archinaut

nirgends.......... sicher... nie

26.08.2011 | 21:07

Träume in Alexisbad

 

Der neue Chef der Bauprojekt Quedlinburg tritt auf die Freiterrasse der Alten Oberförsterei: Wie schön, dass Sie heute Zeit für mich haben, Herr Forstmann...... Ein sonniges Lächeln breitet der Hotelier in den schattigen Morgen, als wolle er die die frühkühle Luft des Selketalgrundes durch seine persönliche Strahlung auf Sommertemperatur erwärmen..... etwas zu breit das Lächeln, etwas zu freundlich, auch zu laut... offensichtlich weiß er nicht recht, was er von dem dunkel gekleideten Besucher halten soll. Setzen Sie sich doch, ich lasse Ihnen gleich ein Frühstück bringen, Kaffee oder Tee, ein Ei vielleicht?... und er preist das reiche Angebot seines Hauses. Aber neugierig ist er auch: Sagen Sie mir doch bitte noch, was Sie zu mir führt....

Ich besuche alle Bauherren der letzten Jahre, sagt der Geschäftsführer der Bauprojekt: Ich bin neu in der Region und möchte mich gerne vorstellen, vielleicht haben Sie ja eine Aufgabe, die wir als Ingenieure und Architekten für Sie lösen können! Soweit ich gehört habe, wurde Ihr Hotel auf unseren Zeichentischen geplant, irgendwann in den siebziger Jahren, wir haben irgendwo noch die Pläne im Archiv..... Damals hieß es allerdings nicht Alte Oberförsterei, denkt er, es war ein Gästehaus der Stasi, hat man ihm erzählt.

Forstmann lebt auf wie Glut im Windstoß: Sie können sich nicht vorstellen, wie das Haus aussah, als ich es übernommen habe! Ich bin ja erst vier Jahre nach der Wende in dieses Tal gekommen, das Ferienheim war nur noch eine traurige Ruine, keine Scheibe mehr ganz, Schimmel in den Wänden und alle Keller überflutet zur Schneeschmelze! Sie können sich nicht vorstellen, wie runtergewirtschaftet das Objekt war...... aber meine Frau und ich, wir haben uns sofort in das Haus verliebt! Für’n Appel und ’n Ei hat Forstmann das alte Stasi-Heim von der Treuhand gekriegt, so hat es der Bürgermeister erzählt.

Ist dieses Tal nicht wunderschön? fragt Forstmann mit ungehemmter Begeisterung ohne auf eine Antwort zu warten: Sie finden so etwas nirgendwo sonst in Deutschland! Hier unten springt lustig die Selke, der dichte Wald zieht sich die Hänge hinauf, oben liegt der Höhenweg, harzgewürzte Waldluft.... sein Arm deutet auf den felsigen Hang, der direkt hinter dem langgestreckten Baukörper des Hotels aufsteigt. Sie können mit der Schmalspurbahn anreisen, mit einer Dampflok! Hier will ich dem gestressten Großstadtmenschen unvergessliche Urlaubstage bieten! Forstmann redet sich weiter in Fahrt, beschreibt ein ganzes Urlaubsreich mit mehrgesternter Küche, Steaks vom selbstgezüchteten Harzer Höhenrind, Quellwasser, hier vor Ort abgefüllt, biologisch kultivierten Weinen der Region.......

Forstmann will eine Fischzucht neben dem Hotel anlegen, hatte der Bürgermeister erzählt, aber für ein neues Gewerbe kriegt er bei mir keine Genehmigung. Alexisbad soll Erholungsort bleiben!

Man nennt den Bürgermeister auch Stalin von Harzgerode.

Wortreich beklagt Forstmann das fehlende Verständnis der Einheimischen, besonders schlimm sei der Bürgermeister... aber auch die anderen Behörden hält der Hotelier für unternehmerfeindlich und rückständig, die Förderpolitik der Landesregierung für falsch und die Banken für geizig...

An einer Stelle hier im Ort tritt Wasser aus dem Fels, eine alte Brunnenfassung ist zu erkennen, als Alexisquelle seit Jahrhunderten bekannt. Forstmann hat zehn Quadratmeter Grund um die Quelle erworben, der Bürgermeister hat zu spät erfahren, dass dieses kleine Flurstück zum Verkauf stand.

Man erzählt in Quedlinburg, dass Sie große Pläne haben... kommt der Architekt nach über einer Stunde wieder auf den Anlass seines Besuchs, ich habe gehört, dass Sie Ihr Hotel durch ein Bad erweitern wollen? Für einen Wettbewerb habe ich vor einiger Zeit eine Therme entworfen, den Entwurf habe ich mitgebracht, wenn Sie Interesse und Zeit haben, kann ich Ihnen die Mappe gerne zeigen.

Aber gerne, freut sich Hotelier Forstmann und lässt zwei weitere Kännchen Kaffee kommen. Nehmen Sie noch ein Stück Kuchen?

Dann erläutert der Architekt seinen Entwurf, die Eingangshalle, die Ruhebereiche, die verschiedenen Wasserbecken, die verträumte Grotte unter dem farbigen Glasdach... So eine Grotte könnten wir direkt hinter Ihrem Haus in den Fels schlagen, sagt er, ganz allein für das Wasser der Alexisquelle, vielleicht mit einem Himmelsauge für die klaren Nächte, wenn der Vollmond über diesem Tal steht... die beiden laufen jetzt durch den duftenden Wald zu einer Terrasse, die weiter oben über dem Tal liegt, dort warten noch Ferienhäuser, die zur Anlage gehören.

Wissen Sie was, sagt Forstmann mit betrübter Miene, das gefällt mir, Sie haben die richtigen Ideen, Sie wären genau mein Architekt....... wenn ich nicht vor zwei Wochen ein anderes Büro beauftragt hätte... Der Vertrag ist schon bei der Bank!

 

 

Hier endet der 190. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
goedzak schrieb am 26.08.2011 um 23:31
Muss das sein, "in den Fels schlagen"?!
archinaut schrieb am 27.08.2011 um 11:40
Lieber goezak,
drei Antworten auf Deine rhetorische Frage,
multiple choice sozusagen:

( ) ja, Bauen ist immer Gewalt
( ) nein, in den Fels lutschen geht auch
( ) vielleicht, damit die Geschichte weitergeht
poor on ruhr schrieb am 27.08.2011 um 13:48
Lieber archie,

toll geschrieben.

Ich kenne dieses von Dir beschriebene Millieu nicht, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass es so ist. ;)

Mögen da vielleicht auch viele Klischees in meinem Kopf aktiviert werden, sind das aber Klischees die ich für sehr realitätsnahe halte:

Von der Teuhand für´n Appel und Ei gekriegt.
Das gleichzeitige Beklagen das die Vorbesitzer alles verkommen gelassen haben.

Es muss also aus der Perpektive der neuen Besitzer nochmals gezeigt werden, wie unfähig doch die Menschen in Sozialismus angeblich waren und das für den eigenen "Wiederaufbau ?" sozusagen noch eine höhere Legimtimation hat.

Dafür hat man sich dann ja auch einen der schönsten Blicke in Deutschland "redlich verdient" (fast zusammengeraubt).

Beklagt wird von den Westlern , dass sich so ein kleiner Bügermeister doch erdreisten kann, weiteren Bereicherungen mit so Kleinigkeiten wie Naturschutz und gesetzlichen Verordnungen in Wege zu stehen.

Vielleicht kann man man meiner Interpretation Klischees vorwerfen, ich glaube einfach fest daran, dass das Szenarien sind , die in Ostdeutschland bis zum heutigen Tag und Tag für Tag tausendfach ablaufen.
Un dannn wundert man sich allen Ernstes darüber , dass man keinen guten Kontakt zum Ort und den Behörden hat.
Pervers.
Du hast das toll beschrieben. Danke dafür.

Herzliche Grüße

poor on ruhr
archinaut schrieb am 27.08.2011 um 14:28
Lieber por,
froh und stolz bin ich, einen Leser wie Dich zu haben,
der seinen Kopf aktiviert und so einen trefflichen Kommentar schreibt.....

Nein, Deiner Interpretation ist nichts vorzuwerfen,
wenn jemand es nicht hören will,
muss er die Augen öffnen.

Herzliche Grüße in den Westen
archie
poor on ruhr schrieb am 28.08.2011 um 16:12
Vielen Dank , lieber archie,

:)

Liebe Grüße

por
archinaut schrieb am 28.08.2011 um 23:49
;-))
SuzieQ schrieb am 27.08.2011 um 14:45
Lieber archie,
ja, fein geschrieben!
Es geht auch um Investition und Präsentation.
Der Forstmann braucht den Architekten als Spiegel seiner eigenen Präsentation und investiert einen ganzen Nachmittag.
Der Architekt 'braucht' den Job, ohne Ansehen des Investors und investiert ebenfalls Zeit und präsentiert seinen Entwurf, weil er grad so gut passt. Noch dazu ist es eine Form von Recyceln.
Da bleibt zum guten Schluß die Erkenntnis:
Auf zu neuen Ufern, Ablehnung muss nicht nur negativ sein, ein Entwurf ist nicht umsonst.
Gruß Suzie
archinaut schrieb am 27.08.2011 um 23:20
Liebe Suzie,
freue mich über Dein Lob
und die Nachgedanken in Deinem Kommentar...

Ja, auf zu neuen Ufern,
zu den Haien, Krokodilen und Piraten!

Herzlichst
archie
SuzieQ schrieb am 28.08.2011 um 00:29
"...zu den Haien, Krokodilen und Piraten!" ???
archinaut schrieb am 28.08.2011 um 23:50
Man weiß nie, was an neuen Ufern wartet ;-))
SuzieQ schrieb am 30.08.2011 um 00:50
Weiß man denn, was am alten Ufer wartet?
Dann vielleicht besser Seeufer, da kann man dann immer schön rundherum und kommt immer mal wieder am Anfang an.
archinaut schrieb am 30.08.2011 um 01:43
Liebe Suzie,
als die Erde noch eine Scheibe war,
sind manche über den Rand gesegelt.....
ein schöner Plan eigentlich ;-))

"Auf zu neuen Ufern"
da bin ich gleich dabei!
SuzieQ schrieb am 30.08.2011 um 01:53
Guten Morgen archie,
"Auf zu neuen Ufern
da bin ich gleich dabei!"
Zu den Haien, Krokodilen und Piraten?
Oder doch Antwort 2:
"Man weiß nie, was an neuen Ufern wartet ;-))" ?
Was denn nu?
sq grüßt nemo
archinaut schrieb am 30.08.2011 um 01:58
Ist doch spannend,
wenn man nicht weiß,
was wartet......
Wer weiß,
vielleicht finden wir
das sagenhafte Einhorn!
SuzieQ schrieb am 30.08.2011 um 02:08
Ich weiß als Nicht-Wissender, dass es keine Einhörner gibt und dass die Erde keine Scheibe ist.
Segeln über den Rand klingt aufregend, als schöner Plan bekommt das Ganze etwas Morbides.
archinaut schrieb am 30.08.2011 um 02:21
Ach, liebe Suzie,
wenn es keine Einhörner gäbe,
müsste man sie erfinden...

Herzlich grüßt Dich
archie
SuzieQ schrieb am 30.08.2011 um 02:27
Nuja, es gibt nur noch ein einziges Einhorn, hab ich gehört. Ziemlich einsam und auf der Suche, hab ich gehört, ich hab übrigens gute Ohren, hab ich das mal erwähnt?
archinaut schrieb am 30.08.2011 um 02:44
de.wikipedia.org/wiki/Das_letzte_Einhorn

das Buch habe ich geliebt,
den Film fand ich platt und überflüssig
(wieder so ein Beispiel,
wo der Film dem Buch schadet)

Voller Bewunderung für Deine Ohren
verabschiedet sich
schlaftrunken
archie
luggi schrieb am 27.08.2011 um 22:31
Mönsch Archie, wolltest du dein Chancen sehen, oder sehen, wie ein Wessie seine Chancen für ein Schnäppchen genutzt hat.

Tönt 'se doch die Merkel samt Vorgängern: Diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die Vielen unendliche Chancen bietet.

Sollte man mal mit deinem obigen Blogeintrag drüber nachdenken ... und schlüssige Schlussfolgerungen ziehen.
archinaut schrieb am 27.08.2011 um 23:23
Hi luggi,
(sprich Hai luggi ;-))
schön, dass Du vorbeischaust,
und auch noch Queen Angie zitierst.

Bitte erwarte keine Schlüssigkeit von mir,
bin doch Spezialist für unschlüssige Folgerungen...
koslowski schrieb am 28.08.2011 um 11:14
Ein schönes Stück über die Dialektik des Fortschritts. Respekt!
archinaut schrieb am 28.08.2011 um 23:51
Lieber koslowski,
freue mich über Dein geneigtes Interesse....

Herzliche Grüße nach Westfalen
archie
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