Alltag

Kolumne | 12.12.2011 16:10 | Katrin Rönicke

Die Finnen machen's vor

Allgemeine Bildungsstandards sollen das Allheilmittel für die blamierte deutsche Bildungslandschaft sein: Doch nicht nur für unsere Autorin ist Bildung mehr als Ökonomie

Auf der einen Seite streiten sich BildungspolitikerInnen aus Bund und Ländern und aus den verschiedenen Parteien über nichts, als über das Schulsystem. Auf der anderen Seite sind sich beinahe durch die Bank alle einig, dass eines der wichtigsten Instrumente zu Befreiung der Republik aus dem PISA-Bildungsschlamassel die sogenannten Bildungsstandards sind. So wundert es auch nicht, dass der neue Präsident der Kultusminister-Konferenz (KMK), der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe von der SPD, gegenüber der Presse am Wochenende verlauten ließ, seine obersten Prämissen seien Bildungsstandards und eine bessere Berufsbildung.

Er bringt damit die beiden kleinsten gemeinsamen Nenner des ansonsten sehr diversen Haufens der KMK auf den Punkt. Bereits in den Jahren 2003 und 2004 verabschiedete sie ein umfassendes Konzept der Qualitätsentwicklung für das Bildungssystem, dessen zentraler Angelpunkt die Bildungsstandards sind, die durch ein umfassendes Bildungsmonitoring, also Vergleichsarbeiten an den Schulen, zu sichern seien. Wir erinnern uns: Die erste PISA-Studie in Deutschland wurde Ende 2001 veröffentlicht. Die zwei wesentlichen Ziele waren eine Überprüfung der Leistungen sowie eine gezielte Schul- und Unterrichtsentwicklung auf der Basis von empirischen Befunden. Das Konzept dieser Standards ist weltweit verbreitet und die Idee dahinter reicht bis an den Anfang des vergangenen Jahrhunderts zurück – in eine Zeit, in der europaweit eine Art „Verwissenschaftlichung“ der Pädagogik einsetzte.

Bereits um 1940 führte Schweden standardisierte Leistungsmessungen ein. In den USA kamen sie in den 1970er Jahren. Und auch in Deutschland wurde das Prinzip erstmals 1970 erwähnt und vorgeschlagen – jedoch nicht weiter verfolgt. In den 1980er Jahren rückte in den Fokus der globalen pädagogischen Entwicklungspolitik die Effektivität und Effizienz der Bildung. Seither befassen sich Weltbank und OECD intensiv mit Instrumenten, die ihrer Meinung nach universell anwendbar sind und zu mehr Wachstum und Wohlstand in der ganzen Welt führen sollten. Neben Dezentralisierung, Liberalisierung und Gutscheinmodellen sind Bildungsstandards und Leistungsmessungen für diese Institutionen ein Patentrezept. Diese Ökonomisierung der Bildung entspricht dem derzeitigen Zeitgeist.

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Was heißt normal?

Das 12-jährige Gymnasium, die Art der Ausgestaltung von Bachelor- und Master-Studiengängen in Deutschland – der Fokus liegt auf einem physikalischem Begriff von Leistung: Die Leistung ist umso besser, je mehr Arbeit in so wenig Zeit wie möglich erledigt wird. Doch neben dieser Ökonomisierung gibt es noch eine viel weitreichendere und grundlegendere Kritik am Konzept der Bildungsstandards: Kann Bildung überhaupt standardisiert werden? Was bedeutet es, wenn wir unseren Kindern während ihrer Schulzeit ständig ein Feedback darüber geben, ob sie im Bereich des „Normalen“, also des Durchschnitts liegen?

Statistiken und Auswertungen spielen bei der Konstruktion dessen, was normal ist, eine wichtige Rolle – nichts sonst ermahnt uns der Anpassung derart eindrücklich, wie ein unterdurchschnittliches Testergebnis. Das hat die gesellschaftliche Reaktion auf PISA gezeigt. Aber kann Bildung tatsächlich etwas sein, das „normal“ und „durchschnittlich“ sein soll? Gunter Dueck, Mathematiker, Philosoph und Internet-Visionär zeigt diesem Denken seine Fehler auf: Es ginge hierbei nicht um eine persönliche Entwicklung, um die Fähigkeiten und Chancen von Individuen, sondern „offiziell sollen Sie zuallererst funktionieren.“ So entstünde auch die Definition der sogenannten „Exzellenz“: Exzellent seien in unserer Standard-orientierten Denkweise eben all jene, die den Leistungstests standhielten, die keine Fehler machten. Die KritikerInnen der Leistungsmessungen werfen zynisch ein: Ja, es käme gelegentlich auch einmal vor, dass ein Test die Bildung widerspiegele. Gelegentlich.

Das föderale System und die Fehleranfälligkeit der Testdurchführung an sich sind weitere Probleme – aber das würde jetzt zu weit führen. Auch will ich gar nicht erst davon anfangen, wie die Leistungsmessungen von lokalen Politikern als Machtinstrument in Wahlkämpfen oder zur Denunziation anderer instrumentalisiert werden (dazu bei Gelegenheit eine eigene Kolumne).

Bedeutsamer ist es, dass wir uns ernsthaft der Frage stellen: Welchen Begriff von Bildung wollen wir in dieser Gesellschaft vertreten? Denn in der politischen wie in der medialen Debatte werden „Bildung“, „Qualifikation“ und „Kompetenzen“ semantisch kaum mehr voneinander getrennt und in einen schlabbrigen Bildungsbrei verwandelt. Qualifikationen und Kompetenzen lassen sich standardisieren – Bildung aber ist viel mehr. Bildungsstandards sind ein Oxymoron – das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben. Zumindest hier in Deutschland. Auch in Finnland gibt es ein National Core Curriculum, das zentrale Lernziele formuliert. Doch die finnische Schule geht mit einem anderen Verständnis von Lernen, Kindern und Unterricht an die Sache heran: die Schüler selbst bestimmen dort ihr Lerntempo, ihren Stoff und ihren Rhythmus – freier Unterricht und offene Klassen setzen auf die freie und selbstbestimmte Bildung. Das ist nur leider völlig undeutsches Denken und der starke Wunsch vieler, diese Herangehensweise könne zu den kleinsten gemeinsamen Nennern der KMK werden – bleibt wohl leider noch auf Jahrzehnte eine schöne Illusion.

Die Autorin hat unter dem Titel „Bildungsstandards als universelles Instrument: Grenzen, Konflikte und Herausforderungen am Beispiel VERA in Deutschland“ ihre Abschlussarbeit im Fach Erziehungswissenschaften geschrieben. Die Arbeit ist in ihrem Blog verfügbar.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
oxnzeam schrieb am 12.12.2011 um 16:58
“Jede Bildung ist hier verhasst, die einsam macht, die über Geld und Erwerb hinaus Ziele steckt, die viel Zeit verbraucht. […] Nach der hier geltenden Sittlichkeit steht gerade das Umgekehrte im Preise, nämlich eine rasche Bildung, um bald ein geldverdienendes Wesen zu werden, und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Dem Menschen wird nur soviel Kultur gestattet, als im Interesse des allgemeinen Erwerbs und des Welt-Verkehrs ist, aber soviel wird auch von ihm gefordert.” (Friedrich Nietzsche)
wwalkie schrieb am 12.12.2011 um 19:37
Bei aller Zustimmung zu den meisten Ihrer allerdings sehr allgemein gefassten Aussagen bin ich schon ein wenig - sagen wir - erstaunt. Kein Wort zu den mittlerweile kritischen Aussagen sehr namhafter deutscher Erziehungswissenschaftler und Didaktiker zur Ersetzung von Bildung durch Kompetenz oder Literacy oder was auch gerade en vogue ist. Kein Wort zu den ziemlich leicht feststellbaren handfesten Interessen ziemlich leicht feststellbarer Interessenträger der PISA-Studien ("Auftragsarbeiten", sagt der Soziologe Bude). Dafür der Verweis auf auf einen angeblichen "Internet-Visionär".

Na gut, damit muss man als alternder Bildungskämpfer mit einigen Narben wohl leben (ist so leicht nicht, denn Bildung ist das Gegenteil von Oberflächenwissen), aber muss man uns wirklich den PISA-Repräsentanten Baumert antun? Und muss man uns wirklich schon wieder den finnischen Mythos zumuten? In Finland herrscht nämlich - bei kleinen Klassen allerdings - Frontalunterricht vor. Ist das nicht furchtbar deutsch? Was deutschdemokratischrepublikanisch?
Marco Hafke schrieb am 13.12.2011 um 10:10
Was haben eigentlich immer alle gegen den "Frontalunterricht"? Irgendwann hat mal jemand beschlossen, dass die Reformpädagogik viel besser sei als der "herkömmliche" Frontalunterricht. Betrachtet man die Unterrichtsmethodiken der 50er und 60er Jahre, mag das stimmen.
Es werden aber beim Vergleich der didaktischen Methoden gerne zwei entscheidende Dinge außer acht gelassen:

1. Wie gut der Unterricht gestaltet ist, hängt zu einem sehr großen Teil von den Fähigkeiten der Lehrer ab. Und damit meine ich nicht nur die "formale Qualifikation" durch zwei Staatsexamen sondern die individuellen Fähigkeiten. Die Aufteilung von gut (=reformpädagogische Ansätze) und schlecht (=Frontalunterricht) ist da zu simpel. Es gibt nämlich sehr gut gemachten Frontalunterricht und auch sehr schlecht organisierten reformpädagogischen Unterricht. Genauso wie nicht jeder Schauspieler glaubhaft jede Rolle spielen kann, kann nicht jeder Lehrer auch jeden pädagogischen Ansatz perfekt umsetzen.

2. Nicht jeder pädagogisch-didaktische Ansatz eignet sich für jeden Inhalt. Grammatik einer Sprache zu lehren ist unterscheidet sich didaktisch deutlich vom Lehren naturwissenschaftlicher Inhalte, bei denen es eher um das Verstehen von Zusammenhängen geht.

Ich glaube, dass wenn ein Lehrer motiviert ist, schon eine Menge gewonnen ist. Die didaktische Methode ist dann noch das i-Tüpfelchen. Unmotivierte Lehrer machen auch schlechte Reformpädagogik. "Wochenplan" oder "Lernen an Station" bedürfen einer sehr intensiven Vorbereitung und Eigenmotivation der Lehrer.

Aber wie motiviert man Lehrer? Hier kommen wir noch einmal auf Finnland zurück. In Finnland reißen sich die Leute mit den besten Abiturnoten darum Lehrer werden zu dürfen. Die Unis können sich also zur Ausbildung von Lehrern die besten Leute aussuchen. Und hier? Wenn hier ein Abiturient mit einem Schnitt von 1,0 oder 1,1 sagen würde, er wolle Lehrer werden, bekäme er zu hören: "Lehrer? Mit deinen Möglichkeiten kannst du doch was besseres machen!"
Lehrer werden in Finnland übrigens nicht eher durchschnittlich bezahlt. Und auch das überrascht die "deutsche Seele" immer wieder: Die besten Leute wollen nicht zwingend dahin, wo man das meiste Geld verdienen kann. Neben Geld gibt es nämlich noch etwas, was vielen Menschen oftmals sogar wichtiger ist: gesellschaftliche Anerkennung der Lehrer. Und die fehlt in Deutschland. Das ist eines der Kernprobleme von Bildung. Ob die Schulen nun Gymnasium oder Ganztagsschulen heißen, ob man Real- und Hauptschulen zusammen legt oder ob man ganz viel Geld in vergleichbare Noten und Zentralabitur steckt, solange im Klassenzimmer ein Lehrer schlechten Unterricht macht, wird sich nichts ändern.
Marco Hafke schrieb am 13.12.2011 um 10:14
Schade, dass man seinen Kommentar nicht im Nachhinein verbessern kann, dann würde ich ein paar kleine Fehler korrigieren. Aber so müssen alle damit leben.
Zweibein schrieb am 13.12.2011 um 10:33
Danke, Herr Marco Hafke, Sie konnten sehr viel besser formulieren, was ich sagen wollte, als ich es hingekriegt hätte.

Das hinrlose Wiederholen von Glaubennsbekenntnissen a la "Frontalunterricht böse" zeigt eigentlich, dass bereits hier ein Bildungsversagen vorliegt. Die eigentliche Fähigkeit besteht gerade darin, derartige Prämissen hinterfragen und relativieren zu können. Das setzt aber voraus, dass dieses Hinterfragen und Relativieren auch bei denen gewollt und gefördert wird, die Bildung vermitteln sollen. Wenn also Lehrer mit immer mehr Stunden, Vertretungsstunden etc. belastet werden, geht genau dies in der täglichen Tretmühle verloren. Dann reicht einfach die normale menschliche Energie nicht mehr aus, sich mit Möglichkeiten abseits des Gewohnten zu beschäftigen.
Nietzsche 2011 schrieb am 13.12.2011 um 12:15
@ Marco Hafke
Volle Zustimmung.
Als Ergänzung zu Pkt. 1 empfehle ich noch den Artikel "Ein gewisser Schlendrian" (Spiegel 5/2008; wird wohl noch zu finden sein).
glamorama schrieb am 13.12.2011 um 09:38
Die Geschichte mit den deutschen Bildungsstandards geht - stark vereinfacht - so:

1) 2001: Die PISA-Ergebnisse fallen nicht wirklich schlecht, aber schlechter als erwartet aus.
2) Von ihrem Selbsterhaltungstrieb angetrieben, beschließt die Politik, dass die Ergebnisse schnell besser werden müssen.
3) Ein in aller Eile und beinahe willkürlich zusammengetrommelter Kreis von BildungswissenschaftlerInnen legt eine Untergrenze dafür fest, was SchülerInnen mindestens können sollen: Die Bildungsstandards. Auf empirische Überprüfbarkeit wird bei der Formulierung kaum geachtet - die Standards sind normativ.
4) Eine Überprüfung der Bildungsstandards in allen Schulformen wird beschlossen und in Berlin eigens ein Institut dafür gegründet. Bei der Entwicklung der Testinstrumente fällt auf, dass sich ein Teil der Standards gar nicht sinnvoll messen lässt.
5) Der verbleibende Teil wird mit großem Aufwand evaluiert. Hierbei hat die Politik so gut wie keinen Einfluss - die Evaluation liegt weitestgehend in der Verantwortung der Wissenschaft und folgt den dort gültigen Kriterien.
6) Die Ergebnisse werden präsentiert und zeigen klar: A ist größer als B; C spielt keine Rolle und D ist ein Riesenproblem.
7) Die Ergebnisse werden von der Politk und der Presse aufgegriffen. Die KMK verkündet: "B ist größer als A, und wenn man ganz viel C macht, können gute PISA-Ergebnisse innerhalb einer Legislaurperiode erreicht werden". D wird nicht erwähnt.
lulu morgenstern schrieb am 13.12.2011 um 11:22
Generell finde ich den Artikel sehr gelungen und teile die Kernaussage. Doch ich sehe es nicht ganz so negativ wie die Autorin. Wobei ich hier insbesondere für NRW sprechen möchte, da meine Kenntnisse bezüglich der anderen Bundesländer nicht sehr weitreichend sind! Im Gegensatz zur Autorin, denke ich schon, dass bereits ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Schule hat sich bisher immer am Lehrer orientiert, der den Lehrplan umzusetzen hat und den Schülern wissen vorgibt. Darüber hinaus bestimmte er auch den Zeitrahmen, die Art wie gelernt wird und gibt klare Lösungswege vor (auch in Mathematik führen viele Wege nach Rom, doch meist wird nur ein bestimmter Weg akzeptiert). Dies ändert sich gerade und es ist eine sehr spannende Entwicklung, die hier zu beobachten ist! Weg vom klassischen Frontalunterricht (Und ich muss meinem Vorredner widersprechen, denn der klassische Frontalunterricht ist tatsächlich didaktisch wenig sinnvoll. Eine sinnvolle alternative hierzu ist Frontalunterricht plus eine zweite Lehrkraft, die durch die Klasse geht und auf Fragen und Probleme der einzelnen Schüler direkt eingehen kann (als Beispiel).), werden mittlerweile neue Lehrmodelle umgesetzt, wie auch schon einige Ansätze im Artikel beschrieben wurden. Es gibt Grundschulen, die von der ersten bis zur viertel Klasse alle Fächer bis auf die Hauptfächer in Stufenübergreifenden Klasse unterrichten. Dies zwingt den Lehrer den Blick auf den einzelnen Schüler zu richten und der Heterogenität der Schülerschaft Rechnung zu tragen. Auch Wochenaufgaben etc. sind meiner Ansicht nach Ausprägungen dieses Paradigmenwechsels, denn sie fördern die Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung der Schüler auf der einen Seite und verhindern auf der anderen Seite, dass Schüler im Stoff abgehängt werden, da sie ihr Lerntempo selbst bestimmen.
Seit 2005 ist die „Individuelle Förderung“ nun in Artikel 1 im NRW Schulgesetz verankert. Das an sich heißt noch nichts! Doch ich sehe die Ansätze an vielen Schulen und die Bemühungen, um die Umsetzung dieses Anspruches. Auch mit Blick auf den Umgang mit kultureller Vielfalt sowie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention wird sich in den nächsten Jahren zwangsläufig etwas tun. Doch ich schließe mich auch hier der Autorin an, es wird sicher noch ein langer Weg, aber die Entwicklung ist im Gange und sie ist unglaublich spannend!


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