archinaut

nirgends.......... sicher... nie

02.10.2010 | 17:18

Vom Stuttgartisieren

 

Ein scharfer Blick aus tiefblauen Augen: Wir wollen aber nicht stuttgartisieren.... ermahnt mich die schöne Assistentin am Lehrstuhl der Westberliner Architekturfakultät im Herbst 198? ..hier in Berlin zeichnen wir anders!

Mit rot lackiertem Fingernagel tippt sie an schwarze Tuschestriche, die sich treffen auf matt opakem Transparentpapier (oh ja, ich liebe dieses Papier!): So zeichnen die Architekten der Stuttgarter Schule, die Linien treffen sich nicht in der Ecke, sondern werden über den Schnittpunkt weiter ausgezogen!

Die Linien der Berliner Architekturstudenten haben sich preußisch-exakt in der Ecke zu treffen. Da die Spitze des Rapidographen rund ist, zeichnet man die äußere Seite des Winkels mit kleinster Strichstärke vor, dann zieht man mit dem Nullfünfer (braun) oder Nullsiebener (blau) nach: Der strenge Oswald Mathias Ungers hat es uns so beigebracht!

Im Süden der Republik wirkt Günter Behnisch, der Architekt der heiteren Spiele von München, Großmeister für alle jungen Architekten, die sich nicht mit der kargen Berliner Linie befreunden wollen. Seine Skizzen gleichen zerzausten Vogelnestern, rechtwinklig zunächst, später auch in alle Richtungen schießen Träger und Stützen, dazwischen transparent gespannt die Kristallmembrane.... der Spiegel beschreibt Behnisch im Nachruf als den Architekt des gläsernen Deutschlands: Er wollte sich und seinen Kunden Spielräume eröffnen, Zwänge abbauen, Normen infrage stellen, Hierarchien auflösen. Als Architekt glaubt Behnisch daran, dass Häuser die Empfindungen und Entscheidungen der Menschen beeinflussen können, so erfand er den gläsernen Plenarsaal für Bonn.....der Berliner Reichstag war für ihn lange ein "Monster", ein Ausbund "wilhelminischer Machtarchitektur". Er wollte es anders machen, heißt es im Nachruf.

 

Architekten und Ingenieure entwickeln die Zukunftsvisionen inzwischen in ihren Rechnern, nach der Jahrtausendwende findet ein Berliner Architekturstudent das Verb stuttgartisieren eher in einer anderen Bedeutung: Stoppt Stuttgartisierung! fordert ein Aufruf im Internet, der gegen Schwaben in Berlin mobilisieren möchte.... gegen schwäbische Kinderwagen, schwäbische Bäckereien, schwäbische Nachbarn und Hausbesitzer.

 

Städte und ihre Bewohner erfahren immer wieder neue Zuschreibungen wie wachsende Bäume, die Kronen und Wurzelwerk mit den Jahresringen allmählich vergrößern. In der Nacht zum 1. Oktober 2010 werden vor den Augen der empörten Öffentlichkeit die alten Bäume des Schlossparks gefällt, unter Polizeischutz und politisch dissonanter Begleitung in den Medien. Die Bilder des Morgens zeigen ein Schlachtfeld mit Siegern und Besiegten.

S21 ist das Kürzel für ein Verkehrs- und Immobilienprojekt, mit dem die Stuttgarter eine Bühne für das neue Jahrhundert bauen wollen. Aber man fragt besorgt, wofür der Name der bodenständigen Schwabenkapitale in Zukunft stehen wird...

 

 

Hier endet der 118. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 03.10.2010 um 13:49
Lieber Archie,

vielen Dank für den schönen Blog. Ich find ihn sehr interessant.
Wo es m it der Schwabenmetropole hingeht weiß ich auch nicht, am lioebsten wäre mir eine Bedeutung von stuttgart für ein neues politisches Bewußtsein, der Mittel und Unterschicht, dass sich einmischt und nicht nur wegschaut.

Interessant auch der Hinweis auf Behnisch.

Gibt es es nicht in Stuttgart eine ganz berühmte Bauhaussiedlung?

Die Weißenhof Siedlung oder so ähnlich? ;)

Vielleicht können ja auch die Berliner von Stuttgart lernen, wenn das schloß wieder auf die agenda kommt?

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 03.10.2010 um 14:34
Lieber POR,

"Von Stuttgart lernen"
das ist ein schönes Motto!

Eigentlich für jeden was dabei....

Ja, das "Neue Bauen" der zwanziger Jahre hat sich in Stuttgart in eriner berühmten Bauausstellung niedergeschlagen, in der Weissenhof-Siedlung.

Damals haben sich fortschrittliche Architekten auch für die Lösung sozialer Probleme engagiert, das ist heute scheinbar nicht so....

Vielen Dank für's Lesen
und für den Kommentar

Einen schönen Sonntag wünscht Dir
archie
Magda schrieb am 03.10.2010 um 19:49
Interessant. So wechseln immer Bedeutungen.

Stuttgartisieren: Aus bürgerlicher Überzeugung zivilen Ungehorsam wählen. Ist doch auch nicht schlecht.
poor on ruhr schrieb am 03.10.2010 um 20:07
@Magda

Du bringst die Dinge immer so schön auf den Punkt.

Danke. ;)

Für Dich und archie einen schönen Sonntag.

Hertliche Grüße

aus dem Ruhrgebiet

poor on ruhr
archinaut schrieb am 03.10.2010 um 23:17
Liebe Magda,

hoffentlich wird Stuttgartisieren nicht ein medizinischer Begriff: "Wasser drücken Auge raus".....
Bitte entschuldige meinen schwarzen Humor,
ich höre auch gleich wieder auf
und bedanke mich für`s Lesen....
hibou schrieb am 09.10.2010 um 07:23
Ungers Würfel hab ich in HH betreten....aber unter den verschwundenen, nein, brutal gefaellten Baeumen im Schlosspark bin ich oft spaziert.... Unbegreiflich, was die da machen. Gehen gegen die wenige Lebensqualitaet vor, die sie da haben.

Zur Satire: wo wird der Mercedes hergestellt? In UnterTÜRKheim :-))
archinaut schrieb am 09.10.2010 um 11:48
"Der Tempel der Germanen war der Wald, der Heilige Hain. Die Bäume waren Gottheiten, und die Pflanzen hatten Zauberkraft.
......Die germanische Kultur wurde von einer schamanischen Mythologie getragen, ihre Spiritualität wurde durch heilige Pflanzen, psychoaktives Räucherwerk und Rauschtränke inspiriert. Der Tempel der Germanen war der Wald, der Heilige Hain. Die Bäume waren Gottheiten, und die Pflanzen hatten Zauberkraft."

www.deutschesfachbuch.de/info/detail.php?isbn=3038002046

Da ist die Gesellschaft heute etwas weiter,
zum Glück :-)) ist nix mehr heilig ;-((
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