archinaut

nirgends.......... sicher... nie

14.01.2010 | 00:50

Wie sollen wir bauen?

Die Inseln der Zukunft ist eine Impression der Freitag-Autorin Ulrike Steglich zur IBA-Stadt Dessau überschrieben am 07.01.2010: Das Abschlussjahr der IBA Stadtumbau 2010 ist eröffnet. Das bescheidene Bundesland Sachsen-Anhalt zwischen Halle und Magdeburg will mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) in die öffentliche Wahrnehmung rücken und im internationalen Diskurs Flagge zeigen,.... versteht sich als ein „Labor“, in dem verschiedene „Werkzeuge“ des Stadtumbaus beispielhaft erprobt und angewendet werden......Dabei sollen bis 2010 modellhafte Projekte entwickelt werden, die unter den Bedingungen des demografischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandels Zeichen für die internationale Stadtforschung und -gestaltung setzen.(„Das Konzept IBA“, IBA-Büro GbR, Dessau) 

Eine konkurrierende Zukunftsinsel findet sich bei der IBA Hamburg, die ebenfalls seit einigen Jahren nach Erkenntnisgewinn und öffentlicher Wahrnehmung strebt. Die Freie- und Hansestadt stellt die Aufgabe, sozial problematische und stigmatisierte Stadteile südlich der Elbe aufzuwerten, Neuansiedlung von Gewerbe und Wohnen vorzubereiten und wohl auch die weitere Expansion der Hafen- und Containerflächen sozial verträglich abzufedern. Der IBA-Stab setzt eigene Schwerpunkte: Mitten in der Metropole Hamburg gibt es einen einzigartigen Schauplatz der Kreativität, der Chancen, Gegensätze und Spannungen. Einen Schauplatz, der gesellschaftliche Grundfragen des Zusammenlebens und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen wie in einem Brennglas bündelt: die Elbinseln. Hier entwickelt die IBA Hamburg Antworten für die Zukunft der Metropole. („Mission“,IBA-Hamburg GmbH) 

Während in der Metropole Hamburg optimistische Szenarien den Treibstoff für Installation und Betrieb einer IBA bilden, ist das Selbstverständnis der mitteldeutschen IBA Stadtumbau durch das Phänomen der Schrumpfenden Städte geprägt, damit zeigt sich einmal mehr die gefühlte Unwucht der demografischen Bundeswetterlage nach der Wende. 

Dem süßen Insel-Leben ergeben sich beide Unternehmungen. Während die letzten Bauausstellungen größere Regionen im Strukturwandel begleiteten (IBA Emscher Park 1989-1999, IBA Fürst-Pückler-Land 2000-2010), hat sich die IBA Hamburg eine glückliche Robinsonade auf den Elbinseln südlich von Hamburg eingerichtet. In Sachsen Anhalt erwächst der IBA Stadtumbau gleich ein ganzes Atoll aus inzwischen 19 teilnehmenden Städten. Gesellschaftliche, gar politische Kontroversen sind trotz der selbst gewählten Themen nicht zu befürchten: man wird schließlich alimentiert.

Gemessen an den Ziele der ersten Interbau Berlin 1957 kann man wohl behaupten, dass der IBA-Gedanke sich inzwischen überlebt hat. Der gesellschaftliche Konsens fehlt. Baustellen werden nicht mehr als Zeichen des Fortschritts und Wachstums einer sozialen Gemeinschaft begrüßt, sondern entfachen regelmäßig erbitterte Kämpfe: Wer darf rein, wer darf mitverdienen, wer muss draußen bleiben? 

Die Absichten sind teilweise löblich, der Effekt kläglich. Mit dem Dreiklang-Slogan KOSMOPOLIS-METROZONEN-Stadt im Klimawandel bewirbt die IBA Hamburg handfeste Gentrifizierungsstrategien im Windschatten der expansionslüsternen Hamburger Port-Authority. Man sucht Investoren für ausgefallene Haustypen und verspricht mutigen Projektentwicklern Mehrwert durch das Etikett Internationale Bauausstellung, garniert mit preiswert eingekauften Events, naturbelassener Restidylle und „Wachstum im Einklang mit der Umwelt“ (Zitat). Der Sprung über die Elbe ist bisher nicht gelungen, die bilderreiche Hafencity und die Krise der Elbphilharmonie über dem Kaispeicher dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung...... der bunte Supermarkt der IBA sucht derweil Praktikanten  zum Vergütungssatz von 200,- Euro monatlich.

Ehrenwert auch die Absichten der Heimatsucher im Land der Frühaufsteher: Gegen den demographischen Wandel, gegen Abwanderung und Überalterung werden die IBA-Städte einem Selbstfindungs-Coaching durch das Dessauer IBA-Büro und assozierte Stadtplaner und –forscher unterzogen, begleitet durch Monitoring-Berichte und Veranstaltungen an wechselnden Orten. Jede Stadt bekommt ein eigenes IBA-Logo. Man ist stolz darauf, die IBA ohne Leuchtturmprojekte zu sein. Anspruchsvoll auch das Wagnis der Profilierung, jeder Stadt ein eigenes Leitbild. Landschaft und Bildung sind als Themen gleichrangig neben Bestandswahrung und Identitätspolitik.

Die Stimmung bleibt gedeckt: „Jetzt wird hier wieder abgerissen,“ zitiert der Artikel im Freitag einen Stadtplaner. Für Dessau wird das Leitbild Stadtinseln-urbane Kerne und landschaftliche Zonen entwickelt, hoffnungsvolle Themen sollen den Grünzug besiedeln, Claims laden als Miniparks zur Aneignung, daneben Interkulturelle Gärten und eine BMX-Anlage.

„Es muss gelingen, Sachsen-Anhalt mit der Grundaussage zu positionieren: Wir machen etwas völlig Neues!“ so heißt es im Grußwort von Minister Daehre zur 15. Städtenetzkonferenz im Oktober 2009. „Die IBA hat in Sachsen-Anhalt auch neue finanzielle Schwerpunkte gesetzt. Es gab für die IBA Stadtumbau 2010 kein zusätzliches Geld, sondern die Maßnahmen wurden über die Mittel der vorhandenen Förderprogramme finanziert.“ Völlig neue finanzielle Schwerpunkte mit einer Kultivierung der Leere...? 

Die Berliner IBA 1984-87 konnte noch mit knapp zehntausend neuen und sanierten Wohnungen auftrumpfen, aber seit dem Ende der staatlichen Wohnungsbauförderung bleibt dieser Weg verschlossen. Was soll man also von einer Internationalen Bauausstellung erwarten - Bildungsauftrag oder Leistungsschau?

Wir sind gespannt.......es würde uns nicht wundern, wenn die nächste IBA nur noch Nekropole präsentiert.

 

 

Hier endet der 61. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.


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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.01.2010 um 00:55
Das kann ich jetzt um 0:55 wirklich nicht beurteilen. Also: Abwarten!
archinaut schrieb am 14.01.2010 um 00:58
Pardon, lieber Rainer,
es ist mal wieder spät geworden...
poor on ruhr schrieb am 14.01.2010 um 16:42
Lieber archie,

ich kann das auch nicht so richtig beurteilen, aber das Thema finde ich trotzdem faszinierend.
Auch wie duch Dich ausdrückst mit den "Zukunftsinseln". Spitze! Ist das Bauen doch wirklich ein Gebiet und ein Raum in dem die heute die Strukturen gelegt werden, in denen sich die gelebte Realität des Morgen anspielt.
Absolut faszinierend.
Selbst hier im Krankenhaus gibt es auf meiner Station ein stationszimmer dessen Grundstrukturen mit einer klassischen Auswölbung in den Flur ich auf die 30er schätzen würde mit Modernisierungen in (vieleicht) den 50ern, 80ern und 90ern. Trotzdem ist die Vergangenheit einfach sichtbar. Ich weiß, dass für Dich die Zukunft mehr zählt, aber ich habe mein Leben auch in der Vergangenheit auch weit vor meiner Geburt gelebt, weil mich Geschichte immer fasziniert hat. Danke für Deinen Top-Blog! ;O)

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 14.01.2010 um 21:20
Lieber por,

freu mich darüber, dass du noch Zeit findest, meinen Blog zu lesen!

Was Du da schreibst über meinen Blick auf die Zukunft ist interessant, beschreibst Du doch meine bevorzugte Richtung MORGEN ÜBERMORGEN etc....
Ohne Vergangenheit könnte es aber gar keine Zukunft geben, aber dort in der Zukunft liegt alles, was wir noch beeinflussen können.......auch wenn wir immer nur einen ganz kurzen Moment Zeit dafür haben;-)))

AHOI
archie
hibou schrieb am 06.02.2010 um 09:43
"Mitten in der Metropole Hamburg gibt es einen einzigartigen Schauplatz der Kreativität, der Chancen, Gegensätze und Spannungen. Einen Schauplatz, der gesellschaftliche Grundfragen des Zusammenlebens und des Umgangs mit natürlichen Ressourcen wie in einem Brennglas bündelt:"

Vor einigen Jahren haette man das Zitat folgendermassen fortsetzen können: "die Hafenstrasse!"
Nun haben die knochentrockenen Hamburger da bloss wieder die üblichen öden Wohnblocks hervorgebracht.
Dabei gab es so schöne Entwürfe!

und nu die Elbinseln? Sony? Volkswagen? Deutsche Bank ahem Oper??
archinaut schrieb am 07.02.2010 um 22:08
Auch zu den aktuellen Streitfeldern der Stadtplanung scheint die IBA-Hamburg Abstand zu halten (Gängeviertel, Kaufhaus Frappant), die PR-Behauptung "Mitten in der Metropole Hamburg...." stimmt weder für das gewählte Gebiet noch für die politische Selbstverortung der IBA-Protagonisten... sie bleiben lieber unsichtbar, scheint es:-))
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