Bildungswirt

Bildung Kultur Wirtschaft

16.11.2009 | 17:50

Piraten auf dem Seeweg nach Demokratia

Impressionen vom hessischen Landesparteitag der Piratenpartei am 14. und 15. November 2009 in Frankenau

Piraten sind innovativ, fintenreich, beweglich – nicht nur im Internet. Piraten treffen sich im realen Leben an Stammtischen, auf Segelbooten, zu Arbeitstreffen oder zum Landesparteitag. 129 Piratinnen und Piraten, dazu noch einige Freibeuter und Gäste, versammelten sich am letzten Wochenende im idyllischen Frankenau zu einer zweitägigen Marathonsitzung.

 

Basisdemokratie ist essenziell, jeder kann kommen, jeder weiß vorher über Wikis, Foren, Chats, Blogs und Mailinglisten genau Bescheid. Keine andere Partei ist auf diesem technologischen Informationsstand und zeigt so viel Experimentierfreude in der Organisation von Kommunikation und direkter Beteiligung. Mittels Beamer werden alle zu verhandelnden Punkte zusätzlich auf die Großleinwand geworfen; professionell wird fast alles durch Fernsehkameras aufgezeichnet. Bei Abstimmungen in geheimen Wahlgängen mit klassischer Stimmkarte unter Einsatz einer verschlossenen Stimmzettelbox werden selbstverständlich die Kameras abgeschaltet. Auffallend: Fast jeder Pirat hat Laptop oder Notebook mit W-Lan vor sich, die Piraten sind permanent Online und doch als reale Personen heiter bei der Sache. Auffallend wenig Piratinnen hatten sich eingefunden, ganz zum Bedauern der Piraten. Das Problem ist erkannt, soll angegangen werden, jedoch nicht verkrampft mit überholten Feminismus- und Quotendebatten, erfährt man am Rande des Parteitags.
Im Saal geht’s um junge Piratenpflichten, die doch entspannt hingenommen werden: Satzungsfragen, Satzungsänderungsanträge, dazu GO-Anträge, Rechenschaftsberichte, Kassenprüfberichte, Tätigkeitsberichte des Vorstands. Da gibt’s zur allgemeinen Erheiterung mit einem großen Schuss Selbstironie auch mal „einen Antrag zur Feststellung der Nichtgültigkeit des Änderungsantrags“ oder „die Abstimmung des Abstimmungsmodus der Abstimmung, ähm, wie war das noch mal?“ Alles nicht besonders spannend, aber doch von den Piraten aufmerksam wahrgenommen, bisweilen kontrovers diskutiert und kommentiert. Immer wieder geht es darum, wie eine maximale Basisdemokratie gewährleistet werden kann. Eine besonders beliebte Form ist es, spontane Meinungsbilder einzuholen, bevor über den eigentlichen Antrag weiter verhandelt wird. In einem ausgeklügelten Internet-Tool sollen zukünftig, unter Berücksichtigung verschärften Datenschutzes, Meinungsbilder von allen Mitgliedern zu wichtigen politischen Fragen und Piratenpositionen eingeholt werden. Der Zugang wird auf der Internetseite www.piratenpartei-hessen.de platziert, aber mit Sicherheit vorher noch 10mal diskutiert.
Einig war man sich, dass die Kernthemen der Piraten wie Überwachungswahn des Staates, Onlinedurchsuchung, Datenmissbrauch, Internetsperren, Vorratsdatenspeicherung, Open Access, zeitgemäßes Urheberrecht weiter intensiv in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Echte Demokratie beruht auf Freiheit und aktiver Bürgerbeteiligung. Benjamin Franklin ist dabei ein berühmter, gern zitierter Piraten-Kronzeuge: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ Einig ist man sich auf dem Parteitag und in vielen kleinen Kaffee- und Raucherrunden, dass die Partei Positionen zu wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen gewinnen muss. Komplexe Fragen zur Bildungspolitik, zu neuen Lernkulturen in Schule und Hochschule, zur Weiterbildung etc. stehen demnächst auf der Agenda, so wie im Ansatz schon auf dem Bundesparteitag 2009 beschlossen. Nur lasse man sich Themen und Tempo der innerparteilichen Piraten-Diskussion weder von den etablierten Parteien noch den Medien diktieren.
Aus sieben Kreisverbände - Wetterau, Main-Kinzig, Kassel, Waldeck-Frankenberg, Offenbach, Darmstadt und Darmstadt-Dieburg – werden Kurzberichte zur lokalen Arbeit und den Erfahrungen im Bundestagswahlkampf m Plenum vorgetragen. Der Kreisverband Waldeck-Frankenberg als Organisator des Parteitags erhält 'Standing Ovations.'In Frankfurt will sich Anfang des Jahres ein Kreisverband gründen und sich ins politische Geschehen hörbar einmischen.

Fast schon nebenbei erledigen die Piraten auch noch ihre Vorstandswahlen. Uwe Schneider, der neue Vorsitzende , setzte sich mit 74 von 115 Stimmen gegen zwei Gegenkandidaten durch. Der alte Vorsitzende Juergen Erkmann, stellte sich aus persönlichen Gründen nicht mehr für das Amt zur Verfügung. Unabhängig davon engagierte er sich mit kritischen Beiträgen als Einfach-Pirat. Ob Vorstand, Oberpirat oder einfaches Piratenmitglied, das spielt bei diese jungen Partei strukturell keine große Rolle. Schon für den nächsten Tag verabredet man sich im Chat und freut sich auf die vielen persönlichen Nachlesen zum Parteitag in der Mailingliste. Wer will, legt einfach los: Klarmachen zum Ändern. Mit den Piraten wird politisch zu rechnen sein.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
merdeister schrieb am 16.11.2009 um 18:48
Vielen Dank für diesen in Erinnerung rufenden Bericht.
Bildungswirt schrieb am 16.11.2009 um 19:17
Hallo merdeister,
wo warst du? In NRW, in Niedersachen? Ne Mütze schlafen?
Bildungswirt schrieb am 16.11.2009 um 19:19
Niedersachsen - sonst kommen gleich die Rechtschreibwächter. Oder doch besser Nieder-Sachsen im Unterschied zu Sachsen-Anhalt?
merdeister schrieb am 17.11.2009 um 07:30
....ne mütze schlafen wegen niederer Sachen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.11.2009 um 20:56
Schlafen, auch in kleinen Portionen, ist eine heilige und lebensnotwendige Sache, die sehr ernst genommen und nicht belächelt werden sollte. Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf! Jener, der dem Schlafe so verächtlich gegenüber stand ("Schlafen kann ich, wenn ich tot bin!"), hat ja auch früher als notwendig die Gelegenheit zum ewigen Schlaf bekommen...
Bildungswirt schrieb am 17.11.2009 um 22:27
@meisterfalk
Stimmt. So ein Mittagsschläfchen (20 Minuten) tut fast immer gut. Habe aber gehört, dass Piraten nicht viel Schlaf brauchen.
Und böse Zungen lästern gern, dass viele ihr Leben verschlafen.
Gruß BW
Streifzug schrieb am 16.11.2009 um 21:59
Hallo Bildungswirt,

danke für den Eindruck vom Parteitag der Piraten. Ich bin gespannt, wo die sich einpendeln. Potenzial ist reichlich vorhanden.
Bildungswirt schrieb am 16.11.2009 um 22:34
In den Kernthemen der Verteidigung der Grundrechte liegen die Piraten absolut richtig. Die FDP hat ihren linksliberalen bürgerfreiheitlichen Flügel der 70er Jahre "entsorgt", die Grünen mutieren zu Lippenbekenntnisträgern (von grüner Kraft und Herrlichkeit, Basisdemokratie ist fast nichts geblieben), die Linken setzen im Zweifel lieber auf den starken Staat. Die SPD hat sich mit der CDU massiv am Abbau von Bürgerrechten beteiligt. Das alles hat fast automatisch die Piraten als Bewegung auf die politische Agenda gesetzt.
"Wo sie sich einpendeln?"
Wir man sehen. Die nächsten 2 Jahre entscheiden darüber, wie politik- und kampagnenfähig sie sind. Sie werden m.E. zu wesentlichen gesellschaftspolitischen Feldern schlüssige Positionen entwickeln und diese aus einem radikalen Freiheits- und Demokratiebegriff herleiten. Sie versuchen es jetzt schon mit ihren neuen Kommunikatioonsstruktur ein Stück zu leben. Das nächste große Feld wird "Bildung" sein.
Dein aktueller Artikel passt thematisch hier auch gut her, deshalb:
www.freitag.de/community/blogs/streifzug/die-geplante-vernichtung-der-blogger

Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 16.11.2009 um 22:39
Noch ne kleine heitere Rechtschreibanmerkung, fällt mir gerade auf. Die drei Fehler gelten als Schnitzeljagd für Rechtschreibwächter. Ansonsten gilt die Cambridge-Studie (erster und letzter Buchstabe , der Rest ist für die kommunikative Funktion fast egal).
Streifzug schrieb am 16.11.2009 um 22:46
Bildungswirt,

meiner Meinung nach ist die neue Kommunikationsstruktur bestimmten Kreisen ein Dorn im Auge. Besonders wenn man bedenkt, dass die jüngeren Generationen damit aufwachsen. Daher ist der momentane Angriff auf die Freiheit dieser Kommunikationsstrukturen unter falschem Denkmantel etwas, wo gerade von den Piraten mit Argusaugen drauf geachtet werden sollte.
Bildungswirt schrieb am 17.11.2009 um 20:43
Die Kommunikationsstruktur der Piraten ist auf der Höhe der Zeit. Demokratie und diese technologisch gestützte Struktur(Web 2.0)gehören zusammen.
Dennoch: das alleine wird nicht reichen. Die Piraten brauchen mehrere politische Standbeine.
Bildungswirt
Ahasver, Bildungsexperte, Müßiggänger, Dada-Musiker
Ort:
Frankfurt
Mitglied seit:
2 Jahre 51 Wochen
Zuletzt aktiv:
04.12.2011
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 84
Kommentare: 1787
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
16:05
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:00
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:00
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:00
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:51
Sarah Rudolph hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG