Doris Brandt

Blog von Doris Brandt

20.02.2010 | 18:39

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ - Volksinitiative ohne Volk

 

Die schon in die Jahre gekommene Weise von Franz Josef Degenhardt scheint beim Hamburger Bürgertum derzeit hoch im Kurs zu stehen. Die geplante Schulreform der schwarz-grünen Regierung ist in den letzten Monaten nicht gerade auf positive Resonanz bei der Oberschicht gestoßen.

Grund des Ärgernisses: Der Hamburger Senat plant  die Einführung einer sechsjährigen Primarschule, die  allen Kindern  ermöglichen soll, die ersten sechs und nicht nur die ersten vier Schuljahre  Jahrgangsübergreifend gemeinsam zu lernen.

Man mag sicherlich unterschiedlicher Meinung über das Schulsystem sein.  Es gibt Befürworter  und Gegner einer These, ganz normal für eine Demokratie.

Die Art, wie sich jedoch die  „Volksintiative“  WIR WOLLEN LERNEN  selbst inszeniert, erweckt den Verdacht, dass es hier primär um etwas ganz anderes geht  als um das Wohl der Kinder. Die Oberschicht möchte einfach unter sich sein.

September 2009, ein Hauch der Achtziger-Jahre-Anti-AKW-Bewegung weht durch die Hansestadt. Das Establishment gibt sich rebellisch. Tausende sind an diesem sonnigen Spätsommertag  gekommen und laufen Parolen-rufend über den Jungfernstieg.  Bei genauem Hinsehen kann man dann doch keinen direkten Vergleich zum Jahr 1981 ziehen. Sportlich-elegante Freizeitjackets ersetzen Bundeswehrparkas, Fasson-Haarschnitte  die zottligen Strähnen und Hermès – die Palästinenser-Tücher. Über Mode lässt sich ja bekanntlich streiten.  Viele Plakate mit einem Logo, das dann wirklich frappierende Ähnlichkeit mit der  Anti-Atomkraft-Sonne hat, ragen in den Hamburger Himmel. Nur dass die Sonne durch einen traurig drein schauenden Schulranzen ersetzt wurde. Die Parole lautet entsprechend: „Schulreformchaos Nein Danke!“

Wie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele werden Schilder getragen, die auf die Herkunft der Mannschaften hinweisen.  In diesem Fall sind hier jedoch keine Ländernamen sondern Stadtteilnamen zu lesen: Blankenese, Eppendorf, Eimsbüttel.   Einige der mitgereisten Sprösslinge gucken wahrscheinlich so traurig, weil sie schon Papas 500 EUR – Montblanc -Füllfederhalter im Kreuz stecken haben. „Julius-Laurenz, nun guck doch mal betrübt und halt Dein Schild endlich höher.“  Als Einheizer dienen Rechtsanwalt und Initiator der „Volksinitiative“ Dr. Walter Scheuerl  sowie  Schauspieler und Quoten-Promi  Sky „Santa Maria“ Du Mont.

Nach längerer Beobachtung wird es klar: Hier geht es, und das nicht zu knapp,  gegen den „proletarischen Nachwuchs“.  Verfechter der  Kampagne WIR WOLLEN LERNEN wollen scheinbar schnellstmöglich den eigenen Nachwuchs  von Normalo-Kindern, womöglich noch mit problematischem Migrationshintergrund, separieren.

 Selbstverständlich ist dies nur eine Mutmaßung, wahrscheinlich geht es  ausschließlich um das Schulsystem, und der Betrachter sieht nur gelb-blaue Gespenster.

Ein am letzten Donnerstag ausgestrahlter Beitrag der ARD-Sendung Panorama gibt jedoch Anlass zur Sorge.

Eine scheinbar wohlsituierte WIR WOLLEN LERNEN-Verfechterin, von Beruf bestimmt Zahnarzt- Frau, schielt einfältig in die Kamera und schwurbelt etwas von „herangezüchteten Akademiker-Proletariat“. Meint sie damit a) Akademiker aus proletarischem Elternhaus oder b) Akademiker, die zum Beispiel Taxi fahren müssen?  Man weiß nichts genaues, sie wahrscheinlich am wenigsten. Hauptsache der Begriff macht  etwas her….   Der  adrette Vater vor seinem schmiedeeisernen Gartentor weiß: „ Ein Arbeiterkind kann vom Kind eines Vorstandsvorsitzenden profitieren, aber nicht umgekehrt, und das ist nicht zu verantworten!“

Aha, hier kommen wir der Sache schon näher! Profit! Im Klartext: Es liegt keine Win-Win-Situation vor! Der einkalkulierte Return of Investment könnte womöglich später geschmälert werden. Wir haben es somit nicht mit Kindern, sondern mit Miniatur-Leistungsträgern zu tun. Danke für die Erhellung.

Die Initiative WIR WOLLEN LERNEN  bezeichnet sich als VOLKSINITIATIVE.  Das ganze Szenario unter das Deckmäntelchen „Volk“ zu stellen ist in puncto Public Relations natürlich eine Meisterleistung und um einiges eleganter, als eine profane „Bürgerinitiative“ oder in diesem Fall „Eine Initiative des Bürgertums“ auszurufen.

Netterweise haben die Unterstützer der „Volksinitiative“, die immer wieder betont keine elitäre Gruppierung zu sein,  auf der Homepage www.wir-wollen-lernen.de/ nicht nur mit Namen sondern auch mit Postleitzahl unterzeichnet.  Eine Auswertung ist schnell gemacht, und  die bevorzugte Wohngegend unserer „Volksinitiative“ kristallisiert sich schnell heraus: Hamburg-Blankenese und Umgebung, DER soziale Brennpunkt Hamburgs schlechthin, …..wenn das Durchschnittsgehalt in der übrigen Stadt bei 250.000 EUR p.a. läge. Tut er  aber nicht.

Die Bandagen, mit denen um die Bildung oder besser für die Abschottung gekämpft wird, sind hart.

So wurden Studenten als Promoter für die  Initiative WIR WOLLEN LERNEN  gesucht. Bezahlung war natürlich leistungsorientiert:

1 EUR pro gesammelte Unterschrift zur Unterstützung der Initiative. Eine etwas eigenwillige Interpretation von Demokratie.

Wenn sechs Jahre mit dem Pöbel in einer Klasse  wirklich so schlimm sind, warum denn nicht gleich eine Sonderbehandlung für den Nachwuchs:  Die Sonder-, pardon die Privatschule ist doch auch eine Option für die zahlungskräftige Hautevolee! Die private „University of Whatever But Very Important“ in der Schweiz wartet sowieso schon mit ausgebreiteten Flügeltüren.

Eine Anekdote am Schluss sei noch erlaubt. Es gibt tatsächlich eine Initiative, die sich für die Schulreform ausspricht. Auch wenn  auf einem nicht ganz so dicken finanziellen Polster gebettet, wirbt „PRO-Schulreform-HH“ (www.proschulreformhh.de)  für die sechsjährige Primarschule und das mit einer putzigen Eule im Logo. Diese Eule ist nicht zu unterschätzen. Ursprünglich steckte die Eule in einem Supermannkostüm.  Die mit Anwälten durchzogene Initiative WIR WOLLEN LERNEN hat deshalb nicht lange gefackelt und kurzerhand den Gegenspieler wegen „Markenrechtsverletzung des Supermann-Logos“ verklagt. Man muss ja schließlich zeigen, wo der Euro hängt. Supermann duldet keine Flugobjekte neben sich!

Dass das eigene „Schulreformchaos Nein Danke“ - Logo zufällig an die „Atomkraft Nein Danke“ -Sonne  erinnert, ist bestimmt an den zottligen Haaren herbeigezogen.

 

www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=3853020

 

 

 

 
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Kommentare
jayne schrieb am 20.02.2010 um 20:39
Skandalös diese vorgänge in hamburg, samt politischem rufmord an denen, die mit der schulreform betraut sind, wie es im fernsehbeitrag zu sehen ist. Dabei ist die aufstockung auf sechs jahre gemeinsames lernen ja noch viel zu wenig ...
Doris Brandt schrieb am 20.02.2010 um 20:52
Diese merkwürdigen Droh-Briefe der "Volksinitiative" an die Leute, die mit der Umsetzung der Schulreform betraut sind, habe ich unterschlagen. Was mir Angst macht, woher haben diese Leute persönliche Informationen, die schon Dekaden zurückliegen?
jayne schrieb am 20.02.2010 um 21:11
diese gutbestallte "volksinitiative" hat wahrscheinlich nicht nur studenten zum unterschriftensammeln angestellt - bei einer gründlichen recherche im internet stößt man oft schon auf ein paar schlüsseldaten, die den ausgangspunkt für weitere nachforschungen bilden, und die werden dann natürlich nicht mehr nur übers internet geführt ...
Fro schrieb am 20.02.2010 um 21:33
Wirklich widerlich, was sich da abspielt – insbesondere, was der RA Scheurel da treibt.
Ich bin sehr für die Möglichkeit eines Volksentscheides, aber es sollte auf jeden Fall verhindert werden, dass letztlich die finanzielle Ausstattung über das Ergebnis entscheidet. Vielleicht sollte man ein für Pro und Kontra gleiches Budget festlegen. Auf jeden Fall sollte das Verfahren auf den Prüfstand.

So wie es jetzt abläuft, würde in Zukunft ja überwiegend nur noch eine Politik für die sog. Eliten durchsetzbar sein. Das ist ja gerade nicht im Sinne der „Erfinders“ des Volksentscheides.

Ich vermute aber auch, dass die mangelnde Unterstützung für die Reform an ihrer Halbherzigkeit liegt.
Doris Brandt schrieb am 21.02.2010 um 10:04
"So wie es jetzt abläuft, würde in Zukunft ja überwiegend nur noch eine Politik für die sog. Eliten durchsetzbar sein."

Eine Steigerung wäre nur noch, wenn die Gewichtung der Stimmen ausschließlich vom Geldbeutel oder Kontostand abhinge.
Alien59 schrieb am 21.02.2010 um 10:23
Dreiklassenwahlrecht hatten wir ja schon mal.... und so ein paar Ideen in der Richtung hörte ich letztens.
Alien59 schrieb am 21.02.2010 um 07:54
Ich hatte das Geschehen nur am Rande mitverfolgt, so mit Einzelheiten lässt es mich leicht sprachlos. Deutschlands Eliten - mit Schwung in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit.

Sehr guter Artikel, und schön geschrieben. Mir gefallen vor allem die "Paralellen" zu früheren Volksbewegungen ....
Doris Brandt schrieb am 21.02.2010 um 10:09
Vielen Dank! Die Demo hatte ich mehr oder weniger zufällig live mitbekommen, so dass ich mich auch erst seitdem etwas intensiver mit diesem Thema befasst habe. Der Panorama-Beitrag hat dann den Rest gegeben.
mahung schrieb am 21.02.2010 um 14:47
Danke Frau Brandt,

ein guter und wichtiger Beitrag von Ihnen zum Thema. Der Panorama-Beitrag war tatsächlich sehr erhellend. Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema und habe vor einiger Zeit einen eigenen Beitrag zum Thema verfasst und erlaube mir hiermit, diesen hier zu verlinken.

grüße nach hh aus dd
mahung

www.freitag.de/community/blogs/mahung/hamburger-bildungsbuerger
Doris Brandt schrieb am 21.02.2010 um 16:42
Dem habe ich nicht hinzu zu setzen. :)
Es scheint, Sie haben das Problem viel früher erkannt.... Gruß aus HH
Anette Lack schrieb am 30.03.2010 um 17:21
Anette Lack schrieb am 30.03.2010 um 17:21
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