archinaut

nirgends.......... sicher... nie

25.11.2011 | 23:58

November verriegelt

 

Das Paradies ist verriegelt...... für den 6.11.1730 notiert der Preußenkalender folgenden Eintrag: Die unhaltbaren, unwürdigen Zustände, denen die Mitglieder der königlichen Familie unter der Tyrannei Friedrich Wilhelms I. ausgesetzt waren, bewogen den Kronprinzen Friedrich, aus dem Machtbereich des Vaters fliehen zu wollen. Das Unternehmen scheiterte, und der tobende König stellte sowohl Friedrich als auch Leutnant von Katte, einen Helfer der Flucht, vor Gericht. Wenig fehlte und er hätte den Thronfolger zum Tode verurteilt. Das konnten seine Umgebung und der Wiener Hof verhindern. Katte jedoch war nicht zu retten: vor den Augen des Kronprinzen Friedrich wurde er in der Festung Küstrin mit dem Schwert hingerichtet. Damit hatte der Soldatenkönig dem Sohn seinen blutigen Ernst klargemacht, und der düstere Novembertag brach Friedrich, und formte ihn fortan im Sinne des väterlichen Willens, ohne ihn jedoch zu zerstören.

Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist, lässt Heinrich von Kleist seine Marionette sagen.....

Nachweislich haben 116 Kleiste neben und nach einander in den drei schlesischen Kriegen gefochten und 30 davon sind auf dem Schlachtfelde geblieben oder doch an Wunden und Krankheiten verstorben. Die Familie war im 18. Jahrhundert zahlreicher als in den nachfolgenden Zeiten. Kriegerische Zeiten und Kriegsnöte haben damals manchen gehindert einen Hausstand zu gründen, und Friedrich der Große liebte bekanntlich das Heiraten seiner Offiziere gar nicht. (Georg von Kleist, 1908)

Im Alter von elf Jahren verlor Heinrich von Kleist seinen Vater, der als Stabskapitän in der Garnisonsstadt Frankfurt an der Oder stationiert war. Mit fünfzehn wurde Kleist Soldat des preußischen Garderegiments im Rheinfeldzug und diente bei der Belagerung der ersten bürgerlichen Republik auf deutschem Boden. 

 

Hier endet der 220. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 01:02
Friedrich Wilhelm I. hat den von seinem verschwenderischen Vater Friedrich I. (eigentlich Friedrich III. , selbsternannter König und somit Mit-Zerstörer des alten 917 gegründeten Reiches) zerrütteten Staat saniert. Seine Armee war klein (wenn auch der Länge der Soldaten nach groß bzw. lang). Sein Sohn, ein Tunichtgut in jungen Jahren und räuberischer Hasardeur als König, den nur die Katharina aus Russland vor dem Untergang rettete, war der von Ihnen wohl verehrte Friedrich II. Man sollte nicht allzu sehr auf den ausgebreiteten Schleim der preußischen Geschichtsschreibung hereinfallen - wenigstens heute nicht mehr.
archinaut schrieb am 26.11.2011 um 01:28
Nein, liebe/r Zeitleser/in,
von den preußischen Königen verehre ich nicht einen erinzigen (käm ja auch viel zu spät....)

Dieser Blog zieht um die Deutschen Häuser....
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 01:59
Das kann ich verstehen, da Sie bzw. Ihre Vorfahren als Quedlinburger ja von den Damen hoch oben im Stift seit 917 / 30 regiert wurden, darunter so eleganten wie Aurora von Königsmarck (aber sie war ja nur Pröbstin). Kennen sie eigentlich Fontanes Episode im Schloss?
archinaut schrieb am 26.11.2011 um 02:24
... meinen Sie den Ausflug Céciles?
Leider war ich nicht dabei... ;-))

de.wikipedia.org/wiki/C%C3%A9cile_(Roman)
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 18:16
Ja, ich wäre auch gerne dabei gewesen, aber durch die Augen Fontanes gesehen, ist diese geniale Vermischung von individueller Gegenwart und kollektiver Vergangenheit vielleicht doch schöner zu sehen. Und seine Kunst, den Leser im Dunkeln über die Bedeutung dieser Szene, der Schwächeanfall Cécile´s, zu lassen! Sie erweist sich viel später als Schlüsselszene. Das ist die Kunst Fontanes, den ich so sehr verehre. Wenn Sie und andere dies wollen, setze ich den Text hier ein.
archinaut schrieb am 26.11.2011 um 18:42
Hmm,
wenn ich Ihnen einen anderen Vorschlag machen darf:
besser passt Fontanes Text nach Thale,
wo der Kuckuck ruft.....

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/trauer-in-thale
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 21:00
Also Cecile´s Schicksal ist auch reichlich dramatisch.
archinaut schrieb am 26.11.2011 um 21:47
Ja, das stimmt,
auch ihr war das Paradies verriegelt,
so wie Heinrich von Kleist
und seinen Preussenkönigen.....
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 22:42
Ich habe den Kohlhaas in jungen Jahren gelesen - mit Spannung wie Anspannung - aber als Mensch blieb er mir nach den Novellen dann doch völlig unheimlich, nach jeder Novelle wuchs das Grauen und die Ablehnung, so wollte ich die Welt nicht sehen müssen. So etwas hämmerndes als Folge überdrammatischer äußerer wie konstruierter in der Konsequenz aussichtsloser Ereignisse - ich konnte das nicht aushalten. Dagegen Fontane die Dramatik als ein im Innern erlebtes wie bewirktes - das war und ist für mich ein immer wieder lesenswertes Eintauchen in menschliche, immer ambivalente Existenz bis hin zu realistischer Philosophie, wenn zum Beispiel Schach von W. sagt: Zuerst kommt die Schuld / die innerlich erlebte Schande und dann die Lüge. Und wie Fontane den Leser auch herausnimmt aus einer Dramatik zum Beispiel durch Fräulein Rosa in Cécile oder die beiden Botaniker aus Berlin im selben Roman mit ihrer aufgesetzten hauptstädtischen Lautstärke. Ich bin Fontane dankbar für seine vielleicht 200 oder mehr, von ihm durchgestalten Charakterstudien, nicht nur die erwähnten sondern auch zum Beispiel Tante Adelheid und Fräulein von Mecklenburg im Stechlin, und ganz spät gelesen Mathilde Möhring, die nicht - wie immer sonst in der Literatur - unendlich schöne Frau, sondern die unschöne, die das rechte tun kann. Oder der eigene Vater und die Mutter in "meine Kinderjahre" - sie sehen das Herz geht mir über vor so viel humaner wie realistischer Posie: keine klipp-klapp Dramatik keine Schuld und Sühne Verwerfungen sondern das Leben selbst.
archinaut schrieb am 27.11.2011 um 01:45
... das Leben selbst:
ohne Schuld und Sühne?
Fontane fand ich immer etwas langweilig....
wahrscheinlich bin ich ein ungeduldiger Leser!
Zeitleser schrieb am 27.11.2011 um 02:26
Da gibt es nur ein Mittel: Den Gesellschaftsabend bei Treibels lesen, ziemlich am Anfang von "Frau Jenny Treibel".

Es geht wohl vielen so. There is no action. Es sind halt Menschen, die sich ver- oder missständigen mit Worten, im richtigen Leben ist es doch auch so - und am Ende geschieht dies oder jenes oder nichts. Natürlich kann jemand eine Straße langgehen und es fällt ihm ein Blumentopf auf die Birne, there is action, oder hinterm Birnbaum lauert einer, aber Fontanes Kunst braucht sowas nicht.
archinaut schrieb am 27.11.2011 um 12:11
Vielleicht ist es mit Fontane
wie mit Spinat:
Als Kind mag man ihn nicht.......
koslowski schrieb am 26.11.2011 um 12:19
"Das Paradies ist verriegelt": Ich danke dir sehr für diesen nachdenklichen Beitrag zum Kleist-Jahr. Beste Grüße!
archinaut schrieb am 26.11.2011 um 14:28
Eigentlich wollte ich etwas über einen Jungen schreiben, der gerade seinen Vater verloren hat, in Frankfurt an der Oder steht, den polnischen Fischern bei der Arbeit zusieht und überlegt, auf welcher Seite er seinen weiteren Lebensweg suchen soll.... etwas mehr Fiktion eben.

"In der Volksrepublik Polen, der DDR und der BRD gab es kaum längere Zeiten, in denen seine Dramen nicht gespielt wurden. In diesen drei Ländern wurde auch seine Prosa immer wieder neuaufgelegt."
Quelle:
www.heinrich-von-kleist.org/en/european-university-viadrina/kleisthoersaal/kleist-rezeption-in-polen/

Vielen Dank für Deinen Besuch, lieber koslowski!
jayne schrieb am 26.11.2011 um 20:00
irgendwie bringt mich das auf ein lang zurückliegendes Leseerlebnis: Bruno Franks "Tage des Königs" (gemeint ist Friedrich II.), eine Erzählung, die sehr dicht und die ich hiermit weiterempfehlen möchte ...
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 21:03
Vermutlich eine Eloge, der große Einzelne und Held, der die Welt bewegt. Nun ja, er war ein Kriegstreiber und Landräuber, worin ist nicht großes sehen kann.
jayne schrieb am 26.11.2011 um 21:55
Wie kommen Sie darauf? Kennen Sie den Autor?
Wikipedia: Bruno Frank − Sohn eines Bankiers − studierte Jura und Philosophie in Tübingen, München, Straßburg und Heidelberg. Er wurde in Tübingen zum Dr. phil. promoviert. Während des Ersten Weltkriegs war er Soldat, danach war er freischaffend tätig. Er unterhielt enge Freundschaften mit Lion Feuchtwanger und Klaus Mann.

In einem Gespräch mit dem zwanzigjährigen Klaus Mann beantwortete Frank die Frage nach dem stilistisch-künstlerischen Ideal, das er anstrebt, folgendermaßen: "Äußerste Klarheit, das scheint mir von allem das schönste. Ein Minimum an Wortaufwand – das Komplizierteste in schlichten Worten sagen. Eigentlich sollte man schreiben wie Tacitus." [1]

Frank ging einen Tag nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933, in die Emigration nach Österreich, dann in die Schweiz, später nach Frankreich und England. In der Emigration schrieb er seinen zweiten großen historischen Roman Cervantes (1934) nach Trenck (1926). 1937 erschien der Roman Der Reisepaß, der sich mit den Verhältnissen in Deutschland während der Herrschaft des Nationalsozialismus beschäftigt.

Frank sympathisierte mit dem Bemühen Klaus Manns um eine Sammlung der unterschiedlichsten Kräfte der im Exil lebenden Schriftsteller, wurde allerdings angesichts der zunehmenden Zerstrittenheit zwischen dem linken und dem konservativen Lager der Emigration skeptisch. Seine einzige politische Schrift blieb "Lüge als Staatsprinzip" (1939); in dieser geißelte er Hitlers Herrschaft.
Zeitleser schrieb am 26.11.2011 um 22:02
Danke für die Information, aber wie sieht er denn nun Friedrich II.?
jayne schrieb am 26.11.2011 um 22:14
diese Erzählung ist jedenfalls keine Eloge auf einen Herrscher, sondern beleuchtet Friedrich II. letzte Lebenstage, wenn ich mich richtig erinnere (las sie vor mehr als dreißig Jahren), und präsentiert eigentlich eine ziemlich ernüchternde Bilanz eines Lebens; jedenfalls macht die Erzählung auch sehr deutlich, wie Machtanspruch als auch Machtfülle einen Menschen verändern, und das eben nicht unbedingt nur im positiven Sinne (alles in allem ja eher Prozesse, die ambivalent) ...
Zeitleser schrieb am 27.11.2011 um 00:24
Nochmals danke. Dass Macht Menschen nicht nur graduell sondern total verändert, habe ich mit zugesehen. Deutlich im negativen Sinne, d.h. als Überhebung. Das hat im Übrigen auch schon Aristoteles so gesagt. Denn Macht zieht Leute an, denen man sie nicht anvertrauen sollte. Berlusconi lässt grüßen. Das einzige Mittel dagegen ist Machtsplittung. Im Übrigen ist "das Volk" nicht unschuldig, weil es im dem die Macht Anstrebenden den Kompetenten sieht. Auf dieser Klaviatur ist WW gescheitert, der Ex-Doktor rüstet sich gerade. Nietzsche lässt auch grüßen.
archinaut schrieb am 27.11.2011 um 01:20
"In den Kriegen Friedrich des Großen ist das Recht fast immer auf Seiten seiner Feinde. Und doch ist der Held dieser Kriege Friedrich, und sein Unrecht verblasst vor seinen Heldentaten. So ungerecht ist Geschichte manchmal," schreibt Sebastian Haffner in "Preußen ohne Legende". Die Heldengesänge sollen sollen das Schweigen der Empörung überspielen....

Wer ist denn WW?
archinaut schrieb am 27.11.2011 um 01:21
Und danke für den Lesetip, liebe jayne,
es preusselt ja enorm dieser Tage ;-))
poor on ruhr schrieb am 28.11.2011 um 16:19
Lieber archie, danke sehr interessant. Toll! ;)

LG

por
archinaut schrieb am 28.11.2011 um 21:56
Lieber por,

man hört gerade so viel über Preussen,
muss eine harte Zeit gewesen sein....
und der Krieg steckt immer noch tief in uns.

Herzlichst
archie
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