Alltag

Adventsshopping | 03.12.2011 11:00 | Freitag-Redaktion

Das Treiben der Märkte

Advent ist eine Zeit besinnlicher Reime und der Glühwein-Druckbetankung: "Schnee, Schnee, Schnee / Wir haben was im Tee." Der große "Freitag"-Weihnachtsmarkt-Vergleich

Freiburg

Optik der Tasse: eher dezent zurückhaltend, aber das Freiburger Münster muss schon drauf sein

Qualität des Alkohols: Den besten Glühwein soll es an einem Stand in Unterlinden geben, wo ein echter Weinhändler ausschenkt – am Ende ist es aber doch nur warmgemachter Wein mit ein paar Gewürzen

Publikum: gemischt zwischen shoppingwütigen Landbewohnern auf Stadtbesuch, Franzosen auf Deutschland-Ausflug und sich betrinkenden Freiburgern

Illumination: bunte blickende Lichter sieht man hier kaum, die klassische Lichterketten und -bögen dominieren

Musik: die obligatorischen Blockflöten-Kinder aus der vorweihnachtlichen Fußgängerzone, die das Üben ihrer Weihnachtslieder auf die Straße verlegt haben

Gesellschaftspolitische Relevanz: völkerverbindende Wirkung (siehe französische Besucher), volkswirtschaftlicher Nutzen (vorweihnachtliches Shoppen ist erste Bürgerpflicht!), Triebabfuhr durch Fremdknutschen zu fortgeschrittener Stunde am Glühweinstand jap

 

Holy Shit Shopping, Köln/Berlin/Hamburg

Optik der Tasse: sehen aus wie Kaffeeketten-Pappbecher und grüne Bierflaschen. Irre Idee!

Qualität des Alkohols: Wegen des Alkohols kommt hierher keiner. Wenn doch mal einer kommt, schmeckt der Glühwein zum Beispiel auch mal nach Flaschenbier

Publikum: Leute, die kreative Jungdesigner unterstützen und deren Schmuck, Kunst, Fotos, Comics und Mode kaufen. Also Gentrifizierer. Also gut gekleidete Postmaterialisten in Jeans, die Weihnachten eigentlich wegen der unnötigen Konsumiererei hassen, aber sich von so ein bisschen Postmaterialismus das Shopping nicht kaputtmachen lassen. "Against X-Mas Panic" – steht zum Beispiel auf Lebkuchen

Illumination: hell dort, wo Waren verkauft werden; nicht so hell dort, wo DJs auflegen

Musik: DJs legen auf. Klassisch-Unbesinnliches.

Gesellschaftspolitische Relevanz: groß bis klein, je nachdem, vielleicht auch mittel raa

Termine: In Köln und Berlin schon vorbei. In Hamburg am 17./18. Dezember, Am Messeplatz 1

 

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Ulm

Optik der Tasse: In Ulm begegnet man der Klebrigkeit des Getränks mit einer nüchternen Optik. Anstelle der gängigen Humpen in Lebkuchenbraun, Glühweinrot oder Marienmantelblau setzt man hier auf schlichtes Kantinenweiß. Bedruckt mit der Silhouette des Ulmer Münsters, die alljährlich variiert. Dass Ulm tassentechnisch alle Weihnachtsmarkttraditionen ignoriert, überrascht Ortskundige nicht: Immerhin wurde an der dortigen HfG 1959 das legendäre Stapelgeschirr TC100 entworfen.

Qualität des Alkohols: Qualität ist hier gleichbedeutend mit Alkoholgehalt: Nirgendwo ist es so kalt und zugig wie auf dem Ulmer Münsterplatz.

Publikum: Ulmer, Älbler und – ja so steht es auf der offiziellen Seite der Veranstalter – auch Besucher aus "Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz, auch aus England, Japan und den Vereinigten Staaten"

Illumination: BlingBling ist in Ulm nicht angesagt. Holzstände, Tannenreisig-Deko – und die ist mit weißen Lämpchen bestückt.

Musik: Chöre, Spielmannszüge und vor allem: Blaskapellen

Gesellschaftspolitische Relevanz: oifach schee ckä

 

Berlin Alexanderplatz & "Am Alexa"

eigentlich zwei Weihnachtsmärkte, die aber nahezu ineinander übergehen ...

Optik der Tasse: Mainstream-Exemplar, das als einfallsloses Souvenir aber gerne mitgenommen wird

Qualität des Alkohols: mäßig, dafür extra teuer

Publikum: 50 Prozent Touristen, 30 Prozent Alexa-Shopper, 20 Prozent Teenager, die am Autoscooter abhängen.

Illumination: übertrieben, kann sich mit Volksfesten wie dem Hamburger Dom oder dem Oktoberfest messen, mehr Rummelplatz als Weihnachtsmarkt ...

Musik: David Guetta meets Kling Glöckchen Klingelingeling

Gesellschaftspolitische Relevanz: Sozialporno versus Wirtschaftsfaktor Hauptstadttourismus sh

 

Augsburger Christkindlmarkt

Optik der Tasse: Neben den auch in Augsburg gängigen Tannenbaum-, Weihnachtsstern- und Engelsmotiven sind die Glühweintassen dort ein beliebtes Medium, um lokalpatriotischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Tassen zeigen also auch das in Form einer Zirbelnuss gehaltene Stadtwappen und vermeintliche Augsburger Prachtbauwerke wie die "Goggelesbrücke"  oder das zugegeben: wirklich prächtige, von Elias Holl erbaute Renaissance-Rathaus und dessen direkten Nachbarn, den Perlachturm.

Qualität des Alkohols: Qualität? In Augsburg geht es wirklich nur um die Quantität. Obwohl der Augsburger Markt ja schon einen sehr eigenen Titel hat (Christkindlmarkt), nennen ihn die Augsburger nochmal anders, nämlich "Glühmarkt". Denn darum geht es: In unerträglich großem Gedränge mit Blick auf Rathaus, Perlachturm und Riesen-Tanne Glühwein zu trinken. Schluck für Schluck. Tasse für Tasse. Abend für Abend.

Publikum: Bayerische Schwaben. Was das lautmalerisch bedeutet, merkt der Außenstehende mit fortlaufender Zeit, ergo steigendem Glühweinkonsum, immer höherem Alkohol- und deshalb immer lauterem Sprachpegel.

Illumination: Eingeweihte Kreise behaupten, Weihnachtstanne, Rathaus und Perlachturm würden nur angestrahlt, damit auch abends jeder sieht, dass seine Tasse schon wieder leer und Nachschub von Nöten ist.

Musik: Bewerber für das "Engelesspiel" müssen einen "lieblichen Gesichtsausdruck, Anmut in der Bewegung und Musikalität" mitbringen. Dann dürfen sie an den Wochenenden frühabends auf die Rathaussimse treten und denen, die trotz des Glühweindunstes allenthalben noch etwas sehen und trotz des schwäbisch-bayerischen Lärms noch etwas hören, Weihnachtslieder und Engelskostüme darbieten.

Gesellschaftspolitische Relevanz:  Der Oberbürgermeister nennt den Augsburger einen "der schönsten und beliebtesten Christkindlesmärkte Europas". Er und die Massen an Glühwein tragen damit zur Beruhigung der lokalen Bevölkerung bei, die aufgebracht und deren Seelen geschunden sind von Fremdzuschreibungen wie "Greater Munich" oder dem Brecht zugeschriebenen Zitat über seine Geburtsstadt: "Das Beste an Augsburg ist der Zug nach München." sepu

Was, da fehlt aber doch noch ein total wichtiger Weihnachtsmarkt, ohne den die Adventszeit nicht vorstellbar ist? Dann bitte einfach in den Kommentaren ergänzen. Die Kategorien dürften ja klar sein ...

 
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Artikelaktionen
Kommentare
goedzak schrieb am 03.12.2011 um 17:50
Als Redakteur hätte ich das Projekt ja abgelehnt, weil: Gibt es wirklich relevante Unterschiede zwischen den sog. Weihnachtsmärkten dieser Republik?!

Ich war neulich kurz (!) auf dem 'Striezel-Markt' in Dresden. Wahrscheinlich war's die Ostalgie... Das letzte Mal, dass ich dort war, stand ich langmähnig, gehüllt in einen US-Army-Parka, aufgehoben in einer Gemeinschaft langmähniger, in US-Army-Parkas gehüllter Gestalten, am Schwarzbierstand und war mit Schwarzbiertrinken und Diskutieren über Jimmy Carter und seine imperialistische Politik beschäftigt.
Ja, damals hatte der Striezelmarkt noch Alleinstellungsmerkmale.
Jan Pfaff schrieb am 06.12.2011 um 10:10
Ich glaube, Sie unterschätzen die "feinen Unterschiede".

Aber klar, so schön wie früher wird's nie mehr. Das ist natürlich immer richtig, wusste auch schon Baz Luhrmann:

"Accept certain inalienable truths, prices will rise, politicians will philander, you too will get old. And when you do, you’ll fantasize that when you were young prices were reasonable, politicians were noble and children respected their elders."

goedzak schrieb am 06.12.2011 um 12:36
Sie haben das als eine Äußerung von 'Früher war alles besser!' verstanden? - Ich dachte, schon die Wahl des Begriffs 'Alleinstellungsmerkmal' lässt Ironie durchgucken.
Jan Pfaff schrieb am 06.12.2011 um 17:33
Nee, ehrlich gesagt: nicht.
Zeitwechslerin schrieb am 04.12.2011 um 17:15
München: Mittelaltermarkt am Wittelsbacherplatz

Optik der Tasse: Tonhumpen (erdbraun)

Qualität des Glühweins (Würzwein genannt und garantiert ohne chemische Zusatzstoffe): Phantastisch. Auch phantastisch teuer. Es gibt auch Feuerzangenbowle usw.

Publikum: In-Menschen, denen die Verwunderung in den Mundwinkeln steht, das selbst sie die 40 geschrammt haben. Dass es jedem passiert, war klar, aber ihnen?! Kinder, die aussehen wie aus Bullerbü, für deren Outfit aber mehrere hundert Euro hingelegt wurden. Wenige Touristen, selbst am Sonntag. Hier klüngelt das schicke München. Einige ältere normale Menschen, die mit glänzenden Augen das Programm (Vorleser, Artisten, Gaukler, Zauberer, Feuerschlucker, Seiltänzer) aufsaugen und den Handwerkern bei der Arbeit zusehen. So was gabs in ihrer Jugend nicht. In meiner auch nicht. Ein Weihnachtsmarkt für alle, die Märchenfilme lieben.

Illumination/Dekoration: Feuer und Fackeln, Wasserspeier

Bebauung: Buden aus jahrhunderte altem handbehaunem Antikholz, mit Schnitzereien nach mittelalterlichen Originalen.

Musik: Mittelalterlich. Sehr hübsch.

Gesellschaftspolitische Relevanz: Groß. Auf dem Heimweg genießt man nicht den feinen Rausch, sondern überlegt sich, wie man dem sechsjährigen Mädchen von übernebenan so einen Besuch ermöglichen kann, die mit Mutter und Oma in einem Ein-Zimmer-Appartement (und natürlich ohne Schreibtisch für ihre Hausaufgaben) lebt. Einfach einladen und mit ihr hingehen? Das wäre gemein, sie soll das mit ihrer Mutter erleben können. Der Mutter davon erzählen und 50 Euro in die Hand drücken? Ob sie das kränkt? In ihrem Beruf wird 50-Euroweise abgerechnet. Und sie würde sich dort nicht wohlfühlen.
Ach scheiße. Scheiß München, Scheißschnitzereien, scheißjahrhunderte altes Antikholz.
goedzak schrieb am 05.12.2011 um 23:12
Ehrlich gesagt, diese Schilderung gefällt mir besser, als die da oben. :)


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