene Woche den 3. Preis beim Mu(sik)vi(deo)-Preis gewonnen hat.

In der Begründung der Jury heißt es: Mehr noch, gelingt es der Inszenierung, eine eigentlich unerotische Musik in Bilder eines multiplen Begehrens zu übersetzen, in denen die tanzende Protagonistin einerseits ihre männlichen Mittänzer dominiert und andererseits von ihren Blicken, ihrem Begehren immer wieder in die Enge getrieben wird.

Also, Sex, Erotik, Körper, Begehren – all das darf und soll im Musikvideo stattfinden. Nur bitte nicht so platt glitschig wie eine Erdbeereispfütze, die Battles mit „Ice Cream“ hinterlassen. Und das Argument, das sei Kunst, was ich schon von weitem  angaloppieren höre, könnt ihr auch vergessen. Denn wenn das Kunst ist, kann es weg

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Popkontext schrieb am 16.05.2011 um 15:05
Die in solchen Sachen eigentlich sehr aufmerksamen Scissor Sisters haben wegen des CANADA-Videos auch viel Kritik in der Richtung bekommen für das Invisible Light Video. Aber 100 Jahre Filmgeschichte sind vorrangig von Männern gestaltet worden, und dann haben auch noch Männer den Diskurs bestimmt, was cool ist. Zudem sind die zitierten Filme oft mit Sexualität verbunden - aus männlicher Sicht natürlich. Wenn dann ein Mann unkritisch daraus ein Video voller Zitate macht, wen wundert das Ergebnis. Technisch und ansonsten ästhetisch übrigens ein wunderbares Video: www.popkontext.de/index.php/2010/12/16/video-scissor-sisters-invisible-light/
yak schrieb am 19.05.2011 um 15:47
Ja, der Sänger hechelt. Und das kann mit Kampfsport und Sex assoziieren, ob's nun platt ist oder nicht. Bei eher komplizierter Musik ist die platte optische Umsetzung ein netter Kontrast.
Das kann man als Geschmacksfrage behandeln, oder man hat eben die Deutungshoheit, es als "nicht Kunst!" zu sehen. Aber:
Battles scheinen sich vom ziemlich doofen Einschnitt/Verlust des "Frontmannes" Tyondai Braxton prima zu erholen (keine Bange, er lebt noch) und finden jetzt mit Gastsängern zu einer neuen, nach wie vor genialen Form. Denn (meine unanfechtbare Deutungshoheit): Die sind genial. Und die dürfen das. Und wenn ein Song mit einem albernen Video illustriert wird, dürfen die das auch, weil der Song nunmal größer ist.
"Platt und glitschig"? - "am Arsch".
(^^)v
Tycho schrieb am 19.05.2011 um 16:18
ist zwar steinalt, doch ähnlich (übersetzt aufs HipHop Genre) hier:


das ist Karikatur.
und damit ist sexuelle Provo eigentlich erledigt,... mit Eiskrem-schlecken am Phallus, Titti und Popo-wackeln seit Aphex Twin'S window Licker [2006?] (insbesondere ab 08:15 min)

yeah, und Battles ist anders und kompliziert,...but it sucks...prädestiniert für die weichgespülte 1Live Scheiße für mainstream und salutspinner. Das Video an und für sich ist also sehr wohl bündig.
yak schrieb am 20.05.2011 um 18:11
Okay, bei der Karikatur sind wir uns schonmal einig- Cunningham ist ein Meister. Und vielleicht auch einig bei: Der doitshsprachige Hiphop mitsamt "gepflegtem Diss" sollte sich seit Adolf Noise - Schweinereime erledigt haben www.youtube.com/watch?v=DK-PeXApIyc .
Battles haben vielleicht Stücke für Sony und "Twilight" (mit Bitte um Pardon für Erwähnung solchen Unsinns) verkauft, scheinen aber laut riaaradar.com/search.asp immer noch integer. Also schonmal "echt Indie". Andere Kriterien?
"Anders und kompliziert" und trotzdem wie gemacht für weichgespülte 1Live-Hörer? (Sonntag Nacht Klaus Fiehe, Pflichttermin, btw.) Habe ich da was verpasst, laufen da jetzt gerade Camberwell Now und Stump und Pere Ubu, Crust Punk und Paramodern-Twee-Grind, was es sonst noch alles geben mag?
Das Video finde ich übrigens auch bündig, nur behalte ich mir eben die Deutungshoheit vor (und gewähre sie in hellen Momenten auch allen Anderen), ob da jetzt Porno drin ist, oder nicht. Im Vergleich zum offensichtlich pornonihilistischen Clip zu "Bombay" haben die "hippen kreativen Regisseure" doch was eher unschuldiges geliefert, das mit seiner Retroalbernheit die albern gepitchte Stimme der Battles-Nummer fein begleitet.
...werden wir also bei einer reinen Frage von "Schokolade gegen Erdbeer" landen? "but it sucks... because BECAUSE!"?
Erst noch ein Bekehrungsversuch von mir, bzw Battles in Altbesetzung selber: www.youtube.com/watch?v=6bdUZDPRQMY
(^^)v
Tycho schrieb am 23.05.2011 um 08:13
Sonntag Nacht Klaus Fiehe, Pflichttermin, btw.

absolut! Nur schalt' mal werktags ein. Die Playlists von BFBS im Mainstream unterscheidet sich schon enorm von Heinz live bei Tageslicht.

Live sind die Battles sehr handwerklich dicht und ja, munden.
yak schrieb am 24.05.2011 um 15:35
Den Mächten sei Dank,
sind wir uns doch noch halbwegs einig geworden. Und klar: 1Live sendet sicher >80% Grütze, aber Qualität ist ja nicht mehrheitsfähig (siehe die arme FDP!...). Und als hätte er's gelesen, hat Klaus dann auch am Sonntag was vom frischen Album aufgelegt. 10. Juni FZW Battles übrigens, Nachbar.
(^^)v
yak schrieb am 20.05.2011 um 18:12
Okay, bei der Karikatur sind wir uns schonmal einig- Cunningham ist ein Meister. Und vielleicht auch einig bei: Der doitshsprachige Hiphop mitsamt "gepflegtem Diss" sollte sich seit Adolf Noise - Schweinereime erledigt haben www.youtube.com/watch?v=DK-PeXApIyc .
Battles haben vielleicht Stücke für Sony und "Twilight" (mit Bitte um Pardon für Erwähnung solchen Unsinns) verkauft, scheinen aber laut riaaradar.com/search.asp immer noch integer. Also schonmal "echt Indie". Andere Kriterien?
"Anders und kompliziert" und trotzdem wie gemacht für weichgespülte 1Live-Hörer? (Sonntag Nacht Klaus Fiehe, Pflichttermin, btw.) Habe ich da was verpasst, laufen da jetzt gerade Camberwell Now und Stump und Pere Ubu, Crust Punk und Paramodern-Twee-Grind, was es sonst noch alles geben mag?
Das Video finde ich übrigens auch bündig, nur behalte ich mir eben die Deutungshoheit vor (und gewähre sie in hellen Momenten auch allen Anderen), ob da jetzt Porno drin ist, oder nicht. Im Vergleich zum offensichtlich pornonihilistischen Clip zu "Bombay" haben die "hippen kreativen Regisseure" doch was eher unschuldiges geliefert, das mit seiner Retroalbernheit die albern gepitchte Stimme der Battles-Nummer fein begleitet.
...werden wir also bei einer reinen Frage von "Schokolade gegen Erdbeer" landen? "but it sucks... because BECAUSE!"?
Erst noch ein Bekehrungsversuch von mir, bzw Battles in Altbesetzung selber: www.youtube.com/watch?v=6bdUZDPRQMY
(^^)v
Sophia Hoffmann schrieb am 07.06.2011 um 17:28
Interessant. Ich kannte das El Guincho-Video schon vorher und fand weder dieses, noch das von Battles sexistisch, sondern sexy. Ich mochte beide. Ich empfinde die Darstellung der Frauen nicht als entwürdigend, sondern als ziemlich selbstbewußt. Man kann ja frei entscheiden seine Sexualität offensiv einzusetzen, ich rede und schreibe gerne über Sex und finde, das ist nichts wofür man sich schämen müsste. Natürlich hätte auch ich nichts dagegen, mehr nackte Männerhaut in Musivideos zu entdecken, was ja fast ausschliesslich im Gay-Kontext stattfindet, aber ich habe gleichzeitig nichts dagegen mir scharfe Frauen anzuschauen. Punkt.
Da ich selbst Musikerin bin, werde ich versprechen bald viele Videos mit nackten, dicken Männern zu produzieren, oder mit dünnen, egal, hauptsache gut bestückt ;)
Verena Reygers schrieb am 09.06.2011 um 15:16
Liebe Sophia,

du kannst die Bilder natürlich sexy finden, das verbietet ja keiner :) Aber wenn, wie in diesem Video, der Eindruck vermittelt wird, Frauen seien nur dafür da, sexy, nackt und schmollmündig verfügbar zu sein, während Männer per se die coolen Mucker sind, dann ist es sexistisch - Diskussion überflüssig ;)

Und ja, ich würde mir auch gerne viel mehr Videos mit nackten Männern ansehen; aber das gibt es eben kaum. Wäre es anders, bräuchte man sich über die Videos dort oben auch nicht aufregen: Denn wenn alle gleichberechtigt nackt sind, ist es auch nicht mehr sexistisch.

Also, ich bin gespannt und sag Bescheid, wenn es so weit ist!
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