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Cosi fan tutte, ein Lied eines kommenden Herbstes

Gerade habe ich Bayern 3 („der große Gewinner der media analyse 2011 Radio II. 6,3 Millionen Hörer bundesweit“) gehört, genauer:„Bayern 3 – Update mit Stefan Kreutzer“. Und mit ihm zusammen eine Live-Schaltung nach Libyen, in der es um „den unglaublichen Luxus des Gaddafi-Clans“ ging, um „Villen am Meer“ aus denen Souvenirs mitgenommen würden, „luxuriöse Swimming-Pools“ in denen nun Rebellen baden würden, um die ganzen „Besonderheiten in einem sonderbaren Krieg“.

Kämpfer holen sich zurück, was an sich ihnen gehört, könnte uns das sagen wollen, irgendetwas mit Ausgleich für Ungerechtigkeit, aber ganz subkutan. Und nebenher ein bisschen Staunen darüber, dass es überhaupt Luxus geben kann in Nordafrika, vor allem so viel. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Oder doch?

Ein paar hundert Kilometer weiter nördlich von dieser Küste aus hat gestern Concita De Gregorio in der römischen La Repubblica einen Artikel veröffentlicht, in dem auch von „Jachten, Autos und Villen“ die Rede ist. Nicht von einem Raïs, einem Potentaten, sondern von dem, was man hierzulande Seilschaften nennt, in Italien gerne als Logen bezeichnet wird und immer ein Organigramm der Macht darstellt. Von Ministern hinab bis zu den Kofferträgern, den portaborse. Und autisti, die Fahrer jener blau lackierten Staatsfahrzeuge, die Insignien der Macht sind und an deren Steuer schon so manche politische Karriere begonnen hat, die bis in höchste Staatsämter führte.

Der Kampf, der in Italien ausgetragen wird, findet in der Justiz statt. Sechs verschiedene Staatsanwaltschaften in Mailand, Monza, Florenz, Perugia, Neapel und Rom mit sechs Ausgangstatbeständen, die letztlich miteinander verwoben sind durch Fäden jeweiliger Vorteilsgewährung und deren Annahme. Die weit über 100.000 Seiten starken Akten sprechen von teuren Uhren (das mindeste) und auf Pump gekaufte Wohnungen, für deren Kaufpreis von acht oder mehr Millionen Euro unweigerlich ein Unternehmer einspringen wird, der dringend einen Auftrag oder eine sonstige Hilfestellung benötigt. Von Schiffen und Villen. Und an jedem Ende jedes einzelnen Fadens hängt unweigerlich eine herausragende politische Persönlichkeit, meistens ein Minister und dieser wiederum verbunden mit Caesar, wie in den Kreisen der aktuelle italienische Regierungschef genannt wird. Kein Raïs, man ist schließlich nicht in Nordafrika, aber das lateinische Patronymikon mit entsprechender Bedeutung.

De Gregorio schreibt: „Wir haben aufgehört, uns zu fragen - Warum und in wessen Namen. Derart an das Einschleichen der Korruption in homöopathischen Dosierungen gewöhnt, das aus Italien ein Land des „was ist daran falsch, so tun es alle“,alle schuldig keiner schuldig gemacht hat, überfliegen wir nebenher die täglichen Zusammenfassungen in den Zeitungen, denn wir wissen ja, wie die Welt läuft“. Così fan tutti, so tun es alle. Heute wurde in Rom der Vorschlag auf eine Sondersteuer auf besonders große Vermögen gekippt.

Der Brückenschlag zu Ken Loach und seinem Interview im Guardian („the ruling class are cracking the wip“, ins Deutsche übertragen von Holger Hutt bei der Freitag), fällt nicht schwer. War bei den Unruhen in Großbritannien nicht auch von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ die Rede? Und wer die Nase gerümpft hat bei der Szene, in der ein zu Boden Geschlagener aufgerichtet wurde, während ihm zur gleichen Zeit ein anderen aus dem Rucksack das Handy geklaut hat, was mag er beim Anblick von Toten in Libyen rümpfen, die auch auf das Konto von „Bürgerkriegern“ gehen? Ebenfalls ein Gewöhnungseffekt, kollateral nennt man mittlerweile solche Schäden. Sie finden mitten in Europa statt, keine Frage des Standwortes, nur des Standpunktes.

Klagt nicht“, sagt Loach, „organisiert Euch“. Das klingt nicht nur wie Stephane Hessels „Empört Euch“, sondern erst recht wie dessen „Engagez Vous“. Über Sprachen und Orte und Zeit hinweg haben diese beiden Männer verständigt, dass die Dismembration nur die Netzwerke intakt gelassen hat, die es sich ohnehin richten. Das Potential des „Dampfdrucks“, der nichts in Bewegung setzen wird, „solange es keinen Motor gibt und niemanden, der ihn anheizt und die Räder rotieren lässt“, wie es Loach umschreibt, ist aber omnipräsent.

Derart, dass in einer kleinen Sendung aus der bayerischen Provinz natürlich ein Staunen über sonderbare Dinge im libyschen Sand durchs Rundfunkstudio geht. Man konnte es sehen, per Webcam bis hinein zu den Schaltknöpfen in München. 6,3 Millionen Hörer bundesweit gewöhnen sich an alles. e2m

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.