archinaut

nirgends.......... sicher... nie

15.02.2010 | 15:58

Der Unsterbliche

Die Demontage erfolgt wie geplant im Jahr 1930: Für die Weltausstellung im Jahr 1929 entwerfen Mies van der Rohe und Lilly Reich den Barcelona-Pavillon.

Was für ein Versprechen: ein junges, nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit strebendes Deutschland zeigt Präsenz durch schwebende Eleganz und edle Oberflächen..... Freiheit kann schön und erotisch sein, ein kleiner Bau Wirkung entfalten wie ein Filmstar.

Mit dem Ehrenmal für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erprobt der Architekt Mies van der Rohe bereits im Jahr 1926 die skulpturale Umsetzung eines fließenden Raum-Körper-Kontinuums, in der Gestalt des gestreckten Raumgefüges in Barcelona findet die bildende Idee des fließenden Raums schließlich ihre glückliche Erfüllung.

Eine günstige Fügung schon der Ort: Der klangvolle Name der kunstliebenden Stadt Barcelona fördert die Rezeption in kulturell aufgeschlossenen Kreisen, die begeisterte Aufnahme des Werkes durch das Publikum der Ausstellung bereitet den Weg für die Proklamation des International Style.

Mies van der Rohe und Lilly Reich emigrieren später nach New York. Durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 finden sie im veränderten Machtgefüge Deutschlands nicht mehr genügend Aufträge, Mies van der Rohe wird als Leiter des Bauhaus zudem von den deutschen Nationalsozialisten zur Schließung der Schule gezwungen. Wir können nur ahnen, was uns dadurch entgangen ist.

Ein Haus in der Entwicklungsstufe zwischen Skulptur und Labyrinth, ein temporäres, nahezu funktionsloses Gebäude, konzipiert für die Dauer einer Ausstellung...... aber nur wenige Häuser werden so oft publiziert, erwähnt, studiert oder zitiert wie der Barcelona-Pavillon und seine stilprägende Möblierung, obwohl das Original nach wenigen Monaten schon wieder verschwindet.  

Wie haben Sie das nur gemacht, möchte ich das Paar Rohe/Reich fragen...... und man ist versucht, die beiden exponierten Räume als Werbende in einem Liebesspiel zu deuten, verbunden wie getrennt durch die lange Wand der Sehnsucht, davor die Bank zum Warten, zum Schauen, zum Sonnen, das flache Becken als Spiegel des Himmels, zur Kühlung der Luft und zur Erinnerung an das unendliche Meer........

Die Stadtverwaltung von Barcelona hat den Pavillon nach alten Plänen und Fotos wieder errichten lassen, vielleicht war die stete Nachfrage der Kultouristen anders nicht zu stillen?

Da steht er wieder, am Rande des Plateaus, ein guter Bekannter, dem man zurufen möchte: „Du hast Dich gar nicht verändert!“ und er breitet sich aus für ein junges Jahrhundert, lässig wie George Clooney in seinen besten Rollen, ein blendendes Lächeln, keine Leiche wartet im Keller, nur ein Pool, in dem niemand ertrinken wird, dahinter irgendwo ein Wasser-Patio, Chrom und weißes Leder laden ein zum Niedersitzen..... bestell Dir einen Sommercocktail, ich hol noch was zu lesen.....

Es ist kaum zu glauben, dass der Barcelona-Pavillon in dem Jahr entstand, als meine Mutter geboren wurde.

 

 

Hier endet der 66. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.


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Kommentare
hibou schrieb am 16.02.2010 um 11:56
ja, uns ist viel entgangen ("vom freibad kommen die, die nicht ertrunken sind...", aber so isses, immer kommt einer oder etwas dazwischen :-(( (und hiesse er auch bloss recep tayyip). in barcelona war ich leider noch net... liebe aber die krimis von dem... naja... die mit biscuter... und die demoiselles d'avignon
archinaut schrieb am 17.02.2010 um 23:56
Das erste Mal war ich wohl 1986 in Barcelona, und seitdem warte ich, dass die Berliner Promenade Unter den Linden so lebendig werden wie die Ramblas..... aber das wird wohl noch eine Weile dauern:-))
poor on ruhr schrieb am 17.02.2010 um 19:38
Lieber archie,
einfach faszinierend wie Du über Architektur schreibst.
Danke für diesen tollen Blog. Wir haben hier mit Zollverein Schacht XII in Essen ja sogar ein Weltkulturerbe der UNESCO im Bauhaus-Stil. Ich liebe diesen Pütt.

Herzliche Grüße

rr
merdeister schrieb am 17.02.2010 um 23:29
Mies-van-der-Rohe-Straße, Aachen. Institut für Bauingenieurwesen.
Wort
merdeister schrieb am 17.02.2010 um 23:30
Und hier komme das Bild her.
archinaut schrieb am 17.02.2010 um 23:59
Hallo merdeister,
van der Rohe wurde in Aachen geboren,
vielen Dank für das Foto!
archinaut schrieb am 18.02.2010 um 00:01
Vielen Dank für Dein Lob, lieber rr
(steht das für Rolls Royce?)
in der Anlage Zollverein war ich leider noch nie,
hoffentlich schaffe ich es mal...

Herzliche Grüße
archie
poor on ruhr schrieb am 18.02.2010 um 18:27
Lieber archie,

mit rr ist ruhrrot gemeint. Das ist mein Neuer Nickname. Vielleicht ändere ich das Kürzel in ruro.

Herzliche Grüße

ruro
archinaut schrieb am 18.02.2010 um 22:09
Lieber rr,
das mit dem Rolls Royce war nur ein dummer Witz, bitte entschuldige, an Deinen neuen Namen und an das Kürzel werde ich mich bald gewöhnen, bitte noch etwas Geduld:-)))

Herzlich
archie
Sportchef schrieb am 21.02.2010 um 11:17
Lieber Archinaut! - Leider ist es mit den Ramblas in Barcelona heute wie überall in Zentral-Europa; der Charme der Unverwechselbarkeit ist längst dem Trivialen gewichen: Rucksack-Touristen in Birekenstock-Sandalen an Stelle der alten, gut gekleideten Leutchen, die sich vor dem Nachtessen noch ein wenig die Füße vertreten wollen. Schund und Tand aus Taiwan an den Verkaufsständen an Stelle von Gladiolen, Serrano-Verkäufern und gelben Kanarienvögeln in hölzernem Gebauer. Taschendiebe zuhauf, keine Zeitungsnachrichtenausrufer mehr - statt dessen Koberer von Billgrestaurants und Fastfood-Ketten. Doch, Barcelona hat seinen Charme schon noch erhalten - nur ganz woanders, und ich werde einen Teufel tun, diese Geheimtipps zu verraten, außer in vertraulichem Gespräch. Bis bald!
archinaut schrieb am 21.02.2010 um 15:31
Lieber Sportchef,
vielen Dank für Dein Angebot, die Geheimtips bei Gelegenheit mal zu verraten:-))

Unter den Linden hat die gleiche Gliederung wie die Ramblas, in der Mitte die Zone des langsamen Promenierens.....natürlich kann so eine berühmte, einladende Promenade kein Geheimtip mehr sein, in Berlin sind im Frühjahr bestimmt auch weitere Besiedelungsversuche Unter den Linden zu begutachten....
Magda schrieb am 21.02.2010 um 11:50
Es gibt ja auch in Berlin in der Oberseestraße ein ganz interessantes Mies van der Rohe Haus.

Schöner Text mit interessanten Infos. Mir ist das Bauhaus aus biographischen Gründen auch ein Thema. Aber das werde ich mal in einem eigenen Blog erläutern.
archinaut schrieb am 21.02.2010 um 15:21
Vielen Dank für den Hinweis:-))

Übrigens habe ich das erste Mal mit sechzehn ein Gebäude von MvdR gesehen, die Klassenfahrt ging nach West-Berlin, der Kunstlehrer hatte uns vorgeschwärmt von der tollen Architektur, ich stand vor den Glasscheiben der Nationalgalerie und dachte im Stillen: Das Ding sieht doch aus wie unsere Turnhalle....

Erst später habe ich gelernt, was am Wirken von MvdR und auch an der Nationalgalerie so bemerkenswert war/ist. Heute bewundere ich mehr die Ideen als das real-exisierende Ergebnis, leider fängt das Tragwerk inzischen auch noch an zu rosten, habe ich gelesen...
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