Alltag

Bildsprache | 19.12.2011 13:57 | Jörg Friedrich

Die Piraten und das Meer

Wir müssen uns das Internet als Ozean vorstellen: Der Mensch hat eine neue Welt der Unordnung erschaffen, und die Piraten sind in dieser Welt zu Hause

Mit dem Internet sind erstaunlich viele Wasser-Metaphern verbunden. Es begann schon ganz früh und technisch mit dem „Port“, also dem Hafen, den man ansteuern muss, um bei einem Server anlegen zu können. Dann kam die wahrscheinlich bekannteste Metapher – das Surfen. Heute sehen wir im Netz einen Video-Stream, und man spürt direkt das Vorbeirauschen des Stromes. Neuer ist die Cloud, die Wolke, in der alles Mögliche verschwinden kann, und natürlich der Pirat. Das Internet ist ein Ozean von Daten und Informationen, auf deren Wellen wir reiten, aus denen wir Ströme abzapfen. Und dieser Ozean ist die Heimat des Piraten.

Heute ist mit dem Begriff des Piraten oft das Bild eines Diebes und Verbrechers verbunden, aber dieses Bild war nie ganz überzeugend. Und in den Anfängen der Seefahrt, bei den alten Griechen, bedeutete das Wort, von dem „Pirat“ abstammt, auch noch etwas ganz anderes: „wagen, versuchen, nehmen“. Der Pirat ist einer, der es wagt oder versucht, eine neue Welt zu „nehmen“.

Um den Zusammenhang von Wagen und Nehmen im Altgriechischen zu verstehen, muss man sich den großen Unterschied zwischen Land und Meer bewusst machen. Das Land ist markiert, von Spuren menschlicher Ordnung durchzogen, es gibt klare, dauerhafte Wege mit erkennbaren Zielen. Das Land ist, wie Deleuze und Guattari in den Tausend Plateaus schrieben, ein gekerbter Raum. Das Meer hingegen ist ein glatter Raum, ohne Markierungen, ohne dauerhafte klare Wege und Spuren, ohne Grenzsteine und Befestigungsanlagen. Wer sich aufs Meer hinaus begibt, wer den glatten Raum wählt (nimmt), verlässt den Schutz der klaren Ordnung, er wagt sich in die Ordnungslosigkeit. Dieses Wagnis versucht der Pirat, er nimmt das glatte Meer und verzichtet auf den Schutz des geordneten Landes.

Der Ozean der Gegenwart ist das Internet – paradoxerweise, denn es ist das erste Ordnungslose überhaupt, das vom Menschen gemacht ist. Nach Jahrtausenden des ordnenden Eingriffs in die chaotische Natur hat der Mensch zum ersten Mal eine neue Welt der Unordnung geschaffen.

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Diejenigen, die sich heute als Piraten bezeichnen, waren in dieser ungeordneten Welt von Anfang an zu Hause. Sie gehören zu denen, die sich auf diesen Ozean hinaus gewagt haben, die ihn – in einem gewissen Sinn – in Besitz genommen haben, soweit man überhaupt einen Ozean, auf dem es keine festen Grenzen gibt, besitzen kann. Ein solches Piratentum ist immer eine Utopie, nämlich die Idee, dass Menschen auch jenseits der alten Ordnungen klar kommen und glücklich sein könnten. Es ist selbstverständlich, dass Piraten in ihrem vertrauten Medium die Gesetze der ländlichen Ordnungen nicht akzeptieren können, zumal sie belustigt dabei zusehen, wie die Herrscher der gekerbten Räume ihre Grenzmarkierungen auf dem Wasser zu setzen versuchen und sich wundern, wie ein Grenzstein nach dem anderen in den Fluten versinkt.

Irgendwann wird gekerbt

Aber auch die Bewohner der „alten Welten“ wollen das Meer befahren, das Internet nutzen. Sie wollen die „virtuelle Welt“ überqueren, um von einem Port zum andern zu gelangen. Das muss zu Konflikten mit den Piraten führen, zumal, wenn die Handelsflotten ihre Regierungen auffordern, das Meer zu markieren, Grenzen zu ziehen und für Ordnung beim Surfen zu sorgen.
So einen Kampf haben am Ende bisher immer die Piraten verloren. Sie wurden zu Verbrechern erklärt, vernichtet oder in den Dienst der einen oder anderen Landmacht genommen. Irgendwann wird jeder glatte Raum gekerbt, und dann sind die Piraten nichts anderes mehr als Verbrecher oder Folklore, Vorbilder für Komödien und Kinderfilme.

Natürlich können die Piraten des Internets versuchen, dieses Schicksal zu vermeiden. Dafür gibt es drei Möglichkeiten. Den ersten Weg sind im Laufe der Jahrhunderte viele Piraten gegangen: Sie haben sich in den Dienst der alten Mächte nehmen lassen und fortan eine gute Karriere an Land oder auf den stolzesten Schiffen der Marine gemacht. Auf die zweite Idee sind frühere Piraten im Gegensatz zu den jetzigen wohl nicht gekommen: Sie fordern eine soziale Grundsicherung für jeden und alle (auch für Piraten) – dann ist das Versuchen kein Wagnis mehr, keine Inbeschlagnahme des Unsicheren. (Womit die Piraten ganz schnell von den Landratten nicht mehr zu unterscheiden sind.)

Die dritte Variante wäre, darauf zu setzen, dass die menschengemachte Nicht-Ordnung des Netzes erst der Anfang einer großen glatten Welt ohne Kerben (Grenzsteine, Markierungen, ausgetretene Wege) ist, und dass es gut ist, sich auf so eine Welt einzurichten und wirklich neue Wege vorzubereiten und auszuprobieren. Auch dafür steht ja schon eine Wasser-Metapher bereit: Liquid Democracy, die flüssige Demokratie. Die auszuprobieren und auszugestalten ist ein wirkliches Wagnis, das zu versuchen Piratensache wäre. Wer weiß, wenn die gelangweilten Landratten davon erfahren, verlassen sie vielleicht das sinkende (hier hinkt meine Metapher) Land.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
roadmin schrieb am 19.12.2011 um 17:18
Schiffe sind im Hafen am sichersten. Doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.
Wolfram Heinrich schrieb am 20.12.2011 um 07:06
@roadmin
Schiffe sind im Hafen am sichersten.

Landratte, die ich bin, habe ich das auch ein Leben lang geglaubt. Doch dann hat sich vor einigen Wochen dieser merkwürdige Orkan der amerikanischen Ostküste genähert - und was lese ich? Ich lese, daß die dort stationierten Schiffe der US-Kriegsflotte den Befehl erhielten, die Häfen zu verlassen und aufs Meer hinaus zu fahren. Die Schiffe seien, so las ich weiter, bei so einem Sturm auf Hoher See sicherer als vertäut im Hafen.
"Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um", sang einst Wolf Biermann, als er noch jung und Kommunist war.

Ciao
Wolfram
Meyko schrieb am 19.12.2011 um 18:14
Ich mag solche Bilder. Solche auch:

Ein Tourist kommt in eine Taverne auf Madagaskar und trifft dort einen echten Piraten mit Holzbein, Haken statt Hand und Augenklappe. Er geht er auf den Piraten zu und sagt: "Boah, also so einen echten Piraten habe ich ja noch nie gesehen. Sie haben ja alles, Holzbein, Hacken und Augenklappe. Verraten sie mir vielleicht, wie das alles passiert ist?"

Pirat: "Na, dass kann ich dir wohl erzählen! Mein Bein wurde beim Entern zwischen den Schiffswänden zermalmt und meine Hand wurde von einer Axt abgehackt, weil ich nicht loslassen wollte."

Tourist: "Tja, ein echt gefährliches Leben. Und was ist mit ihrem Auge passiert?"

Pirat: "Da hat mir'ne Möve reingeschissen!"

Tourist: "Ja, aber davon verliert man doch nicht sein Auge?!"

Pirat: "Naja, da hatte ich den Haken erst einen Tag..."

Ist jetzt vielleicht nicht so eins zu eins übertragbar, aber "be careful" ...
Valuations schrieb am 19.12.2011 um 23:29
Das Konzept der Liquid Democracy ist die wahre Stärke der Piraten. Und nur die Piraten haben bisher die technische und organisatorische Kompetenz dieses Konzept sehr effektiv und effizient zu realisieren. Nun müssen sich die Piraten nur noch eingestehen, dass sie die beiden wirklich entscheidenden gegenwärtigen und zukünftigen Themen, Wirtschaftsordnung und Verteilungsgerechtigkeit, bisher nicht verstanden haben.

Sie begreifen nicht, dass die derzeitige Wirtschaftsordnung grundlegend neu geregelt werden muss. Stattdessen scheinen sie die bestehende Wirtschaftsordnung nur anders verwalten zu wollen. Sie resignieren vor dem Status quo, weil sie die ökonomischen Ursachen nicht verstehen. Daher setzen sie auf das utopische und populistische Grundeinkommen (BGE). Als hätten Die Grünen damals einfach kostenlose Gasmasken gefordert statt ein generelles Umdenken. Wenn die finanziellen Ressourcen richtig verteilt werden, wird sich die Arbeitslosigkeit auf NAIRU Niveau bewegen. Die Arbeit wird NICHT „ausgehen“ wie es einige „Science-Fiction-Piraten“ annehmen.

Um das zu verstehen, braucht es allerdings auch die richtige Besatzung an Bord des Piratenseglers. Marina Weisband und andere ökonomische Leichtmatrosen und opportunistische Trittbrettfahrer, sind da nicht förderlich.

Mit einer Kursänderung in Sachen Wirtschaft, der richtigen Mannschaft an Bord und der bereits vorhandenen überlegenen „Segeltechnik“ könnten die Piraten zu einer echten Seemacht werden.

Wenn die Piraten das erkennen, dann haben sie tatsächlich das Potential die etablierten Parteien entscheidend abzuhängen oder sogar ernsthaft in Seenot zu bringen. Sie müssen sich beeilen, denn die etablierten Parteien werden nicht nur das Segeln sehr schnell lernen sondern auch das riesige Potential der Liquid Democracy entdecken. Die Piraten sollten den Vorsprung zu nutzen.
Jörg Friedrich schrieb am 20.12.2011 um 06:50
Valuations, ich denke, "liquid democracy" und der Ruf nach einer "richtigen Mannschaft" die dann die "richtige Politik" macht, schließen sich gerade aus.
tlacuache schrieb am 20.12.2011 um 08:10
Liquid Democracy?
Eher virtuelles heisses Wasser oder „Articles of Agreement“: ..."Sie erhalten für den Verlust eines rechten Arms 600 Piaster oder sechs Sklaven".
Was wohl der alte Henry Morgan, Jean Lafitte, Sir Francis Drake und Roche Brasiliano dazu gesagt hätten?
Wahrscheinlich "Amen" und ab ins Fegefeuer,
wobei, Dank des "Dudum siquidem" von alde Alexander VI., hat sich die Reformation ein bisserl verspaetet, so rund 2000 Leguas entfernt.
Da konnte man sich noch eine Wenigkeit/Ewigkeit freikaufen, vom Fegefeuer...
Vielleicht liegt ja bei den "Internetpiraten" das moderne Fegefeuer beim BKA oder der NSA (National Security Agency)?
Till Achinger schrieb am 20.12.2011 um 12:54
Übrigens: Über die nautische und Wassermetaphorik im Umgang mit dem Internet gibt es eine ausführliche Abhandlung: Bickenbach/Maye: Metapher Internet. Literarische Bildung und Surfen. Kadmos 2009.


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