Alltag

Jogginghose | 20.01.2012 16:30 | Sophia Hoffmann

Easy going

Am heutigen Freitag ist Weltjogginghosentag. Grund genug für eine kleine Betrachtung des Beinkleids als Sportkleidung, Uniform des Fernsehtrashs und Must-Have der Zeit

Am 20.Januar ist der internationale Tag der Jogginghose. Es wird aufgerufen, in ebendieser ins Büro zu gehen. Nach der Notwendigkeit für einen solchen Tag zu fragen, wäre möglich, aber sinnlos. Fakt ist: Die Jogginghose hat sich, auch wenn sie zeitweise eine schmuddelige Schattenexistenz fristete, eine gesellschaftliche Präsenz erschlichen, die fast mit der der Jeans mithalten kann. Entstanden als funktionelle Sportkleidung tauchte sie in den späten 1970er Jahren erstmals verstärkt auf der Bildfläche auf, und je populärer die Jogging-Bewegung wurde, desto omnipräsenter wurde auch die bequeme, weit geschnittene Hose.

Schon bald entdeckten auch auf Müßiggang spezialisierte Menschen den Gemütlichkeitsfaktor des Kleidungsstücks. Unter HipHop-Musikern erfreuten sich „joggers“ wachsender Beliebtheit, wobei zunehmend auf große Markennamen wie Nike, Adidas oder Puma Wert gelegt wurde. Ende der 1980er Jahre war die Jogginghose modisch so etabliert, dass man selbst auf dem Schulhof damit punkten konnte. Doch der mit der deutschen Wiedervereinigung einhergehende Anstieg der Arbeitslosenzahlen bescherten der Buxe einen erheblichen Imageverlust. Sie galt als Kleidung derer, die auf Sozialstaatskosten zu Hause abhängen, und auch in Amerika wurde sie zunehmend als Uniform des „White Trash“ wahrgenommen, der sogenannten weißen Unterschicht.

Talkshowinventar und Hotelerbinnen-Kleidung

Exemplare aus sogenannter Ballonseide – glänzendem Nylon – beherrschten bald das komplette deutsche Privatfernsehen, welches 1995 zu gefühlten 98 Prozent aus Talkshows bestand. 1996 veröffentlichten die Spice Girls ihre erste Single „Wannabe“, und zwei von ihnen trugen im dazugehörigen Video Jogginghosen. Mel C. alias „Sporty Spicy“ trat zu Beginn der Bandkarriere ausschließlich darin auf, und eine neue wilde Mädchen-Generation übernahm ihren Look. Kurz darauf erschien eine damals noch recht unbekannte Hotel-Erbin namens Paris auf der Society-Bildfläche, und neben lächerlichen Schoßhündchen wurden Trainingsanzüge aus plüschigen Materialien in allen erdenklichen Pastelltönen ihr Markenzeichen.

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Weibliche Hollywoodstars trugen auf einmal in ihrer Freizeit Jogginganzüge, und die Marke Juicy Couture und ihr charakteristischer Schriftzug, direkt auf dem Pilates-gestählten Po platziert, waren auch bei durchschnittlichen deutschen Großraum-Disco-Gängerinnen bald ein Must-Have. Fortan stand die Jogginghose nicht mehr für Faulheit, sondern für Jet-Set-Glamour, man trug sie zum Work-Out, ins Nagelstudio oder zum Brazilian Waxing. Mittlerweile gibt es unzählige Designer, die seit Jahren an der Salonfähigkeit der Jogginghose arbeiten, und hippe Kaufhausketten wie Asos und Topshop bieten dutzende Modelle an.

Ob es angesichts dessen nicht lustiger wäre, am Jogginghosentag ein Lidl-Modell zu tragen, die Frage sei zumindest mal in den Raum gestellt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Maxi Leinkauf schrieb am 20.01.2012 um 17:11
Echter Respekt wird einem entgegen gebracht, wenn man (als Frau!) mit der Jogginghose in einen OBI geht (am besten mit Farbklecksen drauf, als müsse man nur schnell einen Eimer Farbe nachkaufen...).
ML
Wolfram Heinrich schrieb am 20.01.2012 um 18:54
Am 20.Januar ist der internationale Tag der Jogginghose.

Diese Behauptung ist wahrscheinlich wahr, oder? So einen Scheisendreck traust du dir doch nicht zu erfinden, oder?
Wo kann ich erfahren, wann der internationale Tag der Bommelmütze ist?

Exemplare aus sogenannter Ballonseide – glänzendem Nylon – beherrschten bald das komplette deutsche Privatfernsehen,

Ich - ein leidenschaftlicher Nicht-Sportler - bin seit vielen, vielen Jahren ein entschiedener Träger dieser Trainingsanzüge. Ich schätze dieses Gefühl, eigentlich nichts zu tragen, weil die Dinger, groß genug gekauft, einfach nicht kneifen, nicht mal beim Hinsetzen.
Diese Ballonseide-Anzüge aber - ich kenne sie ja nur aus dem Geschäft - fühlen sich ab-so-lut wi-der-lich an. Meine Lieblings-Trainingsanzüge sind diese schwarzen Bundeswehr-Trainingsanzüge, kein Schnickschnack, knuffig und knuddelig am Leib. Ach, wenn es, wie in Orwells "1984" Vorschrift wäre, nur noch diese Anzüge zu tragen, dann könnte man sich ganz ungeniert auch außerhalb des Hauses wie ein Mensch fühlen.

...man trug sie zum Work-Out, ins Nagelstudio oder zum Brazilian Waxing.

Was, bittschön, ist "Brasilianisches Einwachsen"?

Ciao
Wolfram
Dennis82 schrieb am 20.01.2012 um 19:11
Huch, da hätte ich den Jogginghosentag beinah verpasst. Ich jedenfalls bekenne mich als leidenschaftlicher Jogginghosenträger! Es gibt viele Modelle, die es rein optisch betrachtet mit jeder "normalen" Hose locker aufnehmen können. Und nichts ist bequemer!

So ist es auch eines der für mich größten zivilisatorischen Rätsel, warum ein Großteil der Menschheit sich aus reinen gesellschaftlichen Zwängen in meist extrem unbequeme, enge Hosen wie z. B. Jeans reinpresst. Wohl auch nur deswegen, weil man sich von der Klischee-Jogginghosentragenden Unterschicht abgrenzen will...? Und was macht eine "echte, richtige" Hose eigentlich aus? Der Gürtel? Der Reißverschluss? Der Grad an Unbequemlichkeit?

In der FH damals war es z. B. so, dass viele "Normalhosenträger" während der fünf 5-stündigen Abschlussklausuren dann doch in den geliebten, bequemen Jogginghosen kamen. Sonst geht man so aber natürlich nicht vor die Tür, das wäre ja "asi"...
Exilant schrieb am 22.01.2012 um 16:53
Warum heißt es Jogginghose und nicht Trainingshose?
Im Jahre 1980 oder 81, kurz nach Reagans Regierungsübernahme, war im "Spiegel" ein Bericht über eine sportliche Anzahl von Menschen, die im New Yorker Central-Park den Dauerlauf ausübten. Hier in der Bundesrepublik machte dies kaum jemand, denn wer sportlich aktiv war, tat dies in den Vereinen.
Plötzlich ging es auch hier los. Es gab dann Jogginghosen, Jogging-schuhe,-socken-,-shirts, -stirnbänder,-armbänder, etc.. Das deutsche Wort "Dauerlauf" gab es seitdem nicht mehr.
Heutzutage sieht man sehr viele Menschen bei schönem Wetter abends rumrennen, mit dem Blick auf die Uhr, ob sie in der Zeit sind.
Für mich bedeutet Jogging der Beginn des Neoliberalismus in Deutschland. Kurz danach kamen dann die Yuppies.


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