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04.03.2009 | 01:07

Das Zeitalter des Rhizom

Wer über das Rhizom – das dynamisch pulsierende Wurzel-Denkgeflecht ohne Hauptader - systematisch und strukturiert schreiben will, steckt schon in der Falle traditioneller Logik. Die geordnete Darstellungsform zwingt zum Baum, zur Hierarchie, zur Klassifikation, zum Entweder-Oder, zur „0 -1 – Entscheidung“. Sie verfehlt ihren schwer fassbaren „Gegenstand“, verbirgt mehr als sie enthüllt.

Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Knollen, Knoten, Denkschleifen und Neuschöpfungen. Es kann im Plural auch der unendlich tiefe und ausgedehnte Kaninchenbau des WWW sein. Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.
Jede Vielheit, die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stängel verbunden werden kann, so dass sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir Plateau. Gilles Deleuze und Felix Guattari -  die Rhizomatiker par exzellence -  setzten solche, ähnliche und verfremdete Sätze schon vor 30 Jahren  in die Welt. Ihr Denken sprengt alle gewohnten Zuordnungen, irritiert, fordert vom Leser selbst „Rhizom machen“, was ich hiermit tue und nach Belieben zitiere, montiere, konnektiere, erweitere. Schöpfe oder stirb! (Oder heb’ das oder auf.)
1000 Plateaus -  wie geschmeidiger, nicht mehr eindämmbarer Bambus – sind wahrscheinlich die Horrorvision des Kleingärtners mit den abgezirkelten Beeten. Von Deleuze/Guattari dauerte es noch einmal einen Wimpernschlag der jüngeren Weltgeschichte, bis Google und Wikipedia, um im Zeitalter des Rhizom mit voller Wucht anzukommen.

Freitag-LeserInnen: Findet die Stellen in einem Buch oder im Gestöber der Blogosphäre, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches oder des Hypertextes, sondern eine neue Art des Lesens. In einem Buch, im Netz, im Großen Text der Politiken gibt' s nichts zu verstehen, aber viel, womit man etwas anfangen kann. Keine Repräsentation der Welt, auch keine Welt als feste Bedeutungsstruktur. Das Buch ist kein Wurzel-Baum, sondern Teil eines Rhizoms, Plateau eines Rhizoms für den Leser, zu dem es passt. Die Kombinationen, Permutationen und Gebrauchsweisen sind dem Buch nie immanent, sondern hängen von seinen Verbindungen mit diesem oder jenem Außen ab. Jawohl, nehmt, was ihr wollt!  Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Lasst in euch keinen General entstehen! Seid der rosarote Panther! Schreibt euren eigenen Freitag, Donnerstag oder Sonntag. 

Ordnungsliebende Wissenschaftler verorten das Rhizom als Metapher für ein  poststrukturalistisches Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung. Nun gut, warum nicht. Genauso gut ließe sich sagen: Wenn ich ein Wort gebrauche, dann heißt es genau, was ich für richtig halte. Eben Humpty-Dumpty. Genauso gut, können wir wieder konnektieren: Der Poststrukturalismus denkt sowohl in differenten Vielheiten wie in Zusammenhängen. Das dabei entstehende Bild von Einheit und Vielheit ordnet die Vielheit der Einheit nicht identitätslogisch unter bzw. sie verfällt nicht in bloß nominalistische Opposition, die nichts am Baumschema ändert. Vielmehr verweben sich Einheit und Vielheit ineinander und weder existiert das eine vor oder über dem anderen noch hebt das eine das andere auf. Keines gibt es ohne das andere. Je nach Betrachtungsperspektive kann das Zentrum eines Rhizoms überall und nirgends sein.

Jeder webt seine Konnexion, verbindet als rosaroter Panther die Heterogenitäten seiner Wahl. Wenn es dich  nach Struktur gelüstet, auch das. Du baust jedoch fast immer auf Treibsand, der beim festen Auftreten durchaus erstaunliche Festigkeit besitzt, aber unmerklich die Struktur verändert. Rhizom bedeutet die Befreiung von definierten Machtstrukturen: Viele Perspektiven und viele Ansätze können frei verkettet werden. Jede Linie kann sich verschlingen mit jeder anderen, eine Aperspektivität der Welt ist ahnbar, Interdisziplinarität ein gewünschter Modus, bestehendes Wissen baut von neuem, in neuer Weise wieder auf, übersteigt Grenzen, bildet neue komplexe Rhizome.

Die Metapher des Rhizoms scheint daher auch geeignet, um Strukturen von  Hypertexten, sozialen Netzwerken, Chats, Web 2.0-Spielarten zu beschreiben.
Eine rhizomorphe Kommunikation wäre demzufolge eine solche, die die traditionelle Sender-Empfänger-Struktur auflöst und sich durch einen pulsierenden reziproken Austausch zwischen allen gleichberechtigten Kommunikatoren auszeichnet. Auf dem Weg dorthin sind viele Wikis und Blogs. Öfter gelingt’s, öfter bereiten wir unseren nächsten Irrtum vor. Das angestrebte asignifikante System ohne General bricht auch mal zusammen und viele kleine Feldwebel und Internet-Trolls luken hervor, das „krumme Holz“(Goethe) schwimmt auf der Oberfläche, wenigstens eine zeitlang. Das Netz repariert sich aber von selbst, bildet von neuem Rhizome, neue Ströme, neue Mannigfaltigkeiten, neue Falten,  neue Links, neue Schnittstellen.

Strömen wir rhizomatisch vom Netz in die konkreten Lebenswelten, in die sozialen Milieus und deren überlappender Veränderungsdynamik. In der „Sinus-Brille 2007“ z.B. zeigen sich in Deutschland folgende zehn Milieus: Traditionsverwurzelte, Konservative, DDR-Nostalgiker, Etablierte, Bürgerliche Mitte, Konsummaterialisten, Postmaterielle, Moderne Performer, Hedonisten, Experimentalisten. Sie unterscheiden sich in ihren Lebensstilen, ihren Wertorientierungen, Arbeitseinstellungen, Freizeitmotiven,  alltagsästhetische Neigungen, Konsumorientierungen, etc – selbstverständlich mit sehr unterschiedlichem Einkommen und Vermögen. Andere Einteilungen, andere Merkmalsausprägungen mit anderen Brillen sind möglich. Was folgt daraus? Für wen? z.B. für die Konsumforscher, Wahlforscher, Parteienforscher? Für Unternehmen, Parteien, Medienmacher, Rhizomatiker? Was verbindet 6 Millionen Postmaterialisten, 6 Millionen Moderne Performer und 5 Millionen Experimentalisten? Sie alle können Konnexion über Heterogenitäten hinweg bilden. Sie können z.B. ein gemeinsames Medien-Großprojekt steuern. Der in seinem Verständnis geweitete liberale FDPler findet Anknüpfungspunkte mit dem die Ohren geöffneten Ökolinken. Sie können gemeinsam, situationsbezogen, Rhizom gestalten; das Verbindende und nicht das Trennende wird betont, Einheit in der Differenz belebt.

Und was sagt zu allem der große deutsche Geist aus Königsberg? Er flüstert aus dem OFF: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfucht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Sittengesetz und Sternenhimmel sind die wahren Wunder dieser Welt. Wie wäre dies passend rhizomatisch zu integrieren? Gibt es mit der Sittlichkeit eine wirkliche Erhebung über die Tierheit? Ist das die Freiheit der staunenden Vernunft? Gilt das auch für Fundamentalisten, Rigoristen aller Länder?
Und Kant flüstert erneut aus dem OFF: Folglich können wir a priori einsehen, dass das moralische Gesetz als Bestimmungsgrund des Willens, dadurch dass es allen unseren Neigungen Eintrag tut, ein Gefühl bewirken müsse, welches Schmerz genannt werden kann. Freiheit kann auch schmerzen und ist nicht zu verwechseln mit Willkür. Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Das kreative Moment, die abduktive Vermutung kommt uns blitzartig, Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl von außerordentlich trügerischer Einsicht. Es ist wahr, dass die verschiedenen Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist waren; aber die Idee, das zusammen-zubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten, es zusammenzubringen, lässt blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten. Dies könnte der Ex-ante-Rhizomatiker Peirce beisteuern. Wir reorganisieren, konstruieren, justieren, interpretieren, kommentieren ständig neu – manchmal bilden wir uns das aber auch nur ein. Abduktion ist im freudigen Erregungszustand die Erfindung einer Regel, die Erfindung eines neuen Codes. Wir bewegen uns in mutierenden Situationen und Texten. Dazu gehört auch ein Anrennen gegen die Grenzen der Sprache zwitschern im Chor Deleuze, Breton, Barthes und Federman schon 1965.

PS. Fußnote: Damit bin ich der (spontanen) Aufforderung Jakob Augsteins vom 21. Februar nachgekommen – Stichwort „Journalismus 2.0“.

Die Zuordnung meines Beitrags zu Innenpolitik & Regionales ist mehr oder minder willkürlich. Genauso gut könnte er z.B. unter Außenpolitik & Weltgeschehen, Lernen & lesen oder Haben & Sein stehen. Ob und wie die Fäden rhizomatisch weitergesponnen werden, entscheiden beide: die ‚Community’ und jeder für sich selbst.
 
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Kommentare
Zenodot schrieb am 04.03.2009 um 01:44
"In einem Buch, im Netz, im Großen Text der Politiken gibt' s nichts zu verstehen, aber viel, womit man etwas anfangen kann." Ich denke mir drei Ausrufezeichen hinter diesen Satz.

So viele Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten, obwohl wir eine Menge Wissen über sie haben (könnten), weil wir sie dennoch nicht verstehen.

Sätze der sich entwickelnden, am Ideal der Mathematik und der zweiwertigen Logik orientierten Einheitswissenschaft, die Interpretation auf ein Erläutern vom Zustandekommen einer Datenmenge reduziert, lassen sich in symbolische Sprache überführen und stets als "wahr" oder "falsch" ausweisen.

Aber andererseits darf gelten: "Sinnverstehen wird in methodologischer Hinsicht problematisch, wenn es [...] um die Aneignung tradierter Bedeutungsgehalte geht: Der Sinn [...] hat hier [...] den Status einer Tatsache, eines empirisch Vorgefundenen. Das hermeneutisch Verstehen kann die Struktur seines Gegenstands niemals so weit analysieren, dass alles Kontingente daran getilgt wäre." (Habermas 1968, Erkenntnis und Interesse, 204f.)

Also brauchen wir den Essay, den Diskurs und somit die asymptotische Annäherung an "Sinn". Klettern wir dabei durch das Rhizom-Geflecht?
Tango schrieb am 06.03.2009 um 10:16
Passend zum „Zeitalter des Rhizom“ habe ich diesen interessanten Beitrag in einem indischen Blog mit dem ungewöhnlichen Namen „Hip Hop Grandmom“ gefunden, in dem sich eine „Hip Grandma“ zu Heirat und Ehe wie folgt äußert:

What is important is that it (marriage) has to be founded on mutual respect and a willingness to make room for a certain degree of freedom and independence. After all take a look at the soaring branches of a tree and how the same source of light is successfully utilized by each and every leaf of a tree and every tree in an environment. And the root system penetrating the soil uses the same water source without disturbing the roots of neighboring vegetation. Compare roots to cultural values and spreading branches to children looking for new avenues to spread their wings. Do they not play different roles important in their own way but each occupying its own special niche thus complimenting each other?

Diese Aussage lässt sich m.E. auf jegliche Form von Beziehung übertragen und zeigt die Stärke eines Rhizoms, das nicht andere Wurzelgeflechte erwürgen und von Ressourcen abscheiden will, sondern von Toleranz, Wertschätzung und Respekt (gegenüber anderen Rhizomen) geprägt ist. So gesehen wäre das Rhizom auch eine Grundlage für geglückte Interkulturalität und ein friedliches Zusammenleben der Völker und Nationen.
Schön wäre es auch, wenn sich dabei gleichzeitig individuelle Talente frei entfalten und wechselseitig befruchten könnten statt in starren Hierarchien zu verkümmern.
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 06.03.2009 um 14:44
Mit sehr viel Phantasie kann mensch auch einem Baum etwas rhizomatisches abgewinnen. Jedoch lassen sich bei dem Zitat der indischen "Hip-Hop-Grandma" keine Fluchtlinien erahnen, nur Signifikantes, welches keine Brüche zulässt.

Ob ein Rhizom andere Wurzelgeflechte nicht erwürgen will, wage ich zu bezweifeln. Ein optimales Rhizom spricht lediglich immer von werden und Veränderung. Es folgt weder moralischen Grundsätzen noch vermeintlich positiver Weltanschauungen. Ein Rhizom ist frei und dabei kommt es auch einmal vor, das Fluchtlinien abgewürgt und Schichten stabilisiert werden. Ein Rhizom kann nicht gelenkt werden, es kann nur gestaltet werden und wenn es eine Richtung läuft, die nach Quecke riecht, dann muss ein anderes Rhizom dagegen schlagen.
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 06.03.2009 um 14:48
Mit sehr viel Phantasie kann mensch auch einem Baum etwas rhizomatisches abgewinnen. Jedoch lassen sich bei dem Zitat der indischen "Hip-Hop-Grandma" keine Fluchtlinien erahnen, nur Signifikantes, welches keine Brüche zulässt.

Ob ein Rhizom andere Wurzelgeflechte nicht erwürgen will, wage ich zu bezweifeln. Ein optimales Rhizom spricht lediglich immer von werden und Veränderung. Es folgt weder moralischen Grundsätzen noch vermeintlich positiver Weltanschauungen. Ein Rhizom ist frei und dabei kommt es auch einmal vor, das Fluchtlinien abgewürgt und Schichten stabilisiert werden. Ein Rhizom kann nicht gelenkt werden, es kann nur gestaltet werden und wenn es eine Richtung läuft, die nach Quecke riecht, dann muss ein anderes Rhizom dagegen schlagen.
Tango schrieb am 07.03.2009 um 23:17
Lieber rizomorph,
ohne Wurzeln würde der Baum schnell kollabieren, von daher braucht es eher weniger Fantasie, auch wenn der Baum mit seinen Hierarchien und seinen eher geordneten Verzweigungen dem Rhizom zu widersprechen scheint.
Da du aber rhizomatische Fehlentwicklungen (Quecken) zu identifizieren vermagst und forderst, ein anderes Rhizom müsse (gezielt?) dagegen schlagen, so folgt dein Gestaltungswille auch hier ganz offensichtlich moralischen Grundsätzen.
Spannend wird das Ganze, wenn wir es auf Bildung übertragen. Soll ein Lehrer, ein Lehrplan oder ein Bildungsstandard, der wild wuchernden kindlichen Fantasie, dem eigenwilligen Denken, den produktiven Umwegen rasch Einhalt gebieten, also dagegen schlagen, damit sie nicht außer Kontrolle geraten? Oder lässt man sie eine Weile – mild lächelnd – vor sich hinwuchern, um ihnen dann um so deutlicher die Grenzen aufzuzeigen und sie mit den Unkrautvertilgern "Schlechte Noten" oder "Gezielter Drill" auszumerzen?
Oder kann man sie so gestalten, dass sie weiter blühen und sich entfalten können, sodass immer wieder Neues und Überraschendes entstehen - und man dabei selbst auch ein wenig entspannt und neugierig bleiben kann?
Bildungswirt schrieb am 08.03.2009 um 21:26
@ zenodot, tango, rhizomorph und alle, die noch zukünfitig mitdikutieren werden

Ich will euch einen rhizomatischen Praxisvorschlag mit besonderem Augenmerk machen!

Doch zunächst einige kurze Anmerkungen zu euren Kommentaren:
"Klettern wir dabei durch das Rhizom-Geflecht?"
Ja, das ist die Passivseite, dazu kommt die Aktivseite, selbst Rhizom zu machen, zu produzieren, neue Linien zu ziehen. Das Habermas-Zitat ist gut, jedoch sprengt das Rhizom auch Vorstellungen des "hermeneutischen Zirkels" in der Linie von Gadamer bis Habermas. Zu stark noch der Glaube, das "Ganze" erfassen zu können (auch ich neige immer wieder dazu, erleide Rückfälle).
Der Hinweis auf den "Hip Hop Grandmom-Blog" hat mich sehr gefeut. Was da in Indien alles diskutiert wird, raffiniert. Das Rhizom ist nur in der Oberfläche das Gegenbild zum Baum. Das Rhizom schließt den Baum als eine Sonderform mit ein, schafft aber gleichzeitig dessen Privilegen ab.
"Es folgt weder moralischen Grundsätzen noch vermeintlich positiver Weltanschauungen. Ein Rhizom ist frei und dabei kommt es auch einmal vor, das Fluchtlinien abgewürgt und Schichten stabilisiert werden."
Das gilt auch für die Konkurrenz der wuchtig daherkommenden Moral-Modelle, die sich oft inkommensurabel gegenüberstehen. Ich betone nochmal die erkenntnistheoretische Bedeutung der Rhizommetapher, dazu gehört auch die offene Linie zu Kant - "... der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Sittengesetz und Sternenhimmel sind die wahren Wunder dieser Welt. Wie wäre dies passend rhizomatisch zu integrieren?". Die Frage verläßt jeglichen Biologismus und lautet auch nicht, was Deleuze wohl meinte. Hier sollten wir selbst Rhizom politisch und kulturell spinnen.
Dann die Frage der Übertragung auf z.B. das Feld der Bildung(spolitik):
"Oder kann man sie so gestalten, dass sie weiter blühen und sich entfalten können, sodass immer wieder Neues und Überraschendes entstehen - und man dabei selbst auch ein wenig entspannt und neugierig bleiben kann?" Klar, dies wäre eine gelingende Praxis, eine Permutation, eine Kombinatorik ...Nur darf man daraus keine "Lehrmethode" machen wollen. Rhizom kann man nicht methodisch anwenden oder gar in "Modulen" der Lehrerausbildung "vermitteln". Rhizom gestaltet sich und wächst und pflanzt sich fort, blitzt an vielen Stellen gleichzeitg auf, wechselt die Gesichter etc. "Theoretische und praktische Neugierde", Kreativität und Fantasie der Kinder zu fördern sind sicher die Hauptbotschaften an die Lehrer, das Lebenselexier eines guten Unterrichts. Ich werde demnächst dazu 2-3 Beiträge schreiben.
Fortsetzung wg.3000Zeichen
Verena schrieb am 12.03.2009 um 13:53
Oh man, wenn ich sehe, wie ängstlich und unfrei sich doch die meisten von uns körperlich und geistig bewegen, dann steigen mir die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, dass "rhizomatisches Blut" einmal in unseren Adern fliessen könnte. Ich stelle mir vor wie befreit man sich fühlen könnte ... beim Denken, Erleben, Handeln ... welch ein Weg ... wo wir uns noch nicht einmal getrauen, mit bunten Pullis auf der Straße zu tanzen ... und uns am wochenende eigentlich nur "the next top model" interessiert ...
Bildungswirt schrieb am 12.03.2009 um 21:17
Oh woman, dumachst mit deinem Beitrag einen ganz neue Verästlung auf. Das ist mir wichtig, deshalb antworte ich nicht in diesem Unterfenster, sondern für alle in der laufenden Debatte.
Bildungswirt schrieb am 08.03.2009 um 21:57
Fortsetzung ...
Nun aber endlich zu meinen rhizomatischen Praxisvorschlag.
Ich will euch (und idealtypisch alle BloggerInnen) im JETZT animieren, HIER in der Freitag-Blogosphäre Rhizom zu machen, d.h. wir ziehen durch Artikel und Blogs mischen uns ein, ziehen neue Linien, verknüpfen ungewohnt, bleiben also nicht nur bei einem Beitrag/Blog, schaffen neue Blickwinkel, bekämpfen gleichzeitig als bewusste Übung den General in uns. (Auch im Freitag.de wimmelt es vor Feldherrenhügel und Selbstblendungen).
Wie sieht's aus? Bereit?

Ich hatte in meinem Beitrag "Das Zeitalter des Rhizom" ganz unterschiedliche Linien angeboten. Ich nehme mir jetzt eine raus und will diese in anderen Blogs/Artikeln weiter verfolgen. Hier die Stelle: "Strömen wir rhizomatisch vom Netz in die konkreten Lebenswelten, in die sozialen Milieus und deren überlappender Veränderungsdynamik. In der „Sinus-Brille 2007“ z.B. zeigen sich in Deutschland folgende zehn Milieus (...) Was verbindet 6 Millionen Postmaterialisten, 6 Millionen Moderne Performer und 5 Millionen Experimentalisten? Sie alle können Konnexion über Heterogenitäten hinweg bilden. Sie können z.B. ein gemeinsames Medien-Großprojekt steuern. Der in seinem Verständnis geweitete liberale FDPler findet Anknüpfungspunkte mit dem die Ohren geöffneten Ökolinken" :Ich mache mal den Anfang, dann ihr. Das nächste Mal beginnt ein anderer, ich folge etc. Ich gehe jetzt zum Blog von Augstein, der gerade das Thema "Neoliberalismus" diskutiert (mische mich also rhizomatisch ein), informiere aber gleichzeitig noch den Blogger Ulysses, der über die FDP geschrieben hat. Wir verlassen also gemeinsam meinen Blog, diskutieren bei Augstein weiter, ziehen dann weiter ... und jeder strömt aus unter dem Blickwinkel Liberalismus /FDP/Rhizom ...
Micha schrieb am 10.03.2009 um 15:28
"Wir verlassen also gemeinsam meinen Blog, diskutieren bei Augstein weiter, ziehen dann weiter ... und jeder strömt aus unter dem Blickwinkel Liberalismus /FDP/Rhizom ..."

Damit löst sich das Rhizom wieder auf?! Also ist der Begriff Rhizom nur Philosophen Konstrukt, denn er soll/ kann nicht der Meta-Begriff sein, aber warum dann ein "neues" Wort für die bekannten Phänomene des web?
Tango schrieb am 10.03.2009 um 18:43
Eine rhizomatische Tour durch den Liberalismus klingt ja ganz interessant, aber mir ist jeder "ismus" verdächtig, tendenziell rigoristisch bzw. fundamentalistisch zu sein. Und mir scheinen die "ismus-Vertreter" oft eher an starren Hierarchien, festen Ordnungsvorstellungen und einem engen Regelkorsett festhalten zu wollen. Denn eine Reise ohne klar definierte Zielsetzung und überprüfbare Ankunftszeiten macht jener Spezies Angst, die stets Kontrollverlust fürchtet, wenn Zusammenhänge zu komplex und Ergebnisse nicht vorhersehbar werden.
Vielleicht führt die rhizomatische Reise auch irgendwann einmal in den Bildungsbereich, das würde mich wirklich faszinieren.
Bildungswirt schrieb am 10.03.2009 um 19:05
Lieber Tango,
die Ismen sind große Vereinheitlicher und Bremser, erzeugen Lagermentalität, da hast du recht. Nur müssen wir nicht gleich JEDEN verdächtigen, der einen Ismus im Munde führt. z.B. hier den Liberalismus (das war der Ausgangspunkt auf dem Blog von Jakob Augstein "Anmerkungen zum Neoliberalismus"). Zuerst klären wir mal, was überhaupt gemeint ist bzw. gemeint sein kann, was jeder für Linien legt. Die Bedeutungen wechseln mit dem Kontexten. Starrheit kann sich zeigen, vielleicht aber auch begrenzte Kooperation, Brücken, Abbau von Mißtrauen. Wenn du dich im Bildungsbereich auskennst, dann Folgendes: Nimm z.B. die liberale Vorzeige-Dame der FDP und Bildungspolitikerin der 70er Jahre Hildegard Hamm-Brücher. Da war eine klare Brücke zum sozialedemokratischen Kultusminister Ludwig von Friedeburg. Wo würden die beiden heute in der FDP stehen bzw. die FDP zu ihnen?
Tango schrieb am 10.03.2009 um 21:37
Ja, Bildungswirt, das war ein gutes Tandem: Dort wurde noch neugierig und ergebnisoffen zugehört, und beide hatten keine Scheu vor interessanten und produktiven rhizomatischen Ausbreitungen und Verzweigungen. Aber vielleicht kann die neue Kultusministerin (FDP) die gute alte Tradition ihrer FDP-Kollegin aufnehmen und wieder Bildungspolitik nach vorne gestalten. D.h. : Spielräume für sinnvolle (und manchmal auch unkonventionelle) Konzepte, kurze Bildungsstandards (ohne Stoffhuberei, aber mit Leitplanken, damit Bildung wurzeln und blühen kann) und vor allem eine moderne Prüfungsdidaktik, die nicht den Abfrageduktus und die starre Instruktionspädagogik der 50er Jahre wieder aufleben lässt.
Bildungswirt schrieb am 11.03.2009 um 18:52
Mit der FDP-Debatte sind wir jetzt in den Außenbereichen des Rhizoms gelandet.(Neoliberalismus-Debatte Jakob Augstein) Da es aber kein starres Zentrum gibt, sich Hauptadern plötzlich verschieben, verschwinden gar, werden ersetzt durch andere - warum nicht. Nichts bleibt, wie es ist, das lernen zurzeit alle fünf Parteien. Die FDP hat mit 16% in Hessen einen großen Wählervorschuss aus unterschiedlichen Gründen bekommen. Ob sie damit etwas anfangen kann, werden wir sehen.Der linksliberale Flügel ist doch ziemlich unterentwickelt. Westerrwelle schwebt auf Wolke sieben; die Personaldecke kompetenter Leute ist dünn und Opposition in dieser Wirtschaftskrise ist für die Bundestagswahl eine gute Ausgangslage. Guido träumt von seiner 18% Schuhsohlennummer - der Wähler bringt möglicherweise das vorgezogene Weihnachtsgeschenk. Die Gefahr besteht, dass die FDP sich machttrunken selbsttreferenziell um die fetten Tröge schart und bequeme Sessel an Parteimitglieder verteilt.
Friedeburg/Hamm-Brücher? Ja, das war in den 70er Jahren das fortschrittlichste Tandem in der deutschen Bildungspolitik. Für die Konservativen? Schreckengespenster in staatlicher Macht. Ja, die FDP war für die Gesamtschule und vorne mit in der Bewegung, kaum zu glauben.
Tango schrieb am 11.03.2009 um 21:57
Vielleicht besinnt sich die FDPaber auch auf ihre fortschrittlichen liberalen Wurzeln, die ja schon so einige Knospen zum Blühen gebracht haben, und zeigt sich gerade bildungspolitisch mutig, aufgeschlossen und modern.
Bildungswirt schrieb am 11.03.2009 um 23:41
Lieber Tango,
es amüsiert mich ein wenig. Aus der Fülle des Rhizoms haben wir uns jetzt etwas bei der FDP festgesetzt. Das war doch Augsteins Thema. Nur so viel noch heute (bin müde, genug Netz). Der Strom der Debatte hat sich selbst umgeleitet.
..."liberalen Wurzeln, die ja schon so einige Knospen zum Blühen gebracht haben, und zeigt sich gerade bildungspolitisch mutig, aufgeschlossen und modern." (Tango) Im Möglichkeitssinn, wie das Robert Musil nennen würde, ist auch das drin. Bin aber skeptisch ob der jetzigen Führungsmannschaft. Dazu vielleicht morgen mehr.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 11.03.2009 um 23:46
Lieber Tango,
es amüsiert mich ein wenig. Aus der Fülle des Rhizoms haben wir uns jetzt etwas bei der FDP festgesetzt. Das war doch Augsteins Thema. Nur so viel noch heute (bin müde, genug Netz). Der Strom der Debatte hat sich selbst umgeleitet.
..."liberalen Wurzeln, die ja schon so einige Knospen zum Blühen gebracht haben, und zeigt sich gerade bildungspolitisch mutig, aufgeschlossen und modern." (Tango) Im Möglichkeitssinn, wie das Robert Musil nennen würde, ist auch das drin. Bin aber skeptisch ob der jetzigen Führungsmannschaft. Dazu vielleicht morgen mehr.
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 12.03.2009 um 21:35
@ Verena und alle BloggerInnen mit Lust auf neue Verästlungen.
Verena schrieb u.a. "Oh man, wenn ich sehe, wie ängstlich und unfrei sich doch die meisten von uns körperlich und geistig bewegen, dann steigen mir die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, dass "rhizomatisches Blut" einmal in unseren Adern fliessen könnte. Ich stelle mir vor wie befreit man sich fühlen könnte ... beim Denken, Erleben, Handeln ... welch ein Weg(...)"
Liebe Verena, du triffst ganz wichtige Adern im Rhizom, die aber gesellschaftlich noch unterentwickelt sind. Der gesamte Bereich der Emotionen, der unterdrückten Bedürfnisse, der Sehnsucht nach Heimat und Spiritualität, der konsumptiven Ersatzbefriedigungen. Jede Kapitalismuskritik, die diese Bereiche ausklammert, verfehlt im 21. Jahrhundert sowohl Ausprägungen der kollektive Psyche (und ihrer Deformationen) als auch individuelle Emanzipationspotenziale. Die jetzige weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise wird merkwürdig, auch von den wortradikalen Kritikern, auf ökonomische Reparatur- und Kontrollthemen reduziert. Sie bleiben in den Sperrgebieten, die Bänker und Staatsmanager vorgeben. Das ist sozusagen der Treppenwitz der Krisenbewältigung.
Bildungswirt schrieb am 13.03.2009 um 19:01
@ alle Mitblogger, Verena, Tango, Micha, Zenodot, rhizomorph,... LeserInnen ...
War m.E. eine schöne kleine Debatte, die das Rhizom an vielen Stellen (vom Ursprungstext abweichend) weiter wachsen ließ- Zum Liberalismus und zur FDP gab es einige nähere ertragreiche Verwurzelungen, insbesondere mit Tango. Der "kollektive Sprung" auf den Blog von Jakob Augstein zu "Anmerkungen zum Neoliberalismus" und wieder zurück, hat leider nur bedingt geklappt. Ein Versuch war es wert.(Leider drehen sich inzwischen dort die Argumente um die eigene Achse, keine neuen Denkfiguren).
Klar dürfte geworden sein, dass das (biologische) Rhizom für eine erkenntnistheoretische Leitmetapher steht, die konsequent traditionelle Logik und Denkgewohnheiten (bis hin zum General in uns) herausfordert.
An Kant und eine rhizomatische Integration wollte keiner so richtig dran. So ist das eben - Angebote werden angenommen oder eben nicht, vielleicht nicht die richtige Zeit.
Verena hat noch einmal einen völlig neuen Zweig eröffnet. Dieser würde erfordern, dass jemand in der Community hier eine Vorleistung im Sinne eines größeren Beitrag bringt. Dann könnten wir weiter weben.
Ich habe meinerseits mir meinem neuen Beitrag "Looping in der Kapitalismusschaukel" eine neue Einwurzelung versucht. Ich wende mich vor allem gegen die Entweder -Oder universale Radikal-Rhetorik. Sie endet meist in einem naiven, nur die eigene Gemeinde befriedigende Kritik, produziert schiefe Bilder und Metaphern, sieht das Ende der Wurst - pardon des Kapitalismus - und führt nicht weiter.
Für diejenigen, die weiter an der Liberalismus-Debatte und selbstredend international unterwegs sind, bitte bei Augstein einen neuen Aufschlag vornehmen. Meine Emphehlung: Chodorkowskij als exemplarischer Test der Solidarität und der Tragfähigkeit des Schulbuch-Lehrwissens. Wie weit ist es damit her? Auch im Freitag wird's hier merklich still.
Freundliche Grüße vom Bildungswirt
Bildungswirt schrieb am 13.03.2009 um 19:14
@ alle Mitblogger, Verena, Tango, Micha, Zenodot, rhizomorph,... LeserInnen ...
War m.E. eine schöne kleine Debatte, die das Rhizom an vielen Stellen (vom Ursprungstext abweichend) weiter wachsen ließ- Zum Liberalismus und zur FDP gab es einige nähere ertragreiche Verwurzelungen, insbesondere mit Tango. Der "kollektive Sprung" auf den Blog von Jakob Augstein zu "Anmerkungen zum Neoliberalismus" und wieder zurück, hat leider nur bedingt geklappt. Ein Versuch war es wert.(Leider drehen sich inzwischen dort die Argumente um die eigene Achse, keine neuen Denkfiguren).
Klar dürfte geworden sein, dass das (biologische) Rhizom für eine erkenntnistheoretische Leitmetapher steht, die konsequent traditionelle Logik und Denkgewohnheiten (bis hin zum General in uns) herausfordert.
An Kant und eine rhizomatische Integration wollte keiner so richtig dran. So ist das eben - Angebote werden angenommen oder eben nicht, vielleicht nicht die richtige Zeit.
Verena hat noch einmal einen völlig neuen Zweig eröffnet. Dieser würde erfordern, dass jemand in der Community hier eine Vorleistung im Sinne eines größeren Beitrag bringt. Dann könnten wir weiter weben.
Ich habe meinerseits mir meinem neuen Beitrag "Looping in der Kapitalismusschaukel" eine neue Einwurzelung versucht. Ich wende mich vor allem gegen die Entweder -Oder universale Radikal-Rhetorik. Sie endet meist in einem naiven, nur die eigene Gemeinde befriedigende Kritik, produziert schiefe Bilder und Metaphern, sieht das Ende der Wurst - pardon des Kapitalismus - und führt nicht weiter.
Für diejenigen, die weiter an der Liberalismus-Debatte und selbstredend international unterwegs sind, bitte bei Augstein einen neuen Aufschlag vornehmen. Meine Emphehlung: Chodorkowskij als exemplarischer Test der Solidarität und der Tragfähigkeit des Schulbuch-Lehrwissens. Wie weit ist es damit her? Auch im Freitag wird's hier merklich still.
Freundliche Grüße vom Bildungswirt
SuzieQ schrieb am 30.10.2011 um 16:11
anderthalb Jahre später hab ichs gelesen, auf anraten zum verständnis der gegenwärtigen diskussion:
okay, gelesen, schreibe mal die ersten gedanken auf, sage direkt, hab außer anregung auch ablehnung erfahren beim lesen,
denkgeflecht, flechten bringt ja schon struktur.
bei rhizom denke ich an pilze, waldpilze, bei denen das wurzelgeflecht quadratkilometer betragen kann, während an der oberfläche die fruchtkörper zu sehen sind, die nicht miteinander verbunden scheinen, weil sie einzeln stehen, aber unter der oberfläche ist alles eins, was nährt, von dem genährt wird.
Übertragen auf deinen text:
es gibt eine nicht sichtbare verbindung, sie ernährt die gedanken, lässt sie reifen, lässt sie wachsen, lässt sie interagieren, breitet sich weiter aus (das sind die linien?),
da kommt dann bei mir der gedanke des wucherns auf, auch überwuchern, ungebremstes wachstum, unkontrolliert, und wenn alle gedanken zusammentreffen, aufeinander treffen, umeinander wabern, fehlt dann eine auswahl? braucht es keine auswahl?
wo ist der filter, der zivilisierte moment, der erklärt, welche gedanken weiterführend sind, im sinne des rhizoms, als ultimative methode, die welt aus dem gedankengut heraus zu verbessern?
der filter, der erklärt, dieser gedanke geht nicht überein mit kultur (nicht zu verwechseln mit tradition oder moral)
oder muss ich noch ganz anders herangehen, an diese rhizom-idee?
aber ich bin nicht nur gedanke, nicht nur geist, ich bin auch körper, statut, mensch unter menschen, nicht hirn unter hirnen, will ich reduziert sein? freisein von tatsächlichen gegebenheiten.
liest sich ein bißchen wie sekte, kult, "Strömen wir rhizomatisch vom Netz in die konkreten Lebenswelten, in die sozialen Milieus und deren überlappender Veränderungsdynamik ", verkünden wir dort unsere botschaft???
wieder die frage nach regulativum. du bringst die rhizom-idee auf, blickst sie also mehr als jede/r andere, gibst somit auch eine richtung an (?), wo genau bleibt da ein/ der spielraum?
erkenne ich eine richtung, gar ein ziel oder ist es austausch und im zuge dieses austauschs treffen wir auf den gral, den rosaroten panther?
ich stell das jetzt mal ein, unsortiert, unreflektiert, hab die linien nicht gesehen, nicht erkannt, nicht verstanden, von denen du sprichst, vielleicht.
und die muße, die kommt mir auch immer mal wieder quer, definiere muße in richtung lebenskünstler, überlege, ob sich mit der muße das warten erledigt, dieses vermaledeite, zeitverschwendende warten, auf eine bahn, einen bus, einen termin, der nicht eingehalten wird, auf schlaf, der sich nicht einstellen will, auf ein gefühl, das verschüttet wurde,....
gruß von suzieq, mir sind die majuskeln ausgegangen, ; )
Bildungswirt schrieb am 31.10.2011 um 18:05
@ SuzieQ
Du schreibst u.a.: "ich stell das jetzt mal ein, unsortiert, unreflektiert, hab die linien nicht gesehen, nicht erkannt, nicht verstanden, von denen du sprichst, vielleicht.
und die muße, die kommt mir auch immer mal wieder quer,..."
Hmmmm, so schwer dir zu antworten. Da du aber nach 18 Monaten hier einsteigst, doch ein paar rhizomatische Verweise:
a) Stell dir naturalistisch weniger "Waldpilze"(SuzieQ) vor, sondern eher Bambus. Robust, biegsam, trotzt selbst dem stärksten Orkan, während Bäume gefällt werden. Diese Dynamik und Flexibilität übertrage auf den gesellschaftlich-politischen Raum.

b) Rhizom ist politisch hierarchie-distanziert bis ablehnend. "Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Lasst in euch keinen General entstehen!"(vgl. Text oben)
Das heißt bekämpft Macht und Hierarchie AUßen und INNEN. Ansätze wären aktuell bei der internationalen Occupy-Bewegung zu finden. Mit "Sekte" (SuzieQ) u.ä. hat das nichts zu tun,. wohl aber mit Vorstellungen einer dirtekten Demokratie, mit Bewegung von unten, mit Sensibilität für Kommunikationsformen etc.

c)
"Bildungswirt schrieb am 12.03.2009 um 21:35
@ Verena und alle BloggerInnen mit Lust auf neue Verästlungen.
Verena schrieb u.a. "Oh man, wenn ich sehe, wie ängstlich und unfrei sich doch die meisten von uns körperlich und geistig bewegen, dann steigen mir die Tränen in die Augen bei dem Gedanken, dass "rhizomatisches Blut" einmal in unseren Adern fliessen könnte. Ich stelle mir vor wie befreit man sich fühlen könnte ... beim Denken, Erleben, Handeln ... welch ein Weg(...)"
Liebe Verena, du triffst ganz wichtige Adern im Rhizom, die aber gesellschaftlich noch unterentwickelt sind. Der gesamte Bereich der Emotionen, der unterdrückten Bedürfnisse, der Sehnsucht nach Heimat und Spiritualität, der konsumptiven Ersatzbefriedigungen. Jede Kapitalismuskritik, die diese Bereiche ausklammert, verfehlt im 21. Jahrhundert sowohl Ausprägungen der kollektive Psyche (und ihrer Deformationen) als auch individuelle Emanzipationspotenziale. Die jetzige weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise wird merkwürdig, auch von den wortradikalen Kritikern, auf ökonomische Reparatur- und Kontrollthemen reduziert. Sie bleiben in den Sperrgebieten, die Bänker und Staatsmanager vorgeben. Das ist sozusagen der Treppenwitz der Krisenbewältigung."
Das schrieb ich vor 18 Monaten, hat m.E. an Aktualität nichts verloren.
Vgl. TExt oben: "Rhizom bedeutet die Befreiung von definierten Machtstrukturen: Viele Perspektiven und viele Ansätze können frei verkettet werden. Jede Linie kann sich verschlingen mit jeder anderen, eine Aperspektivität der Welt ist ahnbar, Interdisziplinarität ein gewünschter Modus, bestehendes Wissen baut von neuem, in neuer Weise wieder auf, übersteigt Grenzen, bildet neue komplexe Rhizome."

Soweit mal...
Gruß BW
SuzieQ schrieb am 31.10.2011 um 21:58
Bambus, flexibel, dynamisch, robust, sein Rhizom breitet sich weiter und weiter aus, sprengt selbst Gestein, das Rhizom als Basis für die Vielheiten, die daraus sprießen, immer an anderer Stelle. (Es sprießt aber immer Bambus.)
Ich übertrage auf den gesellschaftlich-politischen Raum: eine Basis, die sich ausbreitet, anpassungsfähig und nicht klein zu kriegen, hierarchie-distanziert bis ablehnend.
Ohne Schubladen, ohne Wortführer, aber nicht ohne Worte. Aber doch auch nicht ohne Struktur.
Nur keine Struktur, die von wo auch immer übergestülpt wird...

Wie wird dann Entgegen-Denkenden begegnet?

Occupy-Bewegung ist an sich ein Beispiel für:
Struktur kann den Sinn stärken, die Richtung breit fächern, aber in Bahnen. Ohne Ziele, die formuliert sind, läuft es in eine Sackgasse.

"Aperspektivität der Welt ist ahnbar", für mich sieht es aus wie Anarchie. Eine Gesellschaft, befreit von Machtstrukturen, "Bestehendes (Wissen) baut von neuem, in neuer Weise wieder auf, übersteigt Grenzen, bildet neue komplexe Rhizome."
Die Linien, die einzelnen Ansätze werden verkettet, verbunden. Durch die Verkettungen kann aber etwas entstehen, was in den einzelnen Komponenten vorher noch nicht gegeben war.
Es gibt keine Kontrolle.
Es gibt keine Kontrolle?
Jeder so wie er mag? Im Sinne des Rhizoms?
Eingebunden, verkettet, mit Gedanken, Gefühlen, Zweifeln, zuhause im Abgrenzen zu Andersdenkenden?
Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für ein solch komplexes Thema.
Sorry für Kraut-und-Rüben-schreiben, später ist es etwas ruhiger um mich rum, Konzentration lässt schwer nach...
Gruß SQ
Bildungswirt schrieb am 01.11.2011 um 15:10
Leisten wir uns ganz am Rande der FC einer Zweierdiskussion...
Den Konturen, die du weiter rhizomatisch spinnst, stimme ich weitgehend zu...das heißt aktiv gestalten und deuten...ganz ohne "General".

Weiter im Text oben schriebe ich:
"Der Poststrukturalismus denkt sowohl in differenten Vielheiten wie in Zusammenhängen. Das dabei entstehende Bild von Einheit und Vielheit ordnet die Vielheit der Einheit nicht identitätslogisch unter bzw. sie verfällt nicht in bloß nominalistische Opposition, die nichts am Baumschema ändert. Vielmehr verweben sich Einheit und Vielheit ineinander und weder existiert das eine vor oder über dem anderen noch hebt das eine das andere auf. Keines gibt es ohne das andere. Je nach Betrachtungsperspektive kann das Zentrum eines Rhizoms überall und nirgends sein."
Ja, solche Gedanken können Angst machen, Unsicherheiten verstärken, da Gewissheiten verletzt und Konventionen eingerissen werden (können)
"Aperspektivität der Welt" geht auf einen Buchtitel von Jean Gebser zurück (ein leider vergessener Intellektueller mit Reiseweitblick, insbesondere Richtung Asien. Ein anderer Titel von ihm: "Asien lächelt anders"...)
"Anarchie"? - was füllst du mit diesem Begriff? Gemeint ist in der Aperspektivität eher ein Aufgehoben-Sein von Widersprüchen im integralen Bewusstsein...

Ungelöst im Rhizom ist die Frage der Einheit und Stabilität in der Herstellung gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen. Flexibilität und Wandel, Verzicht auf Zentrum ist gut, dennoch wollen wir auch Verlässlichkeiten und beruhigende Strukturen...
Gruß BW
SuzieQ schrieb am 01.11.2011 um 15:47
"Leisten wir uns ganz am Rande der FC eine Zweierdiskussion..."
Ich nenn es eher Nachhilfe oder Der Versuch, anderthalb Jahre zu kompensieren.

"Rhizom bedeutet die Befreiung von definierten Machtstrukturen: Viele Perspektiven und viele Ansätze können frei verkettet werden. Jede Linie kann sich verschlingen mit jeder anderen, eine Aperspektivität der Welt ist ahnbar, Interdisziplinarität ein gewünschter Modus, bestehendes Wissen baut von neuem, in neuer Weise wieder auf, übersteigt Grenzen, bildet neue komplexe Rhizome."
"Vielmehr verweben sich Einheit und Vielheit ineinander und weder existiert das eine vor oder über dem anderen noch hebt das eine das andere auf. Keines gibt es ohne das andere. Je nach Betrachtungsperspektive kann das Zentrum eines Rhizoms überall und nirgends sein."

Ich verstehe, dass es nicht ein einziges Zentrum gibt, sondern viele. Deren 'Ausläufer' sich berühren, interagieren, aber der Begriff Zentrum war mir so bisher nicht eingefallen.(Macht auch keinen echten Sinn, so ein Zentrum. Oder viele. Es sei denn, von dort werden Strukturen eröffnet, verlässliche Spuren, die Beruhigung schenken.)
Ohne gegenseitige Einflussnahme geht es nicht, sie ist aber doch auch erwünscht.
Weiterentwicklung, immer wieder neue Denkanstösse, neue Wege, neue Verkettungen.
Endlos?
Wie erfahren die einzelnen Vielheiten voneinander, wie werden Gedanken ausgetauscht?
Das "eher ein Aufgehoben-Sein von Widersprüchen im integralen Bewusstsein" gefällt mir, so wird wirklich niemand ausgeschlossen.
Wir wollen ja keine geschlossene Gesellschaft.
(Anarchie, eine Gesellschaftsform ohne Machtstrukturen, mit gleichberechtigten Menschen in Freiheit.)
Gruß SQ
Bildungswirt schrieb am 01.11.2011 um 23:44
Klassisch politisch geht man vom Zentrum und der Peripherie aus. z.B. die politische Machtzentrale in Berlin (Kanzleramt und Ministerien, insbesondere Finanzen, Wirtschaft, Außenpolitik) und dezentrale Politinstanzen...
oder Wirtschafts-Machtzentralen, z.B. die Deutsche Bank oder die 4 Großen der Energiewirtschaft.
Rhizomatisch gedacht muss die Deutsche Bank aufgrund ihrer systemrelevanten Gefährlichkeit zerlegt werden, kommunalisiert, eben weg von der einen Machtzentrale. Ebenso muss die Energie-Oligarchie dezentralisiert werden, da sich Preiserhöhungen einfach per Marktmacht der Bevölkerung auferlegen können...
dann neue Wege, neue Verkettungen, neue Vielheiten...
Gruß BW
Bildungswirt
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