archinaut

nirgends.......... sicher... nie

14.10.2011 | 01:28

Vom Erinnern

 

Als ich am Donnerstagvormittag diesen SS-Offizier, der mich vernehmen sollte, näher ansah, kam mir das Gesicht sehr bekannt vor, und auch er lächelte mich an und gab seinem Protokollführer irgendeinen Auftrag, sodaß wir beide allein waren, schreibt mein Großvater auf Seite 167 seiner Lebenserinnerungen: Er war ein Corpsbruder von mir, der zwar mindestens 15 Jahre jünger war, wir hatten uns aber bei einem Stiftungsfest in Marburg gesehen; als er hörte, dass ich verhaftet sei, hat er sich darum bemüht, diese Vernehmung durchzuführen. Er selbst war inzwischen Rechtsanwalt geworden und war zur SS eingezogen, wobei er dann auf diesen Posten bei der Geheimen Staatspolizei in Prag kam. Als ich ihm erklärte, dass ich von den ganzen Vorgängen nichts wüsste, die Unterredung mit Popitz habe ich natürlich verschwiegen, sowohl in meinem Interesse als auch in dem von Popitz, setzte er ein Protokoll auf, in dem er sehr deutlich auf meine Verdienste hinwies. Nach dieser Vernehmung wurde ich aus diesem unfreundlichen Polizeiverlies in ein Haus überführt, das außerhalb von Prag lag, und das zu einem Hof gehörte, dessen Eigentümer vor 100 Jahren der Dichter Stifter gewesen war. Hier erhielt ich ein verhältnismäßig großes Zimmer angewiesen, dessen Fenster zwar mit Gitterstäben versehen waren, das aber sonst einen durchaus angenehmen Aufenthalt bot. Um mich abzulenken, bat ich um Schreibpapier und habe hier begonnen, meine Lebenserinnerungen zu schreiben, die ich nach über 20 Jahren nunmehr beende.

 

Hier endet der 207. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
Novalis schrieb am 14.10.2011 um 23:08
Lieber Archinaut, der eine wird SS- Mann, der andere ... geht einen anderen Weg. Da ist dennoch eine Verbindung, eine nette ... mit Gitterstäben. Dein Beitrag erinnert mich an unsere "Freiheit", die in nichts weiter besteht, als alles kaufen zu "dürfen". Wir sind auch in "großen" Zimmern untergebracht, vergittert, aber sonst "angenehm". Was ist aus deinem Großvater geworden? GLG
archinaut schrieb am 15.10.2011 um 16:09
Liebe Novalis,

den Tag, den er beschrieb, hat er durch glückliche Umstände um 20 Jahre und mehr überlebt, da erging es ihm besser als vielen anderen: seine Generation hat zwei Kriege geführt, und wenn ich seine Geschichte lese, frage ich mich, wie für das Individuum der Zeitpunkt zu erkennen ist, dem Kollektiv die Gefolgschaft zu kündigen....

Die Zukunft wurzelt tief der Vergangenheit,

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/vom-grenzen

Aus dem ersten Weltkrieg hat er uns viel erzählt,
schieb ich einmal, weniger vom zweiten:

www.freitag.de/community/blogs/archinaut/in-eigener-sache-i
Novalis schrieb am 16.10.2011 um 23:47
Lieber Archie, "Die Zukunft wurzelt tief in der Vergangenheit", "dem Kollektiv die Gefolgschaft kündigen", das sind tolle Worte, mit denen ich mich identifizieren kann. Zum Thema Vergangenheit: Es gibt da z.b.Hypothesen, dass der dreißigjährige Krieg, ein "Holocaust" der Deutschen, ein untertäniges Preußen und damit ein drittes Reich ermöglicht hat. Und Roosevelt sagte dann 1945 nach dem Zusammenbruch dieses "Reiches", dass der preußische Dämon mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müsse ... d.h. die nationale Identität. Es ist gelungen! Und wenn nun unsere Zukunft in einer solchen Vergangenheit wurzelt, ... 1618-1648 dieser gnadenlose Religionskrieg, mündend in einer alles unterdrückenden preußischen Militärdiktatur, die wiederum auf das dritte Reich zusteuert und nun ... Deutschland als ängstlicher Wurmfortsatz unter einer Ackermann-Regierung.
Was wird das geben?
Novalis schrieb am 16.10.2011 um 23:48
Lieber Archie, "Die Zukunft wurzelt tief in der Vergangenheit", "dem Kollektiv die Gefolgschaft kündigen", das sind tolle Worte, mit denen ich mich identifizieren kann. Zum Thema Vergangenheit: Es gibt da z.b.Hypothesen, dass der dreißigjährige Krieg, ein "Holocaust" der Deutschen, ein untertäniges Preußen und damit ein drittes Reich ermöglicht hat. Und Roosevelt sagte dann 1945 nach dem Zusammenbruch dieses "Reiches", dass der preußische Dämon mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müsse ... d.h. die nationale Identität. Es ist gelungen! Und wenn nun unsere Zukunft in einer solchen Vergangenheit wurzelt, ... 1618-1648 dieser gnadenlose Religionskrieg, mündend in einer alles unterdrückenden preußischen Militärdiktatur, die wiederum auf das dritte Reich zusteuert und nun ... Deutschland als ängstlicher Wurmfortsatz unter einer Ackermann-Regierung.
Was wird das geben? GLG
archinaut schrieb am 17.10.2011 um 00:52
Liebe Novalis,

so wie die"Nation" eine kollektive Erfindung war,
die Großmacht der (römisch-katholischen) Kirche zu brechen, so schafft die Erfindung des "globalen Finanzmarktes" die Nationen schneller und gründlicher ab als die UNO.... mal sehen, was passiert, wenn keiner mehr an den Finanzmarkt glauben will....

Herzlichst
archie
poor on ruhr schrieb am 15.10.2011 um 12:14
Lieber archinaut,

mit Interesse gelesen. Von Novalis glänzend kommentiert.
Das Interesse am weiteren Weg Deines Großvaters teile ich auch.

Herzliche
poor on ruhr schrieb am 15.10.2011 um 12:14
Herzliche Grüße

meine ich
archinaut schrieb am 15.10.2011 um 16:17
Lieber por,

oben im Kommentar von Novalis habe ich zwei Links gesetzt, aber zwei, drei Texte von ihm werde ich noch einflechten.....
Ganz interessant finde ich, dass er mit dem Aufschreiben seiner Erinnerungen beginnt, als sein (durchaus karriere-orientierter) Lebenslauf eine einschneidende Wende erfährt... Nach so einer Vernehmung fällt das Restleben ja manchmal sehr kurz aus.

Herzliche Grüße
archie
SuzieQ schrieb am 29.10.2011 um 01:24
Guten Morgen archie,
ja, dieser Text ist an mir vorbeigegangen, danke für den heutigen link.
Den Beginn seiner schriftlichen Erinnerungen in dieses vergitterte Zimmer zu legen, finde ich doch gewagt, weiß er doch nicht, wer es zu lesen verlangen könnte. Aber er war klug, er hat harmlos begonnen, nehm ich an.
Möglich, dass die Basis für diesen Beginn eine Frage war: Wie lange habe ich noch Gelegenheit dazu, festzuhalten, was mir wichtig ist?

Hätte ich hier gelesen, bevor ich 'Vom Stürzen' las, wäre eine Sorge um die weitere Entwicklung seiner Umstände im Leben gar nicht erst entstanden.
Aber. Ich finds gut, so wie es ist. Und dass diesem Beginn mehr als zwanzig Jahre Aufschreiben von Lebenserinnerungen folgten, freut mich sehr.
Erstaunlich, was ihm im Gedächtnis blieb, manches war aber auch äußerst einprägsam, manches vergißt man auch nicht. Selbst wenn man wollte.
Dein Blog mischt Fiktion und Realität.
Mal mehr, mal weniger. Mal doch nicht...
Lese dein Blog wirklich gern
Gruß von einer Nachtaktiven
sq
archinaut
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