archinaut

nirgends.......... sicher... nie

21.04.2011 | 01:47

Schiff der Zukunft

 

Ob ich schon ein Schulkind war..... ich weiß es nicht mehr, es liegt so weit zurück..... Ich versuche mich an den Tag zu erinnern, ein Frühlingstag blitzblank und sonnig, ein Wochenende oder ein Feiertag, vielleicht zu Ostern, als mein Vater mir das erste Mal ein richtiges Schiff zeigt:

Es liegt irgendwo im Hamburger Hafen, zu Besuch auf einer kurzen Visite zwischen den Reisen über die unendlichen Meere der Welt. Schon das Hafengelände erscheint mir wie eine verzauberte Stadt, unwegbar das Labyrinth der Docks und Kaianlagen, der Speicher und Entladekräne, der Frachter und Tanker und Fregatten und Barkassen und Schlepper, weißer Dampf und schwarzer Ruß ziehen über die Wasser... Ich wundere mich nicht, dass mein Vater den Weg durch die unübersichtlichen Hafenlagen findet, ich bin in einem Alter, in dem ein Kind noch glaubt, dass ein Erwachsener alles erreichen kann. Wenn ich groß bin, will ich auf einem Schiff leben, als Matrose oder Kapitän.....

Ich erinnere noch mein Erstaunen über die himmelhoch weiße Bordwand, mächtiger als ein Haus, ruhiger als jeder Wellenschlag im Hafenbecken, erinnere grün und weiß und rot, den Geruch der Dalben und die kichernden Möwen..... die Gangway wippt leicht, unter uns schmatzt schwarzöliges Wasser, mein Vater führt mich an der Hand.

Frisch lackiert alle Stahlflächen im Innern, ein leises Dröhnen füllt den Kopf, als tauche man in den Bauch einer Maschine. Der Hafen wird durch die See gezeugt, so trägt der Schiffsleib die Hafenwelt noch ungeboren in sich, im pulsierenden Licht der elektrischen Bordbeleuchtung glänzen Luken, Leitern und Gitterroste, Tampen und Fässer, technische Geräte, Leitungsgewirr und Anzeigen aller Art, die Besichtigung gewährt Einblick in die holzgetäfelte Kapitänsmesse ebenso wie in die enge Kombüse, in die Laderäume und in den Maschinenraum, in die geheimnisvolle Herzkammer, wo das epochale Wunder der modernsten Technik leise summt, ganz klein und kompakt, hier schlummern tausend Sonnen: ein Atomreaktor treibt das Nuklearschiff an, wir sind auf der NS Otto Hahn.

Mein Vater kauft eine kleine Broschüre mit Bildern und Erklärungen für mich, in der das mysteriöse Zauberwerk beschrieben wird. Keine Dieseltanks, keine Kohlenbunker braucht dieses Schiff, der Brennstoff und der Antrieb benötigen viel weniger Platz als auf anderen Frachtern, mehr Güter oder mehr Passagiere können befördert werden.... Bei der Verbrennung entsteht kein Ruß, und die Reichweite bis zur Aufnahme von neuen Brennstäben ist um ein Vielfaches größer als bei anderen Schiffen mit konventionellem Antrieb: Die Entdeckung der Atomkraft ist ein großer Fortschritt für die Menschheit!

Und ich erinnere mich: lange Zeit blättere ich wieder und wieder in der Broschüre und versuche, in den bunten technischen Zeichnungen die maßlosen Kräfte zu begreifen, welche dieser unscheinbare, kleine Reaktor zum Leben erwecken kann.

 

Manche Hoffnung stirbt am Kreuz, doch der Mensch wächst in die Sehnsucht. Alt wie das Meer glänzt der Horizont. Dahinter warten die Wunder.....

 

 

Hier endet der 162. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

Next

Back

 

Klick zum Gästebuch

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
h.yuren schrieb am 21.04.2011 um 08:38
lieber archinaut, so schön deine erinnerung an die hafentour als kind, so schrecklich das detail aus dem bauch des schönen schiffs. mit sowas geht die fahrt in die zukunft auf die klippen...
als jugendlicher las ich das buch "Weltmacht Atom", von einem kritischen autor. mich begeisterte damals die chemie, nicht aber das bombige ende.
archinaut schrieb am 21.04.2011 um 22:31
Lieber h.yuren,

freue mich über Deinen Besuch hier.....
ja, wir glauben so gern an Wunder,
dass wir die Risiken erst viel später sehen.

Aus welcher Entscheidung später die größten Probleme erwachsen, können wir (zum Glück?) nicht vorher sehen.....
Sportchef schrieb am 21.04.2011 um 09:24
Bis zu den "tausend Sonnen" rieche ich, schmecke ich, fühle ich das Wasser, den Hafen, den Tang, die Weite, das Mehr. Dann ... schreibst Du, wie immer, um unser Leben, und die silberne Möwe stürzt ab in die Flut. Und ertrinkt ... vermutlich.
archinaut schrieb am 21.04.2011 um 22:43
Lieber Sportchef,

freu mich sehr, wenn die Flaschenpost so gut ankommmt
(rote-Ohren-krieg!)....

aber ich hoffe, dass die silberne Möwe nicht ertrinkt!
poor on ruhr schrieb am 22.04.2011 um 14:09
@archie

Sehr schön geschrieben und gerne gelesen.

Mein Vater kommt aus Hamburg und der Hafen und die Stadt gehört zu meinen frühesten Erinnerungen außerhalb des Ruhrgebiets.

Ja, dieses Interesse an Schiffen kenne ich auch. Wenn es schon einen Ott-Hahn gegeben hat, hätte ich die damals wahscheinlich auch gerne mal gesehen , so sehr mir ihrer nuklearer Antrieb aus heutiger Sicht missfällt.

Das mit Otto Hahn war noch einen ganz andere Technikgläubigkeit obwohl die Atombombe schon längst abgeworfen war, träumten vor allem in den 60ern und in den 71ern von einem goldenen Zeitalter durch Atomkraft.

Gottlob kamen dann doch bald die grüne Bewegung auch wenn ich die Partei die heute ihre Interessen zu vertreten, vorgibt nur bedingt für eine würdigere Nachfolgerin halte, vor allen wenn man an ihre Haltung zu den Kriegen denkt.

Zu schnell finden sie immer einen gerechten Krieg in dem Deutsche für die Gerechtigkeit kämpfen sollen.

Petra Kellx war da irgendwie noch anders drauf , aber das ist ja auch schon eine Zeit lang her.

MS = Motorschiff

NS = Nukleares Schiff ? = Nationalsozialismus?

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 22.04.2011 um 15:33
Lieber por,

ja, die offizielle Abkürzung war scheinbar wirklich NS für Nuklearschiff, das musste ich aber nochmal prüfen, als ich den Text schrieb.

1968 ging die Otto Hahn auf ihre erste Probefahrt, 1979 wurde der Nuklearbetrieb eingestellt, das Schiff später auf Diesel umgebaut, die (behandelten) Brennelemente legen seit dem letzten Jahr (2010) im Zwischenlager Nord (Lubmin) bei Greifwald....

Die Technik- und die Fortschrittsgläubigkeit jener Zeit scheint aus heutiger Sicht vielleicht naiv......... aber möglicherweise sind "wir" auch zu alt und zu vorsichtig für die Zukunft? Jede unglückliche Erfahrung führt zu mehr Wissen, mehr Reife, mehr Angst, die dazu dienen sollte, es beim nächsten Mal besser zu machen....

Naja, das klingt ja jetzt schon fast nach Ostern,
dabei ist heute doch erst Karfreitag,
der Tag der Kreuzigung....

Habe mich über Deinen Kommentar sehr gefreut,
auch Deine Anmerkung zu den Schiffen,
bist vielleicht auch so ein Nautophilist wie ich....

Frohe Ostern
wünscht Dir

archie
archinaut schrieb am 22.04.2011 um 15:33
Lieber por,

ja, die offizielle Abkürzung war scheinbar wirklich NS für Nuklearschiff, das musste ich aber nochmal prüfen, als ich den Text schrieb.

1968 ging die Otto Hahn auf ihre erste Probefahrt, 1979 wurde der Nuklearbetrieb eingestellt, das Schiff später auf Diesel umgebaut, die (behandelten) Brennelemente legen seit dem letzten Jahr (2010) im Zwischenlager Nord (Lubmin) bei Greifwald....

Die Technik- und die Fortschrittsgläubigkeit jener Zeit scheint aus heutiger Sicht vielleicht naiv......... aber möglicherweise sind "wir" auch zu alt und zu vorsichtig für die Zukunft? Jede unglückliche Erfahrung führt zu mehr Wissen, mehr Reife, mehr Angst, die dazu dienen sollte, es beim nächsten Mal besser zu machen....

Naja, das klingt ja jetzt schon fast nach Ostern,
dabei ist heute doch erst Karfreitag,
der Tag der Kreuzigung....

Habe mich über Deinen Kommentar sehr gefreut,
auch Deine Anmerkung zu den Schiffen,
bist vielleicht auch so ein Nautophilist wie ich....

Frohe Ostern
wünscht Dir

archie
goedzak schrieb am 23.04.2011 um 00:00
Frohe Ostern wünscht ne Landratte! :)
archinaut schrieb am 23.04.2011 um 00:59
Danke, lieber goedzak,
wünsche Dir ebenfalls ein strahlendes,
aber atomfreies Osterfest!
Streifzug schrieb am 23.04.2011 um 01:08
Wandel:

1960 - Ausschreibung der GKSS, Ges. für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mbH, Geesthacht, über ein nuklear angetriebenes Handelsschiff mit der Betonung des Vorranges von Forschungsaufgaben auf dem Gebiet nuklearer Antriebe.
1963 - Kiellegung in den Kieler Howaltswerken.
1964 - 13. Juni, Stapellauf in Anwesenheit von Prof. Dr. Otto Hahn.
1968 - wurde der Reaktor an Bord kritisch.
1968 - 11. Okt., Probefahrt.
Aufnahme des Fahrtbetriebs für die Massengutfracht und Forschung.
1969 - 8.-21. März, erste nukleare Atlantikfahrt..
1970 - Mit Casablanca wird der erste ausländische Hafen angefaufen.
1972 - Austausch des ersten Reaktorkerns. Mit der ersten Brennstoffladung wurde die NS OTTO HAHN vier Jahre lang betrieben, wobei sie eine Strecke von ca. 250.000 Seemeilen zurückgelegt hat. Der Verbrauch betrug rund 22 kg Uran 235.
1979 - Stillegung nach insgesamt 650.000 Seemeilen. Dabei sind 33 Häfen in 22 Staaten angelaufen worden.
Atomare Entsorgung bis 1982.
1982 - Umbau zu einem Containerschiff mit Dieselantrieb.
1983 - Probefahrt unter dem Namen MS TROPHY.
1983 - Charternamen MS NORASIA SUSAN.
1985 - Charternamen MS NORASIA HELGA.
1989 - Chartername HUA KANG HE einer Reederei in Shanghai.
? - Chartername MS MADRE.
archinaut schrieb am 23.04.2011 um 01:25
....die in Frankreich behandelten Brennelemente liegen seit 2010 im Zwischenlager Nord (Lubmin) bei Greifswald....

de.wikipedia.org/wiki/Otto_Hahn_%28Schiff%29
archinaut schrieb am 23.04.2011 um 01:27
Danke für die Chronologie, (fast) allwissender Streifzug!
Streifzug schrieb am 23.04.2011 um 01:32
... nicht, dass es wieder Zitat-Gezicke gibt ;)

N/S OTTO HAHN, Technische Daten
archinaut schrieb am 23.04.2011 um 01:44
Wow, vielen Dank für den Link!
Sind ja viele weitere Verweise dabei, diese Geschichte hat es besonders in sich:

".... Zwischen Energie, Nuklear, Radioaktivität und anderen Kräutern zeigte eine Gruppe von deutschen Mädchen, daß die Annahme, eine Frau an Bord bringe Unglück, nicht stimmt. Gute Laune, Kameradschaft und auch Liebe - das glückliche Schiff...."

www.philatel.net/Otto-Hahn/Gente.html
archinaut
Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
Ort:
Quedlinburg/Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 42 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 333
Kommentare: 5394
Mein Web:
Logbuch
21:26
GEBE hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:25
sarah liebkind hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:21
sarah liebkind hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:16
Untitled hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:14
Rene Artois hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG