Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

25.05.2009 | 16:00

Wissenschaftlicher Rassismus und Reputabilität

Als Dr. Dr. Volkmar Weiss 2005 seine "Studien" zu PISA mit dem Ergebnis abschloss, dass Türk_innen in Deutschland im Durchschnitt einen IQ von 86 besäßen, sorgte dies für einen internationalen Eklat. Vor allem die türkische Zeitung Hürriyet wollte diese rassistische Diskreditierung nicht stillschweigend dulden. Zwar lenkte Weiss nach diesen Verlautbarungen den Verfassungsschutz auf sich, aber irgendwelche Konsequenzen blieben aus. Vor allem aber konnte er weiterhin seine beiden Doktortitel mit sich herumtragen. Und diese stehen noch immer für eine Reputabilität und Seriösität.

Mit dem Internet scheint das Feld der akademischen Bildung jedoch einen Konkurrenten bekommen zu haben in den Verteilungskämpfen um soziales, kulturelles und symbolisches Kapital und vor allem auch in der Definitionsmacht dessen, was als Kapital anzuerkennen sei. Deutlich wird dies an einer Person wie Dr. Dr. Weiss. Während das akademische Feld viel zu schwerfällig ist, an seiner Reputabilität zu kratzen, die in den beiden Doktortiteln besteht, wurde ihm mit der infiniten Sperre in der Wissensplattform Wikipedia sein symbolisches Kapital erheblich vermindert. Sperrantrag Volkmar Weiss

Während also dieser Dr. Dr. Volkmar Weiss in unerträglicher Weise von einem Rassenkrieg phantasieren kann, wo deutsche Freikorps-Verbände den kahlköpfigen hakenkreuzschwingenden Jugendlichen zur Hilfe kommen müssen, die sich verzweifelt dem türkischen Terror in Berlin erwehren, ohne dass dies Konsequenzen auf seine Seriösität suggerierenden Doktortitel hat, reicht ein Verweis darauf, dass er in Wikipedia aufgrund seines manipulativen Verhaltens für immer gesperrt wurde, um seine Seriösität so weit in Frage zu stellen, dass ihm auch seine Doktortitel nichts mehr nützen.

Hat also Wikipedia den akademischen Apparat abgelöst als Instanz, die wissenschaftliche Seriösität gibt und nimmt? Jein. Noch nicht. Wikipedia gewinnt aber kontinuierlich an Anerkennung und die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen wird enger. Gleiches erleben wir bei Google. Für mich als ehemaliges Arbeiterkind ist diese Entwicklung spannend, da die Kombination von  Habitusformen und bürgerlichem Bildungssystem immer suboptimal bleiben muss, da sie Akademikerkinder genauso zielsicher zu einem akademischen Abschluss führt, wie sie dies bei Arbeiterkindern verhindert. Wikipedia und Google fragen nicht nach dem Habitus, jedenfalls nicht in der eingeschliffenen klassistischen Weise des traditionellen Bildungssystems. Mag sein, dass  sich soetwas auch in Internet-Wissensplattformen einspielen wird. In der jetzigen Übergangsweise werden die Karten jedoch neu gemischt und da ist vieles offen in der Besetzung der Definitionsmachtfragen.

Dem Herrn Weiss jedenfalls haben seine Doktortitel in Wikipedia nur insofern genützt, als er nicht sofort für seine Manipulationsversuche infinit gesperrt wurde, sondern erst nach einer verwarnenden viermonatigen Sperre. Nun versucht er sein Glück bei Google-Knol, einer Wissennsplattform, die nicht annäherungsweise Reputabilität zu versprechen scheint - im Moment. Immerhin arbeitet Google bereits mit fünf Universitäten in Saudi Arabien und Ägypten zusammen und verspricht sich durch einen Artikel-Wettbewerb der Studierenden eine akademische Anerkennung. Wenn Sie jedoch gleichzeitig Herrn Weiss publizieren lassen, der auch für Ägypten und Saudi Arabien Durchschnitt-IQs zu präsentieren weiß (je 83), dann könnte sich Google bestensfalls einen contentschachernden Ekklektizismus vorwerfen lassen, schlimmstenfalls entdecken wie zuvor die Hürriyet agyptische oder arabische Zeitungen die deutschsprachigen Artikel von Weiss. Google täte gut daran, den Content auf seinen Seiten besser zu kontrollieren. Im Gegensatz zu Wikipedia mit seinen tausenden von Mitarbeiter_innen, setzt Google auf Algorithmen. Diese können bislang jedoch noch keine rassistischen Texte aufspüren. Und solange deshalb Texte wie "Berlin nach dem Türken-Aufstand" in Google möglich sind, bildet die Wissensplattform Google-Knol nicht die gleiche Konkurrenz zur akademischen Definitionsmacht, wie dies Wikipedia bereits erreicht hat.

 

 

 

 

 

 
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Andreas Kemper
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