Sebastian Dörfler

Blog von Sebastian Dörfler

26.06.2010 | 23:40

Kommunismus-Kongress Tag 2: Was kommt nach der Ewigkeit?

Seit Freitag wird in der Volksbühne über die "Idee des Kommunismus" (Programm, Bericht vom ersten Tag) debattiert. Heute ging es weiter mit der Suche nach dem revolutionären Subjekt und der strukturellen Unausmalbarkeit des Begriffs "Kommunismus". Vor allem wollten heute alle Zizek hören.

Glyn Daly aus Leeds eröffnete am Morgen das zweite Panel. Er umriss zunächst Zizeks Politik-Begriff. Der demokratische Kapitalismus sei allumfassend, deshalb muss wahre "Politik" ein Ereignis sein, das außerhalb dieser Strukturen liegt. Auch wenn Partizipation heute genau das ist, was die demokratische Totalität von uns verlangt, so schließe diese Politik-Definition jedoch nicht aus, sich in bestimmten partikualaren Kämpfen zu engagieren. Es sei sogar unsere ethische Verpflichtung, sich an diesen Kämpfen zu beteiligen, auch wenn sie innerhalb des Systems liegen. Es gibt also laut Daly mehr als nur das revolutionäre Großereignis. Eine genaue Analyse der innergesellschaftlichen Antagonismen sei notwendig, so Daly weiter. Aus ihnen heraus müsse der Weg zum Handeln aufgezeigt werden. Schlussendlich stecke in jedem von uns ein potentielles revolutionäres Subjekt, ein „Avatar des Kommunismus".

Zizek widersprach, indem er den Begriff der Totalität mit Hegel als „failed totality“ bezeichnete. Die Totalität beinhalte bereits das scheinbar Ausgeschlossene. Es gibt also zunächst kein richtig im Falschen und keine revolutionäre "Politik" innerhalb der demokratischen Totalität. Zizek wandte sich deshalb noch einmal Negri zu, der am Abend zuvor die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt ausmachte und im Vergleicht zu Zizek und Badiou den Klassenkampf zum kommunistischen Prinzip erklärte. Da dieser Klassenkampf innerhalb der Totalität stattfinde fragte Zizek noch einmal Negri, wie das heute konkret auszusehen habe. Ist Negris Multitude nicht nur innerhalb der Totalität des Staates denkbar? Und wie soll sie dann revolutionär sein?

Keine Totalität ohne Widerstand

Negri widersprach Zizeks hegelianischer Interpretation der Totalität. Denn in ihr fehle der Widerstand. Die Multitude brauche zudem nicht den Staat an sich, sondern will über ihn hinausgehen. Die Analyse des Kapitals alleine sei dabei heute nicht mehr zeitgemäß, so Negri. Es gehe stattdessen darum, die Aktivität der Arbeiterklasse voranzubringen. Bei Negri gibt es also im Vergleich zu Zizek immer noch ein revolutionäres Subjekt. Für Zizek hat die Totalität des Kapitalismus dieses bereits verinnerlicht. Negri tritt damit für eine Praxis ein, die greifbar und verständlich ist und bekommt für seine impulsive Erwiderung auch spontanen Applaus im Saal.

Das gleiche Thema auch im Vortrag von Saroj Giri. Für Giri setzt die Kritik am Kapitalismus bereits ein revolutionäres Subjekt voraus. Aus dieser Kritik könne eine „echte Bewegung“ entstehen, die die sozialen Beziehungen einer Gesellschaft transformiert. Er zitiert ein paar Autoren, die die Philosophie des Ereignises im Sinne von Badiou und Zizek als „narzistische Selbst-Beschäftigung“ und "Mystifizierung von Praxis" bezeichnen. Zizek erwidertet daraufhin, dass die größte Ideologie des Kapitalismus heute das Denkverbot sei: „Die Leute verhungern, hört auf abstrakt zu denken und handelt.“ Denn dadurch kommen nur jene Pseudo-Handlungen innerhalb der kapitalistischen Totalität zu Stande.

Im zweiten Panel war er dann selbst an der Reihe. Nach Bülent Somay. Der erzählte, wie sehr der Kommunismus heute aus der Mode sei: „When I speak of communism, people look at me as if something is moving in their salad – so let us be the moving things in their salad. At least we are moving, they are not.“ Er schloss sich Badiou und Zizek an, indem er von der Revolution als Ereignis sprach. Die revolutionäre Praxis sei deshalb nichts, das wir bewusst vorantreiben können. Die Revolution sei vielmehr etwas, das geschieht. Alles was man tun könnte, ist bereit zu sein, wenn es soweit sei. Vorbereitung sei zum Beispiel ein solcher Kongress, der ein Bewusstsein für das Kommende schaffe.

Irgendwas mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität

Was der "Kommunismus" eigentlich ist, wollte dann eine Zuhörerin wissen. Denn wir, denen ja nun die kapitalistische Ewigkeit drohe, würden schon gerne wissen, was da eigentlich auf uns zukomme. Das konnte Somay auch nicht sagen. Außer, dass es irgendwie um Freiheit, Gleichheit und Solidarität gehe. Über die Regierungsform könne man nichts sagen, und „hoffentlich gibt es den Staat nicht mehr“. Was die Revolution bringt, wisse man vorab nicht, denn sonst sei es keine Revolution mehr. Dann folgten noch einige Äußerungen zur revolutionären Gewalt. Die könne durchaus notwendig sein, man dürfe aber nie behaupten, das Recht auf Gewalt zu haben. Richtig schwachsinnig wurde es, als Somay meinte, die Palästinenser befänden sich in einem permanenten Zustand des revolutionären Moments, da sei Gewalt zwar ok, der wahre Revoluzzer verzichte aber auf sie.

Zizek hatte unterdessen neben ihm auf dem Tisch gewohnt nervös drei Mal sein ganzes Manuskript durchgeblättert und durfte dann endlich loslegen. Man müsse noch einmal ganz von vorne anfangen, sagte er. Mit Beckett: „Try again. Fail again. Fail better.“ Die Geschichte des Kommunismus müsse hinter sich gelassen werden. Stattdessen geht es vor allem gegen die Ideologie, die alles andere als den globalen Kapitalismus in das Reich der Unmöglichkeit verbannt hat. Noch immer würden 99 Prozent der Linken an einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz glauben.

Der wichtigste Kampf sei heute ein anderer als der marxsche Klassenkampf. Heute müsse man gegen die die „Pivatisierung der öffentlichen Vernunft“ („privatization of public reason“) vorgehen. In Europa ganz konkret gegen den Bologna Prozess, dem es darum gehe, die öffentliche Vernunft zu privatisieren, d.h. sie für die Gesellschaft und bestimmte Zwecke nützlich zu machen. Wie genau das gehen soll, das lies er offen, nannte aber als zweites Beispiel Microsoft: Bill Gates habe es geschafft dafür Geld zu verlangen, dass Menschen an einer bestimmten Öffentlichkeit teil haben können. Gegen diese Monopolisierung von Öffentlichkeit müsse man etwas tun.

Funktioniert auch ohne Glaube

Dann ging es zurück zur Ideologie. Und zum Glaube. Denn die Ideologie des Kapitalismus funktioniere wie der religiöse Glaube. Und Glaube funktioniert fast noch besser, ohne überhaupt an etwas zu glauben. Wie die Eltern, die ihrem Kind an Weihnachten vorspielen, es gebe einen Weihnachtsmann. Und die Kinder, die mitmachen, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Oder der Typ, der sich einen Glücksbringer an die Tür hängt. Auf die Frage, warum er das tue, er glaube doch nicht daran, antwortet er: „Natürlich glaube ich nicht daran. Aber mir wurde gesagt, dass es auch hilft, wenn man nicht dran glaubt.“ So funktioniert laut Zizek auch die kapitalistische Ideologie. Der Kapitalsimus dauert fort, obwohl doch eigentlich jeder weiß, dass er nicht das gelbe vom Ei sei.

Mittlerweile hätten wir jedoch einen entscheidenden Punkt erreicht. Denn die größte Utopie sei nicht mehr der Kommunismus, sondern der Glaube daran, dass unser Wohlfahrtsstaat und alles drum herum ewig weiterbestehen könne. Insofern gibt es durchaus Dinge, für die der radikale Linke kämpfen muss, sonst komme es noch viel schlimmer als Berlusconi.

Für seinen lautmalerischen Vortrag und die vielen Beispiele bekam er standesgemäß jede Menge Lacher und Applaus vor vollem Haus. Wenn auch viele gerne konkreteres gehört hätten, in Bezug auf Bologna und eine mögliche Praxis, oder wie etwas Anderes als Kapitalismus eigentlich aussehen könnte. Aber dafür ist eine Konferenz der Ereignis-Philosophie wohl der falsche Ort. Badiou selbst, wenngleich immer anwesend, hat es bisher nicht für nötig gehalten, irgendetwas klarzustellen – er wird sich zu allem am Sonntag äußern.

Hier gibt es morgen Twitter-Updates.

Tag 1: Denken vor Handeln
Tag 3: "We are the ones, we've been waiting for"

(Fotos: Thomas Aurin. Der Mensch mit Saturn-Tüte ist Slavoj Zizek)

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
ed2murrow schrieb am 27.06.2010 um 10:39
Wieder vielen Dank für den Bericht. Gern gelesen.
Zachor! schrieb am 27.06.2010 um 11:29
Von mir auch vielen Dank.

Vielsagend und nachdenkenswert ist folgendes Statement Zizeks: "Denn die Ideologie des Kapitalismus funktioniere wie der religiöse Glaube." Wie wahr!
Gustlik schrieb am 27.06.2010 um 13:38
War eigentlich der Verfassungsschutz auch unter den Zuhörern?
wwalkie schrieb am 27.06.2010 um 13:59
Sehr anregender Bericht, der sicher nicht einfach zu schreiben war. Dafür danke. Ich liebe dieses Beckett-Zitat: Ever try, ever fail, no matter, try again, fail again, fail better.
Columbus schrieb am 27.06.2010 um 15:12
Vielen Dank, Herr Dörfler, für die Mühen diesen Kongress, der nicht tanzt, zu verfolgen, und Glückwunsch, dass es Ihnen, angesichts so vieler Worte die gesprochen wurden, gelingt, diese einigermaßen in kurzen Texten unter zu bringen. Meine Bewunderung dafür.

Erschreckend, was Sie zu den Eröffnungsreferaten berichten. Dabei können doch Kommunisten sehr wohl und gut begründen, warum ihr "Gleichheitsbegriff" sich nicht damit begnügt, bei allgemeinen Wahlen ein je gleichwertiges Votum zu haben. Kommunisten könnten auch begründen, warum selbst das Erzfundament des Liberalismus, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz, ins Wanken gerät, wenn privatwirtschaftliche Voraussetzungen und die Stellung der Person über den Prozessausgang und die Strafen mit entscheiden. Vor Ort in Deutschland, aber noch viel mehr dort, wo derzeit das reale Mehr der westlichen Wirtschaft regelrecht erbeutet wird, in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist die nicht einmal Gleichheit vor dem Gesetz noch ein Ideal. Kommunisten hätten leichtes Spiel die aus der Art der Wirtschaftsweise heraus exisitierenden Mechanismen aufzuzeigen, die zu einer größeren Ungleichheit und darüber hinaus, zu großer Ungerechtigkeit führen und zwangsläufig führen müssen.

Unverständlich auch, warum "Partizipation" so abgehoben und ohne Bezug zu tatsächlich veränderbaren Bedingungen besprochen wird.
Vom kommunalen Wahlrecht für alle gemeldeten Bewohner einer Stadt, von Bürgerhaushalten bis zu Bürgerbeteiligungen, -"Räte" dürften auch Kommunisten kein Fremdwort sein-, bis hin zu Wahlmöglichkeiten und Beteiligungschancen für nicht parteilich gebundene Bürger, bliebe doch ein weites Feld.

Theorie ohne Praxisbezug, das mag der Anlage des Kongesses geschuldet sein. - Wenn da Negri der Einzige ist, der zumindest darauf hinweist, es aber nicht ausformulieren und ausdiskutieren kann, dann bleibt das schwach. - Leider fällt das auf die Theoretiker zurück.

Eine kommunistische "Morale provisoire", der Begriff geht ja auf Decartes zurück, müsste ja auch Subjekte vorstellen, die diese Moral anschaulich und begreifbar machen. Wo sind also die "materialistischen Helden", die aus einem Wald, den man nicht gut kennt, -übertragen heißt das, in einer Welt die man nicht mehr endgültig überschauen und begreifen kann, für die man nur sehr begrenzte Prognosefähigkeiten besitzt, unterschiedliche Wege ins Freie, ins Neue, auf eine Lichtung, ins Bessere finden? - Persönliche Leitfiguren und Beispiele sind nicht deshalb gut, weil sie vermeintlich größere, bessere, klarer denkende Menschen vorstellen, als wir es selbst sind und sein könnten, sondern weil sie exemplarisch die Möglichkeiten aufzeigen und erweitern, die bei Vielen vorhanden sind.

Damit tun sich Linke und Kommunisten schwer, sie sind gebrannte Kinder und auch Sklaven der Geschichte.
Da waren zu viele Leitfiguren, die das unerbittlerliche und unerschütterliche an ihren einmal gefundenen Überzeugungen auslebten (auch hier sind Decartes vier moralische Formeln ein Ursprungsort solchen Denkens und z.B. nicht Kants Imperative, nicht Hegel und Marx).

Bisher gelingt es dem Neokommunismus nach der großen Wende nur, einige Widerständler, Rebellen, den "Partisan", als Subjekt dieser Moral zu präsentieren. Das ist zu wenig.

Ja, Vertrauen und Mut werden, noch einmal auf Decartes zurückgreifend, beschworen. Aber auffällig ist schon, wie sehr Kommunisten und Linke untereinander und gegeneinander misstrauisch sind. Natürlich nicht ohne historischen Grund. Vielleicht konnte man sich das zu Zeiten von Mohr und General noch leisten, -schon zum Beginn von Weimar ging es gewaltig schief-, aber heute, aus einer doch klaren Minderheitenposition heraus, mit diesem historischen Gepäck, wäre ein anderes Verhalten angebracht. - Das Geklingel mit medial wirksamen starken Sprüchen (Ratten u.ä., s.o. 1) geht einem schon in der Berichterstattung auf den Sack, wieviel schlimmer und ermüdender muss es sein, sich das ausgeführt anzuhören?

Nun, theoretisch mögen ja Künstler und Kulturschaffende vielleicht Kommunisten sein, ohne es zu wissen, manche in Überzeugung. Aber die Welt der Kunst und des Theaters, aller Sparten, einschließlich des Erschließungsapparates, verteilt die Haupteinnahmen aus der Produktion hauptsächlich und vornehmlich an eine sehr kleine Gruppe. Fast könnte man behaupten, Künstler hätten den Kapitalismus besser verstanden, als der sich selbst und sie folgten, jedenfalls wenn die, die immer genannt werden ins Blickfeld kommen, ganz genau diesem vorgegebenen Muster. Gerade Intendanten leiden ja geradezu am Kapitalismus und sind daher beständig auf globaler Wanderschaft nach noch besseren Möglichkeiten.

Kann es wirklich sein, das Glyn Daly aus Leeds solchen Unsinn vom Podium verbreitete? "Partizipation", sollte sie denn in Sonntagsreden ein Anliegen sein, hat doch in der realen Politikwelt eher wenig hinzu gewonnen. Nein, fast überall ist Politik eine Verfahrenstechnik für Spezialisten geworden, die nun auch noch öffentlich beklagen, Außenseiter, Seiteneinsteiger und politische Laien, also solche, ohne parteiinterne und/ oder politologische Schulung , könnten weder Politik denken, noch sie administrieren. Tatsache ist, dass die "demokratische Totalität" ohne allzu viel Partizipation und Mitsprache auskommen kann und sogar auskommen will. Demokratie kennt Arten und Weisen der Mehrheitsbildung, von der Mitsprache, die so mühsam zu organisieren ist, hält sie nicht ganz so viel. - Hier könnten Kommunisten einhaken und sich bemerkbar machen, auch endlich einige alte, autoritäre Wurzeln in der eigenen Theoriebildung hinter sich lassen.

"Badiou unterscheidet in seinem Werk vier Wahrheiten: Liebe, Kunst, Mathematik und Politik. Während die Wahrheit der Liebe nur für zwei Menschen gilt, die der Kunst auch für andere Künstler, muss die politische Wahrheit für alle gleichermaßen gültig sein.", schreiben Sie (1). - Ob Badiou mit solchem Zwirn und empirischen Unsinn dem Kommunismus auf die Füße hilft, das wage ich allerdings zu bezweifeln. Wahrscheinlich hat er gerade mit solchen Setzungen ungezählten Kapitalisten billige Munition gegeben und bei einigen Tausend Leuten einen inneren Stoßseufzer ausgelöst, es könne mit dem lieben, schönen, guten und wahren Kapitalismus so bald nicht vorbei sein. Genau so, wie es Badiou formuliert, lässt sich nämlich der Fortbestand des Bestehenden noch ein wenig abfeiern.

Hoffentlich haben Sie einen schönen und dann vielleicht auch lustvollen Sonntag, Herr Dörfler.

Christoph Leusch
j-ap schrieb am 27.06.2010 um 15:52
Lieber Herr Leusch,

den von Ihnen zitierten Graben, der in dieser Denkart zwischen Kant und Descartes liegen soll, gibt es nicht, und um zu verstehen, weshalb das so ist, muß man sich die Urform dieser Debatte (sie präsentiert ja keine Aktualitäten, sondern gibt lediglich schon Bekanntes wieder) bei Hardt und Negri selbst betrachten:

Deren Generalthema war ja und ist immer geblieben die Theorie von der Krise und Konstitution der Souveränität — dahin gehört nämlich die multitude, dahin gehört der Kern des »Empire«, das im Modus von Expansion und Ausweitung eine Flucht vor der systemimmanenten Krise sei und zugleich die Kontaktfläche, auf der sich der große und noch immer virulente Konflikt der Moderne (das immer noch quasi-hegelianisch als Entfaltung der Masse als Subjekt verstanden wird) offen abspielt.

Dieser Konflikt hat ein noch viel älteres Thema zur Basis, nämlich der Widerstreit zwischen Immanenz (konstruktiv, schöpferisch) und Transzendetalität (Macht, die die Ordnung wiederherstellen und aufrechterhalten will). Und in dieses Spielfeld sortieren die beiden alsdann die Theoretiker ein: Zur Linie der positiv konnotierten »Immanenz« gehören der Reihe nach: Duns Scotus, Dante Aligheri, Nikolaus von Kues, Pico della Mirandola, Bovillus und Spinoza; zu der ablegehnten, weil stets nur Herrschaft reproduzierenden »Transzendenz« dagegen Francis Bacon, Galileo Galilei, William von Ockham, Marsilius von Padua sowie, aufgemerkt, René Descartes, Immanuel Kant und Hegel. Den Transzendenten sei es ja stets um die Unterdrückung der Menge zu tun gewesen, der Vielfalt, der Differenz und der Singularität und um den Ausbau des Willens aller zu einem allgemeinen Willen.

Und in dem Sinn ist nun auch klar, weshalb es diese politishe Theorie nicht recht zur Zündung bringt: Wer die Konstitution des allgemeinen Willens aus dem Willen aller verwirft, der kommt weder bei der Demokratie (Wahlen, also arithmetische Addition der Individualwillen zu einem Gemeinwillen) noch beim Kapitalismus (Addition der konkurrenzkonstituierten Subjekte auf dem Markt zu einer aaggregierten »Nachfrage«), der ja die ökonomische Entsprechung und das Korollarium der bürgerlichen Republik ist, auf einen grünen Zweig.

All das ist nicht thematisiert, geschweige problematisiert worden. Deshalb auch mein Urteil in Teil eins (nicht über den Artikel von Herrn Dörfler, sondern über das Schauspiel in der Volksbühne): Autoritäres Geschwätz. Darüber ist kein Wort mehr zu verlieren, es sei denn, man wolle veritablen Wahntätern zur noch gesteigerten Schizophrenie gratulieren.

Es grüßt Sie
Josef Allensteyn-Puch
Columbus schrieb am 28.06.2010 um 00:05
Lieber Herr Allenstyn-Puch,

Sie werfen so viele Bälle auf das Spielfeld, mit welchem soll denn nun weitergespielt werden und mit wievielen Worten.
Ich versuche nahe an dem zu bleiben, was Herr Dörfler nun berichtete.

Was die "Morale provisoire" der Kommunisten angeht, so ist dieser klare Rückgriff auf Descartes, in meinen Augen ein sehr unvollständiger Ansatz.

Die drei moralischen Grundregeln
Descartes reichen nicht mehr:

Erstens, sich auf die eigene, bekannte, lokale, dann nationale Welt zu beziehen und deren traditionelle Muster erst einmal nach zu vollziehen. - Kommunisten müssen Internationalisten sein und gerade bei der Verallgemeinerung von Moralurteilen sollten sie endlich vollständig Abschied von einer absoluten Moral nehmen. Das sprach Badiou wohl am Abschlusstag ( Dörfler 3) an.

Die zweite Prämisse Descartes in diesem Zusammenhang, nämlich die beharrliche Verfolgung einmal erkannter Wahrheiten und einmal erkannter moralischer Standards, birgt zumindest ein
großes Risiko, -anders als es Kant mit seinen Imperativen und seiner Vertragstheorie (Staaten) gelang, abzuwenden -, nämlich überhaupt kein Bewusstsein für das Interesse der ganz Anderen zu erlangen, außer unter dem Gesichtspunkt der Macht und der Selbstbehauptung.

Ich muss sagen, da ist mir der deutsche Idealismus und vor allem seine auf die Füße gestellte Variante, lieber.

Die dritte kategorische Moralthese Descartes, nämlich das emprisch Häufige anzuerkennen und für moralisch zu erklären und eher die individuelle Moral und die eigenen Wünsche zu ändern, als danach zu streben auf die Moralen anderer einzuwirken, ist ebenfalls zumindest problematisch. - Decartes meint ja das gute Beispiel, welches der stoische Einzelnen gebe.

Aber dort, wo viele Böses tun und ihre Gruppen- oder Spezialmoral leben (globalisierter Kapitalismus kennt ja auch einen gewinn- und konkurrenzorientierten Moralbegriff ), da ist es schwer einen so engen, nur aus der eigenen Erkenntnis und den überlieferten Normen hergeleiteten Moralbegriff zu besitzen, und dazu noch vorrangig immer eine Veränderung der eigenen Ansprüche und Wünsche in Angriff zu nehmen, häufig sogar gegen diese eigenen Wünsche und Hoffnungen.

Die Morale provisoire ist fast schon ein wenig unmenschlich, denn sie sendet beständig die Botschaft, ihr müsst die Anomien in der Gesellschaft durch Anpassung aushalten, also den Widerstand den solche Gesellschaften oder starke einzelne Gruppen im eigenen Umfeld entgegen setzen, aushalten, weil ihr nicht auf einen gemeinsamen Gefühlshaushalt, Empathie und Solidarität rechnen und bauen könnt, sondern ganz rational von einem Kampf isolierter Interessen ausgehen müsst. - Das ist aber, nach so viel Zeit, einschließlich der Revolutionen dazwischen, doch verkürzt gedacht.

Ich bin aber der Überzeugung, dass derzeit bei uns viele Menschen emotional und geradezu körperlich spüren, dass gesellschaftlich viele Dinge, z.B. Gerechtigkeits- und Solidaritätsfragen, nicht mehr gut und nicht mehr moralisch- menschlich abgehandelt werden, aber Kommunisten und Sozialisten darauf mit so seltsam überhöhten und kategorischen Theorien anworten, die sie weder verstehen, noch sich vormachen lassen, das hätte mit ihrer Lebenspraxis und der durchaus änderbaren Moral zu tun.

Sie schreiben zu Recht, vieles auf diesem Kongress wirke autoritär. Vieles jedenfalls, was davon berichtet wird.

Grüße und gute Nacht
Christoph Leusch
Giuseppe Navetta schrieb am 01.07.2010 um 23:24
@j-ap
"Addition der konkurrenzkonstituierten Subjekte auf dem Markt zu einer aggregierten »Nachfrage«" - als Pendant zum demokratischen Konzept - tja, dann brauchen wir ja keine Forderungen nach einer wie auch immer mehr gearteten Wirtschaftsdemokratie mehr und begnügen uns mit der allseits beglückenden Verbraucherfreiheit und erleben diese als "beste aller Welten" - was für eine Religion!
Giuseppe Navetta schrieb am 01.07.2010 um 23:51
Excellenter Kommentar!
j-ap schrieb am 01.07.2010 um 23:53
Lieber Herr Navetta,

das ist keine Religion, sondern einfach nur bürgerliche Ideologie in lupenreiner und paßgenauer Form, weshalb ich auch über den Kapitalismus sprechend dieses anhängte: »der ja die ökonomische Entsprechung und das Korollarium der bürgerlichen Republik ist«. Das haben Sie leider nicht mitzitiert, dabei ist das sehr entscheidend, denn nur so ist einsichtig, wie es sich beim derzeitigen Stand des Bürgerlichen verhält. Auf der einen Seite werden Wahlstimmen zusammengelegt, um den »Gemeinwillen« zu generieren, auf der anderen Seite und zugleich werden Individualnachfragen zusammengelegt, um zu einer »Gesamtnachfrage« zu kommen.

Das eine ist ohne das andere nicht zu haben, deshalb schrieb ich: Korollarium. Das wohlfeile Gerede über »Wirtschaftsdemokratie« mag allenfalls noch dem guten Menschen von Godesberg wirklich etwas bedeuten, der wie eben die alte Sozialdemokratie noch ganz darauf aus war, Emanzipation zu verstehen als Verstaatsbürgerlichung des Wirtschaftsuntertanen (Fabrikdespotie) zum Wirtschaftsbürger.

Allein, diese Denke ist samt und sonders von gestern und dieser kampf nicht zu gewinnen, jedenfalls nicht, wenn man ihn so angeht. Wer wissen will, wie er ausging und vermutlich wieder ausgehen dürfte, der befrage dazu Fritz Naphtali.

Grüße,
J. A.-P.
Giuseppe Navetta schrieb am 01.07.2010 um 23:55
Lob galt Herrn Christoph Leusch!
Giuseppe Navetta schrieb am 02.07.2010 um 01:08
Lieber Herr Allensteyn-Puch!
Vielen Dank für die prompte Retour! Ich halte die Frage oder Suche nach einer möglichen Form der Wirtschaftsdemokratie keineswegs für "altbacken", sondern für die alles entscheidende und teile somit Ihre Analogie bzw. die These eines Korollariums nicht, wenngleich ich dabei die emanzipatorischen Elemente bürgerlich-kapitalistischer Demokratien keineswegs leugnen möchte - wohlgemerkt in Demokratien! Kapitalistische Wirtschaftssysteme verschiedenster Coleur sind allerdings erwiesenermaßen von den repräsentativen Demokratien bis hin zum autoritären Etatismus recht anpassungsfähig (Welfare - Workfare - Prisonfare) . Richtig erscheint mir, da sie Godesberg ansprechen, dass es keine, wenn man es denn so bezeichnen möchte, spezifisch sozialdemokratische Gesellschaftstheorie noch eine konsistente Idee des "Dritten Weges" existiert und jeglicher Reformsozialismus westlicher Spielart tatsächlich bisher lediglich die Florence Nightingale am Krankenbett des Kapitalismus darstellte. Aus den zahlreichen und nur zum Teil gescheiterten Versuchen immergleich so etwas wie "Fabrikdespotie" oder Staatsbürokratismus herauslesen zu müssen, halte ich aber zumindest für zu einseitig kurzschließend und recht kulturpessimistisch wie ich Fabrikdespotie eher mit bismarckschen Paternalismus verbinde.
Der Implikationen sind hier viele: Von der Macht als blinden Fleck in der orthodoxen ökonomischen Lehre bis hin zu den anthropozentrischen und heilig gesprochenen Annahmen des Homo Oeconomicus gibt es zuviele Halbwahrheiten, Tautologien und Selbsttäuschungen!
j-ap schrieb am 27.06.2010 um 18:45
Bravo, Herr Dörfler! Jetzt haben Sie doch noch ein von mir sehr goutiertes Einfallstor für Kritik gefunden, wenn auch sehr am Rande:

»Der Mensch mit Saturn-Tüte ist Slavoj Zizek«. [italics mine]

Ich hätte es nicht besser schreiben können! Chapeau!
Sebastian Dörfler
Autor
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 17 Wochen
Zuletzt aktiv:
11.02.2012
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 61
Kommentare: 171
Mein Web:
Logbuch
06:32
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:30
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:12
g. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:55
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:41
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

Augstein und Blome

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Anti-Terror-Zelle Kraftklub

Ausgabe 06/12
09.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG