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Kultur : Abwesend

Bei ihrer Wanderung durchqueren Peggy und Marlene den Berliner Tiergarten

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„Die Schmerzen wollt ich singen. Ich hörte schon
Des Abschieds Thränen am Rosenbusch
Weinen! weinen der Thränen
Stimme die Saiten herab!“

Peggy überlegt einen Moment, bis ihr der Rest des Gedichts wieder einfällt:

„Doch schnell verbot ich meinem zu leisen Ohr
Zurück zu horchen! die Zähre schwieg,
Und schon waren die Saiten
Klage zu singen verstumt!“

Sie kichert: „Das ist von Klopstock, dem verrückten alten Dichter aus Quedlinburg...“

„Denn ach, ich sah dich! trank die Vergessenheit
Der süssen Täuschung mit feurigem
Durste! Cidli, ich sahe
Dich, du Geliebte! dich Selbst!“

„Wie standst du vor mir, Cidli, wie hing mein Herz
An deinem Herzen, Geliebtere,
Als die Liebenden lieben!
O die ich suchet', und fand!“

Seit Tagen wandern Marlene und Peggy durch den Berliner Tiergarten. Sie folgen der Sonne. Die Siegessäule ist nicht zu sehen. Der Grosse Stern liegt leer und wüst.

„Als ich ein kleines Kind war, schien mir der Tiergarten unendlich,“ erinnert sich Marlene, „voller Geheimnisse, mit versteckten Gärten und verträumten Teichen, weiße Schwäne darüber treiben... hier wohnen wilde Tiere, dachte ich.“ Peggy lächelt.

„Als ich später in den Staaten gearbeitet habe, hörte ich, dass die Nazis die alte Siegessäule in den Großen Stern versetzen..... im Jahr drauf haben sie Polen überfallen und ich habe die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt.“

„Die Nazis haben der Unendlichkeit einen Mittelpunkt gesetzt, so haben sie die Seele des Gartens zerstört.... nach dem Krieg habe ich Fotos des verbrannten Tiergartens gesehen, nur das Monument stand schwarz und verrußt... aus der Siegessäule war eine Todessäule geworden.“

„Nun ist sie fort,“ stellt Peggy aufmunternd fest und fragt belustigt: „Ob die Bäume Sehnsucht nach der verlorenen Siegessäule verspüren?“

„Mitläufer gibt es überall...“ murmelt Marlene.

„Wir sollten die Bäume fragen!“ lacht Peggy.

Aber Marlene schweigt nur noch.



Hier endet der 176. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.


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