archinaut

nirgends.......... sicher... nie

31.07.2011 | 00:55

Jungfernfahrt*

 

Nachdem Stallmeister am Telefon zunächst Vorschläge zur Ausstattung (Lederausstattung? Glasschiebedach? Integrierte Kindersitze? Elektronische Geschwindigkeitsregelung?) gemacht hat, beendet er das Gespräch schließlich mit leicht nervösem Unterton: Ich lasse Ihnen den Katalog schicken, dann stellen Sie zusammen, was Sie brauchen!

Das monatliche Arbeitslosengeld reicht keine vier Wochen, Alleinverdiener mit Familie sind im System nicht vorgesehen..... ist die Miete bezahlt, kann der Kühlschrank gefüllt werden, aber die Schuhe müssen durchhalten, neue Hosen kommen später dran.... an die Autoreparatur will er gar nicht denken. Der TÜV des Familienkombis läuft in drei Monaten ab.

Er rechnet die Aufpreise im Katalog um: Lederausstattung fünf Wochen, Glasschiebedach dreieinhalb Wochen.... wenn das erste Gehalt im neuen Arbeitsvertrag kommt, kann er sogar die Betriebskosten für die Mietwohnung nachzahlen, denkt er..... Warum muss der Wagen für den Geschäftsführer so viel Geld kosten? Der Grundpreis ist dreimal so hoch wie das Arbeitslosengeld für ein ganzes Jahr...

Aber ein rostiger Kombi ist keine Antwort....

Schwarz poliert glänzt der Lack, das helle Leder riecht wie eine teure Handtasche: Nach vier Wochen steht der neue Wagen in Berlin vor der Tür. Die beiden Töchter sind schwer beeindruckt: Mittelarmlehne hinten mit integriertem Staufach und Getränkehalter (2), klappbar!

Anzahlung und erste Leasing-Rate ist vom Quedlinburger Büro bezahlt, als neuer Geschäftsführer hat er die Überweisung freigegeben.

Die Sonne scheint durch das offene Glasschiebedach auf die hellen Lederpolster. Die Kinder sind woanders verabredet.

Sie sitzt jetzt neben ihm und schweigt: Ein vertrautes Paar in einem neuen Auto, das riecht wie eine luxuriöse Handtasche.

Aber er hat ihr nicht erzählt, dass Dr. Frantz auf sein Angebot wartet.

Fahr los! sagt sie. Er lässt den schwarzglänzenden Wagen an, fährt aus der Wohnstraße, folgt dem Verkehrsstrom über den vierspurigen Damm, wechselt auf die Stadtautobahn, dann auf die Avus schnurgerade durch die südlichen Waldreviere...... sie reden auch weiterhin kein Wort.

Erst vor den Grenzen der Stadt sucht er die letzte Abfahrt, rechterhand leuchtet kurz der Wannsee, er lenkt den Wagen in Richtung Glienicker Brücke.

Wo keine Häuser mehr stehen, zweigt ein Weg rechts ab in den Wald. Folgt man ihm, liegt am Ende die kleine Kapelle, in der ihre erste Tochter getauft wurde. Von der Freiterrasse davor hat man einen offenen Blick über die weite Havel.

Sie lächelt jetzt. Sie glaubt, dass sein neuer Job ein Geschenk des Himmels ist. Sie hat heimlich dafür gebetet.

 

*Jungfernfahrt

Mit diesem Wort bezeichnet man nicht eine Fernreise junger Menschen, sondern die erste Fahrt eines Wasser- oder Landfahrzeuges. Beim Ersteinsatz unter realen Bedingungen muss das neue Fahrzeug seine Tauglichkeit beweisen, was nicht immer gelingt. Legendär scheiterte die Jungfernfahrt der Titanic, die am 14. April 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg sank.

 

 

Hier endet der 183. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

  

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Kommentare
SuzieQ schrieb am 31.07.2011 um 01:03
für 183mal eintragen,was(!) so im Kopf rumgeht:
standing ovations....
und dann gibt es noch Menschen,die einen BlankoScheck im Portemonnaie finden und sagen:
wir haben noch Geld...
und all die goldenen Nasen sind den Rotz nicht wert!
Grüsse mit -z- an a
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 02:22
Thanx for ovations
(Blankoscheck nehm' ich auch gern;-))

Herzlichst
archie
SuzieQ schrieb am 31.07.2011 um 03:17
Das Viele,das gedacht,nicht ausgesprochen,aber durch häufiges Denken einen Weg über Vermutung,Spekulation ins Tatsächliche findet,verklärt die Realität.
Denn,was man wünscht,was wirklich wäre,wird nicht wahrer und realer, umso häufiger man es für wahr erklärt.
Es verbaut das real life und lässt ob des Scheins den Sturz umso heftiger werden,Verklärung ist Trug.
Ich mag diese Verschwendung von Lebenszeit nicht,dieses mehr Schein als Sein um des lieben Friedens willen.
Es gibt zu viele falsche Werte,denen nachgejagt wird.
Ist nicht meins.
Blankoschecks hab ich nur noch für Reisen nach Somalia.
Da gehts um Sein nicht Schein,blanko.
Diese von dir genannten Befindlichkeiten sind falscher Luxus, so nötig wie Bauchweh!
Aber Mut erfordert Mut,und fängt evtl beim Kombi an,der nach der Norm ausgemustert gehört,aber funktional ist,kein Statussymbol, so what.
Augen,Ohren und Herz öffnen und genau nachschauen,wo Werte und Wertigkeiten sind.
Und das Leben wird schön!
sq
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 13:13
Liebe sq,
"Es gibt zu viele falsche Werte,denen nachgejagt wird," schreibst Du..... sind ja nur Werte, wenn sie gejagt werden;-))

Die meisten Neuwagen werden von Firmen gekauft und finanziert, soweit ich weiss, nicht von Privatpersonen. Die Investitions- und Finanzierungskosten sind Betriebsausgaben wie Löhne oder Rohstoffe. Warum steigen die Autopreise, wenn die Reallöhne stagnieren?

Wie kann ein Porsche Cayenne oder ein Daimler S-Klasse auf unseren Straßen überleben, solange Somalia verhungert?
goedzak schrieb am 31.07.2011 um 13:39
"Wie kann ein Porsche Cayenne oder ein Daimler S-Klasse auf unseren Straßen überleben, solange Somalia verhungert?" - Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil - zwei von den vielen Seiten der selben Sache.
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 14:37
Ja, weiser goezak, damit hast Du natürlich die taurige Wahrheit über das finstere Herz unserer Wirtschaftsordnung getroffen....
SuzieQ schrieb am 31.07.2011 um 14:50
Exakt!
Sie überleben,WEIL Somalia hungert.
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 15:19
Zustimmung....
und dazu fällt mir nix unterhaltsames mehr ein....
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 22:59
SuzieQ schrieb am 31.07.2011 um 23:42
dear archie,ich möchte mich nicht wirklich für das Video bedanken,ich zitiere daraus:
"Ein Kind,das,jetzt,wo wir reden,an Hunger stirbt,wird ermordet!"

Die Milliarden,die der Soforthilfe fehlen,werden in Banken versenkt,....
archinaut schrieb am 01.08.2011 um 00:04
Bedanken müssen wir uns bei Jean Ziegler:

"Das Welternährungsprogramm, das die Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1. Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Millionen Euros. Nur 62 Millionen kamen herein. Das normale WPF (World-Food-Programm) Budget lag 2008 bei 6 Milliarden Dollars. 2011 sind es noch 2,8 Milliarden. Warum? Weil die reichen Geberländer – insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada, Australien – viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bankhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelegung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld.

Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind die Hedge-Fonds und andere Groß-Spekulanten auf die Agrarrohstoffbörsen (Chicago Commodity Stock Exchange, u. a.) umgestiegen. Mit Termingeschäften, Futures usw., treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euros. Im Jahr zuvor war es genau die Hälfte. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent."

Bloggerkollege koslowski hatte in seinem blog die Rede verlinkt:

www.fr-online.de/kultur/debatte/der-aufstand-des-gewissens/-/1473340/8710508/-/index.html
SuzieQ schrieb am 01.08.2011 um 00:55
...ich mochte mich nicht bedanken,weil ich wünsche,es gäbe das Thema des Videos nicht.
Als ich Jean Ziegler zuhörte,war ich dankbar für die klaren Worte,die er fand.
Und gleichzeitig beschämt und traurig,sehr.
Gruß
archinaut schrieb am 01.08.2011 um 02:19
Ja, so habe ich Dich auch verstanden...
mir geht es ähnlich.
SuzieQ schrieb am 01.08.2011 um 03:11
hach
jayne schrieb am 31.07.2011 um 08:38
schöne geschichte wieder, und der blick auf die havel ...
poor on ruhr schrieb am 31.07.2011 um 11:07
Lieber archie,

ich kann mich da den Kommentatorinnen nur anschließen und Deine schöne Geschichte mit den bezaubernden und verzückenden Blicken auf die Havel nur loben.
Auch dass Du Dich traust, dieses doch nicht so oft angegangenen Thema Arbeitswelt zu beackern finde ich ganz toll.
GROSSEE KLASSE, EBEN EIN TYPISCHE ARCHIE-BLOG!

Vielen Dank dafür.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 13:14
Liebe jayne,
freue mich über Deinen Besuch an der Havel....
Herzliche Grüße an die Elbe ;-))
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 13:22
Lieber por,
da bleibt mir nur eine Antwort...
"Was hast Du mit meinem Herz getan?"



Wer mag das sein.... die Agenten der Liebe?
Magda schrieb am 31.07.2011 um 12:21
Mit Interesse verfolgt, diese Jungfernfahrt. :-))
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 13:24
Wie schön, dass Du auch dabei warst...;-))
goedzak schrieb am 31.07.2011 um 13:40
Muss man sich Sorgen machen um den 'neuen Geschäftsführer'? Er hat soviel am Hacken. Hoffentlich kriegt er wenigstens genug Schlaf in der Nacht...
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 14:34
Dies ist ein Unterhaltungsblog, lieber goedzak,
auch wenn ich das Wort "bloggomödie" nicht mehr verwende, seit Vito von Eichborn mir davon abgeraten hat.....

"Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt."

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/gestatten-naut

Der Navigator macht die Eintragung, wenn an Bord nix mehr läuft, deswegen wird es immer so spät...;-))
goedzak schrieb am 31.07.2011 um 15:01
Gut, eine Sorge weniger!
:)
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 15:15
.... freut mich,
soll ja auch ein Sorgenfreimach-Blog sein :)
SuzieQ schrieb am 06.08.2011 um 02:55
sanssouci
songsuzie
:)
archinaut schrieb am 07.08.2011 um 21:14
... ein lustiger Reim,
sorglose Suzie ;-))
SuzieQ schrieb am 08.08.2011 um 14:25
...der Reimer war im Eimer...
archinaut schrieb am 09.08.2011 um 01:29
Im Eimer drin
die Reimerin?
SuzieQ schrieb am 09.08.2011 um 01:43
Nee,never,mein ghostwriter ist on tour,bekam nur ne sms mit Hall(e),rein onomatopoetisch, klingt wie polynesisch,ach
archinaut schrieb am 09.08.2011 um 02:01
..... polynesisch
klingt nach Meer....
oder ?-))
SuzieQ schrieb am 09.08.2011 um 02:08
oder auch nicht
klingt nach mehr,das dicke Ende kommt,am liebsten freitags,auf einem perlmuttenen Tablett aus Mondstein,glaub ich
*hin- und hergerissen*
ach,das ist nur die Gewohnheit,gewöhnlich bin ich verschwiegener, lass lieber zuhören als zu reden.
sachmal OT,warum ist denn lm deaktiviert (worden)?
archinaut schrieb am 09.08.2011 um 02:19
Oha, hatte ich noch nicht gemerkt....
allerdings ist gestern ein Text von lm verschwunden,
vielleicht hängt die Deaktivierung damit zusammen?
Hoffentlich kommt sie wieder... wie der Mond!

Aber ich gehe jetzt erst mal unter.... Gute Nacht ;-))
SuzieQ schrieb am 09.08.2011 um 02:23
PS wird eine literarische Jungfernfahrt, betreutes Schreiben,Prognose: Bestseller
!-)) ganz ohne ->?
archinaut
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Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
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