29
]
Liebe Leser,
am Mittwoch, 15.12., findet im Berliner Gorki Theater wieder der Freitag Salon statt.
Es geht um Kinder und Erziehung und was wir unserem Nachwuchs antun, wenn wir ihn erziehen wollen. Es wird nämlich meiner Meinung nach viel zu viel erzogen und die Kinder werden viel zu wenig sich selbst überlassen. Mehr will ich dazu hier noch gar nicht sagen.
Eingeladen sind die Zeit-Journalistin und Buchautorin Susanne Gaschke, die Rektorin des Berliner Gymnasiums Graues Kloster und der Kinderarzt und Autor Jakob Hein.
Ich wäre für Fragen und Anregungen dankbar, die helfen, meine Ausgangsthese zu untermauern - oder zu widerlegen.
Viele Grüße,
Jakob Augstein
|
|
Lieber Herr Augstein,
ich habe meine eigene These: Ein Kind, dass nachdem es Laufen gelernt hat, sofort die tödliche Gefahr des Autoverkehrs erkennen und beherrschen muss, hat mit seinen zwei Jahren schon soviel Disziplin gezeigt, dass es weitere gar nicht mehr erweisen hätte. Das ist schon für sein Leben gezeichnet. Mit drei Jahren kriegt es nun Angst gemacht, dass, sollte es nicht sofort einer passablen ökonomischen Verwertung seiner Anlagen und Fähigkeiten zuarbeiten, wäre es ein Leben lang gescheitert. Und für eine/n Dreijährige/n erscheint das Leben noch ewig lang. Kurze Zeit später wird es ins Pisarattenrennen geschjickt. Ich denke mir, diese Generation wird keine Lust mehr verspüren, eigene Kinder in die Welt zu setzen. So viel will sie einer kommenden Generation nicht antun. So viel Mitgefühl können sich die meisten dieseer Kinder dann doch noch bewahren. |
|
|
Ich meine und ich wäre schon ziemlich froh, wenn ich einen Kommentar ein Mal fehler- und unfallfrei tippen könnte.
Also; das zweijährige Kind hat schon soviel Disziplin gezeigt, dass es weitere gar nicht mehr beweisen muss. Und die 6-Jährigen werden ins Pisa-Rattenrennen der Ranking-Meister von INSM u.a. geschickt. Das ist mir irgendwie zum Kotzen. |
|
|
@mcmac
Das ist eine Welt, in der es am Tag davor gerade der Runde Tischs Heimerziehung seinen Abschlussbericht vorgelegt hat. Der guckte allerdings nur in die Vergangenheit. Wenn für andere die Welt, was den Umgang mit Kindern betrifft, heute in Ordnung zu sein scheint, muss ich meinen Artikel über "Schläge im Namen der AWO" (Arbeitstitel) ja doch noch abliefern, wollte ich eigentlich canceln. Mir ginge es bei diesem Thema weniger um öffentlich geäußerte Privateinstellungen von Akademikern, sondern um die staatlich verordnete Praxis von Kindereinrichtungen und Jugendämtern. Da stoße ich auf Definzite ohne Ende, auf fehlende Kontrolle in den bekannten Fällen mit den toten Kindern in Problemfamilien, aber auch bei Heimaufsichten in Landkreisen - heute genauso wie für früher vom Runden Tisch festgestellt - wie umgekehrt auf eine Kontrollwut und systematische Inobhutnahmen bei alleinerziehenden jungen Müttern, die man besser mit ihren Kindern in Ruhe ließe. Die Kinder sind in beiden Fällen die Leidtragenden. Und wenn niemand von uns Erwachsenen für sie die Stimme erhebt, werden ihre verbrieften Rechte auch heute noch nur auf dem Papier stehen. Mit anderen Worten: Danke, JA, das Thema ist und bleibt relevant. (Trotzdem kann ich diesemal nicht kommen, sorry). |
|
|
Schade. :-))
|
|
|
Wird Zeit, dass ein "Desegregations busing" auch bei uns eingefüht wird. Die Kinder, die immer nur in den ihnen gleichen sozialen Milieus herumgekartt werden, brauchen unbedingt den Austausch mit denen aus anderen sozialen Klassen. Dann könnten sie voneinander lernen. (Und sogar die Eltern könnten voneineander lernen.) Also Kinder aus Dahloem, auf nach Wedding, Kinder aus Neukölln ab nach Zehlendorf usw. Wird schwer werden, ich weiß, aber wie will man ander? Auch Kirchens haben keine Kraft mehr, Milieus zusammenzuführen. Brauch mer also ein büschen gesellschaftlichen Willen und Organisation und nicht nur Staunen über das, was da alles schief läuft.
Zur Erinnerung: en.wikipedia.org/wiki/Desegregation_busing_in_the_United_States |
|
|
Danke für den Link
Zur Erinnerung: en.wikipedia.org/wiki/Desegregation_busing_in_the_United_States |
|
|
@Magda
Find ich auch. Hab heute Abend leider dringende kirchliche Verpflichtungen außerhalb von Berlin und könnte allenfalls hinterher zur Sause kommen - hab aber schon gehört, dass die bei Gorkis nicht immer stattfindet. Auf jeden Fall will Franzi kommen, die sich auch freuen würde, Dich und die anderen wiederzusehen (Du hast ja letztesmal gefehlt). Wenn unser Bloggerklüngel anschließend noch abfeiert, schickt mir ne sms, vielleicht schaff ichs dann noch, später nachzukommen. LG Christian |
|
|
Wir haben noch auf "wilden Grundstücken" gespielt,
auch mal in Abbruchhäusern, natürlich durfte man davon nichts erzählen, weil es verboten und gefährlich war. Die geheimen Verstecke scheinen verschwunden, reglementiert, überbaut.... wo sind diese "Streifräume" heute? |
|
|
Das wüsste ich auch gern. Ich war immer neidisch auf die Jungs, weil die überall zu solchen Verstecken ausschwärmten und ich durfte nicht mit. Vor allem Kleingärten waren ihr Einzugsgebiet, aber auch noch Trümmergrundstücke, Bauruinen usw.
Ansonsten: Erziehung. Wenig. Ich war immer ein Problemkind. Eine Schulschwänzerin. Aber es hat mir nicht wesentlich geschadet. Am wichtigsten ist, dass Kinder sich geliebt fühlen. |
|
|
ja archie, es ist echt traurig!
verstecken in mülltonnen - mach das heute mal - da biste heute ja tot bevor du überhaupt gefunden werden kannst |
|
|
Guten Tag Herr Augstein,
Sehr interessantes Thema, zumal sich die Frage nach dem „ Warum“ stellt. Warum „übererziehen“ wir unsere Kinder? Baby-Yoga und Kindergeigen-Unterricht nach der Suzuki-Methode zielen meiner Meinung eher auf die sehr lukrative „postnatale“ Industrie ab, als dass es wirklich um das Wohl des Kindes geht. Die Angst der Eltern, ihren Kindern nicht das Optimum an Erziehung gewährleisten zu können, so dass der Nachwuchs sich mit dem perfekten Starter-Kit gegen den Mitbewerb behaupten kann, wird zur Geldmacherei. Gruß aus HH. Investition Nachwuchs: www.freitag.de/community/blogs/doris-brandt/mehr-wuerze-fuer-ihr-depot--investition-nachwuchs |
|
|
Danke für den Link
Investition Nachwuchs: www.freitag.de/community/blogs/doris-brandt/mehr-wuerze-fuer-ihr-depot--investition-nachwuchs |
|
|
Wenn ich an meine Kindheit denke... ich wurde "streng" erzogen, würde man heute wohl sagen, hatte aber immer Freiräume, in denen ich mir selbst (und anderen Kindern) überlassen war, wofür ich heute dankbar bin. Für Eltern eine schwierige Gratwanderung. Wie auch jenes "das sollen die Kinder mal selbst unter sich ausmachen". Zu sehr sich selbst überlassen sein, kann sich in Vernachlässigung wandeln, zu wenig in Kontrollzwang.
Zwischen der wohlberechneten Erziehung im Schreberschen Stil und einem Laissez-faire, oder auch der antiautoritären Erziehung, liegt eine große Bandbreite an Möglichkeiten, was man alles falsch machen kann. Und was für das eine Kind gut ist, muss für das andere längst nicht genauso passend sein. Je älter meine Kinder werden, umso mehr werde ich wie meine Eltern, fällt mir auf. Und: wenn ich auch noch so viel erziehen wollte, ich könnte meine Kinder doch nicht zu etwas werden lassen, was sie nicht sein wollen, nicht sind und nie waren. Ich begreife Erziehung mehr als Förderung, im Sinne von "behütend in Ruhe lassen". Was mir selbst wichtig war, habe ich abseits gefunden, ganz von alleine, ohne dass meine Eltern das gewollt oder mir "anerzogen" hätten. Das bedeutet: Vertrauen in das Kind haben. Gutes Thema, unerschöpflich und angesichts einer Masse von teils seltsamen Erziehungsratgebern recht erfreulich vom Ansatz her. |
|
|
Dann krame ich auch mal in der Kinderkiste: als Kind zweier Berufstätiger, die sich alsbald trennten und das im Osten habe ich nicht unter zu viel Erziehung gelitten, konnte mich in der Krippe und später im Kindergarten sozialisieren und bin dabei mit allerlei Keimen in Verbindung gekommen, die mein Immunsystem gestärkt haben und mich nicht zum Allergiker machten, ich konnte im Freien, in der Natur spielen. Die heutige richtige Erziehung - was ist richtig? am Ende wohl die, wo das Kind die wenigsten Traumata erleidet .-) - ist jedenfalls nicht die, wo das Kind begluckt wird, überfordert wird, als Projektionsfläche gesehen wird, am Ende also auch eine auf die Umstände und das Kind zugeschnittene Angelegenheit, oder kurz: wahrnehmende, vernünftige, möglichst unverkrampfte Eltern sind für mich eine gute Voraussetzung, die Berufstätigkeit oder Geldmangel kompensieren kann.
|
|
|
Auf meinem Allwissen- Wochenkalender stand heute morgen (und vermutlich auch noch abends): "Ab 18 bist du selbst für deine Erziehung verantwortlich." Klingt erstmal banal, lässt aber auch Raum für Annahmen: was, wenn bis zum 18. Lebensjahr nicht alles anerzogen wurde, leidet der Neuerwachsene dann sein ganzes Leben an Defiziten? Entspricht die beste Erziehung auch den Altersstufen? Und am wichtigsten: ist das Vorleben von Selbstverantwortung nicht das Gut schlechthin neben der Liebe?
|
|
|
Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag oder das so genannte "Kindernet" wäre dann vielleicht auch noch eines Kommentares wert. Der Vertrag ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass wir hierzulande Kinder nicht zu Abenteuern ermutigen oder man an ihre Intelligenz glaubt, sondern man glaubt, dass sie nur dann gedeihen, wenn man sie mit Schutz und Bevormundung überschüttet.
|
|
|
was soll eigentlich die rektorin des grauen klosters zu der frage sagen?
etwa wie sich spielend latein-lernen mit räuber und gendarm verbinden läßt? |
|
|
Haben Sie was gegen Latein, angegraute Damen oder Räuber?
|
|
|
weder noch
aber töchter auf dem grauen kloster |
|
|
Achso. Naja, ich glaube, Verhütung ist erst beim nächsten Salon Thema.
|
|
|
verhütung?
ich hätt auch genauer sein müssen: hatte. mittleweile sind die töchter ja weiter.... jedenfalls: ein abenteuerspielplatz sieht anders aus! |
|
|
Morus Markard hat sich viel mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit Erziehung nur vermeintlich im Interesse der Kinder ist, eigentlich jedoch die Funktion erfüllt, sie auf ein fremdbestimmtes Dasein in restriktiven Bedingungen vorzubereiten. Die Stoßrichtung ist ebenfalls, dass Erziehung aktuell mehr ein "Antun" ist.
Es gibt zwei wirklich sehr lesenswerte Texte von ihm online: "Wer braucht Erziehung?" (www.linksnet.de/de/artikel/19876) und "We don't need no education! - Kann man zur Freiheit erzogen werden?" (www.gegenentwurf-muenchen.de/mormar.htm) |
|
|
o-ton 12-jährige ("mütterlicher tonfall"+ ;-) + "wirdschon"-rückenklopfer):
"wenn ich erst 18 bin, mama, bist du nicht mehr mein eigentum..." |
|
|
Oh ja, lasst sie spielen! Und danach noch 'mal spielen!
Ich erlebe es tagtäglich in unserer einstmals so "progressiven" Ganztagsanstalt. Unterricht bis zur neunten oder gar zehnten Stunde! Englisch, Deutsch, Französisch, Mathe, Mathe, Biologie, Pause (aber wo?), Sport, Sport, Religion oder Philosophie - und dann noch als Sahnehäubchen Geschichte bei wwalkie. Den sie am anderen Morgen in der ersten Stunde wiedersehen. Humane Schule? Humanistische Schule? Bildungsschule? Gesunde Schule? Schule, die den Biorhythmus ihrer Insassen respektiert? Oder doch nicht eher eine Art Gefängnis, das die darin Wohnenden durch permanentes, nicht selten sinnloses Arbeiten vom Träumen abhält? Der Sinn ist natürlich, dass sinnloses Arbeiten auf das sinnlose Arbeiten im tatsächlichen Leben vorbereiten soll. Und manchmal dürfen die kleinen und Großen sogar spielen: an TÜV-geprüften pädagogischen Spiel"geräten" und unter Aufsicht, versteht sich. Ach, was red' ich! PISA zeigt doch, dass es besser wird. |
|
|
Über Erziehung kann man wohl erst sinnvoll reden, wenn man darüber nachgedacht hat, warum man Kinder in die Welt setzt.
paradigma.subjekte.de/?p=13 |
|
|
Danke für den Link
paradigma.subjekte.de/?p=13 |
|
|
Hallo JA
"Es wird nämlich meiner Meinung nach viel zu viel erzogen und die Kinder werden viel zu wenig sich selbst überlassen." Das verpricht schon einmal, nur scheinbar so offen, als wären Sie nicht ganz dicht, ein unterhaltsamer Freitag Salon zu werden. Meine Frage: Ist es nicht eher so, dass gleich, was wir tun, war wir unterlassen, immer Prozesse der öffentlichen, privaten, medialen, offenen, verdeckten Erziehung im Gange sind. Es fragt sich nur, wer, wann, wie, warum, wo, wen durch wen erzieht und zu welchem Ziel der Vorlieben, Neigungen, Talentförderung, Auslese, Selektion oder lebensertmutigender wie lebenserüchtigender Qualifzierung? tschüss JP |
|
|
siehe dazu:
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/runder-tisch-heimerziehung-zum-tanz-bei-gericht-verschleppt? 14.12.2010 | 00:44 Runder Tisch Heimerziehung zum Tanz bei Gericht verschleppt? zeitgeschichte Runder Tisch Heimerziehung von staatlichen, kirchlichen Klerikern/innen zum Tanz bei Gericht verschleppt? Runder Tisch Heimerziehung in Acht & Bann gnadenloser Kleriker im unheiligem Gewande? Unterschlägt Runder Tisch Heimerziehung wahre Vermögenslage der Kirchen in Deutschland? Kirche im jahrhundertelang angehäuften, hochgestapelteten Reichtümern moralisch versackt, heillos versumpft, gnadenlos gegenüber Rundem Tisch Heimerziehung, unverfroren arm gerechnet, schäbig aufgetrumpft. Kirche wie Staat hatten als Heimmträger am Runden Tisch Heimerziehung, dank der Initiative des Deutschen Bundestages im jahre 2008, eine Chance, dem deutschen Bundestag ein Resultat als Empfehlung zu präsentieren, die allseitig Wohlgefallen auszulösen vermag. Diese Chance blieb ungenutzt und führt jetzt absehbar zu einer argumentativen Befeuerung einer viel fundierteren, bereits allgemein bestehenden Debatte über die wahre Vermögenslage der Kirchen hierzulande, einhergehend mit kaum nachvollziehbaren Dotationen, Subventionen, steuerliche Privilegien für die Kirchen aus ungeschriebenen wie geschriebenen Altverträgen, die über 1949, 1919, 1803, 1648 bis in die Jahre nach der Reformation von 1517- 25 zurückgehen, von staatlicher Seite in Höhe von ca. 460 Millionen €/anno. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen