Seit 2003 lädt H&M regelmäßig Haute-Couture-Designer ein, Kollektionen für die Billigmarke zu schneidern. Diesen Herbst durfte Donatella Versace ran. Ihr Style in einem Satz: Du musst viel zahlen, um so billig auszusehen. Versace bei H&M in einem Satz: Jetzt musst du fast nichts mehr zahlen, um so billig auszusehen.
Wie bewirbt man so etwas? Der schwedische Regisseur Jonas Renck hat einen Einminüter hingelegt, der das Kunststück fertigbringt, der Modeindustrie die Hosen runterzulassen, Foucault zu erklären und gleichzeitig astreine Markenkommunikation zu betreiben. Der Clip inszeniert Donatella Versace in einer Deus-ex-Machina-Pose, wie sie zwei Models diszipliniert, normiert, totalüberwacht. Escher-Treppen, Rückwärtslaufen, Hamsterräder – wie in einem Alptraum. Ein Model probt den Aufstand, will aufwachen, fliehen. Doch keine Chance, Donatella bestimmt den Traum, bestimmt die Mode. Der einzige Mann im Spot blickt nichtssagend in die Luft. Wir lernen: Es braucht gar nicht den sexistischen Blick des Mannes, die Frauen regeln das mittlerweile selbst. Gleichzeitig ist in jeder Sekunde Versaces Coporate Identity erkennbar und immer eines ihrer Kleidungsstücke im Bild.
Es kommt noch besser: In der zentralen Szene sieht man ein Model, wie es sich an einem Fließband selbst klont. Selbstkloning! Multiple me! Wurde der Irrsinn, dass jeder zu H&M rennt in der Hoffnung, anders auszusehen als alle anderen, je präziser dargestellt? War Foucault je verständlicher? Und: Kann ich’s nochmal sehen?
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Sie wissen es bestimmt, aber der Regisseur war und ist meist nur das Instrument, der Löwenanteil geht auf die Rechnung des Konzeptioners, in diesem Fall ist das der Creative Director von H&M. www.horizont.net/aktuell/marketing/pages/protected/Schrilles-Marionettentheater-H%26M-launcht-Kampagne-zur-Versace-Kollektion_103835.html?openbox=0
Frau Versace hat übrigens in anderen Interviews nicht von "billig" geredet, sondern davon nun müsse man nicht mehr so viel bezahlen um wie Versace auszusehen. Ich hab mal eine Art Doku über die Versace gesehen, sie ist ja auch nicht gerade der kreative Kopf in dem Unternehmen, sie hat da ihre Angestellten im Hintergrund. Spannender finde ich die Geschichte dahinter, also warum Versace das tut; ja nicht nur, weil jeder bei H&M mal eingeladen ist wie Lagerfeld und Co., eher weil die Modebranche an sich ein Problem hat, soll heißen in der Vermarktung und damit weiter üppig bezahlt zu werden. Das führt dann zu solchen "Phänomenen" wie Glööööckler, der Mann, der Frauen ausstaffiert wie bulgarische Edelkurtisanen, und der mit seinen Billigfetzchen a la 80iger Jahre Riesenumsätze macht. |
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Das Crescendo im letzten Absatz des Artikels fand ich ja schon prächtig, aber "bulgarische Edelkurtisanen" ist auch sehr köstlich.
Natürlich hätte ich das mit Foucault gerne noch etwas weiter entfaltet gehabt, aber da war wohl die Spalte wieder einmal voll. |
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@memyselfandi: richtig, die Konzeption stammt wohl zu Großteilen von EX-STERN-Mann und jetzt H&M-Mann Donald Schneider. Die Frage, warum Versace das tut ist interessant. Man hört, dass die Kollektionen echte win-win Situationen sind, H&M verdient satt, der Designer bekommt PR ohne Ende, die dann wieder in Verkäufen umgemünzt werden kann. Wie die Beteiligung aufgeschlüsselt ist, würde mich auch interessieren.
@ ich: Der Platz ist in der Tat etwas knapp, um Foucault auszuführen, aber der Clip wirft so viel auf: Panoptikum, Normierung, Überwachen und Strafen, der Körper als Gefangener der Seele. Irre. |
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Das Haus Versace bietet darüber hinaus alles, was der moderne Kapitalismus so bietet, inklusive menschliche, psychische Auswirkungen. Gianni Versace, der mysteriös ermordet wurde und angeblich in der Mafia saß, seine unkreative Schwester mit der Schönheits-OPs, die arme Nichte, der Untergang der Mode, zumindest der Couture und und und. Ach ja, und dann noch der Ex-Stern-Mann, die schießen sich da oben eben die guten Posten zu, talentiert hin oder her. Kann man was draus machen. Und dann noch Foucault.
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Wobei ich anmerken möchte, dass STERN-Mann Schneider mit diesem Spot die letztjährigen Kollektion-Kampagnen locker überboten hat.
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Nein, nein, nein, so hab ich das nicht gemeint, die Kampagne ist genial, oder sagen wir es eine Nummer kleiner, sie ist gelungen. Das kann eben Werbung und muss sie auch, alles was so an Negativem mitschwimmt einfach ignorieren oder aufs Korn nehmen.
Ich meinte damit, dass man doch meist dieselben Namen liest, wenn es um große Reklamen oder Preise geht, meist dann an die Werbe-Olympioniken in Hamburg oder München. Das wollte ich sagen. Und die haben es bestimmt auch verdient, aber manchmal finde ich nicht, die vielgepriesenen Jung von Matt beispielsweise haben mit ihrer aggressiven Geiz-ist-geil-Geschichte den Bogen überspannt. Aber gut. |
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P.S. Don Draper finde ich eben nur im TV gut.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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Na, wie war's in der Schule