Alltag

Alltagskommentar | 18.02.2012 16:00 | Mark Stöhr

Wann wird man spießig?

Die Freiheit des Anderen ist die Freiheit des Nachbarn, nachts laut zu sein, Bierflaschen in den Flur zu stellen und herumzuschreien. Aber wo endet sie denn endlich mal?

Unser Nachbar von unten heißt Adam. Ja, er ist Pole. Wir treffen uns manchmal bei den Müll­tonnen oder an der Bushaltestelle. Dann nicken wir uns zu. Adam hat keine Frau, dafür viel Besuch. Da wird palavert, getrunken und geraucht, dass es fast durch den Boden qualmt. Meine Freundin und ich sind Multikulturalisten. Wir sind das vor allem, weil wir uns die Mieten in den monokulturellen Vierteln der Stadt nicht leisten können. Aber Adam und seine Freunde gehen uns tierisch auf den Keks. Bisher konnten wir uns mit der Aussicht beruhigen, dass die polnische Party irgendwann wieder vorbei ist. Sie begann immer ungefähr zwei Wochen vor Heiligabend und endete kurz danach. Das konnte man sogar poetisch finden: Die schwermütige osteuropäische Seele säuft sich den Weihnachtskummer weg. Aber das alte Jahr ging – und der Besuch blieb.

Im Untergeschoss, so scheint es, hat sich mittlerweile eine Wohngemeinschaft gebildet. Adams Family. Weiß eigentlich unser Vermieter davon? Ich hätte große Lust, es ihm zu erzählen. Auch die Sache mit der lauten Musik und den leeren Bierflaschen im Flur. Ich will andererseits nicht der Denunziant sein, der hinterm Vorhang lauert. „Sprich mit Adam“, rät meine Freundin. Wie stellt sie sich das vor? Wie sähe ein solches Zur-Rede-Stellen aus? Ein Beschwören im Guten, ein hilfloses Ringen um Worte, das Weichei von oben kann nicht schlafen. Ich kann‘s nicht hart, nur höflich. Leider. Denn die Verwahrlosung unten schreitet unaufhaltsam voran. Neulich trat eine Hochschwangere aus Adams Tür, im Mund eine Zigarette! Ich ging weiter. Stellte mir aber sofort Jugendamts­besuche und Kindesenteignung vor.

Anderntags hörte ich im Hausflur furchtbares Geschrei, ein Körper klatschte gegen die Wand. Durch den Vorhang sah ich, wie zwei Männer das Haus verließen, Adams Family hinterher. Die Männer hatten drohend die Fäuste erhoben. Ja, sie waren schwarz. Ich ging Zähneputzen. Wenig später nahm ich wieder meinen Platz hinter dem Vorhang ein. Die beiden Männer luden seelenruhig ein Dutzend fabrikneuer Fernseher in einen Kleinlaster.

Seither verfolgen mich Bilder von Polizeirazzien und Menschen, die mit Handschellen abgeführt werden. Manchmal wünsche ich mir, dass Adams Family unten richtig Terror macht oder die Typen mit den Fern­sehern zurückkommen. Damit ich noch einmal die Wahl habe zwischen Ignorieren oder Denunzieren. Gestern traf ich Adam mal wieder bei den Mülltonnen. Wir nickten uns zu. Wer will schon Spießer sein?

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Gustlik schrieb am 18.02.2012 um 17:25
Ich würde Adam mal einladen, vielleicht 2...3 Sätze Polnisch neben die Kekse legen, fragen, wo er denn herkomt, warum er in Deutschland ist, das Geld nicht reicht...

Aber richtig Spießer? ...da gehört ein eigenes Haus dazu und ein Nachbar, mit dem man vor Gericht über eine Hecke streitet. Der Nachbar heißt dann garantiert nicht Adam, eher Wolfgang.
Magda schrieb am 18.02.2012 um 17:39
Na, das ist ja wieder eine Versuchsanordnung.
Man braucht die Störungen, die einem durch Nachbarn zuteil werden nicht auf fremde Nationen oder gar Kulturen zu verlagern, sondern kann damit getrost im eigenen Schwingkreis bleiben. Ich habe unter einer Familie mit drei Kindern gewohnt – alle leicht überdreht – das war nicht lustig, sondern der blanke Horror, auch wenn mir alle erklären, dass Kindern ja spielen müssen. Stimmt, aber nicht auf meinem Kopf und nicht Einkriegezeck und nicht stundenlang.
Das war nicht auszuhalten, vor allem, weil man dieser Kindesmutter auch nicht reden konnte. Diese wackere Hausfrau warf jeden Morgen gegen 8 Uhr einen turbinenartigen Staubsauger an, um das traute Heim zu säubern. Ich dachte, die dröhnt sich bis in mein Schlafzimmer durch. Saufende, musikerzeugende Nachbarn sind auch ein Jammer, aber viel schlimmer als das alle vier Wochen mal als Fete zu hörende Techno-Gewummse ist mir die monotone, aber stundenlang hörbare Radiomusik von unseren Nachbarn. Nur durch eigene Musikabspielerei ist das zu neutralisieren.

Es hat überhaupt nichts mit Nationalitäten zu tun, aber wenn Sie das unbedingt so einordnen wollen, dann tun Sie’s .
Spießer – ich bitte Sie, wer ist das nicht hin und wieder. Die gibt’s in allen Nationen. Vielleicht sind diese „Spießer“ die ruhigsten und unauffälligsten Nachbarn überhaupt. Aber natürlich nicht „cool“.
Anyone213 schrieb am 18.02.2012 um 17:48
Mir gefallen Artikel wie dieser überhaupt nicht. Das ist wirklich bloß das halbvoyeuristische Zelebrieren einer sich selbst nicht ganz geheuren weil "ja, ich bin möglicherweise rassistischen" Grundstimmung. Das ist einer von diesen Beiträgen, die absolut nichts aussagen abgesehen von einem ekelhaft passiv-aggressivem "Man kann je eh nichts machen gegen diese, ja, Ausländer, ja genau AUSLÄNDER! POLEN! SCHWARZE! MAN WIRDS JA WOHL MAL SAGEN DÜRFEN"-Unterton, der umso lauter dröhnt, als dass er eigentlich völlig unkommentiert belassen wird.

Das wundert mich eigentlich, denn dieses ständig wiederholte "Ja, ich habe ihn als Ausländer einsortiert" ist ja der wohl am schmerzhaftesten empfundene Punkt in diesem, sagen wir mal, Text. Es ist absolut in Ordnung, solche Befindlichkeiten an sich zu erkennen und sich zum Beispiel klar zu machen, dass man selbst trotz aller kosmopoliten Platitüden nicht vor Rassismus gefeit ist. Das ist ein löblicher Impuls, wenn man dabei nicht stehenbleibt. Genau das aber tut der Text.

Was mir hier fehlt ist eine auch nur oberflächliche Reflektion dieser ausführlich hingepinselten Situationsbeschreibung, irgendeine Analyse dieser Konstellation. So etwas würde das Ganze für mich erst von einem skizzenhaften, emotional unfertigen Tagebucheintrag (so wirkt es jetzt) zu einem publizierbaren Artikel aufsteigen lassen.

Zum Beispiel hätte es ja nahegelegen, das unterschwellige Erkennen des eigenen Rassismus mit ein paar Reflektionen zum titelgebenden Spießertum zu verknüpfen. Inwiefern passt das zusammen, Spießertum und Rassismus? Wäre ja vielleicht ganz spannend gewesen, das auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Statt dessen kommt am Ende die schwach schwebende Frage: "Jajaja, wann wird man denn nun Spießer?" die einen mit null Erkenntnisgewinn zurücklässt.

Jetzt mal im Ernst, das ist doch stumpfsinnig.
THX1138 schrieb am 18.02.2012 um 18:06
Konflikte face to face auszutragen, das ist wohl nicht mehr unsere Stärke. Im Internet dafür den Zweihänder ausfahren, wenn einen jemand nervt, das geht dann merkwürdigerweise problemlos. Und das in einer Kultur, in der Konfliktvermeidung (um jeden Preis) schon fast als Tugend gilt. Ich möchte die Fragestellung umkehren: Wie würde der Pole auf eine Wohnsituation reagieren, die ihn stört und nervt? Ich denke, vom Polen- wie das schon klingt- könnten wir noch allerhand lernen, auch und vor allem als "Multikulturalisten". Das setzt natürlich voraus, dass der Pole aus gänzlich anderen Lebensverhältnissen und Alltagsrealitäten kommt (oder im Zusammenhang mit diesem Kommentar vielmehr kommen muss), als wir.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.02.2012 um 22:58
BINGO!
glamorama schrieb am 18.02.2012 um 18:19
Zufälle gibt's: Bei uns (Wedding) hält ein polnisches Ehepaar die Treppenhäuser und den Hof sauber. Und der Neg… Schwarze aus dem zweiten Stock hat neulich ein Päcken für mich angenommen. Die einzige Nervensäge ist der Mann, dessen Fernseher Tag und Nacht vor sich hin brabbelt … der ist Alkoholiker und heisst Schmidt. Also der Mann, nicht der Fernseher.
Dreizehn schrieb am 18.02.2012 um 18:22
"Mir gefallen Artikel wie dieser überhaupt nicht." Meine Güte, was ist das denn? Es geht doch nicht um den Artikel, sondern um die darin beschriebene Wirklichkeit. Und was, anyone, ist das für eine merkwürdig psychologisierende Denkschablone, die demjenigen, der seine Besorgnisse formuliert, unterstellt, er hätte nur nicht genügend nachgedacht?

Es gibt diese Realität. Man kann das nicht einfach locker abtun. Soziale Ausdifferenzierungen sind ein Faktum, und etwa die Gentrifizierung ist eine Reaktion darauf, eine, wenn Sie so wollen, "Schutzreaktion" unserer besserverdienenden MitbürgerInnen.

Kommunen und innerstädtische Regionen haben Erfahrungen gemacht etwa mit Roma und Sinti, die freundlich integriert wurden, aber hohe Integrationsresistenz zeigten.

Was der Autor des Artikels beschreibt, sind recht detaillierte Beobachtungen, und dass Sie antworten: Nu machma nicht so viel Wind!, beweist nicht gerade ein besonders ausgeprägtes Leseverständnis. Fragen Sie sich doch einmal, wie Sie sich fühlen würden in solcher Nachbarschaft.
Georg von Grote schrieb am 18.02.2012 um 18:32
Entschuldigung, ich finde solche Artikel auch nicht gut. In Gegenteil, ich sehe in ihnen eine Gefahr, weil ich darin weder Ironie oder Satire erkennen kann.
Wie man am Kommentar von dreizehn erkennen kann, sind meine Befürchtungen auch berechtigt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.02.2012 um 22:52
Tja, irgendwie unangenehm, dass der Autor nicht das Gefühl des Drüberstehens gegenüber der beschriebenen Situationen vermittelt.
Herbert Mustermann schrieb am 18.02.2012 um 20:10
Ich wundere mich etwas darüber, dass die Verhaltensweisen der Nachbarn anscheinend auf ihren Migrationshintergrund attribuiert werden. Deshalb möchte ich einen treffenderen Titel vorschlagen: "Wann wird man rassistisch?"
Magda schrieb am 18.02.2012 um 21:54
Genau, das ist der eigentliche Punkt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.02.2012 um 23:11
Rassistisch wird man vermutlich ab dem Punkt, an dem man dem Nachbarn an der BH nicht mehr in die augen sehen kann, nicht m,ehr offen mit ihm schwatzen kann.
Oder, wenn man Angst vor der eigenen Langweiligkeit bekommt und sich was konstruieren muss.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.02.2012 um 23:33
=> Zwischen Spießertum und Rassismus liegen also zwei Welten, deren Pol(e) einzuschätzen sind.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.02.2012 um 22:44
Ab wann man spießig wird?
Och, ich denke, wenn man ca. 15 mal wegen der Jobs umgezogen ist, in denen man nur 'nen Appel und 'nen Ei verdient hat, unbezahlte Überstunden geschoben hat und dabei nicht gleichzeitig die behütete Brut grüner Ökospießer ist, die sich in jeder Notsituation auf die Eltern beruft.
Diese Leute fallen nach dem Nachhausekommen todmüde in die Federn und sind froh, wenn die Nachbarn wenigstens unter der Woche ein wenig Rücksicht nehmen, weil man selber kaum Geld hat um soziale Kontakte zu pflegen.
Dann ist es an der BH auch scheißegal, welche Nation mal wieder Terror geschoben hat, denn für rassistische Gedanken hat ein Vielarbeiter gar keine Zeit.
Danke für diesen bodenständigen Artikel.
Cassandra schrieb am 19.02.2012 um 00:15
Was für ein scheußliches, rassistisches und feiges Palavern! Anstatt diesen hochnot peinlichen Text zu schreiben, hätte der Autor einfach mal nach unten gehen oder Adam auf einen Tee einladen können.

„Sprich mit Adam“, rät meine Freundin. Wie stellt sie sich das vor?


Mund aufmachen und reden müsste einem erwachsenen Menschen doch möglich sein. Wenn man dafür noch eine Aufforderung von der Freundin braucht und immer noch nicht weiß, was man machen soll, ist man jedenfalls nicht zum Spießer geworden sondern niemals aus der jugendlichen Hinter-dem-Rücken-lästern-Ecke herausgekommen.
Dreizehn schrieb am 19.02.2012 um 00:46
So einfach ist die Welt vielleicht nicht gestrickt. Der Mensch hat unterschiedliche Geschwindigkeiten und kann nicht jede Gewohnheit ertragen oder auch nur ignorieren.

Bei manchen sträubt sich alles, wenn ihr Gegenüber sich zu vegetarischen Essgewohnheiten bekennt. Ich persönlich erwarte, dass in meiner Gegenwart nicht geraucht wird, ich ertrag auch keine alkoholisierten Besucher. Gibt's Grenzen. Deshalb bin ich kein Spießer, und mit Rassismus zu kommen, wär völliger Blödsinn.

Ich hab mal an ner Hochzeit in Polen teilgenommen. Sowas ist nicht mein Ding, ganz einfach, diese Art von Geselligkeit kann mir gestohlen bleiben. Deshalb hab ich nichts gegen die Leute, aber jeder hat auch bissel Recht auf ein Leben nach eigenen Vorstellungen.

Und Hinter-dem-Rücken-Lästern? Im Gegenteil, der Text zeigt doch, wie wichtig es ist, die Meinungen anderer einzuholen bzw. solche Dinge zur Diskussion zu stellen, bevor sich "Fronten" verhärten.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.02.2012 um 00:56
@Cassandra:

Wie oft sind Sie schon ohne finanzielle Unterstützung durch andere in 'sogenannte …Viertel' umgezogen und haben dort gelebt?
Ihr Einwurf hört sich etwas weltfremd an.
Urmel auf dem Eis schrieb am 19.02.2012 um 00:23
"Wann wird man spießig?
Die Freiheit des Anderen ist die Freiheit des Nachbarn, nachts laut zu sein, Bierflaschen in den Flur zu stellen und herumzuschreien. Aber wo endet sie denn endlich mal?"

Wahre Individualisten gegen (noch?) Konditionierte ?

Wenn jeder an sich denkt, ist an Alle gedacht ?
KäptnAbwärtsAntiAlles schrieb am 19.02.2012 um 18:04
Ich würde Ihnen raten, aufzuhören, soziale "Probleme" zu kulturalisieren!
Ihr Problem: Multikulturalismus ist rassistischer, als Multikulturalist/-innen wollen.
Menschen statt Kultur, Freiheit statt Gleichmacherei!
lebowski schrieb am 20.02.2012 um 10:49
So lösen Indianer Ihr Problem:

www.youtube.com/watch?v=uDUp8j-IE4c

"Parties und leeres Geschwätz - damit überzieht ihr die Welt!"
Technixer schrieb am 20.02.2012 um 12:04
Nachbarschaftskonflikte sind mit das Schlimmste was einem passieren kann. Laut Gesetz mindern schwierige Nachbarn sogar den Mietwert.

Nationalität ist in diesem Fall wurscht?
Kann ich so nicht unterstreichen. Es gibt nunmal Nationalitäten in denen Geselligkeit und Spätabends langes Beisammen sein zur Kultur gehören. Dazu gehören bspw. Italiener, Franzosen oder Vietnamesen. Große Familien und je mehr Menschen auf engem Raum sitzen desto höher der Lautstärkepegel.
Der familiäre Zusammenhalt ist vor allem in Kulturkreisen stark, wo die Länder arm sind und man auf die Hilfe des Anderen angewiesen ist.
ALLERDINGS ist die Verknüpfung von Ruhestörung und Nationalität, anstatt Mensch & Ruhestörung nicht nur eine unglückliche Wortwahl sondern könnte in der Tat ein bestimmtes Denken forcieren ("Jaja die Russen, die Türken, die und die sind doch alle gleich..."

Ansonsten, muss ich deiner Freundin Recht geben. Mach den Mund auf! Du gehst hin und beschreibst die IST Situation. Sagst es sei dir zu laut, dass du arbeiten musst usw.
Wenn das nicht hilft informier den Vermieter, wenn dann immer noch nicht Ruhe ist, hol die Polizei wegen Ruhestörung und such dir eine neue Wohnung.
Es sei denn du hast Angst, was bei einigen Typen durchaus verständlich ist.

PS: Es gibt sogar drei Stadtbezirke wo du deine Ruhe hast, die Mieten sehr sehr günstig und die Wohnungen renoviert sind. Liegt aber im Osten und ist halt keine stylishe, funky coole Altbauwohnung, wo der multikulturelle Berlin-Mitte-Hipster mit der Zeit geht. Sondern die Platte.
rioges schrieb am 20.02.2012 um 13:59
Spießig wird man(!) täglich, wenn man um 6.48 Uhr den Schlips umbindet und mittags gegen 12.06 Uhr wenn es heißt: "Mahlzeit!"


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