Alltag

Gerüchte | 04.10.2011 11:00 | Jan Pfaff

"Bloß nicht dementieren!"

Eine Geschichte muss nicht stimmen, damit Menschen an sie glauben. Klaus Merten untersucht, wie Gerüchte unsere Welt prägen. Und was man gegen sie tun kann

Der Freitag: Herr Merten, Sie sind Gerüchteforscher. Da haben Sie sicher gut zu tun. 

Klaus Merten: Ja, wobei ich vor zehn Jahren noch dachte, dass mir mein Forschungsbereich bald abhanden kommen könnte. Ich war davon überzeugt, dass es mit den neuen Medien so viele Möglichkeiten gebe, an Informationen zu kommen, dass Gerüchte daran kaputt gehen würden.

Es kam anders ...

Genau das Gegenteil ist passiert: Die Chancen für die Verbreitung von Gerüchten waren auch dank E-Mail, Blogs und Sozialen Netzwerken noch nie so gut wie heute. Es gibt prinzipiell zwei Situationen, in denen Gerüchte gehäuft auftreten: Entweder, es gibt zu wenige Informationen, dann werden die bestehenden Leerstellen aufgefüllt – oder es gibt zu viele Informationen und das Gerücht bietet Ordnung an. Das ist aber ein neuer Typus, denn diesen information overload gibt es noch nicht so lang.

Ein Beispiel für die Macht falscher Behauptungen gab es erst kürzlich. Im August kam das Gerücht auf, die französische Großbank Societé Général sei in Zahlungs­schwierigkeiten. Der Kurs ihrer Aktie brach um mehr als 20 Prozent ein – und der Euro geriet weiter unter Druck.

Diese Schwierigkeiten werden in Zukunft eher noch zunehmen, denn wir können zurzeit eine Automatisierung des Gerüchts beobachten. An den Finanzmärkten entstehen aus kleinen Falschinformationen enorme Ketten­reaktionen, weil die An- und Verkäufe weitgehend automatisiert sind, so dass geringe Kursausschläge schnell zu einer sich selbst verstärkenden Abwärts­spirale führen. Und die Computer-Algorithmen prüfen nicht, wie verlässlich eine Meldung ist – sie reagieren nur auf einen Trend.

Um die Zahlungsfähigkeit von Banken gibt es oft Gerüchte.

Ja, einen ganz ähnlichen Fall gab es in Deutschland bei der damaligen HypoVereinsbank. Sie stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, weil die Kunden ihr Geld abheben wollten, genau weil das Gerücht aufgekommen war, dass die Bank zahlungs­­- un­fähig sei. Die Bank hat das einzig Richtige gemacht: Sie hat gesagt, es sei ein Gerücht in Umlauf gesetzt worden, um ihr zu schaden. Sie hat aber nicht gesagt, welches Gerücht das genau sei.

Warum ist das so wichtig?

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Wenn man ein Gerücht dementieren will, wiederholt man es zunächst, um dann zu sagen, dass es nicht stimme. In einer solchen Situation ist es aber ein großer Fehler, das Gerücht zu wieder­holen. Sie haben sofort Leute, die sagen: "Na klar, wenn die Lage so ist, würde ich das nach außen auch dementieren." Das ist eine Logik nach dem alten Sprichwort: "Wo Rauch ist, gibt es auch Feuer." Gegen diese Logik können sie nicht argumentieren.

Was ist also der richtige Umgang mit einem Gerücht?

Im Normalfall würden sie es ignorieren und hoffen, dass es sich totläuft. Bei der HypoVereinsbank war es allerdings existenzgefährdend, so dass man reagieren musste. Man hat offengelegt, warum die Bank stabil ist. Und man hat früh reagiert. Wenn die Stimmung erst richtig aufgeheizt ist, haben sie keine Chance mehr.

Manche PR-Experten empfehlen in einem solchen Fall, eine Gegengeschichte zu erfinden.

Das ist ziemlich riskant: Man versucht, ein kursierendes Gerücht durch eine "bessere Geschichte" zu ersetzen. Wenn das auffliegt, kann es für denjenigen, der es in die Welt setzt, aber komplett nach hinten losgehen. Außerdem ist es schwierig, die Gegengeschichte richtig zu timen, da das Gerücht oft schon ein Stück weiter ist. Man kann beobachten, dass Gerüchte, wenn sie abzuebben drohen, sich noch mal verändern. Sie werden immer kürzer und negativer. Wenn die Kommunikation abzureißen scheint, wird noch etwas draufgepackt.

Sie haben nicht nur in der Wirtschaftswelt Gerüchte untersucht, sondern auch ganz alltägliche. Warum ver­schwinden manche schnell wieder – und andere sind nicht totzukriegen?

Gerüchte sind Erklärungsver­suche. Diejenigen, die die Be­dürfnisse einer sozialen Gruppe am besten befriedigen, verbreiten sich sehr hartnäckig – unab­hängig vom Wahrheitsgehalt.

Ein Beispiel?

In Lyon gab es nach dem Zweiten Weltkrieg ein Gerücht, dass junge Frauen in einem Modehaus verschwinden würden, das einem Armenier gehörte. In den Umkleiden würden sie mit K.o.-Gas betäubt und dann in Bordelle nach Algerien oder Marokko verschleppt. Dahinter steckte natürlich Fremdenfeindlichkeit, gespeist aus dem Gefühl, dass Frankreich seine Identität ver­liere, weil zu viele Menschen aus Nordafrika ins Land kämen. Das Gerücht führte dazu, dass die Polizei mit einer Sondereinheit das Modehaus stürmte und selbstverständlich nichts von alldem fand. Am nächsten Tag stand das so auch in der Zeitung, aber das Gerücht war schon weiter: Die Leuten sagten: "Ist ja klar. Die Polizei wurde halt geschmiert."

Kann man denn die Herkunft eines Gerüchts aufspüren?

Nein, man dringt nie zum Kern vor. Ich habe mal ein Dreivierteljahr ein Gerücht verfolgt. Gestartet bin ich in Bielefeld, aber es hatte sich bis nach Holland, Dänemark und Großbritannien verbreitet. Die Geschichte ging so: Ein Mann fährt aus der Stadt und sieht einen Anhalter, er bremst und will ihn mitnehmen. In dem Moment bewegt sich etwas in den Büschen – er denkt an einen Überfall, gibt Gas und hört einen dumpfen Schlag. Er glaubt, sie hätten ihm einen Stein gegen den Kofferraum geschmissen. Als er anhält, sieht er ein Loch im Kofferraumdeckel und findet eine abgerissene Hand mit Schlagring im Innern.

Ausgefallene Erzählung ...

Die Botschaft ist klar: Nimm keinen Anhalter mit! Das Bild der abgerissenen Hand spielt mit Urängsten. Es ist so eindringlich, dass das Gerücht immer weiter erzählt wurde. Die Geschichte stand sogar in der Neuen West­fälischen Zeitung. Ich wollte die Quelle finden und wurde an einen Zeitungsdrucker verwiesen. Er sagte: "Ach, das war nicht ich, das war mein Vetter." Der Vetter sagte: "Das war nicht ich, das war der Neffe meiner Frau." So ging es immer weiter. Das Muster heißt: Freunde von Freunden. Die Quelle ist immer sehr nah, aber man erreicht sie nie.

Sie wollen eine "Gerüchteklinik" aufbauen. Wozu das?

Das soll eine Stelle für Gerüchteforschung sein. Es gibt bisher keine systematische Forschung dazu. Wir wollen untersuchen, welche Gerüchte weshalb auftauchen. Und dieses Wissen weitervermitteln, um Gerüchte zu bekämpfen. Das Wissen könnte allerdings auch missbraucht werden: Man könnte damit ein perfektes Gerücht schaffen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Calvani schrieb am 05.10.2011 um 01:46
Klein aber fein, Ihr Interview, lieber Jan.
Ich freue mich ja immer wie Bolle, wenn Wissenschaftler meine persönlichen Erfahrungen bestätigen. Insbesondere dass das Sprichwort "Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" oftmals nur eine Legitimation für die Gerüchteküche ist und das Informationsdefizit viel häufiger der Stein ist, der die Sache ins Rollen bringt, habe ich schon oft konsterniert zur Kenntnis genommen.
Da es hier um Kommunikation geht: Mir ist aufgefallen, dass exakt nur die Hälfte Ihrer Beiträge in diesem Interview Fragen sind. Ansonsten bedienen Sie sich der Feststellung um Ihrem Gegenüber eine Reaktion zu entlocken. Was bedeutet das nun? Liegt das an der Kommunikations- oder der Autorisierungspraxis bei Printinterviews?
Wolfram Heinrich schrieb am 05.10.2011 um 06:56
@Calvani
Insbesondere dass das Sprichwort "Wo Rauch ist, da ist auch Feuer" oftmals nur eine Legitimation für die Gerüchteküche ist und das Informationsdefizit viel häufiger der Stein ist, der die Sache ins Rollen bringt, habe ich schon oft konsterniert zur Kenntnis genommen.

"Wo Rauch ist, ist auch Feuer - ein frischer Mist tut's aber auch."
RODA RODA

Ciao
Wolfram
tlacuache schrieb am 05.10.2011 um 07:20
Ich habe gehoert,
Wolfram Heinrich wird der naechste Bundeskanzler,
Calvani Familienministerin,
Ed2murrow Innenminister,
Merdeister teilt sich mit Bertamberg den Gesundheitsminister,
Columbus Bildungsminister ,
J-AP Aussenminister,
Joachim Petrick Finanzminister ,
Rosa Skonto Wirtschaftsministerin,
Fahrenheit 451 Zukunftsministerin,
Suzie Q mit Luzieh.fair Frauenbeauftragte und Kuni macht mit Gero Steiner den Wissenschaftsminister,
Tlacuache, wie immer: Pfoertner

Quelle, unbekannt ;-)
Wolfram Heinrich schrieb am 05.10.2011 um 07:49
@tlacuache
Ich habe gehoert,
Wolfram Heinrich wird der naechste Bundeskanzler,


Wie alles andere so finde ich auch diese Falschmeldung unerträglich. Im Namen aller Mitglieder meiner Schattenregierung dementiere ich sie hiermit auf das Herzlichste.

Hochachtungsvoll
Wolfram Heinrich, Schattenkanzler
Jan Pfaff schrieb am 05.10.2011 um 10:15
Liebe Calvani, wie schon unter dem Pelzig-Video und gegenüber Streifzug angedeutet: Der Blick in die Interview-Werkstatt ist nicht unbedingt so spannend, wie man manchmal denkt. Manche Einschübe werden einfach der besseren Lesbarkeit später eingefügt. So waren etwa die ersten zwei Antworten zunächst eine einzige. Weil das aber – vor allem auf der Zeitungsseite – eher den Einstieg erschwert als dies kürzere Absätze tun, habe ich einfach den Einschub "Es kam anders ..." eingefügt.
Noch ein anderes Beispiel: "Manche PR-Experten empfehlen in einem solchen Fall, eine Gegengeschichte zu erfinden." Da folgte im Gespräch noch die Frage "Was halten Sie davon?" Die habe ich dann aus Platzgründen wieder rausgestrichen, weil man sie als Leser nicht zwingend braucht, sondern klar ist, dass der Gesprächspartner darauf reagieren soll. Insofern ja, das ursprüngliche Gespräch hatte mehr ausformulierte Fragen als jetzt in der fertigen Fassung drin sind, aber das hat vor allem formale Gründe.
Wolfram Heinrich schrieb am 05.10.2011 um 07:45
Zum Thema "Gerücht" hätte ich noch diese schöne Stilblüte:


Ciao
Wolfram
Jan Pfaff schrieb am 05.10.2011 um 10:16
Großartig! I like


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