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Zu Wolfgang Hilbig (31.08.1941 - 02.06.2007)
Unsere Begegnungen in den Endsiebzigern und Anfang achtziger Jahre - ich kannte schon seinen Namen, ehe wir uns das erste Mal sahen, von jenen Freunden, die aus M., einem ca. dreißig Kilometer entfernten Industriestädtchen, nach Leipzig gezogen waren … Von ihnen hatte ich auch erfahren, daß er schrieb, und es war nichts ungewöhnliches für mich, daß es in der Öffentlichkeit von einem, der schrieb, nichts zu lesen gab - schrieben von uns doch fast alle. Zumindest jene von uns, die sich 1974 über einen vom Kulturbund im Club der Intelligenz in Leipzig installierten Schreibzirkel kennen gelernt hatten, aus dem sich dann ein eigenständiger und in Teilen noch heute existierender Freundeskreis herausschälen sollte.
Ich weiß nicht mehr genau, ob ich Wolfgang Hilbig das erste Mal vor dem Klubhaus Steinstraße begegnet bin, zu einer Zeit, da sein Debüt (»Abwesenheit«) gerade erschienen war, bei s.fischer, 1979. Wahrscheinlicher scheint mir, daß er schon zuvor gelegentlich in unserer Runde aufgetaucht ist, die sich seit Mitte der Siebziger ziemlich regelmäßig bei L. traf, der als einer der ersten von uns über eine eigene und dazu geräumige Wohnung verfügte, und auch so offen war, sich auf Bekannte wie Unbekannte einzulassen, was nicht Jedermanns Sache. Noch bevor der Gedichtband herausgekommen war, der von der Abwesenheit seiner Dichtung in dem Lande kündete, in dem er lebte, was ich anfangs aber unter diesem Aspekt noch gar nicht gesehen … Als Abwesende, Außenseiter oder Aussteiger wurden gern Personen aus Kreisen tituliert, in denen auch wir verkehrten, Personen, die sich nicht vereinnahmen ließen oder in irgendeiner Weise nicht subsummierbar waren, vom System. - Hilbig, der doch alle Kriterien aufzuweisen hatte, um als Erfolgsbeispiel eines Schreibenden Arbeiters gelten zu können, als Beispiel für die Sinnhaltigkeit jener von oben inszenierten breitenkulturellen Kampagne Greif zur Feder Kumpel, die man auf der Bitterfelder Konferenz 1959 beschlossen hatte, war von Verlagen, öffentlichen Einrichtungen und der Druckgenehmigungsbehörde offenbar ignoriert worden. Und man konnte nur Vermutungen anstellen, was sie an diesem Arbeiter und Dichter störte: Das Dunkle oder Abgründige, das sie zu erkennen glaubten und das tatsächlich gleich Einschlüssen in einem Gestein in seinen Texten opalisiert, etwas, das für sie nicht einzuordnen war, das sie verunsicherte und das sie also folgerichtig gewittert hatten. Und weil der Autor dieser Texte weit über das hinausgegangen, was man von einem Autor seiner Provenienz erwartete, er kein Realist in ihrem Sinne war. Bis in die 70er Jahre wirkte in Rudimenten eine Doktrin fort, die als Sozialistischer Realismus in die Geschichte eingegangen ist und Parteilichkeit einforderte, im Sinne der Sache ... Vor allem in den Amtsstuben und Behörden verschiedenster Couleur, die noch von alten Kadern dominiert, ihrem proletarisch verbrämten Kulturbegriff. Ich muß gestehen, so viele Gedanken habe ich mir damals nicht gemacht, es war eher meiner Sensibilität für Ungerechtigkeiten geschuldet, daß ich wahrnahm: hier ist einer beiseite geschoben, ignoriert worden, weil er nicht in die von Partei- und Staatsführung indizierte Wirklichkeitssicht passte und das, was er schrieb, einfach unannehmbar war, diese Vielzahl weißer oder dunkler Flecken, die in seinen Texten heraufbeschworen wurden, Flecken, die, wie sie meinen mochten, dieser jungen Republik nicht gut anstehen konnten. Also Aussteiger, Abwesende, obgleich es offensichtlich war, daß einer wie Hilbig, den wir wie selbstverständlich und sofort in unseren Kreis integrierten, zuvörderst anwesend war, in diesem Land, dieser Wirklichkeit, und Ausdruck dieser intensivierten Anwesenheit in der Wirklichkeit bildeten doch gerade seine Gedichte …
Im Innersten war ich nicht einverstanden mit dem Buchtitel und hatte das wohl auch gelegentlich geäußert. Ich verfiel erst nach wiederholtem Lesen darauf, daß der Titel womöglich die Abwesenheit eines ganz Anderen, einer anderen Dimension in dieser Wirklichkeit umriß oder bezeichnete. Wahrscheinlich war ich eine der wenigen, die einerseits von den Gedichten gefangen genommen wurden, die ich zum Teil mit der Hand abschrieb, und sich zugleich an diesem Titel rieb, der geeignet schien, den Autor zu denunzieren, seine Wahrnehmungsintensität und Verbindlichkeit ad absurdum zu führen. Der es ihnen, so meinte ich, leicht machte ... Das war doch der Vorwurf, den die unangepaßten Paßgänger und Gratwanderer hierzulande immer wieder zu hören bekamen: daß sie nicht angekommen, in der Gesellschaft, der Verbindlichkeit von Tatsachen …
Dabei erschien mir unausweichlich, was von ihm zu lesen war: »ihr habt mir ein haus gebaut/ laßt mich ein anderes anfangen …« Ein Gedicht, das 1965 entstanden war und uns in unserem Lebensgefühl traf - wir versuchten in unserem Kreise nichts anderes … Hier hatte einer zehn zwölf Jahre vor uns im Stillen vorformuliert, was uns umtrieb, beunruhigte, was wir zu beanspruchen gedachten: nichts weniger als auszubrechen aus den uns zugedachten Strukturen, aus dem Rahmen zu fallen, dem vorgefertigten - Und hatte diese Zeilen verfaßt als einer, der dennoch im Lande blieb. Möglicherweise ist er es gewesen, er vor allem, der uns von unseren Nirvana- und Beatnik-Trips Mitte der siebziger Jahre, Schopenhauer, Stirner … in die Schichtungen der Gegenwart, die Gegenwart von Tagebaurevieren, Kellern, aufgelassenen Flächen, Fabrikhallen … zurückgebracht hat. In eine Gegenwart, aus deren Nährböden, Mitgift er das Wesentliche bezog, das, was seine Existenz bestimmte, aus den Nährböden, Nährlösungen, unverhohlen unterwegs im Tagebruch … Während wir noch darüber spekuliert hatten, ob es nicht eher von Nachteil, ortbar zu sein, in dieser Zeit, wir uns an Vorbildern aus Bauernkrieg oder Vormärz orientierten, an Gestalten, die sich mittels wechselnder Identitäten dem drohenden Zugriff der Häscher zu entziehen gewußt … Was nicht Hilbigs Sache war, auch wenn er, vor allem in den Geschichten und kurzen Erzählungen, die ich in jenen Jahren kennenlernte, zuweilen spielerisch mit dem eigenen literarischen Ich umzugehen pflegte, mit einem Ich, das doch unverkennbar das seine war … Hatte uns herausgerissen aus dem Nichts mittels seiner Texte, die schwer von dieser rauchhaltigen Luft, dem Gas und der Geschichte von Ablagerungen. Etwas, das doch allerorten wahrzunehmen war.
[Auszug]
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Liebe Jayne,
manchmal, wenn ich Pause habe, zwischen mir und dem nächsten Patienten aufatme, dann lese ich Zeitung. Gerne online. Hole Luft und mich zurück. Das Weltgeschehen hilft dabei sehr. Doch gestern war mir nach einem Ihrer Texte. Habe also Ausschau gehalten und mich gefragt: „Wann schreibt sie wohl wieder?“ Und heute ist es wieder so weit. Post. Gedanken über Hilbig - das viel zu früh verstorbene Geburtstagskind! Wolfgang Hilbig, nach der Wende war er für mich die ganz große Entdeckung. Ich war an Christa Wolff, Sarah Kirsch, den Heyms gewöhnt. Kunert bedeutet mir auch sehr viel. Aber „Ich“ von Hilbig das ist ein Fels, ein Brocken, ein ganz eigener Sound: Diese Mischung aus „Kind of Blue“ und Bitterfeld. Wann kommt Ihr nächster Erzählband? Lassen Sie doch einfach aus Ihrem mit Efeu umrankten Turm das Haar herunter und die Phantasie aufsteigen. Ich werde es Ihnen danken. Salut Ihre Helena Neumann Eine kleine Gedenkminute für Wolfgang Hilbig www.youtube.com/watch?v=P4TbrgIdm0E&feature=related |
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Liebe Helene Neumann, vielen Dank für Ihre Worte, die mir Freude machen - was ich als Lektüre empfehlen möchte: die Prosastücke "Eine Übertragung" und "Der Gegner".
Und wann mein nächster Erzählband kommt - ich arbeite dran ... |
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Ich danke sehr für diesen eindrucksvollen Bericht über Ihre Begegnung mit Hilbig. Ich sah und hörte ihn einmal auf einer Lesung vor einem gut gelaunten bildungsbürgerlichen Publikum im hintersten Ostwestfalen, und man merkte ihm an, wie unwohl er sich hier fühlte. Mir tat er leid, und ich schämte mich etwas, während er mit großem Ernst aus einer Erzählung las, in der ein Ich-Erzähler auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz als Heizer über sein Leben nachdenkt.
Eine schöne Erinnerung an seinen Geburtstag. |
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ja, er konnte sich wohl auch nicht so recht verwurzeln dort - wenn er sich denn überhaupt irgendwo wirklich zuhause oder angekommen fühlen mochte; der Roman "Das Provisorium" z.B. gibt reichlich Kunde davon, von einer Wirklichkeit, die er als befremdlich wahrnahm, und darin steckt auch reichlich Gesellschaftskritik ...
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eigentlich wollte ich gestern eine neue Lesart zu einen seiner Texte einstellen, aber die steckt noch im Stadium der Notizen - später also ...
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.... da warte ich gerne gespannt....
Danke! |
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- ja - wunderschön!
Auf 3sat lief eine Dokumentation von Siegfried Ressel, die hier nachzusehen ist: www.3sat.de/page/?source=/dokumentationen/155938/index.html "Hilbig. Eine Erinnerung Annäherung an einen Unnahbaren" (Neben Karl Corino und Natascha Wodin erzählen u.a. die Übersetzerin Silvia Morawetz, der Künstler Strawalde, und Hilbigs Lektor, der bekannte Feuilletonist Uwe Wittstock.) und Corinna Harfouch liest Texte von Hilbig! www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1543279/ |
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diese Dokumentation habe ich mir am Wochenende angesehen, gut gemacht ... Meinerseits möchte ich auch auf die neue Hilbig-Biographie verweisen, die im Sommer von Birgit Dahlke vorgelegt worden ist, die zweite nach der motivischen von Karen Lohse ...
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Liebe Jayne,
danke für den profunden Rückblick! Hilbig habe ich leider noch nicht vor 1989 entdeckt. Das bedauerte ich spätestens, nachdem ich eine Weile nach einer Lesung in Leipzig auf einem Wühltisch die 'Alte Abdeckerei' liegen sah und sie kurzerhand mitgehen ließ (was auf Wühltischen liegt, will der Laden sowieso loswerden, dachte ich mir mit meinen 23(?) Lenzen). Seit dieser Lektüre bin ich Feuer und Flamme geblieben und habe übrigens auch Ihre Gedichte und Prosa über Hilbig entdeckt, in dessen Reclamband 'Zwischen den Paradiesen' ein Aufsatz über Sie stand. Die Radiofassung von Ressels Dokumentation hat mir ein wenig besser gefallen wegen der HR-Aufnahmen mit Hilbigs Stimme der 70er oder 80er Jahre. Ich höre Hilbig sehr gerne lesen. Nichts gegen Corinna Harfouch, sie hat es versucht mit Hilbigs speziellem Groove... Ein bisschen gewundert habe ich mich über Corinos Dominanz in der Gesprächsrunde im Meuselwitzer Bahnhof. Ich hätte gern mehr von Neumann, Morawetz, Wodin, Hanisch gehört. |
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was Corino angeht, bedaure ich auch, daß so sehr auf ihn fokussiert wurde, wohl weil er als der Literaturwissenschaftler und -kritiker in der Runde betrachtet wurde - die Anderen, die als WeggenossInnen wesentliches aus ihrer Sicht hätten beitragen können, kamen wirklich zu kurz ...
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@jayne
Danke. Ich habe den Namen Hilbig hier in den Blogs schon oft gelsen. Von ihm habe ich leider nichts gelesen. Das Blog finde ich eindrucksvoll, auch wenn ich den Dichter nicht kenne. Danke. LG por |
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was ich gut als Einstieg in die Hilbigsche Welt empfinde, ist immer noch der 1983 bei Reclam erschienene Sammelband mit Gedichten und kleiner Prosa "Stimme Stimme", der antiquarisch noch zu haben ist ...
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schrieb am
02.09.2011 um 16:52
... und, wie es richtig gute Sachen meistens an sich haben, mit recht gepfeffertem Preis. Ich hab mir das Buch im letzten Jahr auch zugelegt und war froh, dass es noch zu kriegen war.
Mein derzeitiger Favorit steht, glaub ich in 'Zwischen den Paradiesen' (und im Gedichtband der Werkausgabe). Es liegt an der Jahreszeit - ich muss mich, wenn der Sommer vorbei ist, einfach an den kurzen schönen Herbst '89 erinnern. Mit dieser Geschichte im Kopf ist es geradezu unheimlich, das aus dem Jahr 1988 stammende Gedicht 'Der Fußgänger' zu lesen. |
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@jayne
Danke für den Tip. ;) LG por |
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@alorenz
Die Geschichte über die Geschichte mit dem unheimlich wirkendem Gedicht im Kopf ist interessant. Herzliche Grüße por |
Ausgabe 08/12
23.02.2012
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