Magda

Mal sehen

19.02.2009 | 20:53

Uwe Tellkamp "Der Turm" - eine Verschwörungstheorie

So also war das. Die DDR war ein kleines Land, so klein, dass sie in Dresden stattfinden konnte. Und zwar auf einem kleinen Hügel, den sie beschönigend Weißen Hirsch nannten. Aber dieser Weiße Hirsch war verschmutzt von Kohlenstaub und kontaminiert durch totalitären Zugriff auf alles, was sich dort abspielte.
 
In dieser DDR also, auf dem Dresdner Hügel, wohnten auf der einen Seite die Gedrückten und Angepassten, aber Hochgebildeten und litten an ihrem ständigen Unbehagen an der Diktatur. Sie wohnten in sehr schlecht verwalteten Villen. Man setzte ihnen, den halbwegs Privilegierten, noch privilegiertere Untermieter – raumgreifende Funktionärssöhnchen - in den ohnehin knappen Wohnraum. Wollte man nicht abgehört werden, musste man eine Runde im Freien durch Westrom drehen. Westrom – so hieß diese Seite der bürgerlichen Untertanen. Das war Westrom.

Auf der anderen Seite – in einer militärisch bewachten Sonderzone – wohnten die Herrschenden, die waren noch wesentlich privilegierter als die Weströmer. Parteifunktionäre, angepasste Literaten, Apparatschiks aller Art – schreckliche Menschen insgesamt, einer von ihnen ein Schöngeist, aber böser Tierquäler.
Das war Ostrom. (Nicht zu verwechseln mit O-Strom, das ist eine besondere Form von Stromversorgung, die ohne Strom stattfindet)

Die Einwohner Westroms also litten unter den Zumutungen, denen sie durch die Herrschenden aus Ostrom ausgesetzt waren. Die Bewohner waren alle bürgerlich, aber woher dieses Bürgertum gekommen war bleibt völlig im Dunklen. Vielleicht von den Vorfahren – von denen einer Kommunist war und einst sogar im Hotel Lux logierte oder dem Handwerker-Vorfahr, der eine Tradition der schlagenden Uhrwerke hinterließ. Bürgerlich kann man immer werden auch ohne entsprechende Vorfahren, aber nicht Besitzbürger. Das verhinderten die von sowjetischen Satrapen beschützten oströmischen Marionetten. Die Bildungsbürger flüchteten darob verstärkt in Bildung, Bildung, Bildung. Und natürlich – das Cellospiel. Es gab auch reale Türmversuche aus dem Musennest Dresden, aber die missglückten aus technischen Gründen.

So geht es zu im landauf landab belobigten Werk „Der Turm“ des Dresdner Autors Uwe Tellkamp. Wenn man das gelesen hat, tun einem die Dresdner Leid. Denn diese ganze DDR-Diktatur kann ja nichts anderes gewesen sein als eine Art Verwandtenstreit zwischen Ost- und Weströmern auf dem Dresdner Turm. Die einen waren kleinbürgerliche Funktionäre, die anderen waren Bildungsbürger.

Sowohl das Werk von Tellkamp, als auch jene unterdrückten Menschen, die er sich bemüht mit Leben zu erfüllen, der Arzt, der Geisteswissenschaftler, der Künstler, werden von manchen Rezensenten hymnisch gefeiert, weil sie – durchgängig ihr Unbehagen an der Diktatur formulieren und dies in Worten und Wendungen, die auch der Nichtdiktaturerfahrene halbwegs versteht.
Überhaupt – es ist höchste Zeit für solch einen definitiven Singsang, denn es häufen sich die Klagen, dass sich beim Wissen über das Wesen der Diktatur in der DDR ganz erschreckende Defizite ausmachen lassen. Darüber wissen Schülerinnen und Schüler im Westen wesentlich mehr, als die im Osten. Das hat eine Studie ergeben. Wobei ,eigentlich ist dabei nur herausgekommen, dass die Schüler in Bayern z. B. einfach das Richtige wissen, während die im Osten auf ihre Eltern hören, die natürlich durch die Realität verblendet sind und auch nicht immer den Lehrplan in der Schule auswendig kennen.

Dies schrie förmlich nach Änderung. Man musste jemanden finden, der aus dem Osten kommt und dennoch einen Sinn dafür hat, was über den Osten gern gehört wird. Eine Art Ost-West- Antenne musste der haben.
Dann musste er noch gut schreiben können oder zumindest wollen. Und als er dann sein Buch zu Ende geschrieben hatte, musste man dekretieren, dass man das unbedingt gelesen haben muss, ja, dass vor allem jene, die an einer Krankheit namens Ostalgie leiden, ohne dieses Buch als unheilbar gelten müssen. 

 Um diesem Schicksal oder Verdikt zu entgehen, wäre es für verstockte Ostalgiker am besten, diese oder jene der hymnischen Rezensionen auswendig lernen: Zum Beispiel die eines gewissen Tilman Krause in der „Welt“.
Der – ein ganz Begeisterter – postuliert dass dies das Buch des Jahrzehnts ist. Der Autor habe „den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden(geschrieben. Und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde daran zweifelten, dass sie dagegen waren. Das allein ist schon, nach all dem Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins und tutti quanti, eine nahezu erlösende Tat. So klar antikommunistisch, so voller schneidender Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum, das 40 Jahre lang im Ostteil dieses Landes sein Gift verspritzen durfte, hat noch keiner, der aus diesen Breiten kommt, den Stab gebrochen.“

Aha, das ist die Botschaft und damit diese Botschaft auch sitzt, haben fast alle freundlichen Rezensenten die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann bemüht, um ordentlichen Glanz auf dieses Buch zu werfen.
Mir aber scheint eine viel einleuchtendere Verbindung zu Thomas Mann über „Doktor Faustus“ zu gehen. Weniger in der Form als in der Entstehungsgeschichte des Romans, die sich hier zu manifestieren scheint, könnte man etwas von der Versuchung des Dr. Faustus entdecken.

Dr. Fäustchen

Oder ist es doch mehr ein Dr. Fäustchen, in das sich ein Lektor gelacht hat, als er den Pakt mir Tellkamp schloss.
Hat sich das Dresdner Bürgerkind zu einem Vertrag überreden lassen, mit dem Auftrag, den ultimativen Wenderoman zu schreiben, mit ganz sicherer Erfolgsgarantie durch das Rezensionsgewerbe? Hat der pfiffige Lektor eine Wunschliste abgeliefert, in der alle Reizworte, mit denen in den Zeiten nach der Wende die DDR charakterisiert wurde, verwendet und abgearbeitet werden: „Horch und Guck“, die Jagd nach Delikatwaren, böse Schullehrer (die für Staatsbürgerkunde und Russisch), zynische Bonzen ,die Banane kommt auch vor – in vierzig Jahren DDR habe ich nicht soviel von der Banane reden hören, wie jetzt in den 20 Jahren danach. Allein das Unbehagen daran hat mich zu diesen Zeilen veranlasst.
Ich weiß, ich verharmlose die Diktatur, aber die Tellkamp-Lektüre weckt solche Neigungen in mir.

Es ist große Literatur schallt es landauf landab, aber ich finde, eine Ansammlung von Stilübungen ist noch kein Roman. Tellkamp will eine Fortsetzung vom „Turm“ schreiben – das wird ein schöner Twintower.
 
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Kommentare
Ingo Arend schrieb am 21.02.2009 um 12:34
liebe magda. nachdem ich uwe tellkamps roman gelesen habe, habe ich auch sofort gedacht: das ist der ultimative roman für die bundes- und landeszentralen für politische bildung. es ist alles drin, was zur ddr gehört und von dem die kids von ehuet nichts mehr wissen, obwohl der ganze kram ja grade mal zwanzig jahre her ist. kann man am besten sofort in allen schulen verteilen: vom reinigen verstopfter klos über das schlangestehen bis hin zum politbüro. und zwar in einer derartigen ausführlichkeit, dass man zeitweilig das gefühl hat, durch einen literarischen supermarkt zu fahren beim lesen.
in gewisser hinsicht - nämlich beim aufzählen so vieler details aus dem alltagsleben - hat mich tellkamps roman an jonathan franzens roman "die korrekturen" erinnert. denn auch hier wird in grausamer genauigkeit jedes einweckglas im amerikanischen mittelwesten unter die lupe genommen und ausgeleuchtet, um ein bild des amerikanischen alltags zu liefern - und damit des amerikanischen geisteszustands. man kann sich darüber ereifern, trotzdem wird man zugeben müssen, dass es trotz allen längen wahnsinnig interessant ist. und nicht so schlecht geschrieben: literarische einwände hätte ich, wenn es bei dieser aufzählung bliebe. doch ein realist alter - womöglich gar noch sozrealistischer- schule ist tellkamp nicht. er präsentiert diese inventarliste immer wieder pathetisch überhöht und in einer sprache, dass man sich an caspar david friedrich erinnert fühlt. überall dampfen vage nebel, einsame charaktere stehen im verschneiten dresden wie weiland friedrichs mönch am meer. ddr- neoromantisch, das hat auch einen gewissen reiz.
an einen pakt zwischen lektor und verlag zwecks allgemeiner volxverdummung glaube ich nicht. und auch wenn solche knallchargen wie tilman krause in der "welt" das buch toll finden, ist damit noch nichts über die intention des autors gesagt. die beschränkte perspektive - alles wird durch die brille des (bildungs-)bürgertums gesehen, kann man als geschichtsklitterung sehen. die frage, wo die perspektive bleibt, die der berliner soziologe wolfgang engler als "arbeiterliche" und damit für die klassenstruktur der ddr charakteristische benannt hat, ist berechtigt. andererseits bekommt bei tellkamp das bürgertum auch eine fast subversive dimension. daran könnte sich das verunsicherte bürgertum west von heute doch auch mal ne scheibe abschneiden, oder? schöne grüße, schönen samstag wünscht ingo arend, einer von drei freitag-kulturfuzzis
Magda schrieb am 22.02.2009 um 20:54
Hallo,
Ich antworte noch einmal ausführlich, ohne hier einen Dialog zu zementieren, dafür wird wenig Zeit sein im Moment beim hektischen, umgewirbelten Freitag.

Zur literarischen Qualität des Buches kann und will ich nichts sagen, außer dass mir sein Stil zu überladen ist und mir daher der Reiz entgeht. Und dass dahinter versteckt wird, wie wenig sachkundig der Autor ist, wie dreist er eine Gruppe von einst halbwegs privilegierten Leuten auf die „Opferseite“ transportiert und wie wenig „stimmig“ die ganze DDR-Wirklichkeit ist, die er in dem kleinen Ausschnitt, den er da ausbreitet, wirklich ist.
Und man ist ganz ohnmächtig, weil es ja Fiktion ist einerseits, andererseits aber der definitive Wenderoman, der Autor hochbegabt literarisch und – Kritiker am Ende vielleicht „oströmisch“.

Gerade das Bildungsbürgertum – woraus es sich speist und wie es sich definiert, ist ohnehin nicht klar – war angepasst und hat dem Staat gegeben, was des Staates ist, damit es in Ruhe gelassen wird. Es war kein Stück subversiv. Wenn subversiv bedeutet, dass man in Richtung West-CDU-gepolt war, dann allerdings mag das stimmen. Aber von denen braucht sich ein Bürgertum-West nichts abschneiden, sondern denen kann es auf die Schulter klopfen. Die sind alle prima angekommen in der Schöngeisterbahn-West.

Und beim literarischen Können fällt mir noch ein: Immer dann, wenn Tellkamp von Landschaftsschilderungen oder allgemeinen Situationen abkommt und Dinge beschreibt, wo es um Einfühlung geht, um wirkliche Imagination oder gar um die Psychologie von Charakteren und Umständen, da wird er flach und unwahr.

Nein, ich glaube auch nicht an einen Pakt zwischen Lektor und Tellkamp, das war mehr ein Gag. Aber ich halte es sehr für möglich, dass Tellkamp „gutgemeinte“ Ratschläge gern angenommen hat. Die Verleihung des Uwe Johnson-Preises, des Deutschen Buchpreises, der Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung mit markigen Reden gegen die politische Ostalgie – dahinter steckt schon eine geölte PR-Maschine. In diesem Lande wird ganz prima gesteuert und gelenkt, nur eben mit anderen Mitteln.

Na gut, ich will jetzt hier nicht weiter rechten. Tellkamp ist ohnehin ein Reaktionär – er sieht sich in der Tradition von Ernst Jünger, was ja noch geht, aber er hat sich auch schon ziemlich dezidiert über die „Vertreibung der Deutschen “geäußert und sie als Unrecht eingeordnet.

Aber es gibt ja andere, mir nähere Dresdner Autoren. Ein ganz herrlicher – Thomas Rosenlöcher – schreibt in seinem Wendetagebuch „Die verkauften Pflastersteine“ folgende schöne Passage:

12. 9. (89)
„Übertrittsinterview: ‚Warum haben Sie die DDR verlassen?’
‚De Freiheid is ja immor de Haubtsache’
... Oft wird, genauso wie zu Hause, sofort das Erwartete geliefert.“

Der Berliner sagt dazu: So sind ‚se die Dresdner Bürger.

Auch schöne Grüße
Titta schrieb am 06.08.2009 um 20:05
Na, vielleicht braucht das Westbürgertum ja genau das, ein Bürgertum (Ost), daß in Maßen und trotz gewisser Privilegien widerständig gewesen ist. Dem es deshalb auf die Schulter klopfen kann und damit sich selbst. Und schwupps ist das Versagen in Zeiten vor der DDR gut aufgearbeitet und entsorgt.
goedzak schrieb am 21.03.2011 um 14:15
Ich glaube, ungefähr ab hier habe ich in der FC mitgelesen.
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h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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dame.von.welt hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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