archinaut

nirgends.......... sicher... nie

07.11.2009 | 12:09

Erbkampf

 

Altmeister Jünger habe ich nicht persönlich gekannt, aber seinen Sohn:  im April 1993 riefen mich die Brüder meiner Liebsten aus Oberschwaben an: „Der Sohn vom Jünger aus Wilflingen war bei uns in der Werkstatt, er baut ein Haus bei Berlin um... will aber gerne schwäbische Handwerker......und er braucht einen Architekten, da haben wir Dich natürlich sofort empfohlen!“

In Berlin-Spandau besuche ich ihn zum ersten Termin. Dr. Jünger möchte sich auf den Ruhestand vorbereiten. Das Gespräch ist nicht einfach, eine frühere Krankheit hat deutliche Einschränkungen der motorischen und sprachlichen Fähigkeiten hinterlassen, sein Alter schätze ich auf etwa sechzig: 

„In Brieselang habe ich ein Haus gekauft, aber in jedem Stockwerk fehlt ein Zimmer, es muss größer werden.....oben unter dem Dach muss noch ein Gästezimmer hergerichtet werden, ein großes Speisezimmer wollen wir....“: „Im Garten werden wir Ziegen halten, für die Tiere brauchen wir auch einen Stall.....“

„Wie hoch ist das Budget, Herr Dr. Jünger?“ „Machen Sie sich darüber keine Gedanken, Geld ist genügend da, außerdem ist Vater schon weit über neunzig, da habe ich noch einiges zu erwarten!“  

Brieselang liegt staubig im mageren Speckgürtel Berlins, das Haus steht schon länger unbewohnt, ein schlichtes Eigenheim mit Satteldach, freistehend wie alle Nachbarhäuser, Gemüsebeete, Obstbäume..... eine Siedlung aus unbestimmbarer Zeit, fahlbraun der Putz, etwas dunkler die Dachsteine.

Wenn unser Bauherr träumt, müssen wir folgen. Papier ist geduldig.

Als die bunten Blätter fertig sind, Grundrisse, Schnitte, Ansichten, rufe ich ihn für eine neue Terminvereinbarung an. „Das passt jetzt leider gar nicht!“ sagt er aufgeregt am Telefon, „ich habe doch schon lange alle Handwerker gestoppt, ich muss in der nächsten Woche verreisen!“ „Aber Herr Dr. Jünger, der Entwurf ist jetzt fertig...... und ich muss Ihnen auch eine Rechung stellen!“ „Ich bin bald zurück!“ 

Ich habe ihn nie wieder gesehen. 

Die Ortschaften in Schwaben sind klein, haben einen geordneten Friedhof um die Kirche und lange Namen: Wilflingen, Riedlingen, Andelfingen, Langenenslingen – ein böses Gerücht macht die Runde, findet durch das Telefon auch zu mir nach Berlin. 

Sie mussten heimlich einen Grabstein liefern, es war ganz schnell gegangen. Der Alte habe den Jungen verhöhnt, so hieß es, "mir klawaschtret" eben gern in den gläubigen Dörfern Oberschwabens.

Man fühlt sich nicht wohl mit einer Forderung an die Toten....

Hätte Dirk nicht gedrängelt, so hätte ich diesen Entwurf gerne verschenkt. Dirk war mein Mitarbeiter, und er wartete noch auf seine Bezahlung für das Projekt.

Auf Rat eines befreundeten Anwalts schrieb ich sehr, sehr behutsam die Erben an – sie haben später das leere Haus verkauft und mir das vereinbarte Honorar vollständig ohne Abzüge gezahlt. 

Das ist bei lebenden Bauherrn übrigens selten der Fall. 

Hochdekoriert starb Ernst Jünger kurz vor Vollendung des 103. Lebensjahres in Riedlingen. Seinen Erstgeborenen Ernstel hat er 1944 in den Marmorklippen verloren.

 

 

Hier endet der 35. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 08.11.2009 um 13:38
Lieber archinaut,

vielen Dank. Sehr interessante Geschichte.

Ich bleibe dran.

por
archinaut schrieb am 08.11.2009 um 20:13
Danke für dem Kommentar, lieber por,

die Geschichte ist zwar etwas traurig, aber sie zeigt hoffentlich ganz gut, dass wir manchmal unsere Ziele überprüfen müssen, z.B. im emotionalen Verhältnis zwischen den Generationen oder im Umgang mit den "überlieferten Werten".

Beim Hausbau hat sich schon mancher verhoben, das gilt zum Glück auch für Schlösser!

Herzliche Grüße
archie
jayne schrieb am 11.11.2009 um 17:18
mir gefällt diese geschichte ebenfalls, der verhaltene ton, und eindrucksvoll der "schwenk" von berlin auf die schwäbischen ortsnamen, friedhöfe - das ist einfach auch gut erzählt, erzeugt eine atmosphäre ...
archinaut schrieb am 11.11.2009 um 18:25
vielen dank für das lob, liebe jayne, auch in einem leeren haus findet sich eine geschichte......
Magda schrieb am 11.11.2009 um 17:25
Eine gute Geschichte, finde ich auch. Ach Gott Brieselang - das muss nördlich von Berlin sein. Gern gelesen.
archinaut schrieb am 11.11.2009 um 18:28
Vielen Dank für das Lob, liebe Magda, Brieselang ist irgendwie ein poetischer Ortsname, so wie aus einem Märchen, aber ich war schon lange nicht mehr dort....
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.11.2009 um 17:31
Jünger-Thema hat mich interessiert.
Einmal Richtung Armin Mohler. Auch andere Richtung R. Goetz.
Es gibt hat Fehlschläge. Mit 103 verweht. -
Kursives unten stark. Natürlich ums Leben. Schreiben.
(Kommentar 998, Sekretär 3, obere Schublade)
archinaut schrieb am 11.11.2009 um 18:30
Vielen Dank für das Interesse, lieber Rainer Kühn. Wer weiß, ob wir Jünger noch toppen (altersmäßig meine ich natürlich nur!)
archinaut
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