archinaut

nirgends.......... sicher... nie

21.11.2009 | 09:09

Wanne in Kamp-Lintfort

Meinen fernen Freund fand ich im Jahr 196?: Neu zugezogen in Kamp-Lintfort weit im Westen, hinter dem Rhein, im Land der Nibelungen, wo sich die fruchtbaren grünen Weiten an der vielarmigen Flußmajestät allmählich in die benachbarten Niederlande verabschieden....

Kinder noch, Klassenkameraden in der Grundschule.... als ich das erste Mal über Nacht bei seiner vielköpfigen Familie bleiben durfte, ließ seine Mutter das Badewasser ein... weil ich Gastkind war, durften wir beide zuerst in die Wanne... Kinder noch, aber doch mussten wir uns mit einem Witz behelfen gegen die aufkeimende Scham.... etwas später wurden wir Blutsbrüder nach dem Ritual, wie es zwischen Kindern geübt wird.

Drei Jungs, ein Mädchen, Lehrerin die Mutter, Steiger im Pütt der Vater.... die Wohnung in der Zechensiedlung gefüllt mit Lärm, Energie und chaotischem Leben: Hausaufgaben konnten wir bei ihm nicht machen, wir mussten raus, über die Äcker und Wiesen, an den Bach, über die bewaldeten Hänge der Grundmoränen, in die Steinbrüche, zur Floßfahrt auf den versteckten Tümpel .... verheißungsvolle Streifräume unserer reifenden Jugendlichkeit.

Zusammen wechselten wir in die Oberschule, beide fühlten wir uns unsicher vor dem steigenden Pensum..... bald darauf zog ich mit meiner Familie aus dem Westen fort nach Niedersachsen.

Wir besuchten einander noch oft, und einige Jahre schien es, als könnten wir Blutsbrüder bleiben wie die Helden aus alten Sagen. Aber gelegentlich sprach er abfällig über seine neuen Freunde und ihre gefährlichen Spiele. Er wechselte mehrfach die Schule.

Seine Eltern bauten ein Haus im neu erschlossenen Wohngebiet, jeder Sprössling bekam ein eigenes Zimmer, Mutter Lehrerin sogar einen Arbeitsraum ...... aus Kamp-Lintfort brachen wir nach dem Abschluss meiner Schulzeit zu einer wilden Autofahrt nach Portugal auf, überreich proviantiert von seiner fürsorglichen Mama.

 

Über manchen Häusern wütet ein schwarzer Stern. Sein Bruder starb bei einem Motorradunfall, die Spur der schönen Schwester verlor sich im Drogenstrich der Hafenstadt Rotterdam: Holland ist nicht weit vom Land der Nibelungen. Enttäuschung und Jähzorn des Vaters trieb die  verbliebene Familie in Konfrontation und Verbitterung.

Mein Blutsbruder betete mit seiner jungfräulich Verlobten täglich bei einer radikalchristlichen Sekte, bis die junge Frau zu seinem besten Freund flüchtete....

 

Einige Jahre verfehlten wir einander auf absichtslose Weise. Er besuchte meine Eltern aus Anlass eines Kirchentages, ohne Ankündigung, mit großem Interesse fragte er nach mir und nach meinem Leben und er ging, ohne Adresse oder Telefonnummer zu hinterlassen. Ich war längst weiter gezogen in die großen Städte. Gelegentlich fragte er meine Eltern am Telefon nach mir, schrieb mir dann auch lange Briefe, ohne Absenderadresse, die Poststempel aus der Region zwischen Rheinberg und Neukirchen-Vluyn..... 

Stimmlage und Rhythmus sind so hell und lebendig wie früher, wenn er mich anruft, was alle drei oder vier Jahre vorkommen mag, aber dann redet er eindringlich von Menschen, die ihn festhalten, von Junkies, die in seinem Zimmer wohnen, von falschen Verdächtigungen und finsteren Verschwörungen, von Schlägereien, die in seinem Namen angezettelt werden, von Dealern, die über die Grenze kommen, er beteuert seine Unschuld.... er rede so gern mit meinem Vater, und er freue sich so, dass es mir gut gehe, dass ich einen nützlichen Beruf ergriffen habe, sogar mit Kindern gesegnet sei.... Unsere Töchter finden seine Stimme auf dem Anrufbeantworter unheimlich.

Und ich schäme mich, mein lieber ferner Blutsfreund, Nibelungenbruder weit im Westen, weil ich zu schwach bin, Dir gegen die Drachen zu helfen.... ob Du wohl ahnst, dass wir beide im gleichen Feuer verglühen könnten?

Aber lieber möchte ich mir vorstellen, dass wir uns eines Tages wieder in einer Wanne treffen, im Wasser, das die Menschen leicht macht und gleich und rein wie die Flussgöttin Ganga....wir werden einen Witz machen, etwas von der Vergangenheit reden und in die Zukunft träumen wie die Schachspieler in den türkischen Bädern von Budapest......

 

Hier endet der 42. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
jayne schrieb am 21.11.2009 um 09:34
das ist eine der anrührendsten und besten geschichten, die ich von Dir gelesen habe ...
archinaut schrieb am 21.11.2009 um 09:43
....oh, vielen Dank, liebe jayne, da wird mir ja gleich die ganze Jacke rot :-))))
poor on ruhr schrieb am 21.11.2009 um 12:33
Lieber archinaut,

ich finde auch, dass das eine berührende und total tolle Geschichte von Dir und Deinem Freund ist. Klasse! Das Schicksal von Deinem Freund tut mir natürlich auch leid, aber so geht es manchmal zu im Leben. Gut ist es in einem menschlichen Sinne, dass Du die Kraft zu einem anderen Leben hattest!
Danke für die Geschichte!

Ich bleibe dran

por
archinaut schrieb am 21.11.2009 um 16:17
Lieber por,

jeder findet Kraft für was anderes in seinem Leben, hilfreich ist Glück und glückliche Umstände, wichtig aber sind Freunde, die man bekanntlich erst in der Not wirklich kennen lernt.

Vielleicht steckt mir ja noch der untergegangene Buß- und Bettag in der Programmierung?

Herzliche Grüße an Ruhr und Rhein
archie
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