archinaut

nirgends.......... sicher... nie

29.03.2011 | 01:43

Stimmen im Nebel

Ausgerechnet Sachsen-Anhalt: Früh im März 20??

Schnell noch der Seitenblick auf die Elbe, querab liegt Magdeburg, rechts ein staubiges Betonwerk, jetzt runter von der Autobahn, Magdeburg Zentrum, unbegrünt die Ackerflure, links und rechts grüßen hohe Stapelblöcke des sozialistischen Wohnungsbaus, schweigen im grauen Dunst vom Stolz verblichener Kombinate.

Ausgerechnet Sachsen-Anhalt: Vor vier Wochen hat er bei einer Veranstaltung in Berlin eine Europakarte gesehen, dargestellt die prognostizierbare Wirtschaftskraft bis in das Jahr 2020 mit Linien wie Isobare einer Wetterkarte. Dunkelblau die Tiefdruckgebiete, zwei Regionen in Europa, Armut garantiert, eine Todeszone am westlichen Rand in Portugal, die andere im kariösen Herz des Kontinents, eine sterbende Wüste südlich um Magdeburg: Sachsen-Anhalt.

Vierspurig, zwei gegen zwei, kurvenreich windet sich die Stadtautobahn durch eine Landeshauptstadt im Umbau. Gefährlich Querneigungen und nachlässig verfüllte Schlaglöcher nötigen zum Abbremsen und Ausweichen, schaukelnd und schlingernd folgt der Leihwagen dem Kurs über das patinierte Asphaltrelief.

Für das Vorstellungsgespräch musst Du Dir ein Auto mieten, hat sie vorgestern gesagt, wenn Du Geschäftsführer werden willst, kannst Du nicht mit dem rostigen Kombi vorfahren!

Gewerbehöfe und Lagerschuppen, rastlos durchquert das Band der Fahrzeuge den Hinterhof der Stadt Magdeburg, dann säumen kahle Baumgruppen den Weg, Tankstellen, Wellblechgewerbe und Burger-Shops, Hinweisschilder zum Stadtzentrum, zum Busbahnhof und zum Hafen.

Architektur- und Ingenieurbüro sucht neuen Geschäftsführer, Unternehmen langjährig eingeführt, erfahrenes Team, guter Auftragsbestand, versprach die Anzeige, an eine Chiffrenummer ging der dicke weiße Umschlag, Bewerbungsschreiben, Lebenslauf und Projekte, ein Umschlag von vielen, die er bundesweit versendet ....... zufällig hat er einmal aus dem Augenwinkel eine Bewegung bei ihr wahrgenommen, erst viel später verstanden, dass sie ein Kreuz drüber schlug und den weißen Umschlag kurz zu den Lippen führte wie eine Hostie..... Ob sie das mit jeder Bewerbung macht? rührt ihn dieser überraschende Atavismus, durch den die Vertraute im Streiflicht einer kurzen Sekunde erfremdet scheint...

Hinter Magdeburg liegen die Flächen weit unter dem grauen Himmel. In der Ferne verlieren sich die Horizonte lichtlos gegen den milchigen Dunst. Die äußeren Fahrspuren zerfasern, das Profil der Stadtautobahn verjüngt sich zur schlanken Landstraße, zwischen Gräben durch die leere Landschaft gefräst.

Ausgerechnet Sachsen-Anhalt, denkt er an das erste Telefonat zurück, an die volle, sonore Stimme hinter der Chiffre-Anzeige: Quedlinburg liegt im Harzvorland, eine königliche Osterpfalz, klein, aber alt und berühmt: Herr Heinrich saß am Vogelherd, die Stelle können Sie heute noch in der Stadt besichtigen!

Auf der Landstraße zieht sich die Strecke, ein Traktor fährt Mist auf zwei Anhängern, kein Überholen möglich, schemenhaft im grauen Dunst ist Gegenverkehr zu erahnen ... ein besorgter Blick auf die Uhr im Armaturenbrett: Wenn es später wird, die Fahrt länger dauert, kein Problem, wir sind da..... Nein, ich werde pünktlich sein, hat er am Telefon gesagt. Nach Wanzleben, Altenweddingen und Klein Germersleben zweigen Straßen ab..... klingt nach Rüben, Gerste und Schweinemast, denkt er, und sehr nachdrücklich wird ihm in diesem Moment bewusst, dass er seit Jahren in Großstädten gelebt und gearbeitet hat. ...Stadt ist eine Brutstätte für Städter, hat er kürzlich bei Sloterdijk gehört, während die Lebensweise der Agrargesellschaft von den Regenerationszyklen der natürlichen Ressourcen geprägt ist, schafft der Inkubator Stadt die Rekreation einer eigenen Stadtgesellschaft, die sich von den Regelkreisläufen der Natur emanzipiert.... und er denkt: Bist du hier auf dem richtigen Weg?

Nach der Kreuzung beginnt scheinbar eine offene Prärie: Zügig durchquert der Leihwagen großräumig gegliederte Agrarflächen, Erbstücke der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften....  „leben“ kommt von „lev“ und heißt Hinterlassenschaft, Erbe, kommt ihm in den Sinn, als links der Wegweiser nach Wolmirsleben auftaucht: ...günstiges Klima im Regenschatten des Harzes....fruchtbare Böden, besiedelt bereits im Paläolithikum..... mit der Völkerwanderung ließen sich die Warnen hier nieder..... ja, er hat versucht sich einzulesen.

Kroppenstedt heißt die nächste Ortschaft, schmiegt sich gegen einen langgezogenen Hang wintermüder Weideflächen, links geht der Abzweig nach Quedlinburg, aber die Entfernungsangabe mag er kaum glauben: Warum ist es noch so weit? Er wird seinen Termin nicht pünktlich erreichen....

Er treibt den Wagen den Hang hinauf, mit einer scharfen Kurve nach links durchschneidet die schmale Straße die Kuppe besäumt von kahlem, aber dichtem Buschwerk, Zum Glück ist kein Mähdrescher auf der Straße zu dieser Jahreszeit ....denkt er noch, rechterhand verschwindet Kroppenstedt im Dunst der Senke.....

Nach mehreren Windungen der kurvigen Fahrbahn öffnet sich die nächste Senke, wie durch eine erstarte urzeitliche Dünung läuft die Spur schnurgerade in die Ferne, endlos wie ein Kielwasser der unvorhersehbaren Zukunft, der graue Nebel gibt den Horizont nicht frei, ohne jedes Maß die Flächen rechts und links des Weges. Er muss dringend anrufen, um seine Verspätung zu entschuldigen, greift das Mobiltelefon..... aber es hat keinen Netzkontakt mehr. Bist du hier auf dem richtigen Weg?

Immer weiter scheint sich die durchquerte Landschaft zu leeren, als habe der vergangene Winter das Leben in diesem Landstrich für alle Zeiten ausgelöscht, braungrau und dunkel liegen die umgebrochenen Flächen soweit das Augenlicht reicht. Der Nebel ist dichter geworden, einmal tauchen zwei Scheinwerfer vor ihm auf, ein dunkler Schatten zieht vorbei. Er muss langsam fahren, und das Telefon hat immer noch keinen Empfang.

Heteborn am Hakel steht als Hinweis für die nächste Siedlung. Rechtzeitig verlangsamt er den Wagen zum Ortseingang, kein Mensch ist zu sehen, auch kein Tier, nur stumme graue Häuser unbestimmter Richtung, aus dem Leben gefallen, dazwischen mit Feldsteinen geschichtete Scheunen und Ställe, die den braungrauen Putz schon vor Zeiten abgestoßen haben, dicht am linken Straßenrand wird ein grün bemoostes Scheunentor sichtbar..... und irgendeine fremde Stimme in ihm sagt leise: Kehr um, Du bist hier nicht auf dem richtigen Weg!

 

Hier endet der 151. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
Magda schrieb am 29.03.2011 um 09:42
Und, ist er umgekehrt? Richtig spannend ist das geworden. Aber auch melancholisch-pessimistisch. Dann kommen ja noch Quedlinburg und der Harz. Da isses aber doch schön.
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 22:42
Dürfen
Helden
umkehren?

Nur rhetorische Fragen kehren um,
alle anderen Fragen drängen zur Krisis......
hoffentlich bleibt's spannend!
kay.kloetzer schrieb am 29.03.2011 um 10:45
sehr gern gelesen! liebe grüße!
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 22:44
auch gern geschrieben!
(kein Wunder, bei so geneigten LeserInnen ;-))
Freu mich über Deinen Gruß!
koslowski schrieb am 29.03.2011 um 17:57
Großartiger Text! Macht mich neugierig auf Sachsen-Anhalt, trotz oder wegen der Melancholie der Landschaft und seiner Kroppenstedts. Aber gibt's die heute noch im "Land der Frühaufsteher"?
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 22:54
Danke vielmals,
die Gegend hat Deine Neugier wirklich verdient!
Melancholie findet sich überall, aber die Intensität ändert sich mit den Jahrszeiten.... wie der Sonnenstand ;-))
Sportchef schrieb am 29.03.2011 um 18:37
Und keine Nazis am Wegesrand gesehen? Schwein gehabt! (Oder besser erst gar nicht ausgestiegen..?)
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 22:57
Nein, lieber Sportchef,
aber möglicherweise haben sie sich auf den "braungrauen" Ackerflächen getarnt........
poor on ruhr schrieb am 29.03.2011 um 22:59
@archie

:)
poor on ruhr schrieb am 29.03.2011 um 22:10
Lieber archie,

ziemlich beeindruckender Text trotz seiner Melancholie und Schwärze.

Du hast da wirklich tolle Blog-Literatur fabriziert.

Bei Dir bleibe ich gerne dran. Es lohnt sich wirklich.

Dieses Gefühl irgendwo hinzufahren und all die Dinge auf dem Weg, die zu Zeichen werden und die sich zu einer fremden Stimme transformieren, die sagt:
"Kehr um, Du bist hier nicht auf dem richtigen Weg!" (archie 151 Blog /FC), das kam mir auch bekannt vor, aber erst durch Deinen Blog ist mir bewusst geworden, dass ich in diesen beruflichen Dingen mit meinen ehemaligen Ambitionen um irgendwelche grossen Ansprüche zu erfüllen, auf diese Stimme fast nie gehört habe, obwohl es manchmal wirklich gut gewesen wäre, dies zu tun.

Wirklich bewunderswerter Text mit dem Wow-Effekt und einer Melancholie die wohl auf den einen oder anderen Leser übergehen kann, dem das vertraut vorkommt!

Das ist aber nicht negativ gemeint!

Wenn die Gedanken anderer einem helfen sich selbst zu erkennen, finde ich das sehr gut!

Wir treffen alle unser Entscheidungen und müssen mit ihren Konsequenzen leben und manchmal wäre es tatsächlich gut , rechtzeitig umzukehren und auf diese fremde Stimme zu hören.

Ist er denn umgekehrt? ;)

Herzliche Grüße

sendet

por
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 23:02
Ach, lieber por,
wenn man umkehrt,
ist es dann nicht meistens zu spät....?
Von der Geschichter möchte ich heute nicht mehr verraten,
bitte nimm ers mir nicht übel ;-))

Was wichtig ist, glaube ich,
so eine innere Stimme zu pflegen,
auch wenn man nicht immer auf sie hören kann oder will.

Und manchmal bilde ich mir ein, Leute zu sehen,
die scheinbar ohne diese Stimme durch's Leben gehen,
und ich bin nicht sicher, ob ich sie bewundern soll
..... oder fürchten muss.

Herzliche Grüße
archie
archinaut schrieb am 29.03.2011 um 23:06
Zu viele r's reingedrückt,
wars marg dars nur berdeutern ?-))
poor on ruhr schrieb am 30.03.2011 um 19:57
@archie

...is gar nich schlimm! ;)

por
Rapanui schrieb am 29.03.2011 um 23:21
Der trostloseste Ort in Sachsen-Anhalt ist Atzendorf. Dort wo die endlose lange gerade B71 einen Knick macht, war früher ein Parkplatz ohne Ufer. Auf dem gab es Currywurst zu essen und ein Dixi für den Rest. Manchmal hielten dort bis zu 5 LKW.

Seit es die Autobahn A14 gibt, ist in Atzendorf gar nichts mehr los.

Wer aber keine Angst vor der Melancholie hat, der sperrt, wenn er von Quedlinburg nach Halberstadt fährt, die Augen auf und sieht Türme, wie in einer Kleinstadt Burgunds. In diesem Landstrich zwischen Magdeburg und Quedlinburg gibt es eine Dichte an romanischen Bauwerken, wie eben nur in Burgund.

Anders als in Burgund aber gab es hier die Industrialisierung, dann folgten die Bomben der westlichen Alliierten, der sozialistische Plattenbau gab sein Bestes und dann kam die Treuhand. Dies ergibt die herbe Mischung, die Archinaut sehr gut eingefangen hat. Magdeburg und Halberstadt sind in den letzten 20 Jahren zu interessanten Städtebauten geworden, die es lohnt zu besuchen und zu bedenken. Quedlinburg und Gernrode sind Kulturdenkmale allererster Güte.

Aber es hängt eine große Traurigkeit über diesem Land. Liegt das daran, dass so wenige junge Menschen in diesen Städten leben, dass in schönen Restaurants nur sehr wenige Gäste sitzen, dass sich große Industriebrachen, Abrisshäuserzeilen und öde Discounter bis ans Stadtzentrum heranfressen, dass noch der letzte Amtsrichter und Sparkassendirektor ein Wessi ist?

Etwas Optimistisches kann ich nicht sagen, aber sehr viel Interessantes. Nur hören will das keiner, außer ab und an Freunde aus dem Westen. Ich kenne keinen aus meinem Dorf, der schon mal in Halberstadt oder Magdeburg war.
archinaut schrieb am 30.03.2011 um 00:18
Atzendorf....... nach Deiner Beschreibung kenne ich den Ort,
lieber Rapanui.....
der Vergleich mit Burgund gefällt mir gut,
unter der passenden Sonne erinnern manche Perspektiven auch an die Toskana.........
Vielleicht ist das ein Grund für die Melancholie, die unfassbar reiche Schönheit mancher Orte, die mangels Einwohner, Wirtschaftskraft und/oder Touristen doch von Vernachlässigung und Verfall bedroht sind.....
und den von Dir benannten Gründen zur Traurigkeit ist leider auch wenig entgegenzusetzen.

(aber sie kämpfen wie die Tiger in Sachsen-Anhalt,
der Frühaufsteher-Spruch zeigt ja schon,
dass sie vor nix halt machen!)
archinaut
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