4
]
|
|
liebe magda. nachdem ich uwe tellkamps roman gelesen habe, habe ich auch sofort gedacht: das ist der ultimative roman für die bundes- und landeszentralen für politische bildung. es ist alles drin, was zur ddr gehört und von dem die kids von ehuet nichts mehr wissen, obwohl der ganze kram ja grade mal zwanzig jahre her ist. kann man am besten sofort in allen schulen verteilen: vom reinigen verstopfter klos über das schlangestehen bis hin zum politbüro. und zwar in einer derartigen ausführlichkeit, dass man zeitweilig das gefühl hat, durch einen literarischen supermarkt zu fahren beim lesen.
in gewisser hinsicht - nämlich beim aufzählen so vieler details aus dem alltagsleben - hat mich tellkamps roman an jonathan franzens roman "die korrekturen" erinnert. denn auch hier wird in grausamer genauigkeit jedes einweckglas im amerikanischen mittelwesten unter die lupe genommen und ausgeleuchtet, um ein bild des amerikanischen alltags zu liefern - und damit des amerikanischen geisteszustands. man kann sich darüber ereifern, trotzdem wird man zugeben müssen, dass es trotz allen längen wahnsinnig interessant ist. und nicht so schlecht geschrieben: literarische einwände hätte ich, wenn es bei dieser aufzählung bliebe. doch ein realist alter - womöglich gar noch sozrealistischer- schule ist tellkamp nicht. er präsentiert diese inventarliste immer wieder pathetisch überhöht und in einer sprache, dass man sich an caspar david friedrich erinnert fühlt. überall dampfen vage nebel, einsame charaktere stehen im verschneiten dresden wie weiland friedrichs mönch am meer. ddr- neoromantisch, das hat auch einen gewissen reiz. an einen pakt zwischen lektor und verlag zwecks allgemeiner volxverdummung glaube ich nicht. und auch wenn solche knallchargen wie tilman krause in der "welt" das buch toll finden, ist damit noch nichts über die intention des autors gesagt. die beschränkte perspektive - alles wird durch die brille des (bildungs-)bürgertums gesehen, kann man als geschichtsklitterung sehen. die frage, wo die perspektive bleibt, die der berliner soziologe wolfgang engler als "arbeiterliche" und damit für die klassenstruktur der ddr charakteristische benannt hat, ist berechtigt. andererseits bekommt bei tellkamp das bürgertum auch eine fast subversive dimension. daran könnte sich das verunsicherte bürgertum west von heute doch auch mal ne scheibe abschneiden, oder? schöne grüße, schönen samstag wünscht ingo arend, einer von drei freitag-kulturfuzzis |
|
|
Hallo,
Ich antworte noch einmal ausführlich, ohne hier einen Dialog zu zementieren, dafür wird wenig Zeit sein im Moment beim hektischen, umgewirbelten Freitag. Zur literarischen Qualität des Buches kann und will ich nichts sagen, außer dass mir sein Stil zu überladen ist und mir daher der Reiz entgeht. Und dass dahinter versteckt wird, wie wenig sachkundig der Autor ist, wie dreist er eine Gruppe von einst halbwegs privilegierten Leuten auf die „Opferseite“ transportiert und wie wenig „stimmig“ die ganze DDR-Wirklichkeit ist, die er in dem kleinen Ausschnitt, den er da ausbreitet, wirklich ist. Und man ist ganz ohnmächtig, weil es ja Fiktion ist einerseits, andererseits aber der definitive Wenderoman, der Autor hochbegabt literarisch und – Kritiker am Ende vielleicht „oströmisch“. Gerade das Bildungsbürgertum – woraus es sich speist und wie es sich definiert, ist ohnehin nicht klar – war angepasst und hat dem Staat gegeben, was des Staates ist, damit es in Ruhe gelassen wird. Es war kein Stück subversiv. Wenn subversiv bedeutet, dass man in Richtung West-CDU-gepolt war, dann allerdings mag das stimmen. Aber von denen braucht sich ein Bürgertum-West nichts abschneiden, sondern denen kann es auf die Schulter klopfen. Die sind alle prima angekommen in der Schöngeisterbahn-West. Und beim literarischen Können fällt mir noch ein: Immer dann, wenn Tellkamp von Landschaftsschilderungen oder allgemeinen Situationen abkommt und Dinge beschreibt, wo es um Einfühlung geht, um wirkliche Imagination oder gar um die Psychologie von Charakteren und Umständen, da wird er flach und unwahr. Nein, ich glaube auch nicht an einen Pakt zwischen Lektor und Tellkamp, das war mehr ein Gag. Aber ich halte es sehr für möglich, dass Tellkamp „gutgemeinte“ Ratschläge gern angenommen hat. Die Verleihung des Uwe Johnson-Preises, des Deutschen Buchpreises, der Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung mit markigen Reden gegen die politische Ostalgie – dahinter steckt schon eine geölte PR-Maschine. In diesem Lande wird ganz prima gesteuert und gelenkt, nur eben mit anderen Mitteln. Na gut, ich will jetzt hier nicht weiter rechten. Tellkamp ist ohnehin ein Reaktionär – er sieht sich in der Tradition von Ernst Jünger, was ja noch geht, aber er hat sich auch schon ziemlich dezidiert über die „Vertreibung der Deutschen “geäußert und sie als Unrecht eingeordnet. Aber es gibt ja andere, mir nähere Dresdner Autoren. Ein ganz herrlicher – Thomas Rosenlöcher – schreibt in seinem Wendetagebuch „Die verkauften Pflastersteine“ folgende schöne Passage: 12. 9. (89) „Übertrittsinterview: ‚Warum haben Sie die DDR verlassen?’ ‚De Freiheid is ja immor de Haubtsache’ ... Oft wird, genauso wie zu Hause, sofort das Erwartete geliefert.“ Der Berliner sagt dazu: So sind ‚se die Dresdner Bürger. Auch schöne Grüße |
|
|
Na, vielleicht braucht das Westbürgertum ja genau das, ein Bürgertum (Ost), daß in Maßen und trotz gewisser Privilegien widerständig gewesen ist. Dem es deshalb auf die Schulter klopfen kann und damit sich selbst. Und schwupps ist das Versagen in Zeiten vor der DDR gut aufgearbeitet und entsorgt.
|
|
|
Ich glaube, ungefähr ab hier habe ich in der FC mitgelesen.
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen